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Turner – Monet – Twombly

18 April 2012 Ein Kommentar PDF Drucken Drucken

William Turner, Friede – Bestattung zur See, ausgestellt 1842 © Tate, London 2011

Turner – Monet – Twombly : Later Paintings

Sonderausstellung : 11. Februar – 28. Mai 2012

William Turner (1775-1851), Claude Monet (1840-1926) und der erst vergangenen Sommer verstorbene Cy Twombly (1928-2011) zählen zu den herausragenden Künstlern der letzten 200 Jahre. Erstmals in Deutschland treffen in der Staatsgalerie Stuttgart knapp 70 Spätwerke der drei Künstler, darunter allein 20 Gemälde von Monet, aufeinander.

In einer großzügigen Hängung entstehen – teilweise über die Raumgrenzen hinweg – faszinierende Zusammenspiele zwischen den farbintensiven Bildern. Durch die Gegenüberstellungen wird eine Vielzahl tieferliegender Bezüge zwischen Turner, Monet und Twombly aufgedeckt: Sie treffen sich nicht nur in der Art und Weise, wie sie mit Farbe experimentieren, die Möglichkeiten der Malerei ausloten und dabei in einer für die Zeitgenossen nicht immer verständlichen Weise mit der Tradition brechen. Ihre Werke berühren ähnliche Motive und Themen: Sie setzen sich mit Tod und Vergänglichkeit auseinander, mit Veränderungen im Fluss der Zeit, mit der Natur als friedlichem Rückzugsort, aber auch mit der Natur als Bedrohung des Menschen.

Dialog der Künstler

Das Prinzip der Ausstellung ist der Dialog: Einzelne Werke der Maler treten auf radikale Weise zueinander in Beziehung. Es wird hier keine Geschichte der Abstraktion erzählt, für die Turner, Monet und Twombly mit unterschiedlichen Anteilen stehen; vielmehr geht es um formale und motivische Korrespondenzen zwischen einzelnen Gemälden und innerhalb von Werkgruppen. Der Betrachter erlebt ganz harmonische Sektionen wie den Eröffnungsabschnitt „Atmosphäre“, der dominiert wird von einer zurückhaltenden Farbigkeit und einer erstaunlichen Ähnlichkeit der drei Künstler in Bezug auf die Farbwirkung. Er wird aber auch mit provokativen Kontrasten konfrontiert, etwa wenn er Cy Twomblys fünf Meter lange Leinwand „Untitled (Blooming: A Scattering of Blossoms and Other Things)“ (2007) in einem Raum mit Monets „Nymphéas“ (1916-1919) aus der Fondation Beyeler vorfindet: eine abstrakte rote Komposition auf knallgelbem Grund trifft auf Monets subtil ausgewogene blau-grüne Farbstimmung.

Abstraktion und Farbern

Formale Qualitäten binden das Werk der drei Maler überzeugend zusammen, obwohl sie ganz unterschiedlichen Kunstepochen angehören: expressive Farben, Auflösung der Formen, die gestische Handhabung des Pinsels, ein Interesse am Atmosphärischen. Der Betrachter findet den bewegten und ausdrucksstarken Pinselduktus Cy Twomblys in „Hero und Leandro“ (1981-1984) bei Monets Darstellung der wildtosenden See in „Das Meer bei Fécamp“ (1881) wieder, oder in dem Gemälde „Strandräuber – Die Küste von Northumberland“ (1834) von William Turner. Das reine Gelb von Turners Sonnenuntergängen taucht in Monets Venedig-Impression „San Giorgio Maggiore in der Abenddämmerung“ (1908) wieder auf, oder in Cy Twomblys „Part II: Estate“ aus der Serie der Jahreszeiten (1993-1995), und – gesteigert zu regelrechten Farbexzessen – in den beiden Blättern „Untitled (Sunset)“ von 1986. Die Grenze zwischen Wiedererkennbarkeit des Sujets und fast vollkommener Auflösung der Form in reine Farb- und Lichtwirkung lotet schon Turner aus, etwa in einem so eindrucksvollen Gemälde wie „Venedig mit Santa Maria della Salute“ (1840-1845), in welchem sich die Schemen der Architektur im Lichtdunst fast vollkommen verlieren. Was bei Turner noch Experiment ist, vielleicht den Status des Unvollendenten besitzt, wird bei Monet zu einem Markenzeichen seiner Kunst: Die atmosphärische Gesamtwirkung, der er die dargestellte Landschaft oder das architektonische Motiv vollkommen unterordnet. Cy Twombly gibt den Gegenstand zumeist ganz auf, er vertraut auf die evokative Kraft der Farbe.

Motive und Themen: Mythos „Venedig“

Die Bezüge, die durch die Gegenüberstellung von Turner, Monet und Twombly entstehen, rühren nicht nur an der Oberfläche der Bilder. Die Werke sind um gleichermaßen offene wie anspielungsreiche Begriffe gruppiert. „Schönheit, Kraft und Raum“, „Atmosphäre“, „Süßeste Lust Melancholie“, „Die Jahreszeiten“, „Feuer und Wasser“, „Die Lebenskraft“ und „Eine schwebende Welt“ heißen die einzelnen Sektionen, in die der Kurator Jeremy Lewison seine Ausstellung einteilt. Teilweise dominiert in der Anordnung eine assoziative Offenheit. Dann wiederum stößt man auf Verdichtungen und Beziehungsgeflechte, die nur durch die eigenwillige Kombination der drei Künstler erfahrbar werden.

So kreist eine ganze Reihe von Werken um das Thema Tod und Vergänglichkeit. In Turners Gemälde \“San Benedetto, in Richtung Fusina\“ (1843) durchkreuzen Trauergondeln dunkel drohend die stille, vom Sonnenuntergang beleuchtete Lagune vor Venedig. Ganz im Gegensatz zu einem Gemälde wie \“Venedig mit Santa Maria della Salute\“ (1840-1845), in dem Turner das strahlende Licht der stolzen Seestadt feiert, stellt er hier die melancholische und morbide Seite der Lagunenstadt dar. Auch Monet ist fasziniert von der Stadt. Vordergründig interessiert er sich für deren lichte Atmosphäre und die farbintensiven Stimmungen. Doch das Wissen um die biographischen Hintergründe lassen Monets Venedig-Bilder in einem anderen Licht erscheinen: Seine Frau erkrankte kurz nach der Venedigreise, die sie 1908 gemeinsam unternahmen. Wenig später starb sie. Die Arbeit an den Venedig-Bildern geriet so auch zur Trauer- und Erinnerungsarbeit.

Das Bootsmotiv, das sowohl bei Turner als auch bei Monet in Form der Gondeln auftaucht, verbindet diese Bilder mit Werken Twomblys. Boote durchziehen leitmotivisch das Schaffen des amerikanischen Künstlers. Die aus vorgefundenen Holzstücken zusammengesetzte Plastik \“Winter\’s Passage: Luxor\“ (1985) lässt die Herkunft des Motives erkennen: der Form nach erinnert sie an antike Barken. Twomblys Boote spielen damit auf den mythischen Fährmann Charon an, der auf seiner Barke die Verstorbenen in das Reich des Totengottes Hades übersetzte. In einem erweiterten Bedeutungshorizont stehen sie für Vergänglichkeit, für den Fluss der Zeit und das Hinübergleiten in eine andere Existenzform. Eindringlich kommt dieser Aspekt in den \“Quattro Stagioni (A Painting in Four Parts)\“ (1993-1995) zum Ausdruck, wo das Bootsmotiv fast kalligraphisch aufgefasst wiederkehrt: In \“Part IV: Inverno\“ werden die nur noch angedeuteten Bootszeichen von der schwarzen Farbe geschluckt. Wie die Bootsmetaphorik, verweist die Jahreszeitenthematik ganz allgemein auf die Vergänglichkeit der Zeit.

Spätwerke der Künstler: Reife und ungebrochene Kreativität

Die Ausstellung rückt Spätwerke der drei gezeigten Künstler in den Fokus. Alle drei Künstler finden im Alter zu neuen Ausdrucksformen. Auch wenn ihre Werke verstärkt Themen wie Melancholie, Verlust, Trauer und Erinnerung behandeln, so ist die reife und späte Schaffensphase doch von einer ungebrochenen Kreativität und wachsenden Experimentierfreudigkeit gekennzeichnet.

Turner führt die Sujets seiner Bilder immer weniger aus, sondern interessiert sich immer mehr für die Wirkung von Licht und Farbe. Er vollendet nur noch wenige seiner Gemälde; stattdessen legt er die Grundatmosphäre und Farbkomposition nur flüchtig an. Es sind diese rätselhaften Bilder, für die sich das Publikum nach seinem Tod interessierte. Hier offenbart sich Turner als Inspirationsquelle des Impressionismus. Monet zieht sich aus der Welt immer mehr in den Mikrokosmos seines Gartens zurück. Es entstehen die zunehmend abstrakten Seerosenbilder, die er in immer neuen Variationen malt. Sie werden zum Ausdruck von Monets Weltflucht. Twombly schließlich entdeckt die expressive Farbigkeit im Alter für sich. Der geradezu obsessive und exzesshafte Einsatz von Farbe kommt so in früheren Schaffensphasen nicht vor. Er ist sichtbarer Ausdruck einer gesteigerten Lebenskraft.

Die Ausstellung: Idee und Umfang

In einer mehrjährigen Vorbereitungszeit führt der Kurator Jeremy Lewison in der Ausstellung insgesamt fast 70 Exponate, darunter drei Skulpturen von Cy Twombly und zehn Werke auf Papier zusammen. Die Arbeiten umfassen unterschiedlichste Formate: von kleinformatigen Studien Turners (ca. 30 x 48 cm) bis hin zu den riesigen Formaten Twomblys („Untitled“, (2007) misst 252 x 552 cm, die Leinwände des Jahreszeitenzyklus ca. 300 x 200 cm).

(vz)

 

Weitere Informationen:

Staatsgalerie Stuttgart
Konrad-Adenauer-Str. 30 – 32
70173 Stuttgart
Ausstellung : 11. Februar – 28. Mai 2012
Öffnungszeiten:
Mi, Fr, Sa + So: 10.00–18.00 Uhr
Di + Do: 10.00–20.00 Uhr
Mo: geschlossen
http://staatsgalerie.de/ausstellung/tmt/
 
 

Text- und Bildquelle: Staatsgalerie Stuttgart; http://staatsgalerie.de/ausstellung/tmt/

 

 
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