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Tzimon Barto in Mannheim

16 Januar 2015 Ein Kommentar PDF Drucken Drucken

 

Tzimon Barto – nicht nur ein facettenreicher Pianist

Pointiert – charismatisch – unkonventionell – erhellend, so lässt sich Tzimon Barto charakterisieren. Ein Mann mit Oberarmen aus Stahl, der über eine Palette von 36 dynamischen Farben zwischen dreifachem piano und dem dreifachen forte verfügt. Der US-Star gilt als vielschichtigster, unerschöpflichster und bester Pianist der Gegenwart. Barto, 1963 in den USA geboren, zählt zu den Sonderlichen unter den Pianisten. Sein Auftreten ist einem Fels in der Brandung und eines Seismologen gleich. Er ist der führende amerikanische Pianist seiner Generation.

Kapitän und erster Offizier

Tzimon Barto stellte mit dem Danish National Symphony Orchestra unter Leitung von Thomas Dausgaard im Rosengarten zu Mannheim seine komplette Dynamikpalette auf dem Konzertflügel vor. Das Duo Thomas Dausgaard „Kapitän“ und Tzimon Barto „Erster Offizier“ wirken sehr eingespielt und sicher, zumal es das vierte Konzert in selbiger Konstellation hintereinander ist. Mit seinem Klavierkonzert in a-Moll op. 16 von Edvard Grieg schließt  Tzimon Barto die Zusammenarbeit mit dem Danish National Symphony Orchestra vorerst ab. Weitere Konzerte in Deutschland sind zu finden unter: http://www.tzimonbarto.com/

Von Schumann über Grieg zu Strauss

Dirigent, Thomas Dausgaard und Pianist, Tzimon Barto drücken Edvard Grieg ihren eigenen Stempel auf. Voraus geht Robert Schumanns „Rheinische Sinfonie“, geschlossen wird die Darbietung mit Richard Strauss „Till Eulenspiegels lustige Streiche“.

In seiner Sinfonie Nr. 3 Es-Dur erweist sich Schumann, der die „Rheinische“ in Düsseldorf schrieb, als romantische Frohnatur. Vor allem bei dem Dänen Dausgaard, dessen Wiedergabe ein starker stimmlicher Durchzug prägt – als ob sich die Wellen des Rheins klanglich kräuseln – geradezu energiestrotzend – aus dänischer Sicht ist der Rhein ein tosender Wasserfall.

Es ist das a-Moll-Klavierkonzert von Edvard Grieg, das man eher als ein Werk aus einem Guss kennt und das unter Bartos Händen eigenwillig manierierte Züge bekommt. Besonders das Allegro moderato mit seinen herabstürzenden a-moll Dreiklängen zeigt den besonderen Facettenreichtum Bartos. Dabei reizt er seine hoch emotionale Tastenkunst voll aus und lässt sogleich die Muskeln spielen, setzt an diesem Abend auf die Wirkung extremer Kontraste, reizt die Agogik in den lyrischen Passagen bis an ihre Grenzen aus, um kurz darauf den Flügel wieder mit massiven Bassattacken zu traktieren, um der zerrissenen romantischen Seele Griegs Bilder zu geben. Keine Phrase gleicht der nächsten, kein Ton kopiert in Intensität und Volumen den vorigen. Barto scheint besessen von anschlagstechnischer Differenzierung, ganz gleichgültig, was er gerade spielt.

Den Virtuosen angemessen empfindlich begleiten zu können, ist eine nicht zu unterschätzende Aufgabe. Thomas Dausgaard, Chefdirigent des führenden dänischen Sinfonieorchesters kurz vor seinem Amtsende – Rafael Frühbeck de Burgos wird in der nächsten Saison die Dänen übernehmen – meistert dieses überzeugend.

Bartos final, virtuos aufgezäumter national-norwegischer Volkston wird zum wilden Tänzchen – bei seiner Zugabe von Schumann nimmt er sich aber sofort wieder in den zartesten Klanghauch zurück und wahrt seinen Exzentriker-Status – leiser, friedvoller und inniger geht es kaum.

Schließlich ein „Till Eulenspiegel“ ohne Solisten Barto mit Ecken und Kanten, der den international hohen Rang des Danish National Symphony Orchestra einmal mehr bestätigt.

Über Tzimon Barto

Als einer der führenden amerikanischen Pianisten seiner Generation begeistert Tzimon Barto seine Fangemeinde mit außergewöhnlichen und mitreißenden Konzerten. Er wuchs in Florida auf, wo er mit fünf Jahren ersten Klavierunterricht von seiner Großmutter erhielt. An der Juilliard School in New York studierte er bei der berühmten Klavierdozentin Adele Marcus. Bereits in dieser Zeit gewann er gleich zwei Mal hintereinander den Internationalen Gina Bachauer Klavierwettbewerb.

Der internationale Durchbruch erfolgte Mitte der 1980er Jahre, als Tzimon Barto auf Einladung Herbert von Karajans im Wiener Musikverein und bei den Salzburger Festspielen auftrat. Seither ist er mit beinahe allen international bekannten Orchestern in Erscheinung getreten, insbesondere mit den großen amerikanischen Orchestern in Philadelphia, New York, Cleveland, Chicago, Boston, San Francisco und Houston, sowie u. a. mit dem Mariinsky Orchester, den Berliner Philharmonikern, der Staatskapelle Dresden, dem NDR Sinfonieorchester, dem Gewandhausorchester Leipzig, den Wiener Symphonikern, dem London Philharmonic Orchestra, dem Orchestre de Paris und dem NHK Symphonieorchester Tokio.

Als Musiker hat er sich immer aktiv für die zeitgenössische Musik eingesetzt und rief im Jahr 2006 einen internationalen Kompositionswettbewerb für Klavier solo – den »Barto Prize« – ins Leben. Er spricht fünf Sprachen fließend, liest Altgriechisch, Latein und Hebräisch und lernt derzeit Mandarin. Zusätzlich zu seiner Karriere als Pianist betätigt er sich erfolgreich als Schriftsteller.

Musikalisches Comeback bestätigt

Musikalisch beschreitet Barto den Weg der Gefühlsextreme; ähnlich wie Ivo Pogorelich und sein Vorbild Vladimir Horowitz dies schon vorgemacht haben.

2005 erschien nach längerer Pause ein Album mit Klavierkonfekt des französischen Barockmeisters Jean-Philipp Rameau. Molluskenhaft zärtlich streichelte Barto das Musik-Obst seines „Basket of Wild Strawberries“ – so der Titel des von aller Fachwelt zu Recht umjubelten Albums. Dann folgte eine ebenso feinsinnig gefeilte CD mit Ravel-Piècen. Es sind Wunder aus Eigensinn, Sensibilität und quellenden Lyrismen.

2008 erschien das „Schubert Album“, eine Entdeckung der Langsamkeit. Die neueste Einspielung ist das Klavierkonzert in F-Dur von George Gershwin, erschienen 2011 bei ONDINE.

Weitere Facetten

Barto gibt sich sehr authentisch, er liest täglich Homer, ist Fan von Doderer und Arno Schmidt. Eines seiner literarischen Vorbilder ist Ezra Pound.

Sein auf 3367 Gedichte und Prosa-Segmente angelegtes Literaturwerk „The Stelae“, ein zwölfteiliger Zyklus auf tausenden von Seiten, ist fertig. „Eine Frau griechischer Herkunft“ wurde 2001 als erster Teil von „The Stelae“ veröffentlicht und als Bühnenversion 2003 in Frankfurt und 2005 in Wien (ur-)aufgeführt.

Tzimon Barto ist das erklärte Gegenmodell zum grauen Klavier-Professor und kein Siegelbewahrer der Hochkultur. Er ist facettenreich, nicht nur als Pianist.

Robert Schumann
1810-1856
Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 97 „Rheinische“

 

Edward Grieg
1843-1907
Klavierkonzert a-moll op.16

 

Richard Strauss
1864-1949
Till Eulenspiegels lustige Streiche op.26

 

Nächstes deutsches Konzert: Bartóks Klavierkonzert Nr. 2 G-Dur in Hamburg am 22.02.2015 mit dem NDR Sinfonieorchester. s.a.: http://www.tzimonbarto.com/data/pages-d/konzerte2014.html?la=de

 

(rz)

Weitere Informationen unter:
http://www.androgon.com/3175/kunst/musik/tzimon-barto-und-die-entdeckung-der-langsamkeit
http://www.androgon.com/127/kunst/200-geburtstag-von-frederic-chopin
http://www.tzimonbarto.com/
http://youtu.be/US653Q5yy_k

 

Bildquelle: Mit freundlicher Genehmigung von Künstlersekretariat Schoerke / www.androgon.com

 

 

 

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