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RAAM – Race Across America

17 Mai 2016 Ein Kommentar PDF Drucken Drucken

Herausforderung Race Across America:
4800 km Zeitfahren von Küste zu Küste

androgon im Interview mit Herrn PD. Dr. med. Michael Nehls

Herr Dr. Nehls, Sie sind promovierter Arzt, habilitierter Molekulargenetiker und leidenschaftlicher Rennradfahrer. 2008 nahmen Sie das erste Mal am Race Across America (RAAM) teil, einem Radrennen, das über mehr als 4800 Kilometer quer durch die Vereinigten Staaten führt und als die härteste Ausdauerprüfung im Radsport gilt. Die Teilnehmer müssen die Strecke im Alleingang in maximal zwölf Tagen absolvieren. Dabei gehen sie an ihre Leistungsgrenzen und schlafen kaum, oft weniger als eine Stunde am Tag. Sie jedoch verblüfften die Organisatoren und Ihre Konkurrenten mit einer völlig neuen Strategie, mit der Sie sich nicht nur Freunde machten. Ihre Erfahrungen haben Sie in einem Buch beschrieben, welches im Juni 2012 neu überabeitet veröffentlicht haben.

Eigentlich waren Ihre Jahre längst vorbei, in denen Sie sich ehrgeizigen sportlichen Zielen verschrieben hatten. Mit 22 sind Sie den „letzten“ Marathon gelaufen und hatten mit dem Thema Sport abgeschlossen. Inzwischen hatten Sie Karriere gemacht: promoviert, habilitiert, zweimal in den USA gearbeitet. Sie waren Chef einer Münchner Biotechfirma und haben eine Frau und drei wunderbare Kinder.

Fragen:
Herr Dr. Nehls, Sie sind jetzt 49, warum haben Sie sich 2008 dazu entschlossen noch einmal an Ihre körperlichen Grenzen zu gehen?
Dafür gab es viele Gründe, einer war sicherlich, dass ich noch eine Rechnung offen hatte. Mit 22 Jahren lief ich meinen letzten Marathon in Freiburg, den ich zwar gewann, mit dem ich jedoch trotzdem meine sportlichen Ambitionen beenden musste. Aber es ergab sich auch irgendwie zwanglos aus meinem ursprünglichen Bedürfnis, mich aus gesundheitlichen Gründen wieder mehr zu bewegen. Da ich als verantwortlicher Manager eines Biotech-Unternehmens den Sport zum Entspannen brauchte, fuhr ich mit zunehmender Fitness lieber länger als schneller, und das RAAM war das Längste, was meine Bedürfnisse zu befriedigen versprach.

Warum war Ihr sportliches „Ende“ schon mit 22 Jahren?
Eine Kniegelenksarthrose verbot mir, weiter intensiv zu trainieren. Meine Träume – zuletzt war ich für die 100 km von Biel angemeldet – platzten. Auf die Idee, Rad zu fahren, kam ich damals nicht. Ich steckte dann all meinen Ehrgeiz in Studium und Wissenschaft. Erst 20 Jahre später erkannte ich, dass ich mich für meine Gesundheit wieder bewegen musste.

Wie kamen Sie dann zum Extremsport?
Völlig unbeabsichtigt. Mein Gewicht und meine Kniearthrose erlaubten mir nur das Radfahren. 2001 fing ich damit an. Die Trainingsfahrten zum Abspecken meiner überschüssigen Managerpfunde wurden jedes Jahr einfach immer länger. Sportliche Ziele wie einen Alpenmarathon zu finishen waren mir nach 3 Jahren nicht mehr Anreiz genug, um teilzunehmen. Die natürliche Neugier kann man ja nur befriedigen, wenn sich Neues entdecken lässt. Dass ich finishen könnte, wusste ich, also gab es nur zwei Optionen: schneller oder länger. Und da ich nur Letzteres genießen kann, entschied ich mich dafür.

Wann hörten Sie das erste Mal vom (RAAM) Race Across America?
Als es stattfand vor etwa 30 Jahren. Da gab es einen TV-Bericht, an den ich mich im Herbst nach meinem zweiten Ötztaler Radmarathon 2004 erinnerte. Ich checkte meine Erinnerung übers Internet, und schon nach wenigen Minuten stand für mich fest: Das werde ich tun.

Das Race Across America gilt als das härteste Rennen der Welt – warum?
„Outside Magazin“ hat die bedeutendsten Ausdauerrennen der Welt von einer Expertengruppe nach verschiedenen Aspekten, die ich in meinem Buch ausführe, bewerten lassen. Ein Kriterium ist der „Seelenqual-Faktor“, wie ich ihn in meinem Buch nenne. Er beschreibt das Verhältnis zwischen dem Aufwand, den man treiben muss, um am Rennen teilzunehmen und der Wahrscheinlichkeit, dennoch zu scheitern. Die ist beim RAAM extrem hoch.

Wie unterscheidet sich Ihre Strategie, die Sie beim Race Across America (RAAM) angewendet haben, zu denen anderer Sportler?
Da das Scheitern die größte Seelenqual verursacht, und ich Sport aus zwei Gründen treibe, nämlich um gesund zu bleiben und Spaß zu haben, musste ich einen Weg finden, das Scheitern zu verhindern und die letzten beiden Aspekte zu gewährleisten. Dazu habe ich die Gründe für das Scheitern der bisherigen Teilnehmer akribisch studiert und letztendlich die traditionelle Rennstrategie als die Hauptursache in der langjährigen Geschichte des Rennens erkannt. Insbesondere der völlig ungesunde Mangel an Schlaf und Regeneration hat oft fatale Konsequenzen. Nur täglich etwa eine Stunde Schlaf über 10-12 Tage ist medizinisch betrachtet ein Himmelfahrtskommando. Ich habe das völlig geändert und damit wiederholt gezeigt, dass man mit größerer Wahrscheinlichkeit erfolgreich sein kann, wenn man sich natürlich verhält und den Spaß nicht zu kurz kommen lässt.

Meinen Sie, man kann alles erreichen wenn man es nur will? Wie weit ist es Kopfsache/Willenssache, ob man erreicht was man sich vornimmt?
Sicher kann man nicht alles erreichen, wenn man es nur will, aber wenn man nicht gerade zufällig über etwas stolpert, dann liegt jedem Erfolg ein Wille zugrunde. Der Umkehrschluss, dass jeder Wille zum Erfolg führt, ist natürlich falsch. Das beweist auch das RAAM. Es mangelt sicher nicht am Willen, wenn man scheitert, meist ist es die falsche Strategie – aber auch die ist Kopfsache.

Warum haben sie ein zweites Mal am Race Across America (RAAM) teilgenommen, wollten Sie sich verbessern?
Mein erstes RAAM hat mir viel gegeben, der Erkenntnisgewinn war sehr groß, weshalb ich auch ein Buch darüber geschrieben habe. Aber damit war das Thema auch abgeschlossen. Die Neugier, ob man mit meiner regenerativen Strategie auch gewinnen könnte, war nicht ausreichend, um mich für eine zweite Teilnahme zu motivieren. In Vorträgen hörten meine Kinder von meinen Erfahrungen und ihre Augen leuchteten. Als sie sagten, dass sie beim nächsten Mal dabei wären, gab es für mich kein Halten mehr. Ich wollte das Abenteuer RAAM mit ihnen erleben. Darüber ist dann unser Film entstanden. Mein Mantra während des Rennens wurde zu dessen Titel: „Du musst nicht siegen, um zu gewinnen.“

Um was genau geht es in Ihrem Buch „Herausforderung Race Across America“?
Im Buch beschreibe ich, wie man Berge versetzen kann, wenn man seine natürlichen Stärken weckt und nicht gegen die Natur oder Gegner ankämpft, also Dinge versucht, die man nicht kontrollieren und beherrschen kann. Das RAAM wird dann zur Metapher für das Leben selbst – nur geschieht alles im Zeitraffer. Fehler werden schnell bestraft, aber wenn man die richtigen Entscheidungen trifft, dann hat man mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nur Spaß, sondern auch Erfolg und langfristige Gesundheit – im Rennen aber auch im täglichen Leben.

Der Mensch ist zu weit mehr fähig als ihm in unserer Industriegesellschaft abverlangt wird. Haben wir nicht genau deshalb gesundheitliche Probleme, weil wir unseren Körper nicht mehr fordern?
Unsere Kultur bestimmt unser Verhalten. Die Industriegesellschaft kann nur als Konsumgesellschaft funktionieren und kreiert für jeden sein Hamsterrad, das uns allerdings nicht zum Bewegen dient. Es wird uns viel abverlangt, was uns in unnatürliche Verhaltensweisen drängt, die uns schaden. Ich bin davon überzeugt, weil ich es für mein letztes Buch „Die Methusalem-Strategie“ (*) genauestens recherchiert habe: Wenn wir – so wie ich bei meiner traditionsbrechenden RAAM-Strategie – auch für unsere täglichen Herausforderungen Wege einschlagen, die im Einklang mit unserer Natur sind, sind wir nicht nur kurzfristig, sondern auf die gesamte Lebenszeit, effizienter und leistungsfähiger . Und wir haben dabei auch noch mehr Spaß.

Ist Sport aus Ihrer Sicht gesund? Kann ich meine Lebenserwartung durch Sport steigern?
Sport in dem Maße, wie es unserer Natur entspricht, ist so lebenswichtig wie Essen und Schlafen. Ein Mangel an Essen spüren wir sofort, ein Mangel an Schlaf bringt uns zwar nicht sofort um, aber die langfristigen Schäden sind inzwischen offensichtlich, selbst die Gefahr an Alzheimer zu erkranken steigt. Ein Mangel an ausreichender Bewegung ist nicht die einzige aber mit Ursache für praktisch alle Zivilisationskrankheiten, wie ich es in der Methusalem-Strategie auch für den Laien verständlich darstelle. An Zivilisationskrankheiten sterben wir Jahrzehnte vor unserer biologisch möglichen Zeit – werden zum DNF (Did not Finish). Damit ist wieder der Bogen zum RAAM geschlagen.

Was ist als nächstes geplant? Haben Sie sich schon über Ihre nächste Herausforderung Gedanken gemacht oder geht es bei Ihnen jetzt auf zu ganz neuen Ufern?
Seit dem RAAM 2010, das ich mit meinen Kindern und für meine Kinder fuhr, betreibe ich Sport regelmäßig mit dem Ziel, Spaß zu haben und mir meine Gesundheit zu erhalten. Mit etwa 10 Stunden pro Woche hat sich mein Leistungsniveau nicht reduziert. Wenn ich mit der Methusalem-Strategie recht habe – und nichts spricht bisher dagegen – dann sollte ich in etwa 15 Jahren mit nur wenigen Stunden weniger Fahrtzeit als 2008 und 2010 das RAAM als ältester Finisher aller Zeiten beenden können. Dann fahre ich es nicht für meine Kinder, sondern vielleicht für meine Enkel.

Zum Abschluss noch eine Frage an Sie als Mediziner: Wir haben in unserem androgon-Sport-Team Sportler, die sich auf ihre Extrem-Wettkämpfe, z.B. 160 km bei – 50 Grad oder 230 km durch die Wüste oder aber auch 4-tägige militärische Durchschlagübungen ohne Schlaf, Essen und Trinken gar nicht vorbereiten, will heißen: gar keinen Meter Training absolvieren und trotzdem gute bis sehr gute Leistungen bringen. Denken Sie, Wettkämpfe werden im Kopf entschieden oder ist so etwas Veranlagung?
Wenn ich mir einen Zahn ohne Schmerzmittel ziehen lasse, so ist das eine Leistung, die vielleicht bei manchem Respekt („Was für eine mentale Stärke“), bei vielen Kopfschütteln („Was für ein Drang zu leiden“) auslöst. RAAM-Fahrer, die 2-3 Tage nicht geschlafen haben, besitzen vielleicht noch 20-30 % ihrer Leistungsfähigkeit, sind zu diesem Zeitpunkt quasi wie untrainiert. Alles was sie noch bewegt ist ihr Wille und ihre Leidensfähigkeit, die sie das aushalten lässt. Dass man unter solchen Umständen etwas leisten kann, ist gezeigt. Nicht erklärt ist allerdings, was jemanden dazu veranlasst, sich selbst so etwas anzutun. Das ist sicher Kopfsache, auch wenn ich es nicht nachvollziehen kann.

(rz)

 


 

Über PD. Dr. Michael Nehls
Michael Nehls hat 2008 und 2010 das Race Across America (RAAM) gefinisht und dabei bewiesen, dass es auch ohne Schlafentzug, ohne Schmerzmittel und ohne eine abenteuerliche Mischung aus Glück und Leiden machbar ist. Seine Erlebnisse sind in dem Buch „Herausforderung Race Across America“ nachzulesen und auf der DVD „Du musst nicht siegen, um zu gewinnen“ in eindrucksvollen Bildern festgehalten.

Geburtstag: 20. Oktober 1962 | Geburtsort: Freiburg |Größe: 180 cm | Gewicht: 75 +/- 3 kg
Erster Marathon: Schwarzwaldmarathon 1980 | Internetseiten: www.michael-nehls.de

 

Michael Nehls:
Herausforderung Race Across America. 4800 Kilometer von Küste zu Küste. 192 Seiten, 170 Fotos & Du musst nicht siegen, um zu gewinnen. Race Across America. www.michael-nehls.de

Herausforderung Race Across America: 4800 km Zeitfahren von Küste zu Küste
Verlag: Mental Enterprises; Auflage: 3., erweiterete und überarbeitete Auflage. (11. Mai 2012)
Sprache: Deutsch | ISBN-10: 3981404858 | ISBN-13: 978-3981404852

(*)Die Methusalem-Strategie:
Die Methusalem-Strategie: Vermeiden, was uns daran hindert, gesund älter und weiser zu werden

Bildquelle: Mental Enterprises

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