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100 km del Sahara

15 Juni 2012 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

108 km durch die Sahara

Team androgon war dabei…

Südliche Tunesische Sahara in einer Mittwochnacht im März 2012, im Wüstencamp Birel Ghif auf halbem Wege zwischen den Oasan Ksar Ghilane und Douz: Heiße Rhythmen schallen durch die sternenklare, 7 Grad frostige Nacht und unter den 145 Ausdauersportlern die mit Stirnlampen und chemischen Lichtern (so genannte Cool Lights) ausgerüstet sind herrscht ausgelassene Partystimmung, es wird getanzt und applaudiert. Seit 21 Uhr werden in 30-Sekunden-Intervallen jeweils zwei Läufer auf die 7 km lange Nachtetappe geschickt. Der Vollmond erleuchtet die buckelige Geröllpiste und die Läufer bilden mit ihren Lampen einen unendlich erscheinenden Glühwurm in der Dunkelheit. Es ist windstill und am Firmament sind deutlich Orion, Großer Wagen und Venus zu erkennen. Die MAGIE einer Wüstennacht! Nur wer es selbst erlebt hat kann den Zauber eines solchen Momentes begreifen. Nach der Zielankunft gibt es im Verpflegungszelt Glühwein (!), heiße Schokolade und Pasta.

Etappenläufe durch die Wüsten dieser Welt sind gemeinhin als Extremwettbewerbe bekannt. Dazu haben sie oft den Charakter von Durchschlage- und Überlebensübungen, sind mit ungeheuren Strapazen verbunden und somit nur einer begrenzten Klientel zugänglich. Dass es auch anders geht beweist die italienische Agentur Zitoway mit dem „100 km del Sahara“. 5 Etappen in 4 Tagen, darunter ein Lauf über 42 km ist eine Aufgabe der sich auch ein Marathonläufer stellen kann. 50 Helfer und eine ausgefeilte Logistik stellen mit einem „Rundum Sorglos Paket“ sicher, dass sich der Teilnehmer voll und ganz auf seine Leidenschaft –das Laufen- konzentrieren und die genialen Wüstenlandschaften genießen kann. Im Wüstencamp erwarten den Läufer Felddusche, Ärzteteam, Cateringzelt und Physiotherapeuten. Biwakiert wird mit jeweils 6 Personen in großen Berberzelten, die nach einer Seite hin offen sind. Die Feldküche, mittels drei großen Spezialfahrzeugen extra aus Italien nach Tunesien verschifft, bereitet mit einem professionellen Team täglich drei leckere, läufergerechte Mahlzeiten zu. Zum Frühstück warme Croissants, um 17 Uhr Teatime und zum Abendessen süffigen Rotwein – da rieben sich sogar Gourmets die Hände!

Vom Treffpunkt in Rom wurde die fast 200 Personen umfassende Truppe aus 16 Ländern (134 Läufer, 11 Walker, 50 Helfer) mit Tunisair nach Djerba geflogen. Tags darauf vierstündige Überlandfahrt nach Ksar Ghilane, der südlichsten Oase Tunesiens, am Rande des großen Östlichen Ergs. Hier war Startunterlagenausgabe, Ausrüstungskontrolle, Briefing und eine letzte Möglichkeit in der eisenhaltigen Thermalquelle der Oase zu relaxen. Am folgenden Morgen ging’s dann zur Sache, die erste Etappe über 23 Kilometer stand auf dem Programm: 6 km durch flache Sanddünen, vorbei an einer alten Festung aus der Römerzeit, dann Stein- und Geröllpisten. Zum Schluss musste ein hoher Dünengürtel überwunden werden, an dessen Fuße das erste Wüstencamp zum erholen einlud. Die Walker wurden bereits eine Stunde vorher losgeschickt. Sie haben außer bei der Marathonetappe die gleichen Distanzen zu bewältigen. Nach den Italienern stellten die Deutschen mit 20 Teilnehmern die zweitgrößte Nation. Neben „Exoten“ aus Hongkong, Argentinien und Island nahmen auch ein halbes Dutzend Taubstumme und ein Blinder mit seinem Führer die Strecke in Angriff. Vom 18-jährigen Jüngling bis zum 82-jährigen Senior waren alle Altersklassen vertreten. Eine Flotte von Quads, die entlang der Strecke patrouillierten und mit Funkgeräten ausgestattet waren, sorgte für die Sicherheit. Mit Streckenmarkierungen in Leuchtfarbe und großen orangeroten Flaggen, die schon von weitem zu sehen sind, war ein Verlaufen so gut wie unmöglich.

Da sich das Wetter wenig wüstenhaft verhielt –Wolken, kalter Wind und Nieselregen- brachte ein nächtliches Lagerfeuer wieder Wärme in die steifen Glieder. Als dann aus der Dunkelheit noch eine Einheimische Musik- und Tanzgruppe auftauchte war das Eis gebrochen und die Stimmung auf dem Siedepunkt. Nachdem in der Nacht zwei stärkere Regenschauer über das Camp fegten, kam fünf Minuten vor dem Start tatsächlich noch die Sonne raus. Trotzdem: Die Wetterkapriolen hielten sich über die gesamte Dauer des Rennens. So unbeständig, kalt und nass hat in seiner 30-jährigen Wüstenkarriere selbst der Autor die Sahara noch nicht erlebt! 15 gemütliche Kilometer über eine mit flachen Sanddünen durchsetzte Piste und der 7 km Nachtlauf am zweiten Tag waren durchaus lösbare Aufgaben, die dann auch von allen Beteiligten problemlos bewältigt wurden. Der Fokus richtete sich auf die Königsetappe am dritten Tag.

Seit 14 Jahren richtet der Italiener Adriano Zito den Etappenlauf durch Tunesiens Süden aus. Mit seiner Firma ZITOWAY Sport & Adventure hat er noch ein halbes Dutzend weitere Rennen in Namibia, dem Senegal, in der Kalahari und auf der Baleareninsel Formentera im Portfolio. Sein Erfolgsrezept sind Professionalität, ein Top Team und ein familiäres Betriebsklima, das sich sofort auf die Teilnehmer überträgt. Sicherheit hat oberste Priorität. Und die war letztes Jahr in den Wirren des arabischen Frühlings nicht mehr gewährleistet, weshalb die 13. Auflage nur 3 Tage vorher abgesagt werden musste! Das sollte 2012 nicht mehr passieren. Obwohl sich die Lage in Tunesien mittlerweile stabilisierte, hatte er einen Plan B im Gepäck und hätte jederzeit auf eine andere Destination ausweichen können. Das wurde zum Glück nicht notwendig und mit einer so großen Gruppe setzte Zitoway zugleich auch wichtige Impulse. Denn dem arabischen Frühling folgte eine touristische Eiszeit – die Besucherzahlen im nördlichsten Land Afrikas haben sich seitdem nahezu halbiert.

Minus Vier Grad Celsius! Das Erwachen im Kühlschrank nach einer saukalten Nacht erforderte verdammt viel Disziplin, um sich aus dem Schlafsack zu schälen. Da bedurfte es schon zusätzlicher Motivation wie des Weckrufs mit dem Song Aisha von Cheb Khaled, der allmorgendlich über Lautsprecher erschallte. Das Lied setzte nicht nur Emotionen frei, sondern dürfte für manchen Wüstenaspiranten zum Synonym für sein Laufabenteuer geworden sein. Ein langer Arbeitstag in der Wüste wartete auf die Aktiven. Abhängig vom Leistungsgrad wurde die Marathonetappe mit drei Staffeln im Abstand von je einer Stunde gestartet. Trotzdem zog sich das Feld bei 3:29 h für den Sieger Juan Antonio Alegre aus Spanien und einer 8-köpfigen Schlussgruppe mit Endzeit von 10:06 h weit auseinander.

Die Königsetappe war bewältigt, aber der ausgelassenen Stimmung am Abend, sogar mit Sektausschank, folgte Ernüchterung. Der abschließende Halbmarathon entwickelte sich zu einer Durchschlageübung im Regen und Sturm. Dick vermummt nahmen die Läufer den Kampf mit dem peitschenden Gegenwind auf, der vor allem auf dem 6 km langen Schlussstück über hohe Sanddünen zur Herausforderung wurde. Trotzdem war die Truppe hoch motiviert, befand sich doch das heutige Ziel in dem 4-Sterne-Hotel Sahara Douz. Die 31.000 Einwohner zählende Oase Douz war in früheren Zeiten ein wichtiger Haltepunkt der Transsahara – Karawanenrouten. Nachdem alle Läuferinnen und Läufer das Ziel erreicht hatten –es gab keine Ausfälle, auch das ein Beweis für die Qualität der Veranstaltung- begann sogar Dauerregen. Ein Sauwetter, das auf keine Kamelhaut ging!

Eine sehr emotionale und herzliche Siegerehrung krönte den 14. 100 km del Sahara, der in der Endabrechnung insgesamt 108 km lang war. Den Platzierten wurden Sandrosen als Siegestrophäen überreicht. Thomas Wittek, ein Fallschirmjäger aus Nagold und bereits Sieger in 2010 setzte die langjährige Serie deutscher Sieger bei diesem Event fort. Mit nur einem Sieg bei der 1. Etappe kontrollierte der 44-jährige anschließend das Feld und holte sich den Gesamtsieg mit einem satten Vorsprung in 8:37:01 h vor dem Spanier Juan Antonio Alegre, der 8:44:25 h unterwegs war.

Stefan Schlett (ss)

Weitere Informationen unter : www.100kmdelsahara.com

Der Lauf findet alljährlich Anfang März statt. Deutschsprachige Teilnehmer können sich auch an folgende Website wenden:

www.weltweit-laufen.de

http://youtu.be/-bn_mw7l2k0

 

Informationen zu Tunesien

Die tunesische Republik beherbergt auf einer Fläche doppelt so groß wie die Österreichs 10.2 Millionen Einwohner und ist ein geschichtsträchtiges Land. Die ehemalige Hauptstadt Karthago entstand bereits 814 vor Christus und wurde innerhalb von 150 Jahren zur größten Macht des westlichen Mittelmeeres. Phönizier, Römer, die aus Germanien kommenden Vandalen, Ottomanen und zuletzt die Franzosen besiedelten das Land. Dazu kamen zahlreiche Mauren und Juden aus dem Andalusien des 15. Jahrhunderts. 1881 wurde Tunesien zum französischen Protektorat erklärt, 1956 erhielt es die volle staatliche Unabhängigkeit. Mit 1300 Kilometern Küste, zumeist mit Sandstrand, und einem reichen kulturellen Erbe hat das Land ein großes touristisches Potential. Etliche Ruinen zeugen auch heute noch von dem ehemals dichten Netz an römischen Siedlungen. In Tunesien befindet sich El Djem, das besterhaltene römische Amphitheater Nordafrikas. Es hat ein Fassungsvermögen von 45.000 Zuschauern und wird noch heute für Konzerte genutzt. Tunesien ist das nördlichste Land Afrikas (Sizilien ist nur 140 km entfernt) und östlichste der Maghreb-Länder. Nur 2 ½ Flugstunden von Mitteleuropa entfernt liegt es in der gleichen Zeitzone. Die Einreise mit einem noch mindestens 6 Monate gültigen Reisepass ist problemlos. Die Sicherheitslage hat sich seit der Revolution wieder stabilisiert. Besucher können nahezu das gesamte Land problemlos bereisen.

 

Bildquelle: Stefan Schlett

 

 

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