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EM 2012

25 Juni 2012 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Eine Zwischenbilanz

Die Fussball-EM 2012 wird von nahezu allen Offiziellen, aber auch der überwiegenden Anzahl von Zuschauern im bisherigen Verlauf als durchaus gelungen betrachtet. Dies obwohl die beiden Veranstalter des Spektakels, Polen und die Ukraine schon nach der Vorrunde das Zeitige segnen mussten und auch einige der favorisierten Teams, wie Holland oder Russland bereits vorzeitig die Heimreise angetreten haben. Mit dem jetzigen Beginn der Final- oder K.O. -Runde, d. h. dem sofortigen Aus in den Interimsspielen nimmt die Spannung noch erheblich zu, bis dann am 1. Juli des Jahres der Europameister 2012 zu Kür ansteht.

Ein Zwischenfazit nach der Vorrunde zieht in Zeit-online deren Sportredaktion, die das bisherige Fußballgeschehen noch einmal insbesondere für den deutschen Fußballfan Revue passieren lässt und das Ereignis in kritisch, teils ironischer Weise nach unserer Auffassung recht zutreffend charakterisiert, so dass der Artikel nachfolgend dem Leser präsentiert wird:

Was durften Sie auf keinen Fall verpassen?

Die drei deutschen Spiele, lassen Sie uns diese Einäugigkeit bitte durchgehen. Es gab natürlich bessere Partien, etwa das Duell Spanien gegen Italien, das Champions-League-Format hatte. Doch die erfolgreichste Mannschaft war Deutschland. Drei Siege schaffte sonst niemand – und das gegen drei starke Gegner. Doch irgendwas passt noch nicht. Entweder ist Bastian Schweinsteiger müde, Mesut Özil rennt ge-gen eine Mauer, Lukas Podolski macht sich unsichtbar oder Mario Gomez braucht Wundsalbe. Noch fehlt der Glanz im deutschen Spiel, der versprochene, zumindest erhoffte Zauber. Es gibt einen, der mehr will: Joachim Löw, der Ästhet. Er trägt den alten Konflikt der deutschen Geistesgeschichte im Fußball des 21. Jahrhunderts aus: den zwischen Rationalismus und Ro-mantik, zwischen Verwaltung und Phantasie. Er ist mit der Tabelle glücklich, aber nicht mit seinen Spielern. Er ist natürlich schlau genug, das in Zwischentöne zu verpacken. Beim letzten Mal meckerte er über die Dänen, weil die nicht richtig mitgespielt hatten. Eigentlich zielte er auf seine Spieler, die diese Dänen zu lange machen und zappeln ließen. Es ist vielleicht das beste Hoffnungszeichen für den deutschen Fußball, dass der größte Kritiker der Mannschaft der Bundestrainer ist.

Was konnten Sie mit gutem Gewissen verpassen?

Das EM-Studio des ZDF, dessen Personal zu Recht viel Häme ertragen musste. Kathrin Mül-ler-Hohenstein, die „Usedomina“, Oliver Kahn, der „Twittan“, der nicht viel Substanzielles sagt, dafür aber mit den Armen rudert, als wolle er „wie Mose das Meer teilen“, und über-haupt: „Wo bleibt der Anstieg des Meeressspiegels, wenn man ihn mal braucht?“ Man kann nicht sagen, dass diese Bühne, die das ZDF da für viel Gebührengeld in den Ostseesand rammte, sonderlich gut ankommt. Weder bei den Kritikern noch bei den Zuschauern vor Ort. Viele Liegestühle blieben leer, das war bei den rasanten Kamerafahrten zu erkennen, die wirkten, als hätten die ZDF-Leute einer besoffenen Möwe die Kamera aufs Gefieder ge-schnallt. Das kann daran liegen, dass auf Usedom gerade keine Saison ist. Es kann aber auch daran liegen, dass ein ZDF-Studio in Heringsdorf nicht viel Sinn macht. Die Nähe zum Co-Gastgeber aus Polen habe den Ausschlag gegeben, so der TV-Sender. Dann hätte man das WM-Studio 2010 ja auch in Simbabwe errichten können, in der Nähe Südafrikas. Einen Ge-winner gibt es: Heringsdorf selbst. Obwohl das Städtchen wohl etwa 130.000 Euro an Investi-tionen zuschießen muss, bleibt ein Werbeeffekt. Denn auch schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten.

Was veranstalteten die Gastgeber?

So uneins Polen und die Ukraine vor der EM dargestellt wurden, so einig waren sie sich in ihrer Rolle als Partyveranstalter. Im Stadion ließen sie den Gästen höflichst den Vortritt, auf den Fanmeilen sorgten sie für meist unverkrampfte Völkerverständigung und gute Stimmung. Die polnische Mannschaft zeigte ihr Talent nur in Ansätzen, rieb sich gegen den großen Riva-len aus Russland im zweiten Spiel auf und schied aus. Den Ukrainern erging es ähnlich. Nach dem ersten Sieg für einen Geheimfavoriten gehalten, folgten eine Enttäuschung gegen Frank-reich und der Schiedsrichter-Skandal gegen England. Doch die Fans feiern weiter. An dieser Stelle dürfen die Attacken der polnischen Hooligans auf russische Fans und einige rassistische Entgleisungen nicht verschwiegen werden. Doch die allermeisten Polen und Ukrainer sind gute Gastgeber und stolz darauf, den Kontinent bei sich zu begrüßen. Zwei Tage nach dem Ausscheiden sangen beim Spiel Kroatien gegen Spanien alle im Stadion – Polen, Kroaten, Spanier und der Rest – den Fan-Hit: „Polska biało-czerwoni“ (Polen weiß-rot). Sowas hat in Polen noch niemand erlebt.

Worüber reden nach der Vorrunde alle?

Es heißt immer: junge Spieler! Aber beeindruckt haben in der Vorrunde die Alten. Andrea Pirlo, der 33 ist und wie 43 aussieht, verteilt die Bälle im italienischen Mittelfeld mit Eleganz und Übersicht. Giorgios Karagounis, 35, schoss die Griechen ins Viertelfinale. Antonio Di Natale, 34, wirkte im Spiel gegen die Spanier vor dem Tor schneller als der 13 Jahre jüngere Balotelli. Andrij Schewtschenko, 35, der nach seinen beiden Toren gegen Schweden sagte, er fühle sich wie 20. Und Andrei Arschawin, 31, dessen Pässe im ersten Spiel der Russen die Tschechen schwindlig machten. Leider sind nicht mehr alle Oldies im Turnier, vielleicht war es ihr letztes. Der inzwischen zurückgetretene Schewtschenko sollte mit den anderen eine Altherren-Truppe aufmachen – als Trainer böte sich Giovanni Trapattoni, 73, an. Bei jedem Spiel und als einziger Trainer überhaupt trug er immer seine Akkreditierung vor dem Bauch, als fürchtete er, man könne denken, er gehöre schon gar nicht mehr dazu.

Was machten die Schiris?

Für Debatten sorgen, wie immer. Doch in der Kritik stehen diesmal nicht die Herren auf dem Feld oder an der Seitenlinie, sondern die an der Grundlinie neben dem Tor: die Torrichter, eine relativ junge Gattung der Spielleiter. Sie sollen erkennen, ob der Ball die Linie überquert oder nicht. Man könnte auch sagen, sie werden eingesetzt, um den Videobeweis oder andere technische Hilfsmittel zu umgehen. Dagegen weigern sich Uefa und Fifa seit Jahren sehr be-tonköpfig, vermutlich um dem Fernsehen die Hoheit über die Bilder zu lassen. Seit Dienstag haben die Verbände ein Argument weniger. Der Torrichter István Vad versagte den Ukrainern den Ausgleich gegen England, obwohl der Ball klar hinter der Linie war. Der Fifa-Boss Jo-seph Blatter twitterte inzwischen, „Torlinien-Technologie“ sei nun keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit. Was den Ukrainern aber auch nicht weiterhilft. Deren Trainer Oleh Blochin war nach dem Spiel so erbost, dass er auf der Pressekonferenz einem Journalisten vorschlug, vor die Tür zu gehen und dessen kritische Fragen unter Männern zu klären. Im-merhin eine Funktion erfüllen die Torrichter: Sie lenken die Diskussion auf sich. Sonst müss-ten wir ja darüber reden, dass ein deutscher und ein spanischer Schiedsrichter den Kroaten und den Dänen in den entscheidenden Spielen jeweils einen Elfmeter verweigerten. Zuguns-ten von Spanien und Deutschland übrigens.

Worüber redet keiner mehr?

Über den direkten Vergleich, Gott sei Dank. Diese Regel, die nur bei der Uefa gilt, macht Tabellen und Blitztabellen unübersichtlich, sie ist noch komplizierter als das deutsche Wahl-recht. Sie verdreht vielen den Kopf, etwa Béla Réthy, der glaubte, die Kroaten müssten nach dem 0:1 durch die Spanier noch zwei Tore schießen. Genügt hätte eins. Es war sogar nicht völlig auszuschließen, dass das die Kroaten selbst nicht wussten. Sie ließen die Köpfe hängen, obwohl sich durch das Gegentor eigentlich nichts für sie geändert hatte. Regeln sollten ein-fach sein. Das deutsche Wahlrecht wird gerade vom Bundesverfassungsgericht geprüft. Die Uefa sollte darüber nachdenken, ob sie sich an der Fifa ein Vorbild nimmt (beschränkt auf diese Regelfrage). Die Zustimmung der Russen dürfte gewiss sein, denn die stünden nach Fifa-Regeln im Viertelfinale gegen Deutschland.

Was war sonst noch wichtig?

Die achtziger Jahre sind zurück, zumindest Einsprengsel davon: Italien spielt mit Libero, Schweden und England ohne Taktik, Mesut Özil nimmt man in Manndeckung. Und die Italie-ner lassen beim Eckball für den Gegner zwei Stürmer an der Mittellinie stehen, das kennt man heutzutage eigentlich nur noch aus der Bezirksliga Pinneberg. In Kiews U-Bahnen kommt es vor, dass Dieter Bohlen mit You’re my heart, you’re my soul aus einem Handylautsprecher zu hören ist. Und wer in Polen im Auto unterwegs ist, dreht zu Final Countdown von Europe und anderem Haarspray-Metal das Radio auf und die Scheiben runter. Fehlt nur noch, dass Spiele über Telefonleitung kommentiert werden und die deutsche Nummer 5 die Stutzen runterzieht.

(wz)

 

Quelle: http://www.zeit.de/sport/2012-06/em-2012-rueckschau-gruppenphase/komplettansicht

Foto: gerald, http://photoopia.com/view/5741-Fu%DFball+2010+++++01.html

Quelle des Bildes: <a href=“http://photoopia.com/userpage/72-geralt.html“ target=“_blank“ title=“Bild von geralt / Photoopia“>geralt

 

 

 

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