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Der wahre Chopin „Seine Werke seien unter Blumen versteckte Kanonen“

20 Februar 2010 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

 

Wir stellen vor: der 200 Jahrestag von Fryderyk Franciszek Chopin (Frédéric François Chopin; auf polnisch auch Fryderyk Franciszek Szopen) (* 22. Februar oder 1. März 1810 in Żelazowa Wola, Herzogtum Warschau

Ein Romantiker wird entzaubert

Hätte es ihn nicht gegeben, dann hätte Hollywood die Figur des genialen, rätselhaften Frédéric Chopin erfinden müssen. Diesen kleinen Musikgott aus Paris, der nur für seine Musik leben wollte und den die Frauen nicht in Ruhe ließen.

Wenn auch nicht erfunden, dann doch verzuckert und zum Klischee verzerrt hat ihn nicht nur die Filmindustrie. Hugh Grant war in “Verliebt in Chopin” (1991, Regie: James Lapine) das unberührbare Genie, dessen Musik die erotischen Phantasien der Weiber nur so sprießen lässt.

Neben der Abteilung Chopin-Kitsch steht das musikalische Wunder Chopin. Jahrhundertpianisten, allen voran Artur Rubinstein, haben sich dem großen Romantiker mit Haut und Haaren verschrieben. Heute ist Maurizio Pollini der maßstabsetzende, der vielleicht größte unter den lebenden Chopin-Interpreten. Raffinierte Einfachheit, Komplexität und Tiefe begründen für ihn das ‘Faszinosum Chopin’: “Das Klischee lautet: Er ist so lyrisch, süßlich, er gefällt den jungen Mädchen. Und das ist eine wahre Beleidigung, bedenkt man die Größe und die Vielfältigkeit der Chopinschen Musik, die im Übrigen voller auch männlich-kraftvoller Akzente ist und die unendliche Nuancen in sich birgt.”

Leben und Werk Chopins werden gerne zu einem romantischen Wohlfühl-Paket verschnürt. Dafür wurde erfunden, gelogen, gefälscht, was das Zeug hält. Die erste deutschsprachige Biografie von 1878 manipuliert all seine Briefe und überhöht ihn zu einer ätherischen Engelsgestalt. Und weil sein Leben so unspektakulär war, hat man ihm haufenweise Legenden und Romantizismen hinzugefügt: eine so genannte Autobiografie wurde schlicht erfunden, Briefkonvolute wurden gefälscht – aus denen übrigens bis heute fleißig zitiert wird.

Jeden Ton immer neu entdecken

Mit all den lustigen und ärgerlichen Lügen und Mythen räumt Eva Gesine Baur in ihrer glänzend geschriebenen Biografie nun auf. “Chopin gilt als der Protagonist der Romantik”, so Baur, “und wir verbinden mit der Romantik ganz bestimmte Begriffe: dazu gehört schwärmerische Liebe, dazu gehört die diffuse Hingabe. Und genau das versuchte man, Chopin aufzudrücken.”

Der zerbrechlich-androgyn wirkende Musiker mit den weißen Handschuhen gab gern den Aristokraten, und er verzauberte durch sein originelles Spiel. “Chopins Zeitgenossen hatten fast immer das Gefühl, er improvisiere wenn er spielte, obwohl er zu Ende komponierte Werke vortrug”, weiß Baur. “Das liegt daran, und das können uns die großen Chopin-Interpreten bis heute spürbar machen, dass er bei jedem Ton dem Zuhörer das Gefühl gab, er entdecke ihn erst in diesem Augenblick. Sein Satz war: ‘J´indique: Ich deute an!’”

“Keine Note, keine Minute zu viel”

Weder Kraft noch Theatralik: vieldeutig, flüsternd spielt auch Pollini seinen Chopin. “Chopins Musik ist scheinbar einfach, aber nur scheinbar”, so Pollini, “das hat zu sehr simplen und reduzierten Deutungen seines Werkes geführt. Tatsächlich handelt es sich aber um eine extrem komplexe, weitläufige, ja fordernde Musik. Es gibt bei Chopin keine Note und keine Minute zu viel. Die Kompositionen sind perfekt. Und von enormer Intensität. Robert Schumann hat diesen schönen Satz über Chopin gesagt: Seine Werke seien unter Blumen versteckte Kanonen.”

An Chopin kommt kein Pianist vorbei. Schon probiert sich eine neue Pianisten-Generation an ihm aus: der Pole Rafal Blechacz ist hochgelobt, die in Deutschland lebende Russin Olga Scheps spielt klavierhandwerklich wie im Rausch, mit Temperament! Bei der Demut und profunden Einfachheit der Altmeister sind sie noch nicht angekommen.

Buchtipp: Chopin oder die Sehnsucht

C.H. Beck Verlag

(vz)

Quelle: J.Reitböck/pixelio.de

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