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„Nachtleben“ – Portrait einer einsamen Existenz

1 August 2012 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

„Die Erinnerung an meine Kindheit steckt mir in den Knochen wie eine verschleppte Sommergrippe.“

Der Roman „Nachtleben“ des Autors Mirco Buchwitz erzählt aus der Perspektive des Türstehers Richard dessen Lebensgeschichte. Er erzählt von einem „Nachtleben“ – einsam und kalt – aufgebaut auf Lebenslügen, in dem der junge Protagonist von einer Lebensphase in die nächste stolpert.

Der unglückliche Held aus Mirco Buchwitz‘ Roman wächst in unbarmherziger Kälte auf. Nach einer  Kiez-Kindheit voller Schläge landet er, in Folge eines aufgeflogenen Drogengeschäfts des Zuhälters seiner Mutter im Kinderheim, während seine kleine Schwester zu Pflegeeltern kommt; 25 Jahre sollen vergehen, bis er sie wieder sieht.

Der 36 jährige wohnt in einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung, hängt im Boxclub rum, jobbt als Türsteher, dealt ein bisschen mit Gras, und zieht Speed. Frauen wirft er nach einer gemeinsamen Nacht wieder aus der Wohnung. Er lässt niemanden an sich ran, will keine Nähe, setzt sich keine Ziele; er schlittert nur so durchs Leben. Rick ist ein stiller Muskelmann, ein Berg aus aufgestauter Wut, unterdrückten Gefühlen und ungeliebten Erinnerungen.

In unchronologisch angeordneten Kapiteln berichtet Rick von Erlebnissen und Menschen, die Spuren in seinem Leben hinterlassen haben, und lässt den Leser einen Blick hinter seine aufgesetzte Fassade werfen. Im Verlauf der Geschichte werden die Verbindungen zwischen den Episoden enger, die einzelnen Motive deutlicher. Der Leser wird zum Mitwisser seiner Lebenslügen, zum Komplizen seines Versteckspiels. Er begleitet Rick auf der Suche nach dem Ursprung seiner Einsamkeit. Was es heißt, allein aufzuwachsen und ein „Nachtleben“ zu führen.

Allen Figuren des Romans gemeinsam ist, dass sie genau wie Richard selbst, nur selten mit offenen Karten spielen. Sie alle retten sich mit kleinen oder größeren Lebenslügen über die Runden. Einzige Ausnahme ist Richards Freund Flavio, der mit seiner großmauligen Art sein genaue Gegenteil darstellt.

Immer wieder wird Richard mit seiner Vergangenheit konfrontiert, die er eigentlich zu vergessen sucht. Dennoch sind es letztendlich die wenigen Menschen aus seiner Vergangenheit, die ihm helfen seine eigene Geschichte zu verstehen und seine Identität zu finden. Mit der Fragen: „willst du Mama noch mal sehen?“ meldet sich seine Schwester nach über fünfundzwanzig Jahren bei ihm. Die Mutter liegt im Sterben. Die Geschwister treffen sich und blicken während der Fahrt zurück auf ihr bisheriges Leben – und entdecken dabei, dass etwas fehlt.

Anhand einer Mischung aus schnoddrigen knappen Dialogen und bildhafter Erzählweise, kommt der Leser dem Protagonisten relativ nahe. Bewusst ungeschliffen, direkt und trotz aller Bitterkeit des Themas humorvoll, lässt der Roman den Leser an Richard Identitätssuche teilhaben.

Mirco Buchwitz beschreibt das Dasein seines Helden von den 80ern bis zum heutigen Tag hin als einen ständigen Überlebenskampf. Er führt durch eine Geschichte voller Lügen und Traumbilder, die es sich zu lesen lohnt, auch wenn Desillusion, Hilflosigkeit und Lähmung aus dem Hinterhalt der Seiten schreien.

Der Roman ist aber auch eine in bewegender Weise erzählte Geschichte, über die Dinge, die das eigentliche Leben ausmachen: Freundschaft, Familie, Liebe. Und eine Geschichte, die zeigt, dass das Ausblenden der eigenen Vergangenheit das Leben nur blockieren kann.

(vz)

 

http://youtu.be/VDKXj-ef6L8

 

Weitere Informationen:

Mirco Buchwitz: „Nachtleben“. Aufbau Verlag. 335 Seiten, 17,99 Euro. (29. August 2011)

http://www.aufbau-verlag.de/index.php/nachtleben.html

Zur Homepage von Mirco Buchwitz

Bildquelle: Aufbau Verlag

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