Home » Abenteuer, Extremsport, produkte/services, Vorschau

Rund um den Elbrus

14 Dezember 2015 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Ultratestlauf im Kaukasus
105 Kilometer mit 4900 Höhenmeter und 4 Pässen

Team-androgon war dabei…

Der Elbrus im Kaukasus liegt im Süden Russlands zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer in der Republik Kabardino-Balkarien. Der Westgipfel des Elbrus ist mit 5642 Metern der höchste Berg Europas. Er ist vulkanischen Ursprungs, was sich vor allem in der unverwechselbaren, runden Formgebung des Berges manifestiert. Der Berg gehört zu den so genannten „Seven Summits“, den höchsten Bergen der 7 Kontinente und ist daher bei Bergsteigern in der ganzen Welt heiß begehrt. An den Flanken des Elbrus eröffnet sich ein interessanter und vor allem extremer Spielplatz für Trailläufer. Die Idee zu einem solchen wurde bereits vor 2 Jahren geboren. Ivan Kuzmin, Weltmeister im Ski-Orientierungslauf 1994 und sein Partner Sergey Zon-Zam, Eigentümer von Alpindustria, dem russischen Marktführer für Outdoor-Produkte, gründeten das „Elbrus World Race“. Doch wegen einigen Durchgeknallten Selbstmordattentätern war die gesamte Region im Jahre 2011 gesperrt. So kam es zu der Entscheidung, im August 2012 die Premiere auf einem kurzen Trail über 30 km und 2200 Höhenmeter durchzuführen, sowie einen Testlauf über die Ultrastrecke zu lancieren. Auf 105 Kilometern mit 4900 Höhenmetern und 4 Pässen (drei davon höher als 3000 Meter) sollte das gesamte Elbrus-Massiv umrundet werden. Eine Expedition für Hardchore-Abenteurer mit hochalpiner Erfahrung. Zu letzterem wurde der Autor als Testläufer rekrutiert.

Am 1. August um 6 Uhr Morgens starte ich bei herrlichstem Wetter mit meinem russischen Laufpartner Pavel Sysoev, ein Polizist aus Moskau und erfahrener Ski-Orientierungsläufer. Selbstversorgung und GPS-Navigation lautet der Modus des Rennens, für das wir grob 36 Stunden veranschlagen. Der Start ist bereits 2300 Meter hoch und gleich auf den ersten 6 Kilometern muss der Azau-Pass (3428 m) genommen werden. Nach der Hälfte des Aufstiegs tauchen die beiden Schneegiganten West (5642 m)- und Ostelbrus (5621 m) auf, die sich majestätisch vor dem stahlblauen Himmel abzeichnen. 1996 stand ich im Sturm auf dem Gipfel des Elbrus – jetzt endlich, nach 16 Jahren, kann ich die damalige Aufstiegsroute bewundern!

Dann wird’s ungemütlich. Zwei vereiste Schneefelder sind zu queren. Direkt unterhalb der Passhöhe wird es lebensgefährlich: ein Ausrutscher und es schmettert dich hundert Meter tiefer in die Felsen. Das würde tödlich oder zumindest schwer verletzt enden. Verdammt, auf was haben wir uns da eingelassen? Bei der Erkundung vor einem Monat lag hier noch 30 cm hoch der Schnee und gab sicheren Halt. Noch hänge ich am Leben und finde mich schon mit dem Gedanken ab, wieder umzukehren. Aber Pavel, der 10 Jahre jüngere Laufpartner hat weniger Skrupel und nimmt die Passage souverän. Ich folge ihm und bin überrascht, welchen Grip die Salomon XA PRO 5 auch in diesem Gelände haben! Trotzdem, das war absolut grenzwertig! Nach 3 Stunden ist der erste Höhepunkt des Rennens erreicht. Jetzt geht es erst mal 2000 Meter runter.

Militärposten bei Kilometer 16. Hier werden Pass und Borderpermit, das extra für diesen Lauf beantragt werden musste, genauestens kontrolliert. Aufgrund der unmittelbaren Nähe zur georgischen Grenze ist die gesamte Region ein hochsensibles Gebiet. Zur Erinnerung: vor ziemlich genau 4 Jahren führte Russland einen 5-Tage-Krieg gegen Georgien, der etwa 850 Menschen das Leben kostete! Wir nutzen die einstündige Zwangspause, um die von den Flussdurchquerungen aufgeweichten Füße zu trocknen und genehmigen uns ein Nickerchen. Es folgt ein Halbmarathon auf Wald- und Wirtschaftswegen, unterbrochen von einer weiteren Militärkontrolle, bis nach Hurzuk – einzige Ortschaft und tiefster Punkt der Tour (1470 m). Im einzigen Dorfladen freut sich die junge und aparte Verkäuferin über eine nicht alltägliche Abwechslung: zwei sportlich gut aussehende, dezent verdreckte und verschwitzte Gestalten machen Umsatz. Bier, Chips, fettiger Fisch, Brot, Kekse, Cola, Schokolade – alles was geht, wird rein geschoben. Schließlich sind wir schon seit über 10 Stunden unterwegs – für einen knappen Marathon! Und es wartet ein Monsteraufstieg: 23 km von 1470 Meter auf den 3689 Meter hohen Balk-Bashi-Pass, den höchsten Punkt der Tour – und das mitten in der Nacht!

Dauerregen! Die Dämonen der Berge wollen unseren Durchhaltewillen testen. Doch meine Rechnung (es war eigentlich mehr Hoffnung) geht auf: In zweieinhalb Tausend Metern Höhe reist es auf. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit taucht auch noch eine kleine Hütte am Wegesrand auf, die von zwei Hirten besetzt ist, die uns spontan zu Tee und Schafskäse einladen. Voila – so können wir uns im trockenen und warmen komplett umziehen und Nachtfein machen. Balsam für den völlig durchnässten und unterkühlten Leib! Denn oben auf dem Pass können die Temperaturen in der Nacht auf -10°C sinken. Ein paar hundert Meter höher lassen wir Regenwolken und Nebelschwaden hinter uns und betreten ein neues Universum. Millionen Sterne funkeln am Firmament und der Vollmond taucht den eisbedeckten Westgipfel des Elbrus in ein dämonisches Licht. Der schiere Höhenorgasmus! Alleine dafür lohnten sich die ganzen Strapazen und Risiken. Was für eine Stimmung – eine wahrhaft galaktische Nacht. Durch die Saukälte leiden zwar die Extremitäten wie Hände und Füße, aber dafür bleiben Gehirn und Verstand hellwach. Kurz nach Mitternacht sind wir oben und 4 Stunden später, 1100 Meter tiefer und zwei eiskalte Flussdurchquerungen weiter ist bei Kilometer 73 das North Camp, ein Bergsteigerlager, erreicht. Hier sind 3 ½ Stunden Matratzenhorchdienst angesagt.

Fünf Stunden später sind wir wieder auf der Piste und durchqueren ein beliebtes Höhen-Ferienlager, wo sich russische Großmütterchen mit Heilschlamm einreiben und in Thermalquellen aalen. Das wäre jetzt auch die richtige Therapie für unsere geschundenen Knochen. Aber erst mal wartet der Severnii Karakaiskii Pass, mit 2889 Metern der niedrigste Übergang, den wir Direttissima nehmen. Nach steilem Abstieg geht’s gleich wieder hoch zum Kyrtykaush-Pass (3232 m), der mit einem Gewitter im Rücken im Sturmschritt erobert wird. Trotz bedrohlichem Donnergrollen lassen wir es uns nicht nehmen, den letzten Passübergang mit einem leckeren Döschen russischem Baltika-Bier zu zelebrieren. Von nun an geht’s bergab! Auf einem langen und zähen Abstieg über Geröllfelder, Feuchtwiesen und Steinpisten werden die Höhenmeter glatt halbiert, bis ins Ziel an der 1600 Meter hoch gelegenen Ortschaft Verkhnii Baksan, die wir nach 37:10 Stunden erreichen.

Der Testlauf war erfolgreich – das Ding ist machbar, wenn auch nur für einen selektiven Personenkreis. Noch während wir in der Banja –der holz befeuerten russischen Sauna- relaxen, ergibt die Analyse des Geschehenen die erste Modifikation: Das kriminelle Schneefeld am Azau-Pass wird nächstes Jahr zwei Tage vor dem Start des Rennens erkundet und falls notwendig mit Fixseilen versichert. Ansonsten bedarf die Strecke keiner Veränderung. Während wir den wohl verdienten Ruhetag genießen, findet die Premiere des 30 km Laufes mit 3 Männern und 2 Frauen statt, die alle das Ziel zwischen 6 und 9 Stunden erreichen. Der noch bescheidene Anfang ist gemacht. Die beiden Organisatoren stehen mit viel Motivation hinter dem Projekt und hoffen, dass sie in den kommenden Jahren in der landschaftlich äußerst reizvollen Region um den höchsten Berg Europas einen spannenden Traillauf etablieren können.

(SS) Stefan Schlett

Weitere Informationen unter:
www.elbrusworldrace.com

Die für das Visum notwendige Einladung besorgt der Race-Director Ivan Kuzmin, der sich auch um das Borderpermit kümmert. Ferner ist der Nachweis einer Auslandsreisekrankenversicherung für Russland erforderlich.

Zielflughafen ist Mineralnye Vody, knapp zwei Flugstunden südlich von Moskau. Zu erreichen mit S7 Airlines (ehemals Siberia Airlines) und mit Aeroflot. Von hier sind es noch drei Stunden Fahrzeit über Landstraßen bis nach Terskol, am Fuße des Elbrus.

Nächstes „Elbrus-World-Race“:
Das nächste Elbrus World Race findet  im Juli/August 2016 statt.
Ausgeschrieben sind folgende Kategorien:

  • Elbrus Trail für Einzelläufer über 30 km und 2200 Höhenmeter
  • Elbrus Marathon für Einzelläufer mit 3450 Höhenmeter
  • Elbrus Mountain Race für Teams von 2-5 Personen über 105 km und 4900 Höhenmeter

Website: www.elbrusworldrace.com
E-Mail: info@elbrusworldrace.com

 

Nachschlag
Auch nach 31-jähriger Extremsporterfahrung bleibt ein alter Hase nicht vor Dummheit verschont. Und in diesem Gewerbe trifft der Spruch „Dummheit tut weh“ ganz besonders zu! Zu den elementaren Vorbereitungen auf einen Ultratrail gehört das Stutzen der Fußnägel. Wenn dieses –wie beim Autor geschehen- vergessen wird, kann das unangenehme Konsequenzen haben. Das Ergebnis: eine fette Blutblase unter dem großen Zehennagel des rechten Fußes. OK, normalerweise eine Routineangelegenheit: desinfizieren, Loch in den Nagel bohren, Flüssigkeit ausdrücken – Druck weg, Schmerz weg. Der tote Nagel fällt dann nach einigen Wochen von selbst ab und dann dauert es gut ein Jahr, bis den Zeh wieder ein gerade gewachsener, glatter Nagel ziert. Ich will gerade mein „OP-Besteck“ vorbereiten, als mir mit Schrecken auffällt, dass der Zeh heiß ist und sich um das Nagelbett ein roter Rand gebildet hat. Entzündung! Und das in dieser abgelegenen Gegend. Hilfe! In 15 Kilometer Entfernung gibt es eine Erste Hilfe Station. Als ich das Kabinett betrete fallen mir als erstes die vielen Fotos an den Wänden mit Widmungen von russischen Höhenbergsteigern auf, sogar ein Gipfelfoto vom Mount Everest ist zu erkennen. Aha – man kennt sich hier also aus mit den Opfern diverser Höhenexzesse! Eine schon in die Jahre gekommene, nette Babuschka empfängt mich freundlich, bittet mich hinzusetzen und serviert Tee und Kekse. Der Arzt –im adidas Trainingsanzug- inspiziert den Fuß und schenkt mir erstmal ein Glas Cognac zur Beruhigung ein. Erst als dieses ausgetrunken ist, geht’s in den Behandlungsraum. Ich weis genau was jetzt kommt. Und, ja, ich gebe es zu – ich hasse Schmerzen! Dann geht alles ganz schnell. Eine Spritze wird gesetzt, die Zange hervorgeholt, die Babuschka hält mich fest, ein höllischer Schmerz jagt durch den geschundenen Körper und der Doktore hält triumphierend den kompletten Zehennagel in die Luft. Ein blutiger Klumpen zwar, aber ein echtes Prachtstück – schade drum. Das war’s dann wohl mit meinen Ambitionen, den Elbrus ein zweites Mal zu besteigen. Der Frust wird sodann mit einem weiteren Glas Cognac runtergespült…

 

Quelle und Bildquelle: androgon.com

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (3 votes, average: 5,00 out of 5)
Loading...