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Der Mann – das Tier

12 Dezember 2014 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Ein Essay von Christoph Kucklick

Männer: machthungrig, gewaltbereit, egoistisch. Frauen: einfühlsam, kommunikativ, friedfertig. Die heutigen Geschlechter-Klischees sind mehr als 200 Jahre alt. Die Forschung hat sie längst als Unsinn entlarvt – doch bis heute schaden sie Männern und Frauen.

Wer wissen will, wie wir über Männer denken, nehme ein beliebiges Wochenende. Vorvergangenes etwa. Die „Welt am Sonntag“ schrieb: Männer „sind ignorant, egoistisch, hören nie zu“ – kurz: „Idioten“ sind sie, aber „damit glücklich“. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnistin Sybille Berg entlarvte Günter Grass nicht als Judenfeind oder Dummbatz, sondern als etwas viel Schlimmeres: als Mann. Der allein durch Anmaßung nach oben gekommen sei („Eine Strategie, die keiner Frau einfiele“) und nun vom „Rudel“ der Beta-Männchen gehetzt werde.

Selbst die Nachmittagslektüre eines vermeintlich unschuldigen Buches über den Garten brachte die krautige Erkenntnis, dass die typisch männlichen Beschäftigungen aus „schnellem Fahren, Prügeleien, wahllosem Geschlechtsverkehr“ bestünden – diese aber inzwischen „ins Gerede“ gekommen seien. Als Ersatz empfiehlt der Autor, Jakob Augstein, das Holzhacken.

Eine ganz normale Tagesration medialer Abscheu vor Männern. Sie gelten wahlweise als Schweine, Doofis oder Triebtäter – beiläufig in den Zeitungen serviert wie eine ewige Wahrheit. Die Abwertung des Männlichen sei „so sehr Teil unserer Kultur geworden, dass sie kaum noch wahrgenommen“ werde, sagt die Feministin Doris Lessing.

Fragt sich nur: Meinen die Männer, die dazu beitragen, sich selbst? Oder nur die anderen? Und es fragt sich: Wer glaubt diese abgestandenen Phrasen noch?

Der Unsinn der Geschlechterklischees
Vergleichbarer Unsinn kursiert womöglich auch über Frauen. Aber zum Glück traut sich niemand mehr, ihn zu drucken. Über Frauen liest man eher rosige Stereotype, dass sie kommunikativer, einfühlsamer und überhaupt besser geeignet für die Zukunft seien – wenn die Männer sie nur ließen.

„Sechs globale Herausforderungen, eine Lösung: Frauen“ hieß es auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Männer machen Probleme, Frauen machen heile.

Wer sich über die Schlichtheit dieses Denkens wundert, erhält oft eine ebenso einfache Entgegnung: Aber so ist es doch! Von Natur aus! Männer und Frauen sind grundlegend verschieden, die einen vom Mars, die anderen von der Venus, weswegen sie auf der Erde einander so fremd sind. Und Männer haben sich halt den Part des Monsters verdient.

Die interplanetarische Geschlechtertheorie hat allerdings zwei Probleme, ein aktuelles und ein historisches:

Forscher finden keine Unterschiede in den Fähigkeiten der Geschlechter.

Über Männlichkeit wird schon seit 200 Jahren abfällig gedacht.

Dieses Denken ist keine neue Wahrheit, sondern selbst ein Klischee, so platt wie die Behauptung, Frauen seien nicht für ein Studium geeignet. Interessant ist allein, warum es so lange überleben konnte und noch heute salonfähig ist.

Sie werden verzweifelt gesucht, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Die Fahndung ernährt eine weltweite Forschungsindustrie. Gefunden hat sie bislang: fast nichts. Frauen sind kommunikativer? Nö. Männer und Frauen reden etwa gleich viel. Frauen sind weniger gewalttätig? Zumindest nicht in familiären Beziehungen, wo sie „zu einem fast gleichen Anteil wie die Männer“ Täter seien, wie der Politologe Peter Döge schreibt. Andere Forscher kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Frauen sind ethischer? Nein, sie antworten nur eher so, wie es sozial erwünscht ist.

Geschlechterunterschiede erstaunlich gering
So lassen sich alle menschlichen Regungen durchforsten, und stets erweisen sich die kognitiven oder emotionalen Differenzen zwischen den Geschlechtern als derart gering, dass dahinter keine unterschiedlichen Naturen zu vermuten sind.

Stattdessen sind die Forscher auf einen faszinierenden Effekt gestoßen: Sie können geschlechtliche Differenzen ziemlich einfach herstellen. Frauen schneiden in Tests als einfühlsamer ab? Nicht, wenn man den Männern sagt, sie seien ebenso empathisch – dann sind sie es auch. Männer haben ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen? Nicht, wenn man den Frauen erzählt, sie seien dazu ebenso begabt; dann erzielen sie ähnliche Testergebnisse. Das Verfahren nennt sich Priming, die Impfung mit oder gegen Geschlechterklischees.

Diesen Trick beherrscht auch die Gesellschaft. Und betreibt einen monströsen Aufwand, aus den so ungemein ähnlichen Geschlechtern doch ein paar Unterschiede herauszupressen. Nichts betonen wir so wie Geschlecht – nicht Rasse, nicht Religion, nicht Einkommen, nicht Herkunft. Wir tränken buchstäblich die ganze Welt mit Geschlecht, bis in banalste Details: Kleidung (Hemd Knopfleiste rechts – Bluse links), Haarmode (Frauen färben – Männer tunen), Lektüre („GQ“ – „Brigitte“), Fahrräder (Stange – keine Stange), Spielzeug (rosa – blau), Erziehung (Kampfsport für Mädchen: toll – Ballett für Jungen: igitt), Fernsehen („Nitro“ – „Germany’s Next Topmodel“), Politik (Verteidigung – Familie und Soziales).

Das wirkt, im Kleinen wie im Großen. Auf zwei Gebieten haben wir besonders auffällig und viel diskutierten Erfolg: bei Gehalt und Gewalt.

Gehalt, sprich: ökonomische Chancen, enthalten wir Frauen in höherem Maße vor als Männern – besonders eklatant in den Vorstandsetagen und auf Professorenstühlen, aber auch beim Durchschnittseinkommen. Diese Lücke schließt sich zwar, aber nur sehr langsam.

In Sachen Gewalt sorgt unsere Gesellschaft mit Akribie dafür, dass vor allem Männer Gewaltopfer und -täter sind. Wir rekrutieren Männer, wenn es um Sterben, Beschädigung oder Straftaten gehen soll, von der Armee bis zu gefährlichen Berufen. Und wir ziehen vor allem Männer für Verbrechen zur Rechenschaft, in bemerkenswerter Ausschließlichkeit: Nur fünf Prozent aller Gefängnisinsassen sind weiblich – eine historisch Mini-Quote, frühere Zeiten sperrten durchaus paritätisch ein. Aber unser Rechtssystem sieht vor allem Männer als Täter. Bei häuslichem Streit etwa wird in praktisch 100 Prozent der Fälle der Mann verhaftet, ganz gleich, was vorgefallen ist.

Männerphobie ist keine Erfindung des Feminismus
Wenn aber die Naturen der Geschlechter solche Differenzen nicht hergeben, bliebt nur unser gesellschaftliches Priming. Ein wesentliches Element davon ist die Männerphobie.

Üblicherweise wird den Feministinnen angekreidet, sie hätten die Abwertung des Männlichen erfunden. Aber das ist falsch. Die Philosophie vom schlechten, unmoralischen Mann ist weit vor dem Feminismus entstanden, zu Beginn der Moderne, um 1800. Vorher hielt man Männer wie Frauen für göttlichen Ursprungs, also im Prinzip für gelungen, aber zur Sünde neigend. Keines der Geschlechter war moralisch besser oder schlechter, aber Männer selbstverständlich zur Herrschaft berufen.

Innerhalb von zwei Generationen wurde diese Vorstellung umgekrempelt. Ein historisch einmaliger Diskurs hob um 1800 an, der Männer als das Zentralproblem der Gesellschaft beschrieb: als unmoralisch, egoistisch, emotionslos, triebgesteuert, gewalttätig, verantwortungslos. „Der Mann ohne weibliche Begleitung ist ein gefährliches Tier für die Gesellschaft“, schrieb 1779 der schottische Aufklärer William Alexander. Andere Denker unterstellten dem Mann eine „grausame und gleichgültige Natur“ und warnten, dass seine „Gefühllosigkeit die gesamte Gesellschaft“ vernichte. Nichts als ein „Stück kalter Vernunft“, nichts als „Härte und Gewalttätigkeit“ entdeckten Philosophen wie Humboldt, Fichte und Kant plötzlich im Manne – und empfahlen, dass „sich der Mann von seinem Geschlecht lossagen und sich dem Weiblichen nähern müsse, um wahrer Mensch zu werden“.

Die neu erfundene horrible Natur der Männer schloss nicht aus, diese doch noch zu guten Bürgern zu erziehen. Und sie sorgte dafür, dass die Benachteiligung der Frauen in Politik und Wirtschaft auf neue Weise legitimiert wurde: Nun mussten sie der Öffentlichkeit fernblieben, um daheim einen von der Moderne unvergifteten Raum zu schaffen.

Simple Erklärungen für die Komplexität der Moderne
Entscheidend ist, dass das neue Denken nichts mit dem Verhalten von Männern zu tun hatte. Aber viel mit der modernen Gesellschaft, die in jener Zeit sichtbar wurde: Arbeitsteilung, Individualisierung, Zerfall der Traditionen. Die neue Gesellschaft wurde gefeiert, aber ebenso gefürchtet, als bedrohlich, als unheimlich.

Auf vielschichtige Weise ist diese Bedrohlichkeit mit Männern verbunden worden. Das war keinesfalls zwangsläufig, aber so ist es gekommen. Seither entspricht dem Unbehagen an der Moderne das Unbehagen am Mann. Und umgekehrt. Wir halten Männlichkeit für eine wesentliche Ursache der modernen Probleme. Bis heute. „Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer“, schrieb das „SZ-Magazin“ ohne jeden Beleg, und die „Financial Times Deutschland“ träumte von den „Ausputzfrauen“, die die „Trümmer der Männer wegräumen“.

Wenn’s nur so schlicht wäre. Systemische Probleme des globalen Handels, der Euro-Zone und der überschuldeten Wohlfahrtsstaaten haben die Finanzkrise ausgelöst. Geschlecht hat damit nichts zu tun, auch das männliche nicht. Es dient nur noch aus blinder Gewohnheit zur Reduktion der Komplexität der modernen Gesellschaft. Aber mit der simplen Unterscheidung von Mann und Frau können wir uns unsere Welt längst nicht mehr erklären. Daher können wir auch das Männer-Bashing beenden. Nach 200 Jahren haben Männer ausgedient als Beelzebub der Moderne.

Um zu üben, ein Vorschlag: Wir verordnen uns ein Jahr Pause. In dieser Zeit darf Geschlecht nicht zur Erklärung der Komplexitäten unserer Welt herangezogen werden. Keine Sätze mehr, wie „Männer

haben die Finanzkrise erzeugt“ oder „Frauen sind die Lösung für globale Herausforderungen“. Keine Aussagen mehr, die mit „Männer sind…, Frauen sind…“ beginnen. Ein Jahr, in dem wir uns diese Simplifizierung verkneifen.

Und danach schauen wir mal, ob wir sie vermissen.

 

 

Bildquelle: Gerechtigkeit als nackte Frau mit Schwert und Waage, Lucas Cranach d. Ä. 1537 Öl auf Holz

Quelle: Dr. Christoph Kucklick

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