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Genealogie der Moral

15 Februar 2013 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Ein kleiner philosophischer Exkurs zu Friedrich Nietzsche (1844-1900)

Wie kein anderer Philosoph hat Friedrich Nietzsche durch seine Revolutionierung aller bestehenden Werte das Denken seiner Epoche, wie auch der Neuzeit beeinflusst. Seine These vom Übermenschen ist zwar zu seiner Zeit als Anmaßung eines ausbrechenden Größenwahnsinns betrachtet worden. Heute, über 100 Jahre später, ist nicht zu übersehen, wie Nietzsches Worte die Geschichte prognostiziert haben. Somit kann ohne Zweifel Nietzsche als ein Vordenker der Moderne angesehen werden, der den Mensch aus den Fesseln seiner Vormundschaft befreit und ihn selbstbestimmt sein Leben führen läßt.

Im Folgenden stellen wir beispielhaft für seine Denkweise eines seiner bekanntesten und provokantesten  Werke „Genealogie der Moral“ aus dem Jahre 1887 vor. Wie der Titel schon andeutet, nimmt hier Nietzsche eine Herleitung der Ursprünge der Moral vor. Ihn interessiert hierbei besonders die Geschichte der Entwicklung und die psychische Voraussetzung bestimmter moralischer Werte. In der Auseinadersetzung mit dem Thema wird klar, dass Nietzsche die vorherrschende Moral nicht als positiv sondern als Hemmung für das menschliche Leben empfindet.

In der Vorrede stellt sich Nietzsche die Frage, unter welchen Bedingungen der Mensch die moralischen Werturteile „Gut und Böse“ erfand, und welchen Wert diese Wertung selbst hat; und inwiefern sie die menschlichen Gedanken hemmen oder fordern.

Um dieses herauszufinden, ist es notwendig bis an die Wurzeln der Moral vorzudringen – daher ist es Nietzsches Ziel die Ursprünge der Moral aufzudecken. Er ist einer der wenigen, der sich der Moral durch eine genealogische Vorgehensweise nähert und moralische Werte an sich in Frage stellt: Was wäre, wenn im geläufigen Sinne moralisch böses Handeln letztlich gut wäre? Was, wenn eine moralische Tugend wie das Mitleid, wie es in Schopenhauers Mitleidsethik formuliert und eingefordert wird, nicht gut für den Menschen ist, sondern ihm letztendlich schadet? Soweit Nietzsches Gedanken in der Vorrede zur Genealogie der Moral.

Im ersten Teil beschäftigt sich Nietzsche mit den Begriffen „Gut und Böse“ und „Gut und Schlecht“. Bei der Analyse der Begriffe hinsichtlich ihres Ursprungs kommt er zu dem Schluss, dass Gut ein Begriff aus dem Machtbereich ist. Vornehme, Mächtige und Starke bezeichneten ihr Handeln als Gut, im Sinne von edel, mächtig und vornehm. Der Begriff Schlecht hingegen bezeichnete den einfachen, schlichten, armen Mann, den Pöbel.

Die Werte Schlecht und Gut haben also laut Nietzsche ihren Ursprung in der Herrenmoral, gut bedeutet in etymologischer Hinsicht vornehm, edel, stark; schlecht wird von den Begriff schlicht, gemein, pöbelhaft hergeleitet.

Mit der Änderung von Gut und Schlecht als Wertung zu Gut und Böse vollzieht sich nach Nietzsche eine Umwertung der Wertbegriffe durch priesterliche Wertungsweisen. Nun wird der Wille zur Macht und die Lebensbejahung der Starken als unmoralisch gewertet. Der Sklavenaufstand in Moral, wie es Nietzsche nennt, führt dazu, dass der „Gute“ nun der elende, arme, ohnmächtige, niedere, leidende Mensch ist, denn ihm allein gebührt die Seligkeit. Die Vornehmen und Gewalttätigen und Starken hingegen sind „böse“, grausam, unsittlich – ihnen droht die Verdammnis. Nietzsche spricht hier von einer Sklavenmoral, durch die das Böse eingeführt wird. Die Priesterkaste nutzt Gott als Machtmittel und eignet sich das Monopol der Sinngebung an. Der Sinn wird nicht mehr in einem erfüllten positiven Leben gesehen, sondern in der Erlösung vom Leben, der Erlösung durch Gott – denn die Moral der Selbstlosigkeit endet schließlich in Gnade.

Die Armen und Niederen finden durch die Sklavenmoral ein Mittel, um sich an den Vornehmen und Starken zumindest imaginär zu rächen: Ihnen gebührt das Himmelreich, während die unsittlichen Vornehmen, Herrschenden verdammt werden. Mit dem Einsetzen der Sklavenmoral erfolgt eine radikale Umwertung durch die Verschiebung des politischen Vorrangsbegriffs „gut“ in eine seelischen Vorrangsbegriff.

Aus dem Ressentiment, der Rache gegen die Herrschenden werden von der unteren Kaste Werte geboren: Gut und Böse. Es ist eine imaginäre Rache der Niederstehenden – während die Vornehmen aktiv handeln, wählen die Niederen als Ersatzhandlung die Imagination und das Ressentiment – ein Akt der geistlichen Rache. Durch die moralische Verurteilung – indem sie die anderen verurteilen und sich empören – kommen sie über Demütigung hinweg. Durch das Ressentiment schaffen es die Schwachen, angeführt durch die Priesterkaste, das vornehme Geschlecht durch Umdeutung zu überwältigen. Letztendlich findet in der Sklavenmoral eine Verführung durch Sprache statt; dem Starken wird nun seine Stärke zum Vorwurf gemacht. Die Priester kämpfen nicht gegen die Ursache des Leidens, sondern ihr Handeln ist im Grunde passiv – das Christentum dient letztlich nur zur Tröstung des Leidenden. Nietzsche sieht letztlich die Herkunft des abendländischen Guten aus der Ohnmacht heraus. Die Sklavenmoral führt schließlich zur Schwäche, Müdigkeit, Nihilismus und Demut des Menschen. Die jedoch von Nietzsche favorisierte Bestie zeichnet sich durch Kraft, Trieb und Wille zur Macht aus. Die priesterlich Moral führt hingegen zur Dämpfung des Lebensgefühls.

(vz)

Weitere Informationen zu diesem Thema:

William Blake – Gut und Böse

http://www.friedrich-nietzsche-stiftung.de/

http://www.klassik-stiftung.de/einrichtungen/kolleg-friedrich-nietzsche.html

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