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Das größte Mountainbike-Event der Welt

15 August 2010 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Wir stellen vor: Impressionen der Absa Cape Epic in Südafrika

In acht Tagen, 658 Kilometer von Kapstadt nach Oak Valley

Impressionen 2010:

Fünf Jahre nach seiner Premiere gehört das Cape Epic durch Südafrika zu den größten Mountainbike-Events der Welt. Kein anderes Abenteuer-Rennen hat mehr Profis und TV-Stunden zu bieten. Die Wurzeln des Cape Epic jedoch liegen in der bayerischen Provinz.

Kameras schwenken den Raum ab, aus dem Gewusel ragen Mikrofon-Galgen und Stative. Eine Armada von Kellnern rangiert mit Gratis-Häppchen durch aneinandergedrängte Plaudergrüppchen, die sich ausgelassen der Pressekonferenz entgegenschlemmen. Wer Glück hat, erwischt eines der Austern-Tabletts. Wer noch mehr Glück hat, eine Sitzgelegenheit. Die Hälfte der Stuhlreihen ist bereits von den kamerawirksam hindrapierten Profis belegt, die brav an mitgebrachten Aufbau-Shakes nuckeln. Kein gewöhnlicher Tag im touristisch beliebten Futterstübchen „Drydock“. Das wird auch ohne die farbgrellen Banner klar, die den Grund der Zusammenkunft knapp zusammenfassen: „The Magical and Untamend African MTB Race“ – „unglaublichstes und wildestes Mountainbike-Rennen Afrikas“.

Als schließlich Veranstaltungs-Regisseur Michael Hamel (40) ans Mikrofon tritt, wummern die Boxen auch noch den letzten verbliebenen Rest Normalität nach draußen ins beginnende Abendrot. „It’s my pleasure to show you!“, ruft Hamel kehlig wie Dieter Thomas Heck, mischt einen stampfenden Kirmes-Pop in die Moderation und feuert die Namen der Shake-Nuckler in den Raum. Laut, schnell, ekstatisch. Die Welt soll hören, dass hier nicht nur das wildeste, das härteste, das längste, eben das AB-SO-LUT UNGLAUBLICHSTE Rennen Afrikas läuft, sondern vor allem ganz, ganz großes Kino. „Roel Paulissen and Jakob Fuglsang!“  – „Christoph Sauser and Burry Stander!“  – „Karl Platt and Stefan Sahm!“…  Zwei Kirmes-Songs lang bollern Namen durch den Raum, die selbst wettkampfuninteressierte Biker schon einmal gehört haben dürften. „Das ist das hochrangigste Feld aller Etappenrennen in der Welt“, fasst Hamel seine Aufzählung schlussendlich zusammen. Dann hebt er erschöpft eine Dose Cola Light an seine trocken geredeten Lippen.

Noch vor ein paar Jahren hätte sich selbst Hamel nicht im Traum vorstellen können, einmal ein derartiges Staraufgebot anmoderieren zu können. Schon gar nicht bei einer eigenen Veranstaltung. Was im Wortsinn vielleicht nicht ganz richtig ist, denn Träume hat Hamel von jeher viele und große. Deshalb wurde der einstige Rennreporter und später als „Mike-Mike“ bekannt gewordene Veranstaltungs-Animateur auch hellhörig, als ihm bei der BIKE Transalp ein südafrikanischer Fahrer von heimischen Marathons mit 3 000 Teilnehmern berichtete. „Das klang interessant“, erinnert sich Hamel. Hamel witterte die einmalige Chance, nicht mehr länger nur Moderationssöldner bei Fremd-Events zu sein, sondern endlich selbst ein „richtig großes Ding“ aufzuziehen. Als er dann mit Kevin Vermaak (35) einen nach Mountainbike- Expeditionen verrückten Südafrikaner kennen lernte, wurde aus dem Traum schon mal Mathematik. Aus Kalkulationen reiften Konzepte, aus den Konzepten Verträge, aus den Verträgen schließlich das Rennen. Im bayerischen Bad Aibling, im kühl-modisch eingerichteten Wohnzimmer der Hamels, entstand im Winter vor sechs Jahren das heute größte Radsportereignis des afrikanischen Kontinents. Das Cape Epic, das mehr TV-Stunden zählt, als jedes andere Mountainbike-Rennen der Welt. Bei dem die 1 200 Startplätze unter 9 000 Bewerbern im Lotterie-Verfahren gezogen werden. Und bei dem es eine Star-Dichte gibt, wie sonst nur bei Worldcups. Eine neuntägige Hetzerei entlang der viel fotografierten „Gardenroute“, 966 Kilometer, rundum betreutes Camping inklusive. Der Team-Modus ist von der BIKE Transalp abgeguckt.

Übersteuerter Kirmes-Pop dröhnt über den Campus der Nelson Mandela Metropolitan University am Rande des Örtchens Saasveld. Es ist kurz vor sieben Uhr, gleich beginnt die zweite Etappe und Mike-Mike gibt sich alle Mühe, um die Morgenmüdigkeit aus dem Restdunkel zu vertreiben. „Put your hands up in the air! C’mon, c’mon, everybody, clap, clap, clap!“, feuert er an und ein paar der 17 Zuschauer tun ihm den Gefallen, während 20 Meter weiter oben der TV-Hubschrauber kreist. Vorne in der ersten Startreihe steht Karl Platt (30) und dehnt nervös die Nackenmuskeln. Für ihn zählt das Cape Epic zu den wichtigsten Rennen im Saisonkalender. „Letztens hat eine Bekannte aus Nowosibirsk angerufen, weil sie mich dort im Fernsehen gesehen hat“, erzählt der russischstämmige Deutsche: „NOWOSIBIRSK! Wie krass ist das denn?“ Platt und Team-Partner Stefan Sahm (31) waren die Schnellsten des vergangenen Jahres. Der Sieg hat sie ein kleines bisschen berühmt gemacht. Einmal seien sie sogar kurz auf RTL zu sehen gewesen, da sei der Sponsor vor Freude fast durchgedreht, erzählt Platt. Weil das nun einmal eine kleine Sensation ist in einer Radsportsparte, bei der Filmmaterial sonst höchstens für kostenpflichtige Erinnerungs-DVDs produziert wird. Vorgestern mussten sie vor der Presse auf einem Elefanten reiten, weil das so schön „afrikamäßig“ rüberkomme. 11 000 Kilometer haben Platt und Sahm in den letzten Monaten für die Titelverteidigung trainiert, doch nach dem Prolog und der ersten Etappe gestern liegen sie hinter den Führenden zurück. „Woah ey, ich habe mich gestern voll schwarzgefahren, wahrscheinlich ein Virus“, jammert Sahm und schüttelt die müden Beine, als könne er sich der Schwere einfach durch die Nylon-Maschen seiner Schuhe entledigen. „Hier wird so brutal gefahren. Immer Anschlag. Wer zuletzt explodiert, gewinnt die Etappe. Es geht einfach um so viel.“ Platt nickt stumm. Dann fällt der Startschuss. Königsetappe. „The hardest stage ever!“, müht sich Mike-Mike noch schnell um die höchst mögliche Dramatisierung des Moments.

Das Cape Epic ist Schwerstarbeit. Für die Fahrer noch am wenigsten; trotz Weckhupe um 5 Uhr morgens, unvergesslich staubigen Rüttelpisten, einem Untergrund wie aus Seramis-Kügelchen und glühender Mittagshitze. Die eigentliche Rekordleistung des Rennens liegt in der Durchführung. Alles, bis auf die Erde, auf der es steht, wird im täglichen Rhythmus hin-, auf-, um- und abgebaut, angeschlossen, benutzt, weitertransportiert: der Start- und Zielbereich, die 3 200 Einmannzelte samt Matratzen, die turnhallengroßen Festhallen, die Dixi-Klos, das Media-Center, die Chill-Out-Bar, die Bike-Waschanlage und natürlich die Duschkabinen. Die wurden speziell für das Cape Epic auf gewaltige Trucks montiert. Der Rahmen muss stimmen, schließlich schrumpft der Toleranzpuffer der Teilnehmer bei den stundenlangen Hetzereien auf ein Minimum. Damit dieser Rahmen stimmt, mühen sich mehr als 700 Helfer von 4:30 Uhr morgens bis in die Nacht. Nichts wird dem Zufall überlassen. „Wir haben die größten Trucks der Welt. Jede Kurve wird vorher berechnet. Und wenn es sein muss, versetzen wir Zäune und asphaltieren Straßen“, sagt Mike-Mike, als wären begleitende Straßenbaumaßnahmen die normalste Sache der Welt. Seit er das Rennen mitlenkt, denkt er nur noch in Superlativen. Am Geld jedenfalls scheitert es nicht. Mit der Bank Absa, sowie Adidas, Toyota und dem IT-Dienstleister MTN sichern vier Brachenriesen den Großteil des eineinhalb Millionen Euro unfassenden Budgets. Sämtliches Bildmaterial wird selbst produziert und kostenlos in alle Welt verschenkt, das ist der Trick. So hat jeder was davon. Die Medien, weil sie billig Seiten und Minuten füllen können; die Sponsoren, weil sie global präsent sind; die Organisatoren, weil die Geldgeber treu bleiben; die Profis, weil sie ihr Gehalt endlich auch mal mit Fernsehminuten rechtfertigen können. Und selbst die Etappenorte, weil ein Teil der finanziellen Überschüsse in soziale Projekte fließt. 5 400 TV-Stunden zählte das Cape Epic allein im letzten Jahr, Nowosibirsk zwar inklusive, einige Stunden aber tatsächlich auf quotenrelevanten Sendern. „Das ist der ganz große Hammer“, findet Mike-Mike und geht sich schickmachen. Gleich beginnt die einstündige TV-Show, live vom Camping-Platz.

Wie wichtig das Cape Epic vor allem für die afrikanische Bike-Szene ist, zeigen weniger die Zahlen, sondern vielmehr die Geschichten der Fahrer. Die von Trust Munangandu (25) und Jupiter Nameembo (25) aus Sambia zum Beispiel. Ihr Chef Jesper Lublinkhof stand letztes Jahr am Start und war von dem Rennen derart begeistert, dass er die beiden bei ihm angestellten Farmarbeiter nach Südafrika schickte. Gerade mal 150 Fahrer zählt der Radverband von Sambia, staatliche Gelder gibt es nicht. Das Rennen ist für die beiden die vielleicht einzige und letzte Chance ihres Lebens, sich für ein südafrikanisches Profi-Team zu empfehlen. Für das Rennen haben sie extra mit dem Mountainbiken begonnen und seitdem jede freie Minute trainiert. „Ich bin Mister Lublinkhof so dankbar, er zahlt sogar das Material und jeden Tag ein Power-Gel“, sagt Jupiter, trotz Pannen, Stürzen und Krämpfen hoch motiviert. Oder die Geschichte der Kenianer David Kinjah (36) und Davidson Kamau Kihagi (35). Die beiden leben in einer Wellblechhütte nahe Nairobi, in der Kinjah so etwas wie eine Kaderschmiede für Radsportler betreibt. Die Trainingshanteln sind aus Beton gegossen, die Bikes Material spenden, gehaltvolle Mahlzeiten immer knapp. Trotzdem hat Kinjah schon internationale Rennen gewonnen. Wegen der blutigen Stammesunruhen konnten die beiden dieses Jahr jedoch kaum trainieren. Am Ende der vierten Etappe musste Leistungsträger Kinjah sogar wegen Dehydrierung an den Tropf, in der Endabrechnung wurden die Kenianer Achtzehnte. „Zu Hause war es lange unmöglich, das Haus zu verlassen“, sagt Kinjah traurig. Für die Sponsorensuche braucht er dringend gute Cape-Epic-Ergebnisse. Robbie Powell (42), Anfang der Neunziger Südafrikanischer Landesmeister, bringt den Status auf den Punkt: „Durch das Cape Epic ist das Leistungsniveau in ganz Afrika extrem gestiegen. Alle trainieren härter, es gibt mehr Mountainbiker. Das Rennen ist wichtiger als die Afrikameisterschaft.“

Kameras schwenken das Gelände ab, aus dem Gewusel ragen Mikrofon-Galgen und Stative. Prominenz schwebt mit Helikoptern ein, das pompös inszenierte Finish auf dem Gelände des gigantischen Weinguts Lourensford will sich niemand entgehen lassen. Der Kirmes-Pop bummert, als Karl Platt und Stefan Sahm als Etappenerste um die Ecke biegen,  überschlagen sich spektakulär auf der Ziellinie beim Versuch, die letzten Meter in Fotopose zu fahren. Die Normalität hat Sendepause. Während der Wahnsinn seiner finalen Eruption entgegentobt, sitzt Mike-Mike im Ziel und sinniert über die Zukunft. Nächstes Jahr solle alles noch besser werden. Und größer natürlich. Dann denkt er angestrengt über Steigerungsmöglichkeiten nach: „Wir wollen jedes Jahr wachsen. Langsam wird es schwer. Umkleidezelte vor den Dusch-Trucks, das wäre noch ein Schritt nach vorne…“

Am 27. März-03. April 2011 ist es wieder soweit!

(fs)

Quelle:  Henri Lesewitz  http://www.lesewitz.de/v2/   /Cape Epic

http://www.cape-epic.com/

http://www.youtube.com/v/r7r5okg_N0A

http://www.youtube.com/v/k-I601Re92A

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