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Tierische Weihnachtsgeschichten

21 Dezember 2012 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Unsere amerikanische Wildkatze Charly liebte es, sich mitten in die flauschige Weihnachtsstadt zu legen, die wir jedes Jahr aufbauten.

Weihnachten mit Charly

Ilona Klawunn

Es ist schon lange her, da waren mein Mann und ich stolze Besitzer eines Wellensittichs. Racker hatte er geheißen und lebte mit uns 13 Jahre lang bis zu seinem Tod unter einem Dach. Fünf Jahre blieben wir danach ohne ein Tier. Dann aber besannen wir uns, daß ein Haustier doch etwas sehr Schönes ist, und
entschieden uns dieses Mal für eine junge Katze, besser gesagt für ein Katerchen. Chirocee, von uns nur liebevoll Charly gerufen, war eine amerikanische Wildkatze, grau gestromt, mit sehr langem, dichten Fell und einem nougatfarbenen Näschen. Seiner Rasse „Main Coon“ wird nachgesagt, sie sei der Hund unter den Katzen. Eine etwas kuriose Behauptung, die vielleicht neben einigen Eigenschaften dieser Tiere auch die beachtliche Größe meint, die sie erreichen können. Charly zog also bei uns ein. Ein halbes Jahr später kam Katze Gladys dazu, in ihrer Art sehr vornehm und schon zwei Jahre alt. Charly wuchs heran, aus dem kleinen Kerl wurde ein Prachtexemplar von Kater. Er machte im Gegensatz zu Gladys so manchen Unsinn und in seiner Spielleidenschaft auch viel kaputt. Aber wenn mich diese schönen
Katzenaugen nur ansahen, verzieh ich ihm alles.

Beide Tiere hatten die Angewohnheit, in die Badewanne zu springen, um Wasser aus dem dazu gehörenden Hahn zu trinken. Vor allem Gladys nahm oft schon im Flur Anlauf, um dann mit einem galanten Satz in der Wanne zu landen. Mit einem Mauzen machte sie mir darauf klar, daß nun der Wasserhahn aufgedreht werden müsse. So war ich es gewöhnt. Doch eines Tages im Winter drangen mir unbekannte, höchst alarmierende Geräusche bis in die Küche an mein Ohr. Nichts Gutes ahnend, rannte ich den langen Korridor bis ins Bad. Unterwegs kam mir schon eine triefend nasse und, wie mir schien, beleidigte Katze entgegen. Das Fell tropfte und hinterließ im gesamten Flur eine nicht zu verachtende Wasserrinne. Meine arme Katze, was war nur passiert?
Und dann sah ich das Blut an ihrem Kinn! Angst ergriff mich. Ich lief ins Bad. Mein Mann, der in dieser kalten Jahreszeit gerade ein entspannendes Vollbad nahm, sah mir verblüfft entgegen. Gladys hatte mal wieder im Flur Anlauf genommen und war zu ihm in die Badewanne gesprungen! „Gladys blutet“, jammerte ich und rannte zurück zur Katze, um sie abzutrocknen. Eine Wunde konnte ich dabei aber nicht feststellen. Etwas pikiert rief mein Mann aus dem Bad: „Die Katze blutet doch nicht, das ist mein Blut!“ „Gott sei Dank, dann ist ja alles in bester Ordnung“, war meine nicht eben teilnahmsvolle Reaktion auf seine Mitteilung. Gladys hatte wohl Halt gesucht und meinem Mann dabei mit ihren scharfen Krallen die Beine zerkratzt. Zurück blieb ein immer noch blutender und verdutzt dreinschauender Ehemann.

Oh, du fröhliche Weihnachtszeit!
Charly liebte Weihnachten, das heißt, eher die Weihnachtsdekoration. Vor allem hatte es ihm unsere beleuchtete Weihnachtsstadt angetan, die wir liebevoll mit viel Mühe auf dem zweieinhalb Meter langen Sideboard in der Küche alljährlich aufbauten. Besonders kuschelig fand er die Schneematten, auf
denen die Häuser standen. Also machte er die Weihnachtsstadt zu seinem Lieblingsplatz. Als er noch klein war, konnte ich den von allen Seiten beleuchteten Kater einfach aus der Stadt heben. Doch Charly wog mittlerweile acht Kilogramm, so wie es sich für einen Wildkater gehörte. Deshalb paßte er auch gar nicht mehr zwischen die Häuser. Doch immer, wenn ich ihm den Rücken zudrehte, versuchte er sein Glück, wobei so manches Haus auf dem gefliesten Küchenfußboden landete und zu Bruch ging. Ich war schon manches Mal den Tränen nahe beim Anblick der schrumpfenden Weihnachtsstadt.
Auch das Einpacken der Weihnachtsgeschenke wurde zum Kampf mit Charly. Kaum hatte ich das Geschenkpapier ausgerollt, um ein passendes Stück abzuschneiden, war auch schon flugs der Kater da und machte es sich auf dem Papier gemütlich. Alles Schimpfen und Schieben nutzte nichts.

In einem Jahr, dem Tag vor dem Heiligen Abend, jagten sich Charly und Gladys in der Küche. Oben auf unserer Eckbank stand ein Holzweihnachtsbaum, bestückt mit kleinen Lichtern. Mein Schwager Fritz hatte ihn mit viel Mühe und Sorgfalt selbst gefertigt. Beim wilden Umhertollen der Katzen sauste Charly unter diese Bank und verfing sich dabei im Kabel der Lichterkette. Er schrie, maunzte und war voller Panik. Je mehr er sich zu befreien versuchte, um so mehr verwickelte er sich in die Strippen. Mein Mann, der schon Urlaub hatte, eilte herbei, um den Kater zu befreien. Am Ende strangulierte sich unser Liebling noch mit dem Kabel! Er kam jedoch kaum an den Kater unter der Bank heran. Und dann passierte es! Als er blind unter der Bank nach Charly  tastete, biß dieser ihm in seiner großen Not in die Hand und ließ nicht mehr los. Erst nachdem ich ein Kabel zerschnitten hatte, schaffte es mein Mann, sich und den Kater zu befreien.

Über Nacht entzündete sich die Bißwunde, wurde dick und rot. Also mußten wir am Morgen des Heiligen Abends noch zum Arzt. Der schaute beim Anblick der Hand sehr ernst drein und wollte meinen Mann sofort ins Krankenhaus überweisen, zumal auch die Feiertage bevorstanden. Aber der wollte mit „so einer Lappalie“ nicht in die Klinik. Im Laufe des Tages bekam er Fieber, die Hand schwoll immer mehr an, so daß man meinte, die Haut platze gleich. Die Entzündung war bemerkenswert. Der Arzt, wohl dergleichen befürchtend, hatte vorsorglich eine bestimmte Stelle des Handgelenks mit Kugelschreiber markiert. Überschritten Entzündung und Schwellung diese Stelle, müsse der Patient aber sofort in die Klinik. Gott sei Dank traf das nicht ein, das Fieber sank nach zwei Tagen, die Entzündung ging langsam zurück. Ich muß gestehen, ich hatte große Angst um meinen Mann gehabt. Täglich wollte ich ihn mindestens fünfmal in die Klinik schicken. Zum Glück wurde es ja nun besser. Was ich jedoch erst viel später erfuhr: Der störrische Patient hatte heimlich den Kugelschreiberstrich des Arztes immer der fortschreitenden Schwellung angeglichen!

Ja, es gab kein ruhiges Weihnachtsfest mehr bei uns. Meine Weihnachtsdekoration wurde von Jahr zu Jahr immer weniger. Unser ganzer Stolz war alljährlich der etwa zweieinhalb Meter hohe Weihnachtsbaum, geschmückt mit Kugeln und goldenen Girlanden. Was soll ich sagen?

Charly war fasziniert von dem Baum, von den Kugeln und von den Girlanden. Entweder zog er mit dem Maul an den Girlanden, bis sie sich lösten und der Baum dabei bedenklich wackelte, oder er nahm Anlauf, um dann mit seinen großen Pfoten gegen die Glaskugeln zu patschen, bis sie abfielen. In der unteren Etage des Baumes gab es schon keine Kugeln mehr. Durch den Teppich überlebten die Kugeln den Angriff, aber so manche fanden wir in der Küche auf den Steinfliesen, in tausend Teile zersprungen – was ja auch nicht gerade ungefährlich für Charly war. Und irgendwann geschah, was geschehen mußte: Kater Charly brachte mitten in der Nacht den Baum zu Fall. Zweieinhalb Meter Weihnachtsbaum, liebevoll geschmückt, lagen lang auf dem Boden im Wohnzimmer! Kugeln rollten uns entgegen, einiges war zu Bruch gegangen. Wir waren einem Herzinfarkt nahe. Dann wurde mir heiß: Wo war Charly?
Im Halbdunkel hatte ich noch etwas Graues flüchten sehen, aber ich war mir nicht sicher: Hatte er es geschafft, dem Baum zu entkommen oder war er von ihm erschlagen worden? Die schlimmsten Bilder tauchten vor meinen Augen auf. Was kümmerte mich der Weihnachtsbaum, wenn nur dem Kater nichts passiert war! Mein Mann hob die Tanne an, von Charly keine Spur. Ich atmete auf, Glück gehabt! Mitten in der Nacht sammelten wir die Scherben vom Teppich. Mein Mann stellte den Christbaum mühevoll wieder auf, befestigte einen Haken an der Wohnzimmerdecke und drahtete die Baumspitze dort an. „Katzensicher“, stellte er zufrieden fest. Bevor wir müde wieder ins Bett gingen lugte Charly neugierig, aber irgendwie doch verstört um die Ecke.
Mittlerweile sind ein paar Jahre vergangen, Charly und Gladys leben nicht mehr, aber wir wissen dennoch nie, wie das nächste Weihnachtsfest sein wird – denn nun haben wir Fellow und Braisdy!

Die Geschichte ist dem Buch Der Igel in der Weihnachtskrippe und andere Tiergeschichten entnommen:

 

Der Igel in der Weihnachtskrippe und andere Tiergeschichten
Erinnerungen 1925-2004
Zeitgut Originalausgabe,
192 Seiten mit vielen Abbildungen,
Ortsregister, gebundene Geschenkausgabe,
Zeitgut Verlag, Berlin.
ISBN 978-3-86614-212-1, Euro 9,95

 

www.zeitgut.com

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