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GUADARUN

16 September 2015 2 Kommentare PDF Drucken Drucken

GUADARUN – Inselhappening auf den Kleinen Antillen

 6 Etappen auf 6 Inseln und 135 exotische Laufkilometer – Team-androgon war dabei…

Schon seit 15 Jahren gibt es einen wunderschönen, kleinen und familiären, bei uns so gut wie unbekannten Abenteuerlauf durch das Inselarchipel von Guadeloupe, das zusammen mit Martinique, Saint-Barthélémy und Saint-Martin zu den Französischen Antillen gehört. Diese wiederum sind Teil der Kleinen Antillen, einem 1000 km langen Inselbogen der von Anguilla im Norden bis nach Trinidad im Süden reicht und die Ostgrenze der Karibik bildet. Die Hauptinsel des französischen Überseedepartements hat die Form eines Schmetterlings, wobei jeder Flügel, durch ein Mangrovengebiet getrennt, ein eigenes, landschaftlich völlig unterschiedliches Eiland darstellt: das flachere Grand-Terre mit der Hauptstadt Pointe-à-Pitre und das von tropischem Regenwald beherrschte Basse-Terre mit dem 1467 m hohen aktiven Vulkan La Soufrierè, dem höchsten Berg der Kleinen Antillen. Zu Guadeloupe gehören noch vier bewohnte Satelliteninseln die als Dependancen bezeichnet werden: Die ehemalige Sträflingsinsel La Désirade, die flache Zuckerrohrinsel Marie-Galante, sowie die bretonisch besiedelten Les Saintes mit Terre-de-Haut und Terre-de-Bas. Und schon hat man die äußerst delikaten Zutaten für den Guadarun: 6 Etappen auf 6 Inseln, mit völlig unterschiedlichem Landschaftscharakter – insgesamt 135 exotische Laufkilometer durch bizarre Tropenlandschaften mit Traumstränden, Bergen, Dschungelpfaden, einsamen Buchten und Regenwald.

Der erste Arbeitstag beim Guadarun beginnt bei Regen und 5°C in aller Herrgottsfrühe am nasskalten Frankfurter Rhein-Main Airport. Wenige Stunden später Treffpunkt der über 60 Laufenthusiasten aus 6 Ländern am Pariser Flughafen Orly, zum 7-stündigen Air France Flug nach Pointe-à-Pitre. Prickelnder Empfang durch „Miss Dauphine“, guadeloupische Schönheitskönigin, die nicht nur zum repräsentieren angetreten ist. Aude Belenus, wie die hoch gewachsene, aparte, Kaffeebraune Schönheit mit bürgerlichem Namen heißt, wird die gesamte Tour als Helferin begleiten. Das gehört zum Konzept von Lucien Datil, dem Einheimischen Erfinder des Laufes, der fast seinen ganzen Familienclan im Helferstab rekrutiert hat und sämtliche Etappen selbst mitläuft. Lucien bugsiert Teilnehmer und Gepäck sogleich in bequeme Reisebusse für den Transfer quer über die Insel zum Fährhafen St. Francois, wo die einstündige Überfahrt nach La Désirade beginnt, die rund 10 km vor der Ostspitze von Grande-Terre liegt. Von weitem erinnert die Form der 11 km langen, 2 km breiten und 273 m hohen Insel an den Rumpf eines umgekippten Schiffes. Am Plage Beauséjour, direkt neben dem Hauptort Grande-Anse, wird bei einbrechender Dunkelheit das erste Camp aufgebaut. Dazu erhält jede Läuferin und jeder Läufer sein persönliches „2-Minuten-Zelt“, das durch ein spezielles Spannsystem tatsächlich in der genannten Zeit einwandfrei steht. Voila – so endet der Tag bei 25°C am Strand unter Palmen und einem herrlichen Vollmond. Was für eine Kulisse, welch ein Kontrast!

Christoph Kolumbus entdeckte La Désirade auf seiner zweiten Expedition im Jahre 1493 nach einer langen und entbehrungsreichen Überfahrt. Aus diesem Grunde nannte er sie auch „La Deseada“ – die Ersehnte. Ruhe und Einfachheit zeichnen diesen tafelförmigen Kalksteinfelsen mit 1600 Einwohnern aus, der auf einem vulkanischen Sockel ruht. Mit 27 km ist die ersehnte erste Etappe nicht nur knackiger Auftakt, sondern zugleich ein komplettes Inselsightseeing. Zuerst 10 wellige Kilometer über die D 207, der einzigen Straße auf Désirade, bis zu den Ruinen der alten Leprastation, die 1728 errichtet wurde und 200 Jahre in Betrieb war. Ab 1763 wurden dann auch Straftäter auf die Insel verbannt. Gleich darauf wird an der Ostspitze Désirades der Leuchtturm am Pointe Double passiert. Ein spontaner Beobachtungshalt beschert dem neugierigen Reporter die spannende Begegnung mit einem fast halben Meter großen und gar nicht scheuen Riesenleguan! Ernüchterung bringt der steile Aufstieg auf das 273 m hoch gelegene Kalkplateau Grande Montagne in der Mittagshitze, das auf Schotterpisten, vorbei an mehreren Windkraftwerken, bis zu einer Wallfahrtskapelle überquert wird. Nach steilem Abstieg ergänzen dann anspruchsvolle Küstentrails die komplette Umrundung von La Désirade.

90 Fährminuten weiter südlich erwartet uns die Zuckerrohrinsel Marie-Galante, mit 158 Quadratkilometer größte und nur 150 m Höhe flachste der Satelliteninseln des Archipels Guadeloupe. Kolumbus, der sie am 3. November 1493 sichtete, gab ihr den Namen seines Flagschiffs „Santa Maria Galanda“. Im frühen 18. Jahrhundert gab es auf Marie-Galante an die 100 Zuckerfabriken. Heute ist Grande Anse im Hauptort Grand-Bourg die letzte Fabrik die sich halten konnte. Außerdem sind noch 3 Destillerien in Betrieb. Der hier produzierte Rum gehört zu den erlesensten Tropfen weltweit. Der reizvolle Strand Plage de la Feuillère bei Capesterre im Südosten der fast kreisrunden Insel mit ihren 14.000 Einwohnern ist für eine Nacht unser Quartier. Früh am nächsten Morgen Aufbruch zum Halbmarathon, dessen Strecke die vielfältige Vegetation von Marie-Galante widerspiegelt. Steppen- und Weideland, Dornenbüsche, herrliche Singletrails durch saftige, feuchte Wälder und entlang der zerklüfteten Küste mit ihren rasiermesserscharfen Kalksteinformationen sind eine wahre Delikatesse. Und knallharte Herausforderung für die zwei Laufgruppen der Dunes de Espoire, einem im Jahre 1999 gegründeten Verein mit rund 100 Mitgliedern. Ziel der Vereinigung ist es, Behinderte Jugendliche auf dem Joelette, einem 2700 Euro teuren und geländegängigen Gefährt, über die größten und anspruchsvollsten Laufstrecken der Welt zu transportieren. Eine Knochenarbeit, für die mindestens drei und maximal acht Läufer notwendig sind.

Und weiter geht’s – eine Stunde westlich von Marie-Galante liegt das Archipel der Les Saintes mit acht kleinen Inselchen. Die beiden einzigen bewohnten Inseln beherbergen insgesamt 3000 Menschen und sind Schauplatz der folgenden Etappen. Und ja, auch sie wurden von Kolumbus entdeckt, der ihnen den Namen „Los Santos“ nach dem gerade begangenen Feiertag Allerheiligen gab. Die Ankunft an der berühmten tiefblauen Bucht von Terre-de-Haut, größtes Eiland der Les Saintes (3 x 4 km), ist atemberaubend! Das Leben hier ist beschaulich, recht französisch in seiner Erscheinung und von vorwiegend mediterraner Ausstrahlung. Vulkanische Hügel und tiefe Buchten prägen die Landschaft. Ein 1 ½ km langer Fußmarsch bringt die Truppe nach Pont-Pierre, ein wunderschöner, von Riffen geschützter Strand mit feinem, braunem Sand. Die wie ein Hufeisen geformte Bucht wird zwei Tage lang als Läufercamp dienen.

Morgens um sechs geht es mit der Fähre über die 3 km breite Passe du Sud rüber nach Terre-de-Bas, wo in einem lauschigen Restaurant erst mal ein gepflegtes Frühstück serviert wird. Dieses bildet die Grundlage für 15 heiße und trockene Kilometer, die mit zwei steilen Bergen garniert sind. Natürlich erst nach angemessener Verdauungszeit! 8 km einspuriger Betonpiste die die beiden einzigen Ortschaften dieser ruhigen und friedlichen, von Nachfahren afrikanischer Sklaven bewohnten Insel verbindet, folgt ein knackiger und anspruchsvoller Trail durchs Unterholz. Dazwischen eröffnen sich immer wieder beeindruckende Ausblicke auf den zerklüfteten Inselarchipel von Les Saintes. Nach getaner Arbeit wird ein Mittagessen in 3 Gängen serviert und am frühen Nachmittag sind wir wieder zum relaxen zurück an unserem Traumstrand.

Die 4. Etappe hat eine historische Dimension. Auf den Tag genau vor 230 Jahren kam es auf dem Kanal zwischen den Saintes und der Nachbarinsel Dominica zum „Trafalgar der Antillen“. Unter dem Kommando von Admiral Rodney standen die Engländer der von Admiral Comte de Grasse geführten französischen Marine gegenüber. Die Schlacht endete für die Franzosen mit dem Verlust ihrer gesamten Flotte. Verlustfrei verläuft der 15 km-Lauf, bei dem keine Ecke und kein Berg von Terre-de-Haut ausgespart wird. Auf Trails zum Morne Morel (136 m), auf Asphalt zum Fort Napoleon (120 m), im Slalom durch Touristenhorden im Hafen, auf fast senkrechten Betonpisten zum Le Chameau (309 m, höchster Berg der Insel) und auf tiefen Sandpassagen über den rauen Strand von Grande Anse. Läuferisches Multitasking! Dabei immer wieder malerische Ausblicke auf die Bucht, in der gerade ein mondäner Fünfmaster des Club Med ankert.

Nur eine halbe Stunde mit dem Boot ist es bis zum „Festland“ von Guadeloupe, wo auf Basse-Terre, dem linken „Schmetterlingsflügel“ die Königsetappe ausgetragen wird. Spielplatz sind die mit Feuchtwald bedeckten Flanken des Vulkans Piton de la Soufrière, wo auf einer Wendepunktstrecke 24 km mit jeweils 1100 Meter im Auf- und Abstieg zu beackern sind. Nach 6 Kilometern Anlauf durch offenes Gelände nimmt uns dunkler, feuchter und schlammiger Bergdschungel auf. Dauerregen verwandelt die steilen und von dickem Wurzelwerk durchzogenen Pfade in Schlammrutschbahnen. Durch knietiefen Schlamm und dichte Nebelschwaden arbeiten wir uns auf allen Vieren hoch bis zum Wendepunkt an einer Berghütte in 1100 Metern Höhe. Für den Abstieg half dann nur noch ein Stossgebet! Diese technisch schwierigste Etappe bevorzugte die erfahrenen und kampferprobten Abenteuerläufer. Für die „Lauftouristen“ war heute das Limit erreicht, ein halbes Dutzend Teilnehmer muss das Rennen vorzeitig beenden. Was für ein Glück, dass der Zieleinlauf im Jardin d’Eau (Wassergarten) stattfindet, wo aus den Schlammzombies wieder Menschen werden. Denn sonst wäre der anschließende Umzug ins 3-Sterne-Hotel Golf Village problematisch geworden…

Das kalkhaltige Inselplateau von Grand-Terre verlangt mit der finalen und längsten Etappe über 33 km noch einmal Standvermögen. Die faszinierende Küstenlandschaft mit weißen Sandstränden, türkisfarbenen Lagunen und unzähligen, zackigen Trails ist purer Laufgenuss. Mit einer feierlichen Siegerehrung am Abend findet dann das einwöchige Insel-Hopping seinen würdigen Abschluss. Die ersten 3 Plätze machen die Einheimischen unter sich aus, der Sieger Fred Lengai (Gesamtzeit 12:49:26 h) kommt aus Marie-Galante. Schnellste Frau ist die Französin Laetitia Pibis auf dem 6. Gesamtplatz in 15:28:40 h.

Fazit: Ein faszinierender Insellauf mit herzlicher und sehr familiärer Organisation. Die Vielfalt der Inseln und ständig wechselndes Laufterrain stellen eine besondere Herausforderung dar. Auf Schritt und Tritt begegnen einem die Zeugen der turbulenten Vergangenheit des Archipels.

Der 17. Guadarun läuft vom 26.03. – 03.04.2016. Das Inselabenteuer ist nur einen Klick entfernt: www.guadarun.com

(ss) Stefan Schlett

 

Bildquelle: Wieland Vosseler

 

 

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