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Fotorealismus

7 Januar 2013 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Ralph Goings, Airstream, 1970, Öl auf Leinwand, museum moderner kunst stiftung ludwig wien, Leihgabe der Sammlung Ludwig, Aachen © Ralph Goings

Malen mit der Kamera

8. Dezember 2012 bis 10. März 2013

Die große Bilderschau in der Kunsthalle Tübingen bietet erstmals einen Gesamtüberblick über den Fotorealismus. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Anfängen der Bewegung, die in den USA der 1960er-Jahre mit faszinierend realistischen Öl- und Acrylgemälden auf die Bühne trat. Von dem New Yorker Galeristen Louis Meisel benannt und gefördert, erlangte der Fotorealismus 1972 bei der Documenta seinen internationalen Durchbruch. Neunzehn Begründer der Bewegung, darunter elf Documenta-Künstler, sind in Tübingen vertreten. Darüber hinaus zeigt eine prominente Auswahl von dreizehn jüngeren Künstlern, wie sich der fotorealistische Ansatz mit neuen technischen Möglichkeiten fortentwickelt hat. Nach Tübingen wird die 54 Werke umfassende Ausstellung im Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid und im Birmingham Museum zu sehen sein.

Als in den 1960er-Jahren junge amerikanische Künstler unabhängig voneinander nach Fotovorlagen zu malen begannen, bot ihnen der New Yorker Galerist Louis Meisel eine gemeinsame Plattform. Er war es auch, der anlässlich einer Ausstellung 1969 den Begriff »Fotorealisten« prägte und eine erste Definition dafür abgab: Es handele sich um Künstler, die »ganz ungeniert die Fotokamera für ihre malerischen Vorlagen« verwenden, die ebenso selbstverständlich für die Übertragung der Motive auf die Lein-wand technische Hilfsmittel, etwa Diaprojektoren, in Anspruch nehmen und doch vor allem mit Disziplin und handwerklicher Fertigkeit Bilder vollenden, die sich an fotografischen Qualitäten orientieren. Meisels Engagement für die neue Bewegung war mutig, hatten doch Alfred H. Barr, der Gründungsdirektor des Museum of Modern Art in New York, und der einflussreiche Kunstkritiker Clement Greenberg die Abstraktion als unumkehrbares Entwicklungsziel der Moderne festgelegt. Die fotorealistische Malerei galt daher als doppelter Tabubruch: weil sie realistisch ist, und weil sie sich an der Fotografie orientiert, was der gängigen Meinung nach der künstlerischen Freiheit entgegenstehe. Schon die wenige Jahre älteren Pop-Art-Künstler hatten sich gegen die elitäre Kunstauffassung Barrs und Greenbergs aufgelehnt, als sie die Grenzen zwischen Hochkultur und Alltagskultur niederrissen. Diesen geradezu revolutionären Weg verfolgen die Fotorealisten auf ihre Weise mit großer Konsequenz weiter. Dank der Fotografie gelingt es ihnen, die normalen Dinge der Welt in die Kunst hineinzuholen und sie überdem durch die gewählten Ausschnitte und Lichtmomente in oft berückend schönem Glanz auf ihren Gemälden erstrahlen zu lassen.

Als der Fotorealismus 1972 bei der Documenta 5 seinen internationalen Durchbruch feierte, reagierte die auf abstrakte Kunst abonnierte Kunstkritik nahezu einhellig negativ. „Pedanterie ersetzt Genie“, so spottete die Frankfurter Allgemeine Zeitung beispielsweise. Doch das Publikum gab den jungen Amerikanern Recht. Endlich wieder eine Malerei, die zu verstehen war – und zu genießen! Schon früher hatten Künstler, darunter Eugène Delacroix, Edgar Degas oder Ernst Ludwig Kirchner, nach fotografischen Vorlagen gearbeitet. Die historische Leistung der Fotorealisten besteht jedoch darin, dass sie sich dazu bekannten. Ihre Gemälde bringen zur Anschauung, dass sie Bilder von Bildern sind. Ihre kompositorische Ästhetik ist von der Fotografie geprägt. Damit sind die Fotorealisten ideengeschichtlich auf der Höhe ihrer Zeit: Richard Rorty, Philosophieprofessor an der Princeton University, hatte 1967 den  »linguistic turn« in einer gleichlautenden Anthologie als Devise ausgerufen und damit der Vorstellung Vorschub geleistet, dass Erkenntnis Teil eines Sprachspiels sei, das mit einer außersprachlichen Wahrheit nichts zu tun hat. Der Fotorealismus kann für sich in Anspruch nehmen, einen vergleichbaren Paradigmenwechsel in der Kunstgeschichte eingeleitet zu haben. Er steht am Anfang einer kraftvollen Entwicklungslinie der Malerei, die, vertreten etwa durch Gerhard Richter oder Neo Rauch, mit großer Selbstverständlichkeit von einer Selbstreferenzialität der Bildwelten ausgeht.

Es gehört zu den Programmschwerpunkten der Kunsthalle Tübingen, die historischen Bedingungen der zeitgenössischen Kunst zu präsentieren. In jüngerer Zeit erstreckt sich dieser Anspruch auch auf die heute klassisch gewordenen Positionen der Nachkriegskunst. Mit dem Fotorealismus wird eine der wichtigsten davon erstmals umfassend und in ihrer Wirksamkeit für die Gegenwart präsentiert. Das in Tübingen startende Ausstellungsereignis würdigt in der Hauptsache diese Pionierleistung der frühen amerikanischen Fotorealisten der 1960er und 1970er-Jahre. John Baeder, Robert Bechtle, Charles Bell, Tom Blackwell, Chuck Close, Robert Cottingham, Don Eddy, Richard Estes, Audrey Flack, Franz Gertsch, Ralph Goings, Gus Heinze, John Kacere, Ron Kleemann, Richard McLean, Jack Mendenhall, David Parrish, John Salt oder Ben Schonzeit – diese Begründer der Bewegung sind mit mit 34 Werken vertreten, wobei 26 Arbeiten aus den frühen Jahren von 1967 bis 1982 stammen. Zu sehen ist etwa Telephone Booths, ein verwirrendes Spiel aus Durchsichten und Spiegelungen auf den gläsernen und metallischen Oberflächen des New Yorker Großstadtlebens, das Richard Estes 1967 malte und 1972 auf der Documenta präsentierte. Ebenso auf der Documenta war Airstream, die Ansicht eines stromlinienförmigen Campingwagens, in dessen silbriger Aluminiumhaut sich auf Ralph Goings Gemälde von 1970 das flirrende Licht einer amerikanischen Wüstenlandschaft verfängt; oder Honda, das Plakatbild der Ausstellung, eine wundervolle Nahsicht auf den Motorblock der legendären Honda CL450 Scrambler, die David Parrish 1972 festgehalten hat.

 

Doch die Ausstellung hat noch Weiteres zu bieten. Sie verfolgt die von dem Namensgeber und Promotor der Bewegung Louis Meisel fördernd begleitete Entwicklungslinie des Fotorealismus bis in die Gegenwart. An einer Auswahl aktueller Künstler macht sie deutlich, wie sich der Ansatz mit den neuen fototechnischen, digitalen aber auch ideengeschichtlichen Möglichkeiten weiterentwickelt hat. Die jüngere Generation der Fotorealisten ist mit Anthony Brunelli, Davis Cone, Robert Gniewek, Clive Head, Don Jacot, Ben Johnson, Bernardo Torrens, Roberto Bernardi, Peter Maier, Yigal Ozeri, Robert Neffson oder Raphaella Spence international prominent besetzt. Als Beispiele für die Unterschiedlichkeit der neuen Ansätze seien der 1974 geborene Italiener Roberto Bernardi hervorgehoben, der Studioaufnahmen von Stillleben mit höchster fotorealistischer Präzision und barocker Lichtdramatik in Szene setzt; oder der 1946 geborene Brite Ben Johnson, der in einem mehrjährigen Entwicklungsprozess unter Zuhilfenahme von Grafikprogrammen, computergesteuerten Schablonenschneidern und Airbrushpistolen ganze Stadtlandschaften auf der Leinwand nachkonstruiert. Außer im großen Saal, der den Hauptwerken der zentralen Vorreiter des Fotorealismus gewidmet ist, ermöglicht es die Hängung, direkt zwischen Altmeister und Weiterentwickler zu vergleichen. Die Räume der 51 Gemälde und 3 Arbeiten auf Papier umfassenden Schau sind nicht chronologisch, sondern thematisch gegliedert: Nach Architektur im untersten Kabinett folgen Stadtszenen, Chrom, Erotik, Fahrzeuge und die Welt des Konsums in den oberen Kabinetten. Nach Tübingen wird die in Kooperation mit dem Tübinger Institut für Kulturaustausch entwickelte, im wahrsten Sinne glanzvolle Bilderschau im Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid sowie im Birmingham Museum präsentiert.

 
Weitere Informationen: 
Kunsthalle Tübingen
Philosophenweg 76
72076 Tübingen
www.kunsthalle-tuebingen.de
 

Quelle / Bildquelle: Kunsthalle Tübingen

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