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Laufen & ITBS

31 Januar 2013 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

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Medizinische Kolumne zur sportlichen Gesundheit

Der renommierte Sportarzt Dr. med. Rudolf Ziegler, Leiter der sportmedizinischen U-Stelle des Kreises Bergstraße in Heppenheim und Chefredakteur des Fachmagazins “Puls aktiv”, konnte von androgon als medizinischer Berater gewonnen werden. Er betreut seit einem Jahr das Extremsport-Team androgon und stellt aus seiner Sprechstunde wöchentlich für alle Extremsportler und sportlich Interessierten seine medizinischen Tipps vor.

Als nächsten Beitrag stellen wir nun die Beratung eines Läufers mit Schmerzen an der linken Beinaußenseite im Bereich der Hüfte vor.

Stefan F. fragt:

Hallo Herr Dr. med. Ziegler,

zu meinem Problem: Seit ca. einem Jahr Schmerzen an der linken Beinaußenseite im Bereich der Hüfte. Der Knochen ist an dieser Stelle gut tastbar. Diese Probleme habe ich in Folge einer Überlastung (Münster Marathon 2011). Ich habe in der Vorbereitung zu schnell meinen Laufumfang gesteigert. Zunächst habe ich den Schmerz leider ignoriert und in geringem Umfang weiter trainiert. Irgendwann sind die Schmerzen stärker geworden und ich konnte auf dieser Seite nicht mehr liegen und dadurch auch schlechter schlafen. Schmerzmittel (Voltaren) haben keine Veränderung erzielt. Ich war beim Sportarzt, der eine Schleimbeutelentzündung diagnostizierte, dies aber nicht per Ultraschall bestätigen konnte. Er konnte nichts für mich tun. Bei einem weiteren Sportarzt wurde die Hüfte mit einem Röntgenbild betrachtet. Auch hier keine Problematik. Es wurde ein M. piriformis-Syndrom diagnostiziert. Nach erfolgter Physiotherapie und mehreren Spritzen (entzündungshemmend) keine Veränderung der Schmerzsymptomatik. Mittlerweile ist der Schmerz auch bei Alltagsbelastung zu spüren. Nach 3-monatiger totaler Sportpause habe ich eine leichte Veränderung festgestellt. Ich kann mittlerweile wieder auf der Seite liegen und schlafen. Belastungen sind jedoch nach wie vor nicht möglich. Ich kann derzeit nach wie vor nicht laufen. Meine Lebensqualität ist schwer gesunken. Ich habe mittlerweile Angst, überhaupt nicht mehr laufen zu können. Auch fällt mir das Treppensteigen schwer. Radfahren geht auch nur schlecht, da die Schmerzen danach stärker sind. Was kann ich noch machen? Was meinen Sie dazu?

Sportarzt Dr. med. R. Ziegler aus Heppenheim antwortet:

Ihr geschildertes Schmerzsyndrom „riecht“ nach ganz massiv nach einem sogenannten ITBS (ilio-tibiales Bandsyndrom). Zum besseren Verständnis zunächst ein bisschen Anatomie vorneweg: Der sogenannte Tractus iliotibialis (ilio-tibiales Band) ist eine Sehnenplatte an der Außenseite der Oberschenkel, die sich von der Außenseite des Darmbeinkamms bis zum seitlichen Schienbeinkopf erstreckt. Unter funktioneller Einbeziehung des Musculus tensor fasciae latae und der oberen 2/3 des Musculus gluteus maximus, die von vorn bzw. von hinten einstrahlen, hat diese Sehnenplatte die Aufgabe, mittels gezielter seitlicher Vergurtung des Oberschenkels die Biegungsbeanspruchung des Oberschenkelknochens während der Landephase beim Laufen zu reduzieren. Bei einer Über- bzw. Fehlbelastung diese Tractus iliotibialis kann es im Extremfall zu stechenden Schmerzen im Bereich des Schienbeinkopfs kommen und zwar speziell in der Landephase. In der Sportmedizin spricht man bei einer solchen Symptomatik auch vom „Runner’s knee“. Oftmals macht sich die Überbeanspruchung aber nur über einen dumpfen Schmerz im Bereich des seitlichen Knochenvorsprungs im Hüftbereich, der wiederum im Zusammenhang mit einer Überbeanspruchung des dort lokalisierten Schleimbeutels steht. Genau um diese Problematik scheint es sich aus meiner Sicht bei Ihnen zu handeln. Bahnend für das Beschwerdebild sind:

  1. ausgeprägte Tendenz zur Übersupination im Vorfußbereich (Vorfuß-Varus-Stellung), O-Beine,
  2. Road-Shock (seitliche Ausweichbewegung des Kniegelenks beim Aufkommen der Ferse in der Landephase)
  3. einseitig an der Fersen-Außenseite abgetragenes Schuhwerk.

Zum weiteren Vorgehen:

  • Akut sollte bei Ihnen mittels lokaler Kortison-Injektion die Entzündung im beschriebenen Schleimbeutel im Hüftbereich angegangen werden. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wohin der erwähnte Orthopäde gespritzt hat. Um den Schleimbeutel zu erreichen, bedarf es einer entsprechend langen Nadel.
  • Dann brauchen Sie ganz rasch eine videogestützte Laufanalyse beim Fachmann (nach der Spritze), um Qualität und Tauglichkeit Ihrer aktuell bevorzugten Schuhe zu testen, ggf. mit bereits vorhandenen Einlagen und am besten bei einem orthopädischen Schuhmacher. Je nach Ergebnis sind dann Schuhumbau/Schuhwechsel plus spezielle Einlagenversorgung angesagt. Sollte es sich bei Ihnen um einen sogenannten Vorfuß-Varus handeln, der durchaus von Fuß zu Fuß unterschiedlich ausgeprägt sein kann, bedarf es umgehend einer speziellen Ausgestaltung Ihrer Einlagen (Einbau eines sogenannten lateralen Vorfußpolsters), um so die in der Landephase durch die Übersupination entstehenden überschießenden Rotationskräfte gezielt abzumildern, die sich automatisch bis in den Becken-Wirbelsäulenbereich fortleiten können und so möglicher Weise für Ihr so lange währendes Beschwerdebild verantwortlich sein könnten. Und bitte zusätzlich beachten: Laufschuhe halten bei einem wöchentlichen Kilometerumfang von 40-60 km maximal 1.5 bis 2 Jahre, durchaus kürzer bei höherem Körpergewicht und wenn nur ein Paar im Dauereinsatz ist. Und: Bitte niemals Ihre Laufschuhe in die Waschmaschine, da werden die Weichmacher in der Zwischensohle zerstört.
  •  Zusätzlich kann ich Ihnen medikamentös als Abschwell-und Anti-Entzündungsmittel Enzym-Tabletten empfehlen (z.B. Therazym® Tbl., die zusätzlich auch regenerativ wirksame B-Vitamine enthalten, Einnahme zunächst für 3 Wochen (3 x 1 Tbl. pro Tag, jeweils ca. 10 Minuten vor dem Essen). Diese Maßnahme sollten Sie mit einer hochdosierten Magnesium-Einnahme (z.B. Magnesium-Köhler®) über mindestens 10 Wochen, um so über eine Normalisierung des Muskeltonus den Druck auf den Schleimbeutel zu reduzieren. Oftmals hilfreich ist hier auch die gleichzeitige und kurzfristig hochdosierte Einnahme von Traumeel® Tbl. für 14 Tage (5×2 Tbl. pro Tag), um so das Entzündungsgeschehen mit bewährten homöopathischen Essenzen zurück zu drängen. Bei bekannter Pollenallergie müssten Sie allerdings hierzu erst Ihren Arzt zu Rate ziehen.
  • An physiotherapeutischen Maßnahmen sollte über regelmäßiges Stretching der beim Tractus iliotibialis-Syndrom meist anzutreffenden muskulären Verkürzungen im Bereich des großen Glutealmuskels sowie des M. tensor fasciae latae entgegen gewirkt werden. Sprechen Sie bitte Ihren Physiotherapeuten auf Kinesio-Taping an, um die Region um den seitlichen Knochenvorsprung im Hüftbereich (Trochanter major) zur Ruhe kommen zu lassen, ohne Sie insgesamt immobilisieren zu müssen.

Einen ersten Laufversuch würde ich dann frühestens erst nach erfolgter Spritzenbehandlung (an den Schleimbeutel kommen Sie ansonsten nicht ran), videogestützter Laufanalyse mit evtl. Auswirkungen auf Schuhqualität und Einlagenversorgung sowie mindestens 14-tägiger Einnahme der empfohlenen Medikamente starten, am besten in Absprache mit Ihrem behandelnden Arzt.

Gute Besserung!

Dr. med. R. Ziegler„Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es!“

Herzlichst
Ihr
Dr. med. Rudolf Ziegler
 
Weitere Informationen: http://www.sportdoktor-ziegler.de/http://www.androgon.com/11055/gesundheit/mannergesundheit/power-ist-essbar
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