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Christoph Schlingensief

22 August 2010 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Christoph Schlingensief; ein Nachruf

Er riss den Boden auf, auf dem er stand. Er verbreitete Schrecken, keine Angst. Christoph Schlingensief ging Zeit seines Lebens über alle Grenzen hinaus.

Ein Künstler der Intensität, der immer unter Strom stand – und bis zuletzt gegen den verdammten Krebs gekämpft hat: Kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag ist Christoph Schlingensief gestorben.

Es ist keine Inszenierung, nein, der Theater-, Film- und Opernregisseur, der große Künstler Christoph Schlingensief ist im Alter von 49 Jahren gestorben. Er hat jahrelang gekämpft gegen den Krebs, versuchte jahrelang noch ein Leben zu führen, als ob nichts sei, baute in Afrika ein Opernhaus, schrieb ein Buch gegen den verdammten Krebs.

Gegen den Tod. Mit all seiner Wut und Energie und Kraft hat er angekämpft: „Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln“, hat er geschrieben.

So war sein Leben, dieses Leben unter Strom, mit der berühmten Frisur, die immer so aussah, als würde ihr Besitzer permanent in eine Steckdose fassen. Als Filmemacher fing er an, zunächst eher harmlose Humor-Filme, von denen er sich nur versprach, dass die Menschen darüber lachten. Doch nachdem er als Assistent zum Experimentalfilmer Werner Nekes kam, änderte sich sein Schaffen radikal.

Sein ganzes Künstlerleben ist ein Leben der überraschenden Wendung. Sein größtes Arbeitsglück fand Schlingensief, als ihn Frank Castorfs 1993 als Theaterregisseur an die Berliner Volksbühne berief. Wer ihn hier einmal erlebt hat, in seinen Stücken „Rocky Dutschke 68“, „Schlacht um Europa“, wie er die Bühne stürmte, plötzliche Sekundenideen live ausprobierte, Inszenierungen plötzlich auf den Kopf stellte, der weiß, dass kaum jemand das Theater so ernst genommen hat, so geliebt hat wie Christoph Schlingensief, der angebliche Provokateur.

Und er musste immer weiter. Er hat einen toten deutschen Ort wie Bayreuth mit seiner „Parsifal“-Inszenierung belebt. Er ging nach Afrika und baute dort ein Opernhaus, gegen allen Spott, gegen alle Widerstände, gegen seine Krankheit. Und zuletzt hatte er den Auftrag, den deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig im Jahr 2011 zu gestalten. Er hat sich darauf gefreut: „Mit nationalen Repräsentationsorten habe ich ja meine Erfahrung“, hat er gesagt, „und ich habe eine gewisse Vorliebe für derart mythische Angelegenheiten.“

Alles hat er gewollt, nur nicht den Tod.

http://www.schlingensief.com/start.php

http://www.youtube.com/v/J-9BQyV6K0g

(wz)

Quelle: FAZ

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