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Tapferkeitsschlacht 4.0

21 März 2013 4 Kommentare PDF Drucken Drucken
Team-androgon

Team-androgon mit „Captain Pain“ Zungen

Kampfeinsatz beim 4. Braveheart Battle in Münnerstadt an der Lauer (Ufr.)

Mehr als 1 ½ Jahrzehnte sind vergangen, seit ich 1997 als erster Deutscher Teilnehmer beim Tough Guy diese ganz spezielle Form der körperlichen Ertüchtigung und Belustigung, gepaart mit typisch englischem Humor, durch eine 7-seitige Reportage in dem Schweizer Magazin „Fit For Life“ auf dem Kontinent bekannt machte. Schon 1998 waren einige Kamerateams dabei, die Kurzberichte für verschiedene deutsche Privatsender lieferten und 1999 –bei meiner dritten und letzten Teilnahme- produzierte ich mit PRO 7 eine halbstündige Reportage. 2000 fand dann auch der aufstrebende „Jung-Extremist“ Joey Kelly zu diesem Wettbewerb und verschaffte ihm damit den endgültigen Durchbruch im Bekanntheitsgrad und den Status eines „Must Do“ für zukünftige Extremsportler. In deutschen Landen wird es so etwas nie geben prophezeite ich damals, denn a) wird das keiner genehmigen, b) niemand versichern, c) kein Veranstalter ein derartiges Risiko auf sich nehmen und d) sich der verwöhnte deutsche Volksläufer nicht auf solch primitive Spielchen herablassen.

Schon weniger als ein Jahrzehnt später wurde ich mit der unglaublich erfolgreichen Premiere des Fisherman’s Friend StrongmanRun im Februar 2007 Lügen gestraft. Dies löste einen unaufhaltsamen Boom aus und neue Veranstaltungen in der Kategorie Extremhindernis- und Schlammrennen schossen hierzulande förmlich aus dem Boden! Zu Tausenden wälzten sich plötzlich Athleten aller Altersklassen durch Schlamm, Dreck, kaltes Wasser, über abenteuerlichste Hindernisse und hatten eine „Brunsgaudi“ dabei. Die Medien kamen in Scharen, denn sie hatten das, was sie wollten: Blut, Schweiß und Tränen. Für die Profifotografen war es ein Fest, denn die Motive von schlammverkrusteten Zombies fanden reissenden Absatz. Zuschauer und Schlachtenbummler strömten zu Tausenden zu dieser neuen Art von Volksbelustigung. Schon bald entstanden in unseren unmittelbaren Nachbarländern ähnliche Wettbewerbe. Sich in Fantasiekostümen und Kriegsbemalung mit Brunftschreien animalisch durch den Dreck zu wühlen, weckt anscheinend Urinstinkte in unseren degenerierten und abenteuerarmen westlichen Gesellschaften. Eine echte Marktlücke, die es zu erschließen galt. Und das kuriose dabei: obwohl die Streckendesigner, bei denen es sich ausnahmslos um ausgebuffte Berufssadisten handeln muss, von Jahr zu Jahr die Kurse länger, die Hindernisse schwerer und die Wassergräben hinterhältiger gestalten, nimmt die Anzahl der Teilnehmer zu. Mittlerweile sind viele Veranstaltungen schon lange vor dem Start ausverkauft. Der Effekt ist einfach zu erklären: je schlimmer der „Fronteinsatz“, umso wilder die Geschichten, Gerüchte und Legenden von Heldentaten, Nah-Tod-Erlebnissen, Schockfrostungen, unbezwingbaren Wällen, Gräben und Dschungelpfaden etc. Bei gelangweilten Ironmännern, Marathon- und Volksläufern treffen die Kriegserzählungen und reißerischen Berichte in den Medien auf fruchtbaren Boden. Die wollen das „Schlachtfeld“ auch einmal am eigenen Leib erfahren. Neben der Abwechslung, eine völlig neue Herausforderung, bei der man mal so richtig die Sau rauslassen kann.

Mit Matthias Weber vom Team-androgon erreiche ich am Samstagmorgen um 8:30 die Frontlinie. Bereits zum vierten Mal wurde in Münnerstadt an der Lauer der Krieg ausgerufen. 3449 Sportsoldaten hatten sich für die bevorstehende Schlacht freiwillig gemeldet und zahlten 59 Euronen für ihren Fronteinsatz. Die Hölle ist leer, da die Teufel alle in Münnerstadt sind, hieß es auf der offiziellen Webseite. Um 11:11 Uhr wurden die Höllenfürsten und –Fürstinnen mit diabolischem Gebrüll auf das Schlachtfeld losgelassen. Schon nach knapp zwei Kilometern gab’s ein erfrischendes Vollbad in der Lauer (Wassertemperatur 6°C), 11 weitere Tauchbäder sollten noch folgen. Eine angeborene Blasenschwäche, verstärkt durch Kälte und Nässe waren meine Achillesferse. Besondere Gefechtssituationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Legte ich vor dem ersten Wasserhindernis noch artig einen regulären Pit-Stopp ein, ließ ich es anschließend einfach laufen. Wie herrlich! Ich ersparte mir die ständigen Pinkelstopps und das ganze Gefummel mit Handschuhen und mehreren Lagen Kleidung und die äußerst sensible urologische Problemzone blieb so vor der Schockfrostung verschont. Und es lief in Intervallen ganze 3 Stunden lang! Blasenschwäche, Kälte, Nässe, gute Hydrierung vor und Rehydrierung während dem Lauf ergaben eine strategisch vorteilhafte Kombination. Um es auf gut bayerisch zu sagen: der Autor hat 3 Stunden lang in die Hose gebrunst und sich sauwohl gefühlt dabei…

Dieser Wettbewerb ist um einiges heftiger als der Tough Guy, wie ich ihn noch aus 1999 kenne. Das Braveheart ist Tough Guy 2.0. Ach was, 3.0! Ultralang, ultrastark, ultrahart und ultrageil. Jedes Hindernis ein Genuss, jeder Cent Startgeld eine Topinvestition. Und dann die ganzen Irren, Kostümierten, Angemalten – einfach herrlich so viel Lebensfreude! Team-androgon mutiert in kurzer Zeit zum Kampftrupp-androgon – klein, stark, effektiv. Gemeinsam arbeiten wir uns über die sadistischsten Hindernisse und durch den unterfränkischen Ho Chi Minh Pfad. Dann passiert uns aber doch ein taktisches Missgeschick. Matthias verliert an einer der Tauchpassagen am Loch Ness die mit Kopfgurt befestigte Go Pro-Kamera, mit der wir den Fronteinsatz auf der androgon Webseite dokumentieren wollten. Suchen ist in der trüben Brühe dieses Tümpels sinnlos. Zudem sind noch 2000 Teilnehmer hinter uns, die aus dem Dreckloch ein Piranhabecken machen. Keine Chance. Verdammte Panne! Wir finden uns mit dem Verlust ab und hoffen auf ein späteres Wunder. Besser ein technischer, als ein menschlicher Kollateralschaden…

Kompliment an den Streckenchef, bei dem es sich um einen ausgefuchsten Profisadisten handeln muss – er hat einen sauguten Job gemacht! Nach den Schockfrostungen an den Wassergräben wurden jeweils derart anspruchsvolle Hindernisse in den Weg gestellt, dass der Body, kurz vor dem Erfrierungstod stehend, wieder aufgeheizt wurde. Zwischendurch immer wieder längere Laufeinheiten zum erholen. Ein guter Draht zum Wettergott schien auch zu bestehen, kroch doch zwischen den trüben Nebelschwaden tatsächlich ab und zu die Sonne hervor und wärmte zusätzlich. „Der Zieleinlauf, die letzten Hindernisse und der Empfang auf der Ziellinie sind die Wiedergeburt. Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kommen die 2559 Toten (davon 215 Frauen ) nach 45 Hindernissen, 26 Kilometern und 2400 Höhenmetern auf die Erde zurück, gezeichnet von den Qualen, gestärkt im Charakter.“ Soweit ein Zitat meines Kollegen Joe Kelbel von Marathon4you.de – dem ist nichts mehr hinzuzufügen! Außer vielleicht die technischen Daten der diesjährigen Tapferkeitsschlacht:

3449 Anmeldungen, 2621 Starter, 2559 Finisher (= 97%), ca. 20.000 Schlachtenbummler. Der Rettungsdienst (rund 170 Rettungskräfte von BRK, Berg- und Wasserwacht waren mit 45 Rettungswagen und 8 Notärzten vor Ort) hatte 55 Einsätze. Im Vorjahr waren es trotz etwas leichterer Strecke noch 70 Einsätze – die Sportsoldaten hatten dieses Jahr also einen erheblich besseren Ausbildungsstand. Gefallene gab es keine, nur Verwundete (Knochenbrüche, Platzwunden, Kopfverletzungen, Unterkühlung und Erschöpfung), 20 davon mussten ins Feldlazarett eingeliefert werden. Benedict Heil aus Friedberg in Hessen trat als erster die Fahnenflucht an und verließ das Schlachtfeld nach 2:18:33 h. Den Titel der First Bravehearty erkämpfte sich Vanessa Neckermann in 3:04:29 h. Schon fast im Rentenalter war Ulrich Lau mit Jahrgang 1949 als ältester Finisher, der in 3:46:36 h noch die meisten Jungspunde hinter sich ließ. Der Fronteinsatz von Team-androgon dauerte 3 ¾ Stunden und somit ein Ergebnis im ersten Fünftel.

Epilog

Am Tag nach einem solchen Ultrahinderniskurs bleiben viele Souvenirs. Kratzer, Schürfwunden, blaue Flecken, das Wehklagen der geschundenen Glieder ist ohrenbetäubend – es ist einfacher, die Körperteile aufzuzählen, die nicht schmerzen, denn derer sind es nur wenige. Aber immerhin sind sie alle noch dran – ein Vorteil moderner Schlachtfelder! Um die Schmerzen ein wenig abzumildern gönnte ich mir am Sonntagmittag noch mein privates Frühlingsschwimmen in den eiskalten Fluten des Mains, an dessen Gestaden ich wohne. Von Ufer zu Ufer, einmal hin und zurück rund 300 Meter – Schockfrostung pur! Im Dampfbad kam dann wieder Leben in die Glieder und die „High-Speed-Extreme-Recovery“ verfehlte nicht ihre Wirkung. Das schönste Souvenir erhielten wir jedoch 4 Tage später per Email:

Von: Sebastian Kurch <skurch>
Datum: 13. März 2013 09:38
Betreff: Braveheart Battle 2013, Nachläufer
An: redaktion <redaktion@androgon.de>

Hallo liebes androgon-Team,

beim diesjährigen Braveheart-Battle startete ein Team mit Eurem gut erkennbaren Schriftzug auf leuchtend grellen Trikots. Ein guter Werbeeffekt, aber auch eine Hilfe bei folgendem Anliegen:

Im Team mit den leuchtenden androgon-Trikots war u.a. Stefan Schlett. Stefan kämpfte sich offensichtlich neben einem Freund durch den Lauf, welcher mit einer Kamera auf dem Kopf das Renngeschehen aufnehmen wollte. Offensichtlich hatte dieser allerdings die Kamera beim für mich schwierigsten Hindernis, dem Loch Ness, verloren.

Ich selbst startete leider nur in einem mittleren Startblock und war somit fortwährend mit Überholmanövern beschäftigt. Als ich im Loch Ness ankam und unter den Hindernissen durchtauchte, bewegte ich mich an einer Stelle etwas zu tief und spürte mit meiner Hand den Boden des Sees. Um mich abzustoßen griff ich auf den Boden und berührte plötzlich etwas Festes, etwas das sich so anfühlte als gehöre es nicht hierher. Intuitiv griff meine Hand zu und ich kämpfte mich an Land. Dort blickte ich in meine Hand und erkannte eine Kamera mit Kopfgurt. Da ich im Schottenrock gestartet war, steckte ich die Kamera in meine Kilttasche und absolvierte den Rest des Laufes. Die Kamera überlebte den Lauf unversehrt (nur sehr matschig), schlug mir an einem Hindernis aber auch eine kleine Wunde an den Rücken.

In den darauf folgenden Tagen säuberte ich die Kamera und suchte nach einem passenden Kabel um den Besitzer eventuell über die Aufnahmen ausfindig zu machen. Ein Freund konnte mir ein passendes Kabel geben und so konnte ich mir am gestrigen Abend die Bilder ansehen. Dabei erkannte ich immer wieder die Startnummer 3441 im androgon-Shirt, welche dem Träger der Kamera immer wieder half, sich mit ihm unterhielt und sogar die Kamera bediente.

Über die Website des Braveheart Battle und die Ergebnislisten konnte ich der Startnummer auch einen Träger zuweisen – eben unser Stefan Schlett.

Nun fehlt mir der letzte Schritt zur Kontaktaufnahme – nämlich Telefonnummer oder e-Mail-Adresse.

Da beide Läufer offensichtlich mit Eurem Trikot gestartet sind, könnt ihr mir sicherlich den Ansprechpartner Eures Braveheart Battle Teams oder direkt Stefans Erreichbarkeit nennen, bzw. uns wenigstens etwas weiter helfen.

Ich und vor allem der Besitzer der Kamera würden sich sehr über Eure Hilfe freuen!

Mit sportlichem Gruß

Sebastian

Einfach OBERAFFENGEIL! Sebastian Du bist unser persönlicher Held!

Stefan Schlett (SS)

Powerd by Captain Pain – dem ersten Aminosäurengetränk! http://www.captainpain.com

and Montane  http://www.montane.co.uk/

Weitere Informationen unter: http://www.braveheartbattle.de/
http://www.androgon.com/9176/sport/extremsport/es-zittern-die-morschen-knochen
Unser BraveheartBattle-Film folgt zeitnah!
Die Anmeldung für 2014 ist schon wieder offen: https://portal.mikatiming.de/braveheartbattle/2014/de/
 
Ganz herzlich möchten wir uns hiermit noch einmal bei Frau Ursula Schemm (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit BraveheartBattle Orga) für die immer wieder hervorragende Zusammenarbeit bedanken!!
 
 

Bildquelle: androgon.com, BraveheartBattle Orga
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