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TEDx

16 Oktober 2015 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Tajik_Rally_-_Kleine_Party_in_TurkmenistanWenn dein Tag mal wieder nur 28 Stunden hat…

Es ist 6:30 Uhr, der Wecker klingelt. Das erste Augenlied pellt sich langsam hoch und ich schäle mich noch leicht schlaftrunken aus dem Bett. Wieder nur viereinhalb Stunden Schlaf und ein weiterer durchgetakteter Tag beginnt. Ich setze die ersten fünf Tassen Kaffee auf – eigentlich sind es acht, aber mein Becher ist ziemlich groß – ich setze mich zu Hause an den Schreibtisch. Mein Arbeitslaptop läuft noch von gestern Nacht oder war es heute Morgen? Egal. Auf geht das Postfach und ich fahre nebenher meinen Firmenlaptop hoch. Puh, 52 ungelesene E-Mails. Während mein zweiter Laptop hochfährt, schaue ich nach dem Kaffee. Ein Glück, fertig! Sonst hätte ich mich auch gleich getrost wieder ins Bett legen können. Da liegt schließlich noch eine schöne Frau eingerollt in eine Decke, aber das ist eine andere Geschichte. Den ersten Kaffee schütte ich noch in der Küche runter und schenke gleich nach. Doppelt hält besser. Eine alte Weisheit. Wer auch immer diesen Spruch erfunden hat, er oder sie hatte Ahnung vom Leben! Bewaffnet mit der zweiten Tasse schlendere ich noch immer im Kriechgang zurück an meinen Schreibtisch. Inzwischen ist mein Firmenrechner auch hochgefahren und ich öffne meine E-Mail Inbox. An dieser Stelle sollte ich vielleicht für ihr Verständnis einwerfen, ich bin Berater und Geschäftsführer zugleich und ja, es ist eine Hass-Liebes-Beziehung mit mir selbst. Ich arbeite für eine große Beratungsfirma und momentan fahre ich einen 28 Stunden Tag damit ich beide unter einen Hut bekomme. Vor heute ziemlich genau zwei Jahren gründete ich mit meinem besten Freund die Adventure Manufactory. Dies ist mein Ausgleich zum stringenten und durchterminierten Beraterleben. Es mag fast masochistisch klingen, aber jeder braucht einen Ausgleich. Für mich ist es das Entrepreneurleben und die Verwirklichung eigener Ideen. Das Beraterleben ist zugegeben eine willkommene Einnahmequelle und gleichzeitig eine abartig geile Kontaktbörse für Menschen mit Einfluss und irgendwie doch ein genialer Job.

Technology, Education & Design

Also, wo war ich… ach ja, meine Inbox. Also meine „Geschäftsführer-Inbox“. Wow, nur 16 E-Mails seit gestern. Da freut sich das Herz und zur Feier des Tages schenke ich Kaffee Nummer drei nach. Ich überfliege die E-Mails kurz und eine fällt mir irgendwie besonders ins Auge. Was steht da? Blabla…@TEDx.com lese ich mit Erstaunen und überlege kurz. Dann lese ich es noch einmal und noch einmal. Ich öffne die E-Mail. Es ist eine Einladung. Eine Einladung zur TEDx Konferenz in Berlin. Für einen kurzen Augenblick ergibt sich vor meinem inneren Auge ein Bild von mir in einem von Thomas Gottschalks absolut furchtbaren Anzügen auf der Bühne. Ich, der Showmaster. Ok… komm mal wieder runter! Ich lese weiter… „wir möchten Sie gerne am 16. Februar 2013 als Redner zur TEDx Konferenz in Berlin einladen und würden uns über Ihre Zusage sehr freuen“. Ich überlege kurz und stelle mit Schrecken fest: das ist bereits in vier Wochen! Und mein Kalender schwillt bereits über. Schlagartig verändert sich mein Showmaster Bild und ich bin nicht mehr Thomas Gottschalk, sondern Markus Lanz. Super, denke ich und hau mir den letzten Schluck Kaffee rein – vielleicht wäre jetzt ein Gin Tonic angebrachter denke ich mir… meine Gedanken tanzen kurzzeitig auf einer anderen Party.

Wie soll ich mich in vier Wochen auf so einen Talk vorbereiten? Obwohl, ich sehe gerade in der Woche vor der Konferenz habe ich noch nichts im Kalender. Somit könnte ich mir frei nehmen… Hmm, eine verlockende Überlegung, wäre da nicht dieses Projekt, welches mir schon seit Dezember den Schlaf raubt.

Für eine TED Konferenz sollte man schon verdammt gut vorbereitet sein fürchte ich. Die Leute werden nur schwer zu beeindrucken sein. Wer TED (Technology, Education & Design) nicht kennt, dem sei hier gesagt, es hat nichts mit dem fäkalsprachgewandten Teddy aus dem gleichnamigen Film zu tun. Obwohl der auch ziemlich cool ist. Bei TED treten meines Wissens nach eigentlich nur Leute auf, die wirklich etwas geschafft haben im Leben – also eigentlich hätte die Einladung erst in 10 Jahren kommen sollen, wenn ich auf die 40 zusteuere, hoffentlich. „Redner waren in den vorigen Jahren z.B. Bill Clinton, Sergey Brin, Bill Gates, Al Gore“ usw. lese ich. Also was mache ich da eigentlich? Wieso laden die mich ein? Ist es vielleicht ein schlechter Witz? Ok, ich habe ein paar ziemlich bekloppte Sachen im Leben getan und im Suff eine Firma gegründet, die nicht weniger bekloppt ist, aber reicht das für TED?

Ich lese weiter und hoffe auf eine Antwort auf meine Frage. Hmmm… da… krass, jemand der auf einer von uns organisierten Rallye mitgefahren ist, kennt das Organisationskomitee und hat uns vorgeschlagen. Verrückt! Ach ja, das hatte ich ja noch gar nicht erwähnt. Wir organisieren Rallyes… quasi bekloppte Abenteuerrallyes für Leute wie meinen besten Kumpel und mich, die das Leben etwas zu langweilig und sicher finden… ok, und vielleicht auch nicht mehr alle Latten am Zaun haben, zugegeben. Das hat denen wohl gereicht.

Ich soll also davon erzählen, wie wir auf diese behämmerte Idee gekommen sind und warum wir daraus ein Social Enterprise gebastelt haben. Gut, das ist einfach. Die Frage ist nur, soll man jetzt wirklich vor ein paar hundert Menschen sagen, dass man im Voll Suff irgendwo in der Westaustralischen Wüste eine Firma auf einem Stück Taschentuch gegründet hat? Was wäre die Lektion der Geschichte? Ich sehe schon die Schlagzeile in der TAZ: „Junger Gründer sagt: Erhöhter Bierkonsum vereinfacht Firmengründungen“ und spätestens wenn es auch die BILD Zeitung aufschnappt heißt es: „Alkoholiker predigt Alkoholismus für Gründer auf Konferenz“. Da wollte ich mich eigentlich nicht positionieren. Auf der anderen Seite muss ich sagen, schon immer, wenn uns die Leute gesagt haben „ihr seid komplett bekloppt dies und jenes zu machen. Das geht schief!“ haben wir uns gesagt: „Sch… drauf! Machen wir trotzdem.“ Und das war auch gut so! Also nahm ich mir vor, genau das zu erzählen.

Ok, damit ist das Titelthema ja geklärt.

Ich nahm mir die Woche vor der Konferenz nun trotz des ultra mega lebenswichtigen Projektes (so mein Chef) doch frei, um mich ausgiebig vorzubereiten… so war zumindest der Plan.

Es ist Montag, 11. Februar und ich bin am Samstag aus München zu meinen Eltern in den hohen Norden gefahren, um mich vorzubereiten und etwas Abstand vom Büro zu bekommen. Am Frühstückstisch kommt die erste E-Mail meines Chefs rein: „Sorry, mega viel zu tun. Urlaub ist diese Woche nicht machbar. Den kannst du nachholen und auch gerne aus dem Norden arbeiten. Lieben Gruß, Chef“. Ok, das ist nett! Ich darf meinen Urlaub nachholen! Mehr kann ich nun wirklich nicht erwarten in dieser ultra mega lebenswichtigen Woche.

Die nächsten vier Tage reiße ich jede Nacht bis knapp vier Uhr durch, um Rede und Beraterleben unter einen Hut zu bekommen. Am Freitagmorgen mache ich mich auf Richtung Berlin. Ich fühle mich extrem schlecht vorbereitet, aber bin von Panik weit entfernt – bin einfach zu müde für Panik. Ich bin extrem aufgeregt, aber das ist ja nicht das erste Mal, dass ich in einer kniffeligen Situation hänge… also, Ruhe bewahren und das Atmen nicht vergessen. Die gesamte Rede hatte ich mir in leicht verdaulichen Häppchen auf meinem Telefon aufgenommen. 15 Minuten geladen mit Action pur lagen da auf meinem Telefon.

Für die nächsten 5 Stunden auf dem Weg nach Berlin zog ich mir die Rede rein. Einen Happen nach dem anderen und wieder zurück und wieder vor und zurück. Kurz vor Berlin konnte ich den ersten Teil bereits im Duett mit dem Song „Call Me Maybe“ singen. Ich weiß auch nicht warum gerade dieser Song… das ist eigentlich bedenklich.

Angekommen im Hotel war mein Körper inzwischen ziemlich platt von dem nicht endenden Schlafmangel der letzten Tage. Eine kalte Dusche musste her! Puh, danach ging es mir erheblich besser. Ich schaute auf die Uhr. Hmm, 16 Uhr. Ich habe noch vier Stunden bis zu diesem „Get Together“ heute Abend mit den anderen Rednern. Ich packe meinen Laptop aus und will die Rede noch ein paar Mal durchgehen. Zu meinem Entsetzen stelle ich auf der zweiten Folie fest, dass diese vorher nicht da war oder war sie doch schon immer da? Ich hatte bereits fast alles wieder vergessen, was ich mir mühselig in den letzten fünf Stunden zusammen mit Carly Rae Jepsen (Call Me Maybe) angeeignet hatte. War jetzt die Zeit für Panik? Definitiv! Ich rief einen guten Freund an und kotzte mich mal kurz aus. Das war dringend nötig. Mir war schlecht, ich war noch immer extrem übermüdet und die Rede war bereits morgen! Das Treffen mit den anderen Rednern am Abend wollte ich allerdings auf keinen Fall verpassen. Vielleicht hilft das gegen die Aufregung dachte ich. Dazu noch ein paar Gin Tonics und nichts kann schiefgehen redete ich mir ein.

Also was soll’s. In vier Stunden muss ich das Ding in meinen Kopf kriegen, aber es wollte irgendwie nicht funktionieren. Um 20 Uhr gab ich auf und machte mich auf die Socken zur Friedrichstraße 105 in Berlin. Dort sollte das Treffen stattfinden. Ich brauchte dringend Ablenkung!

Eine coole kleine Bar hatten die sich ausgesucht. Ich geh die Treppe hoch in den reservierten Bereich und da waren Sie, die Speaker! Eine extrem nette Runde von außergewöhnlichen Leuten. Die Runde reichte vom deutschen Olympiasieger Ole Bischof bis zu dem bekannten Aktivisten und Herausgeber des Vice Magazin’s Niko Alm. Ein Gefühl von Ehrfurcht überkam mich und ich merkte dieses Treffen tat alles andere, als mich zu ermutigen. Da war es wieder, das Bild von Markus Lanz!

Ich haute mir zwei Drinks hinter die Binde und verschwand nach ein paar interessanten Gesprächen wieder, um mich im Hotel weiter vorzubereiten. Lustigerweise ist das das Thema meines Talks “live life on the edge” und ich war kurz davor in Panik zu verfallen durch zu viel „Edge“. So geht das ja nun nicht, dachte ich und legte mich ins Bett und versuchte im Kopf noch einmal die Rede durchzugehen. Spätestens nach dem dritten Satz war ich eingepennt und zählte, wie oft Markus Lanz über irgendwelche Hürden bei „Wetten dass?“ springt… zumindest war er vernünftig angezogen!

Wow, am nächsten Tag fühlte ich mich wie neu. Was acht Stunden Schlaf alles bewirken können ist schon faszinierend. So langsam kam die Rede wieder und ich fokussierte mich für den Rest des Morgens nur noch auf die Themen, die ich in meinem Talk angehen wollte sowie Start und Ende. Der Rest wird schon, dachte ich!

Um 12:30 kam ich im TED Saal an und versuchte aufzuhören, an die Rede zu denken. Es geht los! Ich bin fünfter in der Reihe. Zu meinem Glück hatte die erste Rednerin ein paar Patzer in der Rede und mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Ich merkte, das Publikum vergibt und wirft keine faulen Eier und die Speaker sind nicht alles Superhelden, die jede Sekunde ihre Klamotten vom Leib reißen könnten. Schwein gehabt! Ein paar inspirierende Reden folgten bis ich an der Reihe war.

Inzwischen war der gesamte Stress, den ich aufgebaut hatte, irgendwie in eine „Scheißegal-Laune“ übergegangen, aber ich zitterte noch leicht. Ich stieg nach der Ankündigung auf die Bühne. Puh, die ersten Sätze sind raus und ich hatte nicht „Hallo erst mal“ gesagt – das ist die halbe Miete! Ein Mentaler Schulterklopfer meiner selbst folgte prompt. Die ersten Lacher über die Gründung im volltrunkenen Zustand kamen an. Perfekt! Ab jetzt lief es wie geschmiert und ich lag perfekt in der Zeit. Als ich die Bühne verließ nahm ich das Klatschen der vielen Menschen gar nicht mehr wahr. Ich stand einfach irgendwie neben mir und war ein bisschen überwältigt von dieser genialen Möglichkeit, meine verrückte Welt des Abenteuerlebens mit vielen anderen zu teilen.

Im zweiten Teil kommt mein TEDx Talk. Noch weiß ich nicht, ob es wirklich so gut gelaufen ist wie ich glaube… vielleicht hatte ich auch einen offenen Hosenstall oder hab mir unterbewusst in der Nase gebohrt. Keine Ahnung. Ich stand ja die ganze Zeit irgendwie neben mir. Die Videos kommen in zwei Wochen raus.

 

Vita von Borris:

Borris ist Gründer und Geschäftsführer der Adventure Manufactory. Ein sozial engagiertes Unternehmen, welches das Abenteuer und die Gefahr auf abgefahrene Art und Weise sucht. Gleichzeitig unterstützen sie mit ihren verrückten Abenteuern und ihren Teams karitative Projekte in Deutschland und Zentralasien. Seit 2011 organisieren sie jedes Jahr im August die Tajik Rallye. Eine 10.000km lange Abenteuerrallye von München nach Tadschikistan durch Wüsten, Steppen und über 4600m hohe Bergplateaus bis an den Rand des Himalayas – und das Ganze in etwas, das wir als Tante Erna’s Einkaufsflitzer bezeichnen würden. Im nächsten Jahr werden zwei weitere Extremabenteuer dazukommen, die höchste Endurance Mountainbike Rallye durch eine der harschesten Landschaften auf diesem Planeten und eine 1500 km lange Moped Rallye durch den tropischen Dschungel!

Team-androgon war übrigens bei  der Tajik Rallye mit von der Partie…

BF (Borris Förster)

„IF YOU ARE NOT LIVING ON THE EDGE, YOU ARE SIMPLY TAKING UP SPACE“

Weitere Informationen unter:

www.adventure-manufactory.com

http://blog.adventure-manufactory.com

http://www.ted.com/tedx

 

 

Bildquelle: The Adventure Manufactory ; TEDx Fotos – Christoph Sterz

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