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Marathon des Sables 2013

7 April 2013 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Marathon des Sables_04Marathon des Sables: „Diese Erfahrung kannst du mit keinem Geld der Welt bezahlen“ – Ein Interview mit Brigid Wefelnberg und Lahcen Ahansal

Am heutigen Sonntag fiel der Startschuss zur 28. Auflage des Marathon des Sables: 250 km in 6 Tagesetappen durch die marokkanische Wüste sind dabei zurückzulegen. Dies alleine ist bei Temperaturen um die 40 Grad oder mehr und quer durch unwegsames Wüstengebiet ohne jeglichen Luxus wie Duschen und Toiletten schon eine große Herausforderung. Aber damit nicht genug, die komplette Ausrüstung und die eigene Verpflegung muss jeder Teilnehmer während des Laufes im Rucksack mit sich führen. Lediglich Wasser und ein Schlafplatz im Berberzelt – gemeinsam mit sieben weiteren Teilnehmern – werden vom Veranstalter gestellt.

„Warum tut man sich das an?“, könnte man sich jetzt berechtigterweise fragen. Und ich gebe diese Frage an Brigid Wefelnberg weiter. Die 49-jährige Wahl-Freiburgerin nimmt seit 2006 an Trail-Läufen in den abenteuerlichsten Ecken dieser Erde teil. Besonders heiß, extrem kalt, unerträglich feucht oder in großer Höhe sind die beliebtesten Auswahlkriterien für ihre Wettkämpfe.

Am Tag der Abreise nach Marokko habe ich mit Brigid gesprochen, die bereits zum fünften Mal beim Marathon des Sables (MdS) startet. Doch sie kam nicht alleine zum Gespräch. Mit dabei war der Rekordsieger des MdS: der Marokkaner Lahcen Ahansal. Der 41-Jährige kennt die Wüste wie kein anderer. Aufgewachsen in Marokko schafft er, was bis dahin unmöglich erschien: Bis 2007 konnte er den Marathon des Sables (MdS) zehn Mal für sich entscheiden. Aber auch bei anderen Extrem- und Bergläufen lässt er die Konkurrenz stets hinter sich.

 

Brigid, warum tut man sich den Marathon des Sables an?

Brigid: Der MdS ist sozusagen der König unter den Ultratrail-Läufen. Wenn du daran teilnimmst, ist es einfach grandios zu erfahren, was der Körper zu leisten imstande ist. Aber auch mit wie wenig man doch eigentlich auskommen und zufrieden sein kann. Dieses Reduzieren auf das Wesentliche ist es, was den Reiz eines solchen Laufes ausmacht.

Worauf freust du dich am meisten?

Brigid: In den letzten Wochen konnte ich mich in manchen Augenblicken vor Vorfreude auf den MdS kaum beherrschen, weil ich ganz genau weiß, was da in den nächsten Tagen auf mich zukommt. Heute bin ich euphorisch, weil ich den Alltagsstress hinter mir lassen und nun endlich in die Wüste eintauchen kann. Ist man danach wieder zurück in Deutschland, kann man sehr lange von diesem Erlebnis zehren.

Wie kann ich mir die die Streckenbeschaffenheit des MdS vorstellen – läuft man wirklich nur über Sand?

Brigid: Nein, es gibt ausgetrocknete Flussläufe, Steinfelder und Geröll – vielleicht die Hälfte der Strecke verläuft über Sand und Sanddünen. Aber den genauen Streckenverlauf erhalten die Läufer erst, wenn wir im Bus zum Camp sitzen – damit keiner der Teilnehmer Vorteile hat und die Teilstrecken evtl. im Vorfeld ablaufen könnte.

Man muss den Rucksack mit Verpflegung und Ausrüstung während des gesamten Laufes mit sich schleppen. Wie schwer ist dein Rucksack, Brigid?

Brigit: Der Rucksack muss laut den Regularien des Veranstalters mindestens 6,5 Kilo wiegen und darf ein Maximalgewicht von 15 Kilo nicht übersteigen. Mein Rucksack wiegt 6,6 Kilo inklusive Notleuchtrakete, die man vor Ort vom Veranstalter erhält (etwa 400 Gramm schwer) und dem Roadbook, das jeder Teilnehmer dabei haben muss. Hinzu kommt dann nur noch das Wasser, das ich für die Tagesetappen benötige.

Was hast du dabei?

Brigit: Schlafsack, Schlafanzug, Flip-Flops, Kocher, Elektrolyte für den Lauf, Haferflocken mit Milchshake fürs Frühstück, Outdoor-Food für abends – und ganz wichtig: Parmesankäse (lacht). Dann Blasenpflaster, Tape, Sonnencreme, eine abgesägte Zahnbürste, Reinigungstücher und Pflichtausrüstung inkl. zehn Sicherheitsnadeln, Kompass, Feuerzeug, Pfeife, Messer mit Metallklinge, Desinfektionsmittel, Schlangenbiss-Set, Spiegel und Rettungsdecke… sowie das, was ich am Körper trage: einen Satz Laufkleidung und ein paar Trailrunning-Laufschuhe mit Sand-Gamaschen.

Lahcen: Du könntest noch mindestens ein Kilo einsparen. Beispielsweise ist der Topf für die Mahlzeiten viel zu schwer. Weiterhin würde ich auf die Esbit-Tabletten für den Kocher verzichten, da ich mein Feuer mit Hölzern aus der Umgebung anzünde. Die Schlafsack-Hülle ist unnötig. Auch würde ich die Outdoor-Nahrung in leichtere Tüten umfüllen – und während des Laufes ernähre ich mich von Datteln und Honig.

Lahcen, würde ich in deinem Rucksack auch Reinigungstücher finden?

(herzhaftes lachen…)

Dass ein Schlangenbiss-Set zur Pflichtausrüstung gehört, hört sich gefährlich an! Kennst du jemanden, der dies schon mal benutzen musste?

Brigid: Nein, noch nie!

Lahcen: Ich bin während des MdS zweimal von Skorpionen in die Hand gebissen worden. Das war äußerst schmerzhaft!

Trotzdem, wenn ich mir das so anschaue, ist das recht wenig für 7 Tage in der Wüste…

Brigid: Das sind alles Erfahrungswerte der letzten Jahre. Ich kann mit recht wenig Gepäck auskommen. Aber das war nicht immer so. Bei meiner ersten Teilnahme wog mein Rucksack noch 14 Kilo – da hatte ich meinen gesamten Haushalt dabei. (lacht)

Fehlen dir die sanitären Anlagen in der Wüste?

Brigid: Nein, ganz und gar nicht. Aber es ist lustig: Während der Fahrt zum Start suchen sich die Läufer in der Pinkelpause noch einen Platz möglichst weit weg vom Bus. Im Laufe des Wettkampfes verlieren die meisten ihre Scheu und es genügen schon ein paar Schritte weg vom Camp, um sein Geschäft zu erledigen… aber natürlich auch, weil die Füße schmerzen und das Gehen mit Blasen unerträglich ist.

Was motiviert dich täglich neu, die anstrengenden Etappen zwischen 30 und 80 Kilometern unter sengender Sonne erfolgreich zu absolvieren?

Brigid: Im Wesentlichen die Freude am Leben im Camp. Das allabendliche Zusammensein mit den anderen Läufern, das gemeinsame Kochen, der Spaß und das Lachen.

Gibt es Dinge, wegen der du dir im Vorfeld Gedanken machst?

Brigid: Vor Verletzungen habe ich die meisten Bedenken – unterwegs kann so viel passieren, was den Traum vom MdS zunichte machen kann. Aber ich mache mir auch Gedanken darüber, dass ich ein „gutes Zelt“ erwische, in dem es lustig zugeht. Dabei bevorzuge ich die Zelte, in dem keine anderen Frauen sind… (lacht)

Wie hast du für den Wettkampf trainiert?

Brigid: In den vergangenen Monaten bin ich relativ viel gelaufen – so etwa 150 bis 170 km pro Woche. Um mich zu schonen, fahre ich in den letzten drei Wochen vor dem Wettkampf nur noch Rad, absolviere stundenlanges Aquajogging im Schwimmbad und mache Speed-Hiking, beispielsweise im tiefen Schnee des Schwarzwaldes. Das trainiert auch das Mentale – und das ist ungemein wichtig für die Wüste.

Hast du dir Ziele für den MdS gesetzt?

Brigid: Ich würde mich freuen, den Wettkampf als beste deutsche Teilnehmerin zu beenden. Auch eine Platzierung im Gesamtklassement unter den ersten 20 Frauen wäre schön. Aber damit setze ich mich nicht unter Druck und versuche in erster Linie meine Kräfte einzuteilen und mein eigenes Rennen zu laufen – aber auch dieses zu genießen.

Brigid, du feierst in diesem Jahr deinen 50. Geburtstag. Würdest du sagen, jetzt reicht es so langsam mit den extremen Wettkämpfen?

Brigid: (lacht) Nein, im Gegenteil. Ich merke, je älter ich werde, desto mehr Erfahrung sammele ich, desto zäher und besser werde ich dadurch.

Warum sollte man am MdS teilnehmen?

Brigid: Der Start ist recht teuer [Anmerkung: 3.500 EUR], aber der Marathon des Sables ist eine Erfahrung, die man mit keinem Geld der Welt bezahlen kann!

 

Lahcen, bist du in diesem Jahr auch wieder mit am Start?

Lahcen: Nein, in diesem Jahr nicht. Aber ich werde 2014 wieder mit dabei sein. Bis jetzt habe ich 17 Mal den MdS absolviert. Drei mal werde ich noch starten, damit ich auf insgesamt 20 Starts komme. Dann ist es genug.

Dein Bruder Mohammad, der auch mehrmals den MdS gewonnen hat, nimmt auch in diesem Jahr teil. Wie hoch sind seine Chancen auf einen Sieg?

Lahcen: Natürlich möchte er gerne vorne mitlaufen – aber die Konkurrenz ist in diesem Jahr sehr groß. Es sind sehr starke marokkanische Läufer am Start, aber auch der Vorjahressieger Salameh Al Aqra aus Jordanien.

Wie kam es dazu, dass du zum ersten Mal beim Marathon des Sables gestartet bist?

Lahcen: Sobald ich in die Schule kam, ist meine Familie nach Zagora gezogen, eine Kleinstadt am Rande der Sahara, und damaliger Startort des Marathon des Sables (MdS). Ich war fasziniert von diesem Wettkampf und der neuen Welt, die sich dort vor meinen Augen abspielte. Anfangs bin ich ganz illegal kurze Strecken mitgelaufen, aber man wollte mich nicht dabei haben. In einem Jahr wurde ich auf einen LKW geladen und wieder abtransportiert. Ein Läuferteam aus Casablanca hat dies beobachtet und mir angeboten, mit ihnen zu trainieren. Bei der siebten Auflage des MdS im Jahr 1992 bin ich dann offiziell gestartet. 1997 habe ich das erste Mal den Lauf gewonnen.

Wie bereitest du dich auf den Marathon des Sables vor?

Lahcen: Ein wichtiger Aspekt ist es, im Training unterschiedlichstes Terrain auszuprobieren und viele Kilometer auf ganz verschiedenen Untergründen, wie Dünen, Gestein und Steinfelder zu laufen. Sehr empfehlenswert ist es auch, das Material und den Rucksack im Vorfeld auszuprobieren. Mein wöchentlicher Trainingsumfang umfasst zwischen 150 und 180 Kilometern. Kurz vor dem Wettkampf, in der sogenannten Taperingphase, reduziere ich diesen auf etwa 50 Kilometer pro Woche.

Was würdest du jemandem raten, der beim MdS starten möchte?

Lahcen: Ich laufe den MdS mit meinem Kopf, nicht mit den Muskeln. Daher ist es wichtig, dass sich die Läufer mental auf die Wüste vorbereiten. Sie sollten den nötigen Respekt haben, aber nicht denken, dass dieses Gebiet gefährlich ist. Die Menschen in der Wüste halten die Sahara für ein Paradies und haben eine sehr gute Meinung von ihr. Die meisten Läufer haben meiner Meinung nach mehr Angst vor der Wüste, als vor dem MdS. Weiterhin ist es besonders wichtig, dass die Läufer während des Wettkampfes trinken, bevor sie Durst haben und essen, bevor sie Hunger kriegen.

Welche Ziele hast du für 2013?

Lahcen: Ich plane die Teilnahme an einem Etappenlauf in Andalusien, aber auch reine Marathonläufe stehen in diesem Jahr auf meinem Programm. Weiterhin will ich die Organisation meiner eigenen Läufe in Marokko weiter ausbauen: den Trail Atlas Tafraout  und den Zagora Extreme Marathon

 

Zur Statistik: Der Marathon des Sables (Link: http://www.darbaroud.com ) gilt als der schwerste Etappen-Ultramarathon der Welt und zieht seit seiner Erstauflage im Jahr 1986 tausende Läufer weltweit in seinen Bann. Insgesamt sind seit Beginn über 12.000 Läufer durch die marokkanische Wüste gelaufen. Von der Qualität des Laufes zeugt die Tatsache, dass 30 Prozent der Teilnehmer Wiederholungstäter sind. Der Frauenanteil unter den Läufern betrug in den letzten Jahren lediglich 14 Prozent. Der älteste jemals gestartete Teilnehmer war 78 Jahre, der jüngste 16 Jahre alt.

2013 sind insgesamt 1.042 Teilnehmer am Start – darunter 156 Frauen. Aus Deutschland kommen davon 17 Läufer, inklusive 4 Frauen. Das ist recht wenig, wenn man beachtet, dass 325 Läufer alleine aus Frankreich und über 300 Läufer aus Großbritannien starten.

Das Interview führte Iris Hadbawnik (IS)

 

Gerade für Extremsport-Wettkämpfe ist die richtige Vorbereitung überlebenswichtig. Neben der entsprechenden Laufbekleidung gehört auch die richtige Ernährung ebenso dazu wie ein guter und beharrlich durchgezogener Trainingsplan.

Iris Hadbawnik lebt als freiberufliche Marketingberaterin, Lauftrainerin und Autorin in Frankfurt am Main. 2011 veröffentlichte sie das Buch „Bis ans Limit – und darüber hinaus. Faszination Extremsport“, das u.a. ein Porträt von Brigid Wefelnberg, ein ausführliches Interview mit Lahcen Ahansal und weitere Details zum Marathon des Sables enthält.

Vor kurzem erschien ihr zweites Buch mit dem Titel „Mythos Mount Everest“. Darin zeigt sie, welche Faszination der Everest auch 60 Jahre nach der Erstbesteigung auf Bergsteiger, aber auch Läufer, Radfahrer, Snowboarder, Schwimmer, Apnoetaucher und Gleitschirmflieger ausübt.

Weitere Informationen unter: www.fitnessatbusiness.de

http://www.darbaroud.com

 

 

 

Bildquelle: Fotoarchiv Brigid Wefelnberg, Fotoarchiv Lahcen Ahansal, Iris Hadbawnik

 

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