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Kreislaufbeschwerden bei langen Läufen

19 April 2013 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

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Medizinische Kolumne zur sportlichen Gesundheit

Der renommierte Sportarzt Dr. med. Rudolf Ziegler, Leiter der sportmedizinischen U-Stelle des Kreises Bergstraße in Heppenheim und Chefredakteur des Fachmagazins “Puls aktiv”, konnte von androgon als medizinischer Berater gewonnen werden. Er betreut seit einem Jahr das Extremsport-Team androgon und stellt aus seiner Sprechstunde wöchentlich für alle Extremsportler und sportlich Interessierten seine medizinischen Tipps vor.

Als nächsten Beitrag stellen wir nun die Beratung eines Läufers mit Kreislaufbeschwerden bei langen Läufen vor.

Bernd A. fragt:

Hallo, ich, bin eigentlich gut im Training und bereite mich gerade nach einem 10-Wochenplan auf meinen nächsten Marathon vor. Leider bekomme ich bei langen Läufen und in der zweiten Hälfte eines Marathons häufig starke Kreislaufprobleme (Schwindel, Schwarzwerden vor den Augen etc.). Auch habe ich regelmäßig bei langen Läufen in der zweiten Hälfte einen viel höheren Puls. Ich bin 35 Jahre alt, 1,85 m groß und wiege nun 82 kg, nachdem ich in den letzten 10 bis 12 Wochen ca. 5 kg abgenommen habe.

Bei meinen letztjährigen Herbst-Marathon musste ich bei Kilometer 30 aufgeben. Damals musste ich mich sogar übergeben und wurde kurzfristig stationär behandelt. Meines Erachtens schwitze ich recht stark, wobei ich aber auch bei Trainingsläufen konsequent auf regelmäßiges Trinken achte. Mein Maximalpuls liegt derzeit bei 187. Die langen Trainingsläufe bestreite ich meist mit Pulshöhen zwischen 135 bis 140. Was glauben Sie, aufgrund Ihrer langjährigen sportmedizinischen Erfahrung, ist die Ursache dieser immer wiederkehrenden Symptomatik und was kann ich dagegen tun?

Sportarzt Dr. med. Rudolf Ziegler aus Heppenheim antwortet:

Zunächst einmal ist es sportmedizinisch-physiologisch absolut normal und nachvollziehbar, wenn sich Ihre Pulskurve im Laufe einer längeren Laufbelastung nach oben bewegt. Die möglichen Begleitsymptome und deren Ausmaß sind es, die dann zum Handeln zwingen, wie ja auch bei Ihnen gegeben. Ursächlich verantwortlich sind hier mehrere Faktoren, wobei vor allem die Bluteindickung, Blutdruckschwankungen, die notwendig werdende Umstellung bei der muskulären Energiebereitstellung und dann auch der mehr oder weniger ausgeprägte psycho-mentale Ermüdungszustand eine Rolle spielen. Allerdings sollte das Ausmaß Ihrer geschilderten Kreislaufprobleme auf jeden Fall Anlass zu einer sorgfältigen Herz-Kreislauf-Diagnostik sein. Und das bedeutet dann im Einzelnen (wobei ich Ihren Angaben nicht entnehmen konnte, ob Sie überhaupt schon einmal eine ausführliche internistisch-orthopädische Untersuchung mitgemacht haben):

  • Belastungs-EKG (wird meist als Fahrrad-Ergometrie durchgeführt) bis zu Ihrer Ausbelastung. Da beim Fahrradfahren weniger Muskelmasse als beim Laufen beansprucht werden, werden Sie sicherlich Ihren angegebenen Maximalpuls von 187 Schlägen pro Minute nicht erreichen. Im Verlauf des Belastungs-EKG sowie ganz wichtig auch nach Abbruch der Belastung sollte dann genau Ihre Herzfrequenz- und Blutdruck-Entwicklung analysiert sowie auch Ihr Herz-Rhythmus beurteilt werden. Dazu erfahren Sie aber Genaueres vom untersuchenden Arzt.
  • Laborbezogen sollten Sie auf alle Fälle folgende Parameter bestimmen lassen: Blutbild, Blutzucker, Blutsenkung, Gesamt-Cholesterin, HDL, LDL, Triglyzeride, Homocystein, Gesamt-Eiweiß, TSH (wegen Schilddrüsen-Funktion) sowie bei den Mengen- und Spurenelementen vor allem Kalium, Magnesium, Selen und Ferritin, wenn Sie nur selten tierisches Eiweiß konsumieren. Und wo Sie schon einmal dabei sind, würde ich auch einen kleinen Nieren-Check gleich mitmachen, d.h. Bestimmung von Kreatinin und Harnstoff im Blut sowie Urinstatus. Eine Kreatinin-Bestimmung am Morgen vor einem 25 oder 30 Kilometer-Lauf und dann auch nochmals am Morgen nach dieser langen Einheit ermöglicht eine recht gute Einschätzung der Dynamik und Qualität Ihres Flüssigkeitshaushaltes. Auch sollten Sie sich regelmäßig vor und unmittelbar nach einem Long jogg wiegen, um das Ausmaß des noch vorhandenen Flüssigkeitsdefizits besser einschätzen zu können. Auch die Urinfarbe kann hierzu herangezogen werden.
  • Wichtig: Vielleicht leiden Sie ja auch an einem zu niedrigen Blutdruck, der dann bei entsprechend ausgeprägtem Flüssigkeitsdefizit in den Keller geht. Sollte sich dies bestätigen, so wäre hier vor jedem Lauf eine entsprechende Medikation vorzunehmen, um Ihren Blutdruckabfall in Grenzen zu halten. Bewährt haben sich hier beispielsweise Effortil Depot Perlongetten.
  • Weiterhin könnte für Ihr Kreislaufproblem auch ein Abfall des Blutzuckers verantwortlich sein, da unter Belastung die Blutglukose leichter in die arbeitende Muskulatur gelangt, was den Blutzucker-Abfall beschleunigt. Auch diese Fragestellung gilt es mit dem behandelnden Arzt durchzusprechen.

Übrigens: Meines Erachtens wählen Sie für Ihre langen Trainingsläufe, die Sie ja generell im GA-1-Bereich bestreiten sollten, rein rechnerisch nach der Altersformel und orientiert an Ihrem Maximalpuls (Hfmax), eine zu hohe Intensität. Mit einer Herzfrequenz zwischen 135 und 140 liegen Sie nun einmal bereits bei 70 bzw. 75 % Ihrer aktuellen Hfmax. Sie sollten sich aber rechnerisch bei einer Herzfrequenz zwischen 115 und 125 bewegen (= 62 bis 67 % der Hfmax), wenn Sie wirklich dem Fettstoffwechsel auf die Sprünge helfen wollen. Vorschlag: Möglichst in den nächsten Tagen unterziehen Sie sich noch einem Laktat-Leistungstest unter standardisierten Bedingungen, um Ihre Herzfrequenz exakt,  d.h. gemäß Ihrer aktuellen muskulären Stoffwechseltrainiertheit,  auf die jeweiligen Trainings- und Belastungsvorgaben ausrichten zu können. Damit vermeiden Sie auch ein Überziehen beim anstehenden Köln-Marathon. Je nach Ihrem Trainingsumfang in den nächsten Monaten sollte dann dieser Laktat-Leistungstest in bestimmten Abständen wiederholt werden, um der Entwicklung Ihrer Stoffwechseltrainiertheit exakt bzgl. der Intensitätsvorgaben Rechnung tragen zu können. Sollten Sie eine kompetente Anlaufstelle für Ihre Laktatdiagnostik benötigen, so lassen Sie mich dies bitte wissen.

Alles Gute für Sie & gutes Gelingen !

Ihr Dr. Ziegler

Dr. med. R. Ziegler„Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es!“

Herzlichst
Ihr
Dr. med. Rudolf Ziegler
 Weitere Informationen: http://www.sportdoktor-ziegler.de/http://www.androgon.com/11055/gesundheit/mannergesundheit/power-ist-essbar
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