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Laufen & Schienbeinschmerz bds.

3 Mai 2013 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken
Swiss Alpin Marathon 2012

Swiss Alpin Marathon 2012

Medizinische Kolumne zur sportlichen Gesundheit

Der renommierte Sportarzt Dr. med. Rudolf Ziegler, Leiter der sportmedizinischen U-Stelle des Kreises Bergstraße in Heppenheim und Chefredakteur des Fachmagazins “Puls aktiv”, konnte von androgon als medizinischer Berater gewonnen werden. Er betreut seit einem Jahr das Extremsport-Team androgon und stellt aus seiner Sprechstunde wöchentlich für alle Extremsportler und sportlich Interessierten seine medizinischen Tipps vor.

Als nächsten Beitrag stellen wir nun die Beratung eines Sportlers mit Schienbeinschmerzen vor.

Daniel M. fragt:

Hallo, Herr Dr. Ziegler,

letzte Woche habe ich nach mehrwöchiger Pause mein normales Lauftraining wieder angefangen und es wohl am Anfang etwas übertrieben. Am dritten Tag musste ich das Training wegen beidseitiger Schienbeinschmerzen abbrechen. In Ruhe habe ich zwar keine Schmerzen, aber an Laufen ist bis jetzt noch nicht wieder zu denken. Ich habe mich bzgl. allgemeiner Tipps schon kundig gemacht. Darunter finden sich u.a. auch Diclofenac (Salbe & Tabletten). Hierzu jetzt meine Frage: Soweit ich es verstanden habe, ist das Problem doch immer ein Strukturschaden irgendwelcher Art, also in diesem Fall Mikroverletzungen des Musculus tibialis, seines Ansatzes bzw. der darunter liegenden Knochenhaut durch Überbelastung und die Entzündung folglich nicht Ursache, sondern Reaktion des Körpers als Teil des Heilungsprozesses. Wenn aber diese Entzündung letztlich nur Teil/Ausdruck des Reparaturprozesses ist, inwiefern macht es dann Sinn, Entzündungshemmer einzunehmen? Eine Verkürzung der für die Reparatur der Schäden benötigten Zeit wird man durch Hemmung der körpereigenen Reparaturmechanismen ja wohl kaum erreichen können. Und nach Beheben des Problems sollte die Entzündung doch dann von selbst abklingen. Wäre es daher nicht sinnvoller, die Entzündung und die damit einhergehende Durchblutungssteigerung zu fördern, um so den Heilungsprozess zu beschleunigen? Bedeutet doch die Einnahme von Entzündungshemmern nach meinem Verständnis nur eine bloße Schmerzbekämpfung und das eben vor Abschluss des Heilprozesses. Mögliche Folgen: Der Sportler beginnt zu früh mit dem Training und die Verletzung verschlimmert sich. Das kann wohl kaum Ziel der Behandlung sein. Auf der anderen Seite sind sich offenbar alle Sportärzte über den Sinn der Entzündungshemmung einig. Wo liegt mein Denkfehler? Vielen Dank für Ihre Mühe!

Sportarzt Dr. med. R. Ziegler aus Heppenheim antwortet:

Vielen Dank auch meinerseits für Ihre interessante Fragestellung. Natürlich sollte ärztlicherseits nicht bloß symptomatisch agiert werden. Daher haben Sie zwar richtige Überlegungen angestellt, aber selbige nicht logisch zu Ende gedacht. So, jetzt aber schön der Reihe nach: Ich gehe bei Ihrem Beschwerdebild zunächst einmal von Überlastungsproblemen im Sehnen-Ansatzbereich entweder des Musculus tibialis anterior (Schmerz ist an der äußeren Schienbeinkante lokalisiert) oder des Musculus tibialis posterior (Schmerz ist an der inneren Schienbeinkante lokalisiert) aus, was dann bei Ihnen nachfolgend zu einer Knochenhaut-Reizung an beschriebener Stelle geführt hat und für die geschilderte Symptomatik verantwortlich zeichnet. Das anschließende ärztliche Vorgehen sollte dann zweigeteilt ablaufen: Zunächst gezielte Ursachenforschung, um ein neuerliches Auftreten möglichst zu vermeiden. Ursächlich wäre  bei Ihnen in erster Linie an eine entsprechend disponierende Fußstatik zu denken, also v.a. Senk-Knick-Füße, evtl. auch in Kombination mit einem sogenannten Vorfuß-Varus. Der Vorfuß-Varus ist gekennzeichnet durch eine genetisch fixierte Tendenz zum übermäßigen Abrollen über die Außenkante des Fußes (Übersupination)  mit nachfolgend überschießender Rotationsproblematik, die sich dann bei gleichzeitig vorhandenen Senk- oder Senk-Knickfüßen noch verstärken kann. Diese funktionellen Abläufe führen nachfolgend zu einer zwangsläufig überschießend gegensteuernden Schienbeinmuskulatur, die dann je nach Laufsport-spezifischem Belastungsumfang früher oder später aufjault, wie bei Ihnen geschehen. Die Tatsache, dass Sie Ihre Beschwerden nur beim Laufen haben, ist logisch, da nur durch die lauftypisch entstehende Flugphase (beide Füße sind für Sekundenbruchteile ohne Bodenberührung) das Vorfuß-Varusproblem funktionell auch zum Tragen kommt.

Erst nach der Ursachenforschung können die nachfolgend eingeleiteten Therapieschritte optimal greifen. Das bedeutet in Ihrem Fall konkret folgendes Vorgehen:

  1. Zunächst Korrektur evtl. nachgewiesener Fußstatik-Defizite mittels Schuhumbau bzw. Schuhneukauf plus individuell zugeschnittener Einlagenversorgung (gemäß videogestützter Laufanalyse), was als ursächliche Therapie zu verstehen ist.
  2. Gezielte Unterstützung der körpereigenen Regenerationsprozesse, wobei das Auftreten von Schmerzen an der betreffenden Belastungszone eben medizinischer Hinweis dafür ist, dass diese überschießend ablaufen und daher kanalisiert werden müssen. Hier hatten Sie ja Ihr Verständnisproblem. Therapeutisch haben sich hier:
    • lokale Maßnahmen (Eiswasser-Umschläge, Salbenverbände (z.B. Traumeel S® Salbe in Kombination mit Ichtholan 50% Salbe als Salbenverband über Nacht)
    • Einnahme von Entzündungsblockern (z.B. Diclofenac oder Naproxen 500 mg), die aber nicht unbedingt erste Wahl sein müssen, gerade bei Sportlern mit empfindlichem Verdauungstrakt. Ich tendiere daher in der Ersttherapie eher zu sogenannten Komplex-Homöopathika. Sehr gute Erfahrungen habe ich hier mit Traumeel S® Tabletten gemacht. Die hier meinerseits empfohlene und bewährte Dosierung in der Akutphase liegt bei 5 x 2 Tabletten pro Tag (langsam unter der Zunge zergehen lassen) über zunächst 14 Tage, um dann die Gabe je nach verbliebenem Restbeschwerdebild anzupassen.

So, jetzt hoffe ich, bei Ihnen 2 Fliegen mit einer Klappe geschlagen zu haben, also einmal ein wenig mehr Verständnis und Klarheit bzgl. des therapeutischen Denkens und Vorgehens von uns Sportärzten und zusätzlich gezielte Tipps bzgl. Ihres konkreten Läuferproblems.

Toi, toi, toi, auf dass ich bei Ihnen das richtige Näschen gehabt habe!

Dr. med. R. Ziegler„Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es!“

Herzlichst
Ihr
Dr. med. Rudolf Ziegler
 
Weitere Informationen: http://www.sportdoktor-ziegler.de/http://www.androgon.com/11055/gesundheit/mannergesundheit/power-ist-essbar
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