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laufen lernen lieben

19 August 2015 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Betrachtungsweise des Alterns

Trotz moderner Medizin und Anti-Aging ist auch der moderne Mann zunehmend mit Fragen des Alterns konfrontiert, insbesondere durch die z. Zt. heftig diskutierte Kosten-Nutzen-Analyse in der Berufswelt auf der einen und des Gesundheitswesens sowie Rentensystems auf der anderen Seite. Wenn auch diese spezifisch auf die Neuzeit bezogene ökonomische Betrachtungsweise des Alterns eine besonders moderne Perspektive darstellt, hat sich vor der heutigen Altersforschung bereits eine vorakademische, vor allem philosophisch geprägte etabliert, mit der Mann sich damals bereits diesen Herausforderungen gestellt hat.

In dem nachfolgenden Diskurs von Otfried Höffe wird dies an Hand von prominenten Vordenkern der römischen Antike, wie Cicero, aus der fortgeschrittenen Epoche der Neuzeit durch Jacob Grimm und der Fast-Gegenwart eines Ernst Bloch beispielhaft demonstriert

Nicht jedem Gesicht sieht man das Alter an!

Ob Individuum oder Gesellschaft – wer sich Gedanken über die wachsende Bedeutung des Alters macht, wirft klugerweise einen Blick in die Geschichte. Der Blick gibt der Gegenwart ein schärferes Profil. Zugleich bewahrt er sie vor einer Selbstüberschätzung. Weder ist das Altern noch sind dessen Herausforderungen neu. Selbst von den Strategien, mit denen man sich damals den Herausforderungen stellt, kann man heute noch lernen. Und im Vorübergehen erfährt man drei weitere Dinge.

Lange vor der heutigen Altersforschung gibt es eine vorakademische, zu einem erheblichen Teil philosophische Altersforschung. Sie hat Menschen im Blick, die, zweite Provokation, lange vor der modernen Medizin ein erstaunlich hohes Alter erreichen. Der Athener Tragiker Sophokles wird neunzig Jahre alt, ebenso wie der Athener Gesetzgeber Solon, später der Skeptiker Pyrrhon; Pythagoras wird vermutlich noch älter; der Sophist Gorgias stirbt erst mit hundertneun Jahren, Platon wird immerhin achtzig Jahre alt, Cato, der Cicero zu einer der bedeutendsten Altersstudien der Weltgeschichte inspiriert, fünfundachtzig Jahre und der Stoiker Epiktet achtundachtzig Jahre.

Die trotzdem häufigen Klagen über das Alter haben eine handfeste Grundlage: Da es keine staatliche Altersfürsorge gibt, muss man selbst Vorsorge treffen und sich entweder rechtzeitig einen hinreichenden Besitz erwerben oder auf jenen Unterhalt durch die Kinder hoffen, der aber nicht nur bei deren frühem Tod ausbleiben kann.

Ein Drittes kann man von der vorakademischen Altersforschung lernen: Man betrachte das Alter und Altern nicht primär aus funktionaler Sicht: Wie kann man die Alten möglichst effektiv und ausdauernd in die Berufs- und Sozialwelt, einschließlich der Bürgergesellschaft, integrieren?

Statt vornehmlich von der Gesellschaft aus zu schauen und dann, freilich unausgesprochen, eine Nutzen-Kosten-Analyse vorzunehmen, vor allem im Blick auf die Berufswelt auf der einen und das Gesundheitswesen sowie die Rentenversicherung auf der anderen Seite, statt dieser Außenperspektive für die Betreffenden nehme man die Innenperspektive ein und frage nach der Würde des Alters und des Alterns.

Der „Greis“

Ich wähle dafür drei Beispiele, bewusst aus verschiedenen Epochen: das erste Beispiel aus der römischen Antike, das zweite aus der fortgeschrittenen Neuzeit und das dritte aus der Fast-Gegenwart. Zuvor aber ein Blick auf die Wortgeschichte, da sie eine kondensierte Sachgeschichte enthält.

Vor zwei oder drei Generationen durfte man noch ungeniert von einem Greis sprechen. Heute klingt es diskriminierend, obwohl es zumindest für Männer zutrifft. Wie in der Zoologie der grizzly bear den Graubären meint, so ist „Greis“, wer im Alter unvermeidlich, daher nicht ehrenrührig, grau wird. Heute spricht man lieber von Senioren oder von Betagten und Hochbetagten.

Die körperlichen Nachteile des Alterns leugnen die Philosophen nicht

In den romanischen Anredeformeln, also im französischen Ausdruck seigneur, im italienischen signore, im spanischen señor, auch dem französischen sire und dem englischen sir, klingt es noch an: Der Ältere ist der „in Ehren Ergraute“, der Ehrwürdige, der von Seiten Jüngerer Achtung verdient.

Würde, Ernst, Respekt

Erstes Beispiel: Cicero. Einer der für das Thema bedeutendsten Texte, wegen der Breite und Gründlichkeit der Überlegungen eine veritable Altersstudie, stammt aus der römischen Antike. Er hat freilich, wie in sehr vielen Bereichen des Geisteslebens von Rom, griechische Vorbilder, hier eine (verlorene) Schrift „Peri geros“ (Über das Alter) des Philosophen Ariston von Keos (drittes Jahrhundert vor Christus) und das Gespräch über das Alter aus Platons „Politeia“, das der rechtschaffene, betagte Kephalos mit Sokrates führt.

Alter müsse nicht Altern bedeuten, sagte Herman Hesse

Nach der Schrift eines römischen Staatsmannes, Philosophen und Redners, nach Ciceros „Cato maior de senectute“ (Cato der Ältere über das Alter) nämlich, der vor einer Generation noch als „Cato der Ältere über das Greisenalter“ verdeutscht wurde – nach diesem Text eines Zweiundsechzigjährigen über einen Staatsmann, der fünfundachtzig Jahre alt wurde, kann sich der ältere Mensch noch durch alle drei Vorzüge eines reifen Mannes auszeichnen: durch dignitas, gravitas, auctoritas, also durch Würde, gewichtigen Ernst und respekteinflößendes Ansehen. Die als Senilität bezeichneten Eigenschaften sollen dagegen auf Disziplinlosigkeit zurückgehen, sind insofern altersindifferent.

Alter als „gewonnene Jahre“

Trotz dieser zweifellos idealisierenden Einschätzung denkt Cicero über die mit dem Altern stattfindenden Veränderungen nach. Schon vor mehr als zweitausend Jahren stellt er zu den wesentlichen Herausforderungen des Alters psychologische und sozialpsychologische Überlegungen an.

Sie erfüllen beide Aufgaben. Cicero beginnt mit einer Diagnose der Herausforderungen und schließt Empfehlungen, ihnen zu begegnen, also Präventionsvorschläge, an. Auf diese Weise vertritt schon er den Leitgedanken der neueren Altersforschung: „gewonnene Jahre“.

Nachteile lassen sich beheben

In seiner Diagnose nennt Cicero vier Vorwürfe an das Alter oder Anklagepunkte dagegen, die er allesamt entweder entkräftet oder in Herausforderungen umwandelt: dass man, aus den bisherigen Ämtern verdrängt, zur Untätigkeit gezwungen werde, dass die körperlichen Kräfte nachließen, dass manche Freuden verlorengingen und schließlich dass der Tod nahe (Cicero selbst wird ein Jahr nach Abfassen der Schrift ermordet).

Die erste Anklage, den Zwang zur Untätigkeit, entkräftet Cicero mit der Empfehlung, sich für das bonum commune, das Gemeinwohl, zu engagieren, nach heutigen Begriffen für Ehrenamt und Bürgergesellschaft. Denn nicht durch körperliche Kraft vollbringe man große Dinge, sondern durch Fähigkeiten, die im Alter nicht abnehmen müssen, nämlich dank Erfahrung, verbunden mit Überlegung und Entscheidungskompetenz.

Cicero räumt ein, dass manche über ein Nachlassen des Gedächtnisses klagen. Dem könne man aber durch Übung entgegentreten. Durch stetes Lernen ließen sich die geistigen Kräfte bewahren, womit die Minderung der körperlichen Kraft mehr als kompensiert würde.

Unser Autor erkennt durchaus an, dass die geistigen Kräfte nicht so frisch bleiben. Dagegen empfiehlt er zweierlei, womit er sich für ein „lebenslanges Lernen“ einsetzt, aber nicht so pauschal und undifferenziert optimistisch, sondern lebensalterspezifisch: In der Jugend erwerbe man möglichst viel an geistiger Kraft, und im Alter gehe man mit diesem geistigen Kapital ökonomisch um, man lege nämlich das Unwichtige beiseite und behalte Wichtiges, Bedeutsames im Gedächtnis. Zur geistigen Ökonomie der Älteren gehört auch, dass sie mit einer größeren Zukunftsperspektive planen und ihre Erfahrung an die Nachkommen weitergeben.

Nicht immer die gleiche Geschichte den gleichen Leuten erzählen

Die heutige Hirnforschung liebt es, von revolutionär neuen Erkenntnissen zu sprechen. Hier darf sie Bescheidenheit lernen. Denn schon vor mehr als zweitausend Jahren betont ein Denker, was die Hirnforschung auch feststellt, also nur bekräftigt.

Für manch andere Bereiche der heute hochrenommierten Lebenswissenschaften dürfte es ähnlich aussehen: In nicht wenigen Fällen entdecken sie nicht grundstürzende Neuigkeiten, sondern bestätigen etwas, was schon die Lebenserfahrung mit Lebensklugheit lehrt.

Allerdings, so klagt Cicero, neigen Ältere zur Geschwätzigkeit. Dagegen empfehlen sich zwei der „Entschließungen für mein Alter“ des irischen Schriftstellers Jonathan Swift: „Nicht immer die gleiche Geschichte den gleichen Leuten erzählen.“ Und: „Nicht freigebig mit gutem Rat sein, es sei denn, man wünsche ihn.“

Im Abschnitt über das Nachlassen der körperlichen Kräfte empfiehlt Cicero, gesundheitliche Rücksichten zu nehmen und Körper und Geist regelmäßig zu nutzen. Im Übrigen relativiert sich das Schwinden der Körperkraft wegen des Vorrangs der geistigen vor den körperlichen Kräften.

Endlich frei von Begierden

Die Hauptaufgaben des Älteren fasst man heute mit einem dreifachen L zusammen: laufen, lernen und lieben. Cicero hebt beim körperlichen und geistigen Training die beiden ersten L hervor. Im nächsten Abschnitt folgt das dritte L. Weiterhin betont der Autor den Wunsch der Älteren nach einem selbstbestimmten Leben, also nach Autonomie. Und solange man interessanten Beschäftigungen nachgehe, spüre man sein Älterwerden nicht.

In seinem dritten Abschnitt, über das Abnehmen sinnlicher Freuden, erklärt Cicero, erneut im Vorgriff auf heutige Forschung, diese Abnahme werde von den meisten, wenn auch nicht von allen Menschen als eine Befreiung von unnötigen oder sogar unerlaubten Begierden angesehen. Denn sie eröffne größere Räume für Geselligkeit einschließlich des unbelasteten Gesprächs zwischen den Generationen, während das Verlangen nach Trank und Speise nachlässt.

Hier spricht er das dritte L an, dass man sich nämlich um der gewonnenen Jahre willen in ein soziales Netz einbetten und seine sozialen Fähigkeiten samt Zugehörigkeit und Gebrauchtwerden pflegen muss.

Krönung des Alters

Die Krönung des Alters sieht Cicero in jener auctoritas, dem respekteinflößenden Ansehen, „das man sich nicht plötzlich durch graue Haare und durch Runzeln verschafft“, vielmehr erntet ein schon früher in Ehren geführtes Leben am Ende die Früchte des Ansehens.

Im letzten Abschnitt seiner Altersanalyse wendet sich Cicero dem vierten und beunruhigendsten Anklagepunkt zu, der Nähe des Todes. Er lässt sich auf die beiden damals dominanten Vorstellungen ein: dass der Geist ausgelöscht werde oder aber an einem anderen Ort ewig weiterlebe.

Unter beiden Annahmen sei der Tod nicht zu fürchten, denn entweder ist man nach dem Tod nicht unglücklich, oder man lebt sogar glückselig. Im Übrigen empfiehlt Cicero, etwas Bleibendes zu schaffen, womit seine eigene Lebenszeit noch weiter reiche.

Tugenden und Vorzüge des Alters

Das zweite Beispiel: Jacob Grimm. Seine Rede über das Alter, gehalten 1861 im fünfundsiebzigsten Lebensjahr des Juristen, Politikers und Schöpfers der germanischen Sprachwissenschaft, drei Jahre vor seinem Tod, führt ohne jede Aufdringlichkeit die hohe Gelehrsamkeit des Autors vor Augen.

„Natürlich“ kennt Grimm Ciceros Text und weiß um dessen griechische Vorlage. Er führt uns eine Fülle von Gliederungen des Menschenlebens bei verschiedenen Völkern vor, sowohl Zwei- als auch Drei-, Vier-, Sieben- und Zehnfachgliederungen.

Er zitiert Berechnungen des Menschenalters, zum Beispiel: „ein zaun währt drei jahre, ein hund erreicht drei zaunes alter, ein ros drei hundes alter, ein mann drei rosses alter“, also einundachtzig Jahre. Grimm zitiert Dichter und Philosophen, führt durchaus die vielen negativen Eigenschaften an, die dem Alter zugeschrieben werden, nimmt dann aber die Tugenden und Vorzüge in den Blick.

Nicht klagen

Im Märchen „Die Lebenszeit“, das er mit seinem Bruder Wilhelm in die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen aufnimmt, werden dem Menschen als Lebenszeit von Gott „siebenzig Jahre“ bestimmt, untergliedert in vier Abschnitte: „Die ersten dreißig sind seine menschlichen Jahre, die gehen schnell dahin; da ist er gesund, heiter, arbeitet mit Lust und freut sich seines Lebens. Hierauf folgen die achtzehn Jahre des Esels, da wird ihm eine Last nach der anderen auferlegt: er muß das Korn tragen, das andere nährt, und Schläge und Tritte sind Lohn seiner treuen Dienste. Dann kommen die zwölf Jahres des Hundes, da liegt er in den Ecken, knurrt und hat keine Zähne mehr zum Beißen. Und wenn diese Zeit vorüber ist, so machen die zehn Jahre des Affen den Beschluß.“ In den Jahren sechzig bis siebzig, schließt das Märchen, „da ist der Mensch schwachsinnig und närrisch, treibt alberne Dinge und wird ein Spott der Kinder“.

Diesem bemitleidenswerten Lebensende tritt Grimm in der Rede über das Alter wortgewandt und lebenserfahren entgegen. Der Autor leugnet nicht körperliche Behinderungen im Alter wie die Taubheit und das nachlassende Augenlicht.

Statt aber darüber zu klagen, hebt er die positiven Seiten hervor: etwa dass sich bei Blinden das Gefühl „nicht selten bis auf den grad“ verfeinere, „dasz er mit allen fingerspitzen gleichsam sehe“; und „bei tauben leuten soll sich der geschmack und geruch höher als sonst ausbilden“. Als Vorzüge nennt er „linde, milde, behagen, mut und arbeitslust“. Hinzu kommen eine „gewachsene und gefestigte freie gesinnung“ und eine „im vorausgegangenen leben noch nicht so dagewesen ruhe und befriedigung“.

Wem es vergönnt sei, ein hohes Alter zu erreichen, der „hat nicht nöthig zu jammern, wenn seine letzte lebensstufe annaht“, vielmehr ist ihm gestattet, „mit stiller Wehmut hinter sich zu blicken und . . . gleichsam auf der bank vor seiner hausthür sitzend sein verbrachtes leben zu überschlagen“.

Ein behagliches Leben

Das dritte Beispiel: Ernst Bloch. Der Philosoph (1885 bis 1977) nimmt eine neue Perspektive ein. Gemäß dem Titel seines Werks „Das Prinzip Hoffnung“ spricht Bloch nicht so sehr über das, was Ältere im Positiven oder Negativen sind, auch nicht darüber, wie sie selber leben oder wie sie von anderen behandelt werden sollen.

Sein Altersdiskurs ist erfahrungsgesättigt und doch weder empirisch noch normativ. Er bringt die dritte Modalität im Bereich des Praktischen zur Sprache, nach dem Sein und dem Sollen das Können, den Optativ.

Bloch geht es nicht um Altersrollen, weder um tatsächlich gegebene noch um nur moralisch gesollte Rollen. Der Obertitel des zuständigen Teiles heißt „Kleine Tagträume“, und der Titel des einschlägigen Abschnitts präzisiert: „Was im Alter zu wünschen übrigbleibt“.

Bloch legt sich die Frage vor, wie sich der ältere Mensch selber etwas Gutes tun kann. Auch Bloch ist nun nicht so lebensfremd, dass er nur das Positive sieht und „verständige Ängste“, die sich mehren, naiv beiseiteschiebt: „Der Leib erholt sich nicht mehr so rasch wie früher, jede Mühe verdoppelt sich. Die Arbeit geht nicht mehr so flink von der Hand, wirtschaftliche Ungewißheit drückt schwerer als vorher.“

Als Antwort oder Ausweg plädiert er aber nicht für Askese, vielmehr spricht er sich für ein epikureisch-behagliches Leben aus, für „Wein und Beutel“, also für Lebensgenuss und für Geld.

Das Alter als Weinlese

Zunächst räumt er ein, dass der Einschnitt des Alters „deutlicher als jeder frühere“ Lebensabschnitt „und brutaler negativ“ sei. „Der Jüngling ist mit der üblichen Umwelt zerfallen und bekriegt sie; … aber der Ältere, der Greis, wenn er an der Welt sich ärgert, kämpft nicht wie der Jüngling gegen sie an, sondern steht in Gefahr, verdrießlich gegen sie zu werden, maulend streitbar.“

Deshalb herrsche im nichttrivialen, vielmehr normalen Alter „die Resignation, kein bloßer Abschied von einem Lebensabschnitt …, sondern der Abschied vom langen Leben selbst“.

Danach aber folgt im Text die Peripetie, der Wechsel vom Bedrückenden zur Chance, das Alter als ein Wunschbild, gegebenenfalls Ernte. Bloch kennt Grimms Rede über das Alter; er zitiert den vielgelesenen Voltaire und bestätigt, dass sein eigener Blick aufs Alter schon früheren Epochen der Neuzeit und, wie Cicero gezeigt hat, selbst der Antike vertraut ist.

Zugleich relativiert Bloch die unsere Sozialpolitik beherrschende Unterscheidung von Arm und Reich zugunsten von Gebildeten und Ungebildeten: „Für Unwissende, sagte Voltaire, sei das Alter wie der Winter, für Gelehrte sei es Weinlese und Kelter.“

Auf menschenwürdige Art zu altern ist eine Kunst

Bloch schickt den Hinweis voraus, das Alter zeige, „wie jede frühere Lebensstufe, durchaus möglichen, spezifischen Gewinn, einen, der den Abschied von der vorhergehenden Lebensstufe gleichfalls kompensiert“. Und an das Voltaire-Zitat schließt er die Worte an: „Das gesunde Wunschbild des Alters … ist das der durchgeformten Reife; das Geben ist ihr bequemer als das Nehmen.“

Dazu gehörten „die Erlaubnis, vom Leben erschöpft zu sein“, der Wunsch nach Beschaulichkeit und Muße, die Liebe zur Stille, nicht zuletzt eine Weisheit, die Ciceros ökonomischen Umgang mit einem schwindenden Gedächtnis ergänzt. Gemeint ist nämlich die Fähigkeit, das Wichtige zu sehen, das Unwichtige zu vergessen.

Zwei Defizite fallen auf: Das Verhältnis zu den Mitmenschen, etwa zur Familie und den Freunden, fehlt ebenso wie die Frage, wie man die skizzierte Einstellung lernt. Denn die weise, „stoische“ Gelassenheit, die sich bei Voltaire, Jacob Grimm und Ernst Bloch abzeichnet, fällt dem Menschen nicht von allein zu. Er muss sie lernen, was jenes Bild des Alters bekräftigt, das wir nicht erst seit der neueren Altersforschung, sondern schon seit Cicero kennen: dass man Altern lernen kann, freilich auch lernen muss.

Mit Hermann Hesse, einem weiteren nichtakademischen Altersforscher, gesprochen: „Altsein ist eine ebenso schöne und heilige Aufgabe wie Jungsein“, und: „Auf eine menschenwürdige Art alt zu werden und jeweils die unserem Alter zukommende Haltung oder Weisheit zu haben ist eine schwere Kunst.“

Das Alter muss nicht Altern bedeuten

Der entsprechende Lernprozess kann, schematisch gesagt, in drei Phasen verlaufen, die aber nicht „brav“ aufeinander folgen müssen. In der ersten Phase, dem „resignativen Altern“, findet man sich mit einer traurigen Wirklichkeit ab; man nimmt vor allem die körperlichen und geistigen, auch die sozialen Verluste wahr.

In einer zweiten Phase wendet man sich altersgerechten Interessen und Beziehungen zu. Dieses „abwägend-integrative Altern“ verbindet sich mit Blochs „Wunschbild Überblick, gegebenenfalls Ernte“.

Eine gewisse Vollendung erreicht man schließlich in der dritten Phase, in jenem „kreativen Altern“, das der neuen Lebensphase ihre Eigenart lässt und zugleich den Gewinn einsieht: Den Zwängen von Konkurrenz und Karriere enthoben, wird man gegen die Frage nach mehr oder weniger Erfolg gleichgültig. In den Vordergrund treten stattdessen Unbestechlichkeit, Selbstachtung, Güte und Humor.

Der spanische Cellist Pablo Casals, der selbst sechsundneunzig Jahre alt wurde, hat das Passende dazu gesagt: „Alter ist überhaupt etwas Relatives. Wenn man weiter arbeitet und empfänglich bleibt für die Schönheit der Welt, die uns umgibt, dann entdeckt man, dass Alter nicht notwendigerweise Altern bedeutet.“

(wz)

Quelle: Denkmäler des klassischen Altertums. 1885. Band I., Seite 396/ F.A.Z. http://www.faz.net/s/Rub5C2BFD49230B472BA96E0B2CF9FAB88C/Doc~EA8EE547C16764AB7AC51C65369B14399~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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