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BÖSE DINGE

23 Mai 2013 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken
Salz- und Pfefferstreuer in Form einer Frau, 2009, Kategorie: Konstruktionsattrappe oder Weithergeholte Phantasiegestaltung Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Berlin, Foto: Armin Herrmann

Salz- und Pfefferstreuer in Form einer Frau, 2009, Kategorie: Konstruktionsattrappe oder Weithergeholte Phantasiegestaltung, Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Berlin, Foto: Armin Herrmann

Böse Dinge – Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks

16. Mai bis 15. September 2013

Was ist Geschmack? Wer bestimmt, was gut oder schlecht, schön oder hässlich ist? Unternehmen geben Milliarden aus, um herauszufinden, welches Produkt den Nerv der Zeit trifft. Wissenschaftler beschäftigen sich mit der Suche, welche Areale im Gehirn für die Geschmacksbildung verantwortlich sind. Und wir? Wir diskutieren über Geschmack, obwohl sich darüber bekanntlich nicht streiten lässt. Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) greift den Diskurs um „guten“ und „schlechten“ Geschmack auf und zeigt die vom Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Berlin, entwickelte Ausstellung „Böse Dinge. Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks“, die historische und aktuelle Positionen einander gegenübergestellt. Darüber hinaus sind die Besucher über eine Tauschbörse eingeladen, sich an der Geschmacksdebatte aktiv zu beteiligen.

Das Konzept der Ausstellung „Böse Dinge“ basiert auf der Publikation „Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe“ des Kunsthistorikers Gustav E. Pazaurek von 1912. Darin entwickelt er einen komplexen Kriterienkatalog, der auch die Grundlage für seine „Abteilung der Geschmacksverirrungen“ im Stuttgarter Landesmuseum ist. Pazaurek war Mitglied des 1907 gegründeten Deutschen Werkbunds, der die bis heute aktuelle Debatte um die „Gute Form“ im Design auslöst. Die Ausstellung „Böse Dinge“ präsentiert etwa 60 Objekte aus dem ehemaligen Pazaurek‘schen „Schreckenskabinett“ und konfrontiert diese mit aktuellen Designobjekten. Dabei wird Pazaurek’s Systematik auf ihre heutige Gültigkeit überprüft. Gleichzeitig werden neue Kategorien entworfen, die aus aktueller Sicht Dinge als „gut“ und böse“ charakterisieren könnten.

Dekorbrutalitäten“, „Materialvergewaltigung“ oder „funktionelle Lügen“

1909 eröffnete Gustav E. Pazaurek im Stuttgarter Landesmuseum eine „Abteilung der Geschmacksverirrung“ mit dem Ziel, Menschen zum „guten Geschmack“ zu erziehen. Diese Schausammlung enthielt ausnahmslos abschreckende Beispiele kunsthandwerklicher Erzeugnisse, die den „schlechten“ Geschmack am Gegenstand entlarven sollten. Für die Ausstellung und in seiner Publikation „Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe“ entwickelte Pazaurek eine umfangreiche Systematik zur Klassifizierung der Dinge. Dabei griff er zu drastischen Begriffen wie „Dekorbrutalitäten“, „Materialvergewaltigung“ oder „funktionelle Lügen“.

Worin aber liegt das Böse eines Objekts? Für Pazaurek vor allem in der äußeren Erscheinung, der Materialität und Konstruktion des Gegenstands. Er war der Ansicht, dass Dinge einen starken Einfluss auf den Menschen haben und in der Lage seien, ihn in seinem Sein zu verändern. Pazaurek folgte damit der Auffassung des Deutschen Werkbunds, der zu Folge ein entsprechendes Wohnumfeld nicht nur die Lebensqualität, sondern auch den Menschen „bessern“ und ihn zu einem verantwortlich denkenden Mitglied der Gemeinschaft erziehen soll. Die Geschmacksbildung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch am Bauhaus und in der Reformbewegung Anhänger fand, richtet sich gegen die Prunksucht und die Dekorationswut der Gründerzeit, die als verlogen und oberflächlich wahrgenommen wurde. Pazaureks „Geschmacksbibel“ kann in diesem Kontext auch als ein Anti-Warenbuch verstanden werden. Die Vorgaben des Deutschen Werkbunds, denen sich Architekten, Gestalter und Wissenschaftler verschrieben hatten, strahlten bis weit in die 1960er Jahre. Die Anwendung der historischen Kriterien auf die zeitgenössischen Produkte bietet viel Stoff für Diskussionen. Zum einen würde der Sinn eines solchen Kanons heute wohl in Frage gestellt, zum anderen würden wir, wenn schon nach Kriterien gefragt, ganz andere für relevant halten, wie etwa Nachhaltigkeit, Fair Trade, Artenschutz etc.

Tauschbörse

Im Rahmen der Ausstellung »Böse Dinge« können Sie all ihre aus der Mode gekommenen Dekostücke, überflüssigen Souvenirs, Schwiegermutter-Geschenke, verunglückten Designobjekte, aus einer Laune heraus gekauften Kitschartikel mitbringen und gegen ein »böses« Ding der anderen tauschen.

Jeder mitgebrachte Gegenstand bekommt ein Identifikationskärtchen, auf dem sich der ursprüngliche Besitzer verewigt und den Grund nennt, warum der Gegenstand sein böses Ding ist.

Weitere Informationen:

Böse Dinge. Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks 
16. Mai bis 15. September 2013
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg 
Steintorplatz
20099 Hamburg
 
www.mkg-hamburg.de
 
Quelle: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
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