Home » gesundheit, Sport, Training

Laufen & Seitenstechen

22 Mai 2013 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

12. Zugspitz-Extremberglauf_androgon4

Medizinische Kolumne zur sportlichen Gesundheit

Der renommierte Sportarzt Dr. med. Rudolf Ziegler, Leiter der sportmedizinischen U-Stelle des Kreises Bergstraße in Heppenheim und Chefredakteur des Fachmagazins “Puls aktiv”, konnte von androgon als medizinischer Berater gewonnen werden. Er betreut seit einem Jahr das Extremsport-Team androgon und stellt aus seiner Sprechstunde wöchentlich für alle Extremsportler und sportlich Interessierten seine medizinischen Tipps vor.

Als nächsten Beitrag stellen wir nun die Beratung eines Läufers mit häufigen Seitenstechen vor.

Charlie K. fragt:

Hallo Herr Dr. Ziegler,

bei mir tritt im Wettkampf immer wieder Seitenstechen auf, v.a. bei Bergab-Passagen und/oder auch bei hohem Tempo, aber nie bergauf. Da hilft ja leider immer nur Tempo rausnehmen oder gehen. Lässt sich da trainingsmethodisch etwas erreichen oder was gibt’s sonst noch an Tipps, um dieses Problem in den Griff  zu bekommen?

Sportarzt Dr. med. R. Ziegler  rät:

Sie schneiden hier ein hochinteressantes Thema an, wobei im Einzelfall selbst Spezialisten uneins über die Primärursache sind. Zunächst einmal gilt es zu unterscheiden, ob Seitenstechen links oder rechts auftritt, wozu Sie sich ja leider nicht konkret geäußert hatten.

  • Rechtsseitiges Seitenstechen: Hiervon sind häufig Sporteinsteiger betroffen. Auslösend wirkt hier einmal eine nicht bedarfsgerechte Sauerstoffversorgung des Zwerchfells als unserem wichtigsten Atemmuskel. Belastungsbedingt kommt es bekanntlich zu einer verstärkten Atmung und zwar sowohl hinsichtlich Atemtiefe wie auch bzgl. Atemfrequenz. Im Einzelfall hinkt die notwendige Durchblutungsanpassung der Zwerchfell-Muskulatur hinterher. Die daraus resultierende Sauerstoffnot löst dann diese mehr oder weniger unangenehme Schmerz-Symptomatik aus. Wegen der anatomischen Lage des Zwerchfells kann natürlich dieses Organ auch für linksseitiges Seitenstechen verantwortlich sein. Weitere wichtige Ursächlichkeit für rechtsseitiges Seitenstechen ist  nicht selten die durchblutungs-bedingt vermehrte Leberkapsel-Spannung und das erklärt sich wie folgt: In körperlicher Ruhe werden über 60 Prozent der individuell vorhandenen Blutmenge im Venensystem „geparkt“. Der erhöhte Sauerstoff-Transportbedarf unter sportlicher Belastung mobilisiert dann automatisch dieses Reserveblut aus dem venösen System, das dann auf einen Schlag auch die Leber als größtes Stoffwechselorgan passieren muss. Ist das Gefäßsystem der Leber auf diese Anforderung nicht vorbereitet, schwillt die Leber, was die rechtsseitig betonten stechenden Beschwerden erklärt, die gerade bei Vertikalsportarten wie Laufen dann als besonders unangenehm empfunden werden. Zur Vorbeugung von rechtsseitigem Seitenstechen haben sich bewährt (gerade beim Sportanfänger):
    1. Ganz allmählicher Start, eventuell sogar per Walking beginnen, um die Durchblutungsumverteilungsprozesse nicht zu massiv zu provozieren bzw. nur ganz langsam in Gang kommen zu lassen.
    2. Gezieltes Atemtraining (z.B. spezielle Yoga-Übungen).
    3. Am Vortag vor der sportlichen Aktivität strikter Alkoholverzicht, um überschießendes „Versacken“ des Blutes im Venensystem zu limitieren
  • Linksseitiges Seitenstechen: Ursächlich sind hier neben der bereits ausgeführten Zwerchfellproblematik vor allem ein voller Magen oder ausgeprägtes Luftschlucken während der Belastung anzuschuldigen. Ein mehr oder weniger gefüllter Magen zieht an den Milzbändern (die Milz liegt unter dem unteren linken Rippenbogen), was dann die Schmerzsymptomatik auslösen kann, verstärkt bei Sportarten wie Laufen, da hier die nicht zu vermeidende Vertikalbewegung des Magens den Zug an den Milzbändern noch verstärkt. Vermehrtes Luftschlucken oder auch kohlensäurehaltige Getränke kurz vor dem Start führen zu einem Hochdrücken der linken Zwerchfellhälfte, was die Atembewegungen beeinträchtigt und so ebenfalls Schmerzen auslösen kann. An Gegenstrategien haben sich bei linksseitigem Seitenstechen bewährt:
    1. Möglichst lange Abstände zwischen Nahrungsaufnahme und Sportbeginn, versuchsweise auch einmal sportliche Aktivitäten vor dem Frühstück testen („Nüchternläufe“, die ja gleichzeitig auch positive Effekte auf den Fettstoffwechsel ausüben).
    2. Ganz langsam einlaufen, einradeln etc., um ein plötzliches Umschalten von Nasen- auf Mundatmung zu verhindern, was das Luftschlucken limitiert.

Bei jeder Form von Seitenstechen, ist es erst einmal vorhanden, kann man als Akut-Intervention versuchen, zumindest die Durchblutungsbedingungen für das Zwerchfell  durch konsequentes Aufrichten des Oberkörpers bei  gleichzeitig erhoben gehaltenen Armen zu verbessern.
Ihr v.a. bei hohem Tempo bzw. bei Bergab-Passagen auftretendes Seitenstechen spricht für einen ursächlichen Zusammenhang mit vermehrtem Luftschlucken. Testen Sie daher die hierzu meinerseits offerierten Tipps, die Ihnen hoffentlich helfen werden, Ihr Problem besser in den Griff zu bekommen. Toi, toi, toi !

Sportlicher Gruß

Dr. med. R. ZieglerEs gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es!“

Herzlichst
Ihr
Dr. med. Rudolf Ziegler
 
Weitere Informationen: http://www.sportdoktor-ziegler.de/http://www.androgon.com/11055/gesundheit/mannergesundheit/power-ist-essbar
 
1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (1 votes, average: 5,00 out of 5)
Loading...