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Nüchternläufe pro & kontra

22 August 2016 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Kettenmarathon_10

Medizinische Kolumne zur sportlichen Gesundheit

Der renommierte Sportarzt Dr. med. Rudolf Ziegler und ehemalige Leiter der sportmedizinischen U-Stelle des Kreises Bergstraße in Heppenheim und ehemaliger Chefredakteur des Fachmagazins “Puls aktiv”, konnte von androgon als medizinischer Berater gewonnen werden. Er betreut seit Jahren das Extremsport-Team androgon und stellt aus seiner Sprechstunde regelmäßig für alle Extremsportler und sportlich Interessierten seine medizinischen Tipps vor.

Als nächsten Beitrag geht es um Vor- und Nachteile von Nüchtern-Aktivitäten.

Veit K. fragt:
Immer wieder wird von selbst ernannten Experten die Meinung vertreten, „morgendliche Nüchternläufe seien das Falscheste, was ein Läufer seinem Körper antun kann“. Wie sehen Sie diesen kontrovers diskutierten Sachverhalt aus Ihrer langjährigen Sportmediziner-Sicht & unter Zugrundelegung Ihrer großen Läufer-Erfahrung?

Sportarzt Dr. med. Rudolf Ziegler aus Heppenheim antwortet:
Ich bin völlig bei Ihnen, wonach Nüchternläufe nicht unumstritten sind, speziell im Einsteigerbereich. Beim Einsteiger können nun einmal die Energiedepots aus enzymatischen Gründen noch nicht optimal mobilisiert werden und der Fettstoffwechsel kommt entsprechend noch auf dem Zahnfleisch daher. Hier gilt es eben, ganz piano zu beginnen, um nicht in die Katabolie (Eiweiß-Umbau in Zucker) abzugleiten. Daher bieten sich in dieser Entwicklungsphase zunächst zügige morgendliche Nüchtern-Spaziergänge von zunächst 30 – 45 Minuten an, die dann sukzessive und allmählich auf 60 bis 120 Minuten gesteigert werden können. Und schon gewusst: Quasi jeder Leistungsläufer ab Strecken von 10 km aufwärts baut regelmäßig Nüchternläufe in sein Trainingsprogramm ein. Warum das wohl & was steckt sportwissenschaftlich dahinter:

  • Auch wir Menschen des 21. Jahrhunderts ticken genetisch nach wie vor auf Steinzeitniveau, d.h. wir verfügen über den gleichen genetischen Code wie unsere Steinzeit-Vorfahren. Rückblick: Die Erdenbürger der Frühsteinzeit, also vor ca. 40.000 Jahren, blieb keine andere Wahl, als nüchtern auf die Jagd zu gehen bzw. mit leerem Bauch Früchte, Beeren, Wildkräuter, Pilze etc. zu sammeln, um nicht zu verhungern. Vorratswirtschaft und Kühl- bzw. Konservierungsmöglichkeiten waren zu dieser Zeit noch unbekannt. Nüchtern-Aktivitäten waren also überlebensnotwendig. Und genau aus diesem Grunde haben wir Menschen in unserem Genom die Abläufe für einen funktionierenden Fettstoffwechsel abgespeichert und greifen auf selbigen automatisch zurück, wenn er nicht gezielt bzw. ungewollt blockiert wird, v.a. durch erhöhten Blutzucker mit reaktiv vermehrter Präsenz von Insulin im Blut, was ja nach der Nahrungsaufnahme üblicher Weise der Fall ist. Insulin, das wichtigste Stoffwechselhormon der Bauchspeicheldrüse ist von seinem Funktionsspektrum ein Speicherhormon, das ein Zuviel an Zucker im Blut dann in die insulinabhängig arbeitenden Gewebe und Organe verschiebt, d.h. ins Fettgewebe, in die Muskulatur und in die Leber. Gleichzeitig sorgt Insulin auch dafür, dass keine Fettsäure diese Strukturen verlassen kann. Im Klartext: Insulin wirkt als Stopp-Hormon für den Fettabbau.
  • Entsprechend machen Nüchtern-Aktivitäten für bewegungsverarmte Wohlstandsbürger mit großen Fettdepots genauso wissenschaftlich Sinn wie für Hardcore-Läufer und zwar aus folgenden Gründen:
    1. Der genetisch nach wie vor präsente Fettstoffwechsel ist gedacht als effektive Energiequelle für die arbeitende Muskulatur bei gleichzeitig gezielter Schonung der Zuckerreserven in der Leber.
    2. Erst bei regelmäßiger Beanspruchung des Fettstoffwechsels durch lange Läufe von 45, 60, 90 Minuten und mehr durch regelmäßig ins Trainingsprogramm integrierte Nüchtern-Aktivitäten werden die entsprechenden Gene auf „on“ geschaltet.
    3. Entsprechende Effektivität der Fettsäuren-Verbrennung durch regelmäßiges Fettstoffwechseltraining vorausgesetzt, wozu eben auch die Nüchternläufe als eine wichtige Trainingsmöglichkeit zählen, werden die Zuckerreserven in der Muskulatur wie auch in der Leber bei den verschiedenen läuferischen Belastungsaktivitäten mehr oder weniger geschont. Der große Vorteil: Längere Blutzuckerstabilität während der verschiedenen Laufbelastungen, was automatisch gleichzusetzen ist mit:
      • verbesserter psycho-mentaler Leistungsfähigkeit (Gehirn verfügt über keine Energiespeicher, ist auf einen konstanten Blutzuckerspiegel angewiesen),
      • verbesserte Endspurt-Fähigkeit unter Wettkampfbedingungen,
      • Verkürzung der Regenerationsdauer und damit höhere Belastungsverträglichkeit,
      • Körperfettreduktion,
      • Optimales/optimiertes Blutfett-Profil (bzgl. HDL, LDL und Triglyzeride).

 

Dr. med. R. Ziegler„Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es!“

Herzlichst
Ihr
Dr. med. Rudolf Ziegler
 
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