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Das Ich im 21. Jahrhundert

6 Dezember 2016 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Heiko Ernst-PsychotrendsHeiko Ernst-Psychotrends – Das Ich im 21. Jahrhundert

„aktueller denn je“

Unser modernes Leben, das sich einerseits durch eine Fülle von Freiheiten, Optionen und Lebensmöglichkeiten auszeichnet, bedingt durch den immanenten technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt, ist andererseits durch ein hohes Defizit an Stabilität, wie etwa auf dem Arbeitsmarkt oder in den familiären Verhältnissen geprägt.

In dem obigen bereits vor der Jahrhundertwende erschienenen Buch wird zu diesem noch heute aktuellen Phänomen eine sehr treffende Analyse von Heiko Ernst, einem der renommiertesten Journalisten im Bereich der Psychologie vorgestellt. Dabei geht er eingangs hinsichtlich des Menschen Psychostruktur an der Schwelle zu unserem 3. Jahrtausend vor allem auf folgende Fragen ein: Wie befähigt er das wachsende Tempo, das Überangebot an Glücksversprechungen und Lebensstilen und wie den Verlust an Werten und Sicherheiten?

In dieser Bestandsaufnahme zum Verhalten des Menschen in der heutigen Moderne befasst er sich in 5 detaillierten Kapiteln mit zunächst relativ einfachen Fragen, die sich im Wesentlichen mit den einzelnen Intentionen unseres Daseins befassen, wie zum Beispiel : Was kann ich und was soll ich, was will ich und schließlich wer bin ich, d. h. dem Versuch dem Leben einen gewissen Sinnzusammenhang zu geben.

Beim Vergleich mit dem Lebensgefühl zu Zeiten des bekannten Schriftstellers Schnitzler um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert, der seine zeitgenössischen Menschen als impressionistisch beschrieb, d.h. flüchtig und oberflächlich , zudem vorwiegend nur im Augenblick verhaftet und nicht fähig seine Existenz als dauerhaft und in einem Ganzen zu erfahren, ist unsere heutige sogenannte Postmoderne von einer tiefen Verunsicherung und Bindungslosigkeit geprägt, die von den heutigen Soziologen mit den folgenden Schlagworten charakterisiert wird:

  • einer Erlebnisgesellschaft, d.h. dem persönlichen Glück mit allen Sinnen und Kräften zu verwirklichen trachtend
  • einer Sensationsgesellschaft, der Suche nach permanenter Stimulation anhand von Kicks und Thrills
  • einer Freizeit-Gesellschaft, bei der Arbeit nicht mehr das dominierende Lebensmotiv ist und die freie Zeit zunehmend an Bedeutung gewinnt
  • einer Multimediagesellschaft, bei der wir immer stärker eingebunden sind in ein wachsendes Netzwerk elektronischer Medien und weltweiter Informationen
  • einer Risikogesellschaft, in der immer mehr Unsicherheiten auf uns einwirken, um mit solchen selbstverschuldeten Katastrophen zurechtzukommen
  • einer Nonstop-Gesellschaft, bei dir wir pausenlos mit der Welt des Internets konfrontiert werden

In den zuvor erwähnten 5 Schwerpunkt-Kapiteln seines Buches und anhand von mehr als 200 Seiten versucht der Autor uns einen Leitfaden an die Hand zu geben, wie wir das immer stärker wachsende Tempo, die Informationsflut, das Überangebot an Glücksversprechungen und Lebensstilen zu bewältigen vermögen. In jedem Fall sind wir ständig gezwungen, uns zu entscheiden eine Meinung zu haben, Widersprüche auszuhalten und unsere Identität neu zu definieren. Um in dieser „Tyrannei der Möglichkeiten“ bestehen und gesund überleben zu können, müssen wir seiner Meinung nach lernen, mit der Fülle an Erlebnisangeboten gelassen umzugehen, jenseits aller modischer Prognosen von heutigen Trendautoren. Dazu entwirft er Perspektiven für eine neue Persönlichkeit der Zukunft, die in der Lage ist, trotz dieser Szenarien der Zwänge, einen ungeahnten Spielraum für Freiheit und Kreativität zu eröffnen.

 

(wz)

 

Ernst, Heiko Psychotrends: das Ich im 21. Jahrhundert.
München; Zürich: Piper 1996 |ISBN 3492036260 | 214 Seiten

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