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2017 – in dubio contra reo!

27 Dezember 2016 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

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In dubio contra reo! Wie man minimalisiert

Irgendwo unter all dem Ballast wartet das Wesentliche auf Dich. Es ist geduldig, wiegt schwer und sinkt nach unten. An der Oberfläche sammelt sich das Nichtige, scheinbar Wichtige – Spielzeug für das Ego, Tinnef für die Seele.

Alles eine Frage der Erziehung

Das große EGO ist ein kleines Kind. Schnell ist es verzogen. Weil es alles bekommt, was es will, will es das, was es bekommt, gar nicht mehr. Es ist nie zufrieden. Will immer mehr – mehr Glitter, Tand und Müll. Wie schnell man sich überfrachtet, wird selten bewusst. Ich hielt mich lange für erhaben gegenüber dem Rausch von Besitz und Konsum. Schließlich hielt ich mich erfolgreich davon fern. Dachte ich zumindest…

Das Gehirn ist das Organ mit dem wir denken, dass wir denken

Tatsache war, dass ich all das kompensierte und seit früher Jugend sammelte – portioniertes Wissen, Seelenfreude in Scheibenform: einige Tausend Bücher und fast ebenso viele Platten und CDs. Was gab es mir für ein tolles Gefühl Wissen und Musik zu besitzen, danach zu jagen und die Beute zu sammeln.

Irgendwann hört man auf, all das zu hinterfragen. Dann wird es kritisch. Man macht einfach weiter. Kommt man hinterher? Wie viel hundert Bücher vermag man pro Jahr zu lesen? Wie viele CDs zu hören? Und zwar so, dass man sie genießt und versteht…

Das größte Problem

Vieles davon ist Müll. Gift für Körper und Geist. Zeitfresser sind es. Wenige Bücher übersteigen ihren Papierwert. Wenige Lieder bewegen einen wirklich. Das ist das Problem, wenn es Berufsschreiber und -musiker gibt. Sie produzieren, um zu verdienen und nicht um etwas Großes zu schaffen. Hätten Sie doch auf Goethe gehört:

„Wer aber nich Millionen Leser erwartet, sollte keine Zeile Schreiben“

Wie sehr ich selbst dagegen verstoßen habe

…ist mir in den letzten Wochen schmerzlich bewusst geworden. Deswegen schreibe ich umso mehr, aber veröffentliche kaum noch. Wie sehr trifft auf mich zu, was Ludwig Thoma über Ludwig Ganghofer schrieb:

„Er sagt immer alles. Er hat es nie gelernt, dass man als Schriftsteller von zehn beabsichtigten Wörtner nur eines schreiben darf und nicht elf“

Auch hier gilt es zu minimalisieren, zum Wesentlichen zu finden und dem Geschwurbel einen Riegel vorzuschieben.

Wie geht man da vor?

Jede Entscheidung, die man für sich trifft, muss auch kompromisslos für das gesamte Leben übernommen werden, soll sie zu tragen kommen. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von der Kopfhaut: Fast alle Literatur, all die Hörbücher und Musik sind auch nichts anderes als Geschwurbel. Willst Du es bei Dir selbst los werden, so musst Du zuerst das der anderen los werden. Denn: Alles prägt! Und wer sich mit Müll und Ausdünstungen niederen Niveaus umgiebt, der wird sich auch daran anpassen – RTL II lässt grüßen.

Also raus damit!

Meine Wände standen voll mit Bücherregalen. Nun sind es nur noch zwei. Eines, nur zur Hälfte gefüllt, mit all den Werken, die mich bewegt haben und von pragmatischem Wert sind. Das andere, prall gefüllt mit Büchern, über die es noch zu richten gilt: Schaffen Sie es oder kommen Sie auf den Haufen?

Der Haufen – groß und unbedeutend. Eine Restesammlung der Bücher, die wieder raus müssen, weil sie nicht Stufen nach oben, sondern Ballast sind, der mich unten hält.

Ebenso die Musik

Im Laufe der Jahre habe ich den Großteil meiner Musik digitalisiert und von Freunden gesammelt. Zusammen mit den Hörbüchern waren es knapp 800 GB. Fein säuberlich geordnet in 124 Genres (wer hätte je gedacht, dass es so viele und noch mehr gibt), doppelt gesichert auf zwei mobilen Festplatten.

Doch lädt man alle Lieder in eine Liste hoch und lässt DJ Random ans Werk, was bekommt man zu hören? Nur wenig, was zu begeistern weiß. Aber was solls. Schließlich habe ich musikalisch ausgesorgt und kann mein Leben lang jederzeit zu jedem richtigen Anlass das passende Lied hervorzaubern.

Schlechte Einstellung

Solche Momente kommen nur selten oder anders formuliert: Jeder Moment ist ein solcher Moment. Jedes Lied, das man hört, prägt unsere Stimmung, unser Denken und Handeln. Schlechte Musik bremst uns aus. Gute ist selten, aber nur die ist es wert, behalten zu werden. Also gilt auch hier: Raus damit!

Wie geht man hier vor?

In dubio contra reo. Im Zweifel dagegen! Ich kopiere jeden morgen einige hundert Lieder in eine Playlist und lasse sie durchlaufen – beim Lesen, Schreiben, Trainieren. Es plätschert vor sich hin – wird schnell zum Hintergrund. Doch das Unbewusste bewertet immer. Wirklich gute und schlechte Lieder werden bewusst. Man blickt auf und denkt: „Geiles Lied“, oder man blickt ins Leere, bekommt fast Ohrenkrebs und denkt sich: „Dagegen wäre Tinitus eine Wohltat.“

Die guten Lieder kommen in einen „Best of“-Ordner, die schlechten werden sofort exekutiert. Was am Ende des Tages übrig bleibt, wandert in den Papierkorb. So kommt man gut voran – ca. 150 Lieder pro Tag. Nur eine Hand voll überlebt. Aber es lohnt sich. Am Ende hat man dann zwar keine große Sammlung mehr, aber dafür eine gute.

Verpasst man da nicht viele gute Stücke?

Klar, aber was solls? Wie viele Lieder kann man hören? Immer nur eines – im Moment. Und der Moment ist alles, was wir haben. Da höre ich lieber wirklich gute Musik, als mich mit Wackelkandidaten zu belasten, die es nicht durch die Barriere zum Bewusstsein geschafft haben.

Wann ist ein Lied wirklich gut? Wenn Text UND Musik gut sind. Ebenso ist ein Buch auch erst dann gut, wenn Stil und Inhalt gut sind. Ein Bild nur dann, wenn Motiv und Darstellung gut sind usw. Es gibt vieles, was in einem Aspekt gut ist und im anderen nicht. Auch dafür gilt: Im Zweifel dagegen! Das Leben ist zu kurz, um sich nur mit teilweise Gutem zu beschäftigen.

Sammeln sollte man so wenig wie möglich, um so frei und beweglich wie möglich zu bleiben. Wer sentimental ist, kann Erinnerungsstücke natürlich behalten – aber lohnt sich das? Das soll jeder selbst entscheiden. Ich habe mir das abgewöhnt. Erinnerungen sind geistig und nicht materiell. Zudem verträumt man die Gegenwart, wenn man sich zu sehr an die Vergangenheit klettet.

Auf alles übertragbar

In der Weise minimalisiere ich seit geraumer Zeit mein gesamtes Leben. Aus 16 GB Fotos sind 1,8 geworden. Fast alle Dokumente wurden gelöscht. Kleidung, Bücher, Einrichtung – im Zweifel dagegen!

Es macht richtig Spaß und erleichtert enorm. Wie wertet man das eigene Leben auf? Indem man den Müll rauswirft und das Wesentliche hervorkehrt.

Fragen der Datensicherung erübrigen sich. Was man früher auf Festplatten sichern musste, passt nun auf einen USB-Stick. Hatte man früher sorgen um den Rechner, so ist es heute völlig egal, ob er plötzlich den Geist aufgibt. Alles wichtige ist in ein paar handlichen Ordnern, leicht überschaubar und schnell gesichert. Das spart Zeit, Ressourcen und schont das Nervenkostüm. Die Aufmerksamkeit ist wieder frei für Wichtiges.

Ein langfristiges Projekt

Ich bin gespannt, wo das alles hinführt. Viel zu viel Müll befindet sich noch in meinem Besitz. Bis ich den vollständig aussortiert habe, werden noch viele Playlists durch mein Unbewusstes schwurbeln.

Während mein soziales Umfeld immer mehr Besitz anhäuft, reduziere ich mich auf das Minimum. Ein feines Experiment. Ich werde berichten…

„Ich habe einen ganz einfachen Geschmack – ich bin immer mit dem Besten zufrieden“ (Oscar Wilde)

(cz)

 

Lesetipp:

Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags: Richtig ausmisten. Gerümpelfrei bleiben

 

 

 

Bildquelle: androgon men’s magazine

 

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