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RAFFAEL UND DAS PORTRÄT JULIUS’ II.

14 November 2013 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken
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Tiziano Vecellio, gen. Tizian (1488/90–1576) | Bildnis des Papstes Julius´ II.
Öl auf Pappelholz, 1545, Hochrenaissance, Florenz, Palazzo Pitti, Palatine Gallery und Royal Apartment, Foto: Lorusso, Nicola für Alinari, 1990, © Alinari Archives, Florence | Reproduced with the permission of Ministero per i Beni e le Attività Culturali

RAFFAEL UND DAS PORTRÄT JULIUS’ II.
KABINETTAUSSTELLUNG ZU BILDTYPUS, GENESE UND ZUSCHREIBUNG DES BILDNISSES
8. November 2013 bis 2. Februar 2014 Städel Museum, Mainflügel, Raum 15

Im Rahmen einer Kabinettausstellung zeigt das Städel Museum vom 8. November 2013 bis 2. Februar 2014 das unlängst bekannt gewordene, Raffael und Werkstatt zugeschriebene und für die Sammlung des Städel erworbene Bildnis Papst Julius’ II. zusammen mit den beiden Gemäldefassungen Raffaels und Tizians aus den Uffizien und dem Palazzo Pitti in Florenz.
Durch die Einbeziehung von gemäldetechnologischen Dokumenten wie Röntgen- und Infrarotaufnahmen wird innerhalb der Ausstellung nicht nur die künstlerische Genese des Frankfurter Gemäldes im Einzelnen nachvollziehbar, sondern auch sein Verhältnis zu den anderen Versionen des Julius-Bildnisses und die damit verbundene Frage der Zuschreibung. Zur Ausstellung ist im Michael Imhof Verlag ein ausführlicher Katalog mit allen relevanten Informationen zu Bildtypus, Entstehung und Zuschreibung des Frankfurter Gemäldes erschienen. Darin sind u. a. sämtliche Beobachtungen aufgeführt, die sowohl Prof. Dr. Jürg Meyer zur Capellen (Universität Münster), Autor des aktuellen, dreibändigen Werkverzeichnisses der Raffael-Gemälde, als auch Prof. Dr. Jochen Sander als zuständiger Kurator im Städel zur Zuschreibung „Raffael und Werkstatt“ geführt haben. „Das in mehreren Fassungen überlieferte Bildnis des Renaissance-Papstes Juliusʼ II. gehört fraglos zu den bedeutendsten und folgenreichsten Werken Raffaels. Seit der Präsentation des 2010 vom Städel Museum angekauften Bildnisses beschäftigt die Zuschreibung des Frankfurter Werkes Öffentlichkeit und Fachwelt gleichermaßen.

Mit der nun präsentierten Ausstellung sowie dem begleitenden Katalog wollen wir besonders auch alle uns vorliegenden Unterlagen, Ergebnisse und Befunde nochmals gesammelt zur Verfügung stellen und die sich daraus ableitenden Schlussfolgerungen transparent darlegen“, so Städel-Direktor Max Hollein. Mit dem Bildnis Giuliano della Roveres (1443–1513), seit 1503 Papst Julius II., schuf  Raffael (Raffaello Santi, Urbino 1483–1520 Rom) zwischen Juni 1511 und März 1512 das verbindliche Porträt dieses bedeutenden Renaissance-Papstes. Mehr noch – er begründete mit seiner Darstellung zugleich den Prototyp für das Papstbild schlechthin, der bis heute Gültigkeit hat. Julius II. wird nicht in liturgischer Gewandung gezeigt, sondern in der Situation einer Privataudienz, zu der er in einem Lehnstuhl Platz genommen hat.

Angesichts der außerordentlichen Wirkungsmächtigkeit von Raffaels Bilderfindung überrascht es nicht, dass es zahlreiche Kopien und Wiederholungen des Julius-Porträts aus dem 16. Jahrhundert gibt, darunter das in der Ausstellung präsentierte Gemälde Tizians (ca. 1545) aus der Galleria Palatina im Palazzo Pitti in Florenz. Doch bereits zu Lebzeiten des Papstes entstanden in der Werkstatt Raffaels und unter seiner aktiven Beteiligung mehrere Fassungen des Porträts, darunter die ebenfalls in der Ausstellung gezeigte Version aus den Uffizien (ca. 1511/12) in Florenz. Beide Gemälde begleiten und kommentieren im Rahmen der Präsentation „Raffael und das Porträt Juliusʼ II. Eine Kabinettausstellung zu Bildtypus, Genese und Zuschreibung des Bildnisses im Städel Museum“ das seit drei Jahren im Städel beheimatete Julius-Porträt, das im Dezember 2011 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde und seitdem in der Altmeistersammlung des Hauses hängt. Das seit den späten 1960er-Jahren als Raffaels Erstfassung des Gemäldes angesehene Bildnis aus der National Gallery in London konnte aus konservatorischen Gründen nicht entliehen werden und wird innerhalb der Kabinettausstellung als Reproduktion in Originalgröße gezeigt.

Neben dem direkten Vergleich der verschiedenen Fassungen werden ebenfalls im Raum 15 des Mainflügels die  gemäldetechnologischen Untersuchungsergebnisse des Frankfurter Bildes ausführlich im Original vorgestellt. Eine durch Infrarotreflektografie sichtbar gewordene Unterzeichnung lässt erkennen, dass vor allem im Bereich des Gesichts und der Position des Stuhls Modifikationen vorgenommen wurden. Veränderungen während des Malprozesses (Pentimenti) sind an beiden Armen festzustellen. Wie die Röntgenaufnahme dokumentiert, wurde vor allem die Haltung der rechten Hand verändert. „Diese Veränderungen sowie die gestalterischen Besonderheiten der Unterzeichnung und der malerischen Ausführung, die in Teilen direkt mit der Sixtinischen Madonna und der Madonna di Foligno zu vergleichen sind, legen den Schluss nahe, dass das Frankfurter Gemälde im Prozess der Bildentwicklung durch Raffael selbst eine wichtige Rolle spielte, auch wenn an der malerischen Ausführung in Teilen die Werkstatt beteiligt gewesen sein dürfte“, so Jochen Sander, Sammlungsleiter für „Alte Meister“ im Städel.

Vergleicht man die verschiedenen Fassungen des Papstbildnisses untereinander, so fällt die andersartige Platzierung der Figur im Bildgefüge ins Auge. Der Papst ist bei Tizian nicht nur stärker an den linken Bildrand versetzt, er wird vor allem in leichter Untersicht wiedergegeben, was die Distanz zum Betrachter markant erhöht und das Herrscherliche des Auftritts unterstreicht. Die Tizian-Forschung hat diese Abweichung vom wohlbekannten Vorbild Raffaels bisher als einen Akt künstlerischer Freiheit aufseiten des Venezianers betrachtet – nimmt man jedoch das deutlich früher entstandene Frankfurter Julius-Bildnis mit in den Blick, so ergibt sich eine andere Perspektive. Es scheint, als markiere das Bild im Städel Museum eine alternative Planung für das Julius-Bildnis, die bereits früh zugunsten der im Londoner Gemälde überlieferten Lösung zurücktrat. Das in seiner feinmalerischen Ausformulierung brillante Londoner Gemälde hat sich als Muster für die Mehrzahl der nachfolgenden Versionen und Kopien durchgesetzt. Doch die im Städel-Bildnis überlieferte Alternative blieb bekannt und verfügbar, was nicht nur das Tizian-Gemälde eindrucksvoll belegt, sondern auch eine Reihe weiterer früher Papstbildnisse, darunter das um 1526 geschaffene Bildnis Clemensʼ VII. von Sebastiano del Piombo (Museo di Capodimonte in Neapel).

Begleitend zur Ausstellung ist ein von Jochen Sander herausgegebener Katalog (dt./engl.) im Michael Imhof Verlag erschienen, in dem die Befunde detailliert vorgestellt werden und das Bildnis Juliusʼ II. aus verschiedenen Blickwinkeln
beleuchtet wird.

Weitere Informationen:
Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main, http://www.staedelmuseum.de/

Quelle | Bildquelle: Städel Museum

 

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