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Stefan Schlett – der Ausnahme-Extremsportler

23 November 2016 Ein Kommentar PDF Drucken Drucken

Lebenslauf (17)

Stefan Schlett – Der Ausnahme-Extremsportler

Geboren am 31.01.1962 im unterfränkischen Kleinostheim bei Aschaffenburg am Main, dem „bayerischen Nizza“ am Fuße des Spessarts, wurde mir durch das elterliche Lebensmittelgeschäft die Bewegung quasi in die Wiege gelegt. Der bereits in dritter Generation geführte „Tante-Emma-Laden“ war ein reiner Familienbetrieb. So war es nicht ungewöhnlich, daß ich bereits im zarten Alter von 8 Jahren Unmengen von Waren aus dem Keller in den Lebensmittelladen schleppte oder durch den Ort wetzte, um Tausende Werbezettel für Sonderangebote in die Briefkästen zu werfen. Als ältester Sohn war ich fraglos dazu bestimmt, den Laden später zu übernehmen und die Familientradition fortzuführen. Das Mithelfen war somit eine Selbstverständlichkeit. Ich funktionierte als Teil eines Gefüges und tat es gern. Sportlich war es mein Grundlagentraining. Neben Schule und Hausaufgaben blieb auch noch genügend Zeit, um sich mit Freunden in den nahen Spessartwäldern auszutoben. Bereits in Kindheit und Jugend mit sinnvollen, verantwortlichen Aufgaben konfrontiert zu werden und in einer Großfamilie aufzuwachsen, war eine Gnade. Anders als große Teile der heutigen Generation, die bereits in jungen Jahren durch Handy, Junk-TV, Massenmedien und Joystick verblödet wird und zu einem bewegungsarmen Leben degeneriert.

Mit 13 entdeckte der Lehrer mein Talent zum Ausdauersport –bis dahin war ich ein guter Turner und Sprinter- förderte dies und begleitete mich vier Jahre später zum ersten Halbmarathon. Hier hörte ich auch das erste Mal von einem 100 km-Lauf in Unna/Westfalen. Eine faszinierende Herausforderung! Der Gedanke ließ mich nicht mehr los und deckte sich mit einem gewissen Hang zum Extremen, der mich bereits seit frühester Kindheit umtrieb. Blut geleckt hatte ich bereits kurz zuvor in einer anderen Disziplin. Der erste Aufenthalt in den Alpen offenbarte einen ungebremsten Bewegungstrieb. Innerhalb kurzer Zeit wurden ein halbes Dutzend Zweitausender im Karwendelgebirge mit Sonntagshose und Halbschuhen errannt. Das war eine Landschaft, in der man seine Kräfte messen, die Grenzen erfahren und überwinden konnte – quasi ein Schlüsselerlebnis!

Der Kaufmannslehre schloß sich ein einjähriges Marktleiterpraktikum in der Nähe von Lübeck an. In dieser Zeit entwickelte sich der Plan, das Projekt 100 km-Lauf zu realisieren und in diese bislang unbekannte Dimension vorzudringen. Im September 1981 war es so weit. Dieses Datum markierte den Beginn einer mittlerweile 32 Jahre andauernden „Extremistenkarriere“. Morgens stand ich noch als Marktleiterassistent im Supermarkt. Mittags ging’s von Lübeck mit dem Zug nach Unna, ohne spezielles Training und mit nichts als einer handvoll Halbmarathons und einem unbändigen Durchhaltewillen im Gepäck. Um 20 Uhr startete die „Lange Nacht von Unna“. Es wurde eine Reise in ferne Galaxien, von der ich nach 17:02:20 Stunden wohl behalten, aber als völlig veränderter Mensch wieder auf dem Planeten Erde landete. Tags darauf im Supermarkt wunderten sich die Kollegen über einen Mitarbeiter, der wie ein halbtoter durch die Gegend wankte…
Aber dieser extraterrestrische Trip blieb mein ganz persönliches Geheimnis. Und mit nur 19 Jahren dürfte ich damals wohl einer der jüngsten in diesem Metier gewesen sein. Der Schmerz verging, die Erinnerung an das Abenteuer, die tiefgreifenden physischen und psychischen Erfahrungen blieben und offenbarten ein nahezu unerschöpfliches Potential. Nach dem gleichen Schema lief ich vier Wochen später das erste Rennen über die klassische Distanz, bei der Premiere des Berlin-Citymarathons. Samstags bis 14 Uhr im Laden, Nachmittags mit dem Zug nach Berlin, die Nacht auf dem Ku-damm um die Ohren geschlagen, Sonntag Morgen Start vor dem Reichstag, nach 4:49 Stunden kurz vor Torschluß im Ziel, am nächsten Morgen wieder im Geschäft. Wow – was für ein Trip!
Diesmal zwar nur eine „Reise zum Mars“, aber dafür bereichert um die Komponente „Massenerlebnis“ auf dem Schlachtfeld einer deutschen Großstadt. Bereits in den folgenden Wettbewerben besserten sich die persönlichen Bestzeiten innerhalb von einem halben Jahr auf der 100 km-Strecke um vier und im Marathon um über eine Stunde. Das waren ungeahnte Erfolgserlebnisse! Obwohl, die Zeiten waren eigentlich zweitrangig. Erheblich interessanter war die Erfahrung, Grenzen zu überschreiten und weiter draußen neu zu definieren. Zwangsweise lockten somit Distanzen jenseits der 100 km-Marke bis hin zu Mehrtagesrennen, in deren Verlauf ganze Regionen und Länder durchquert werden.

Die Fähigkeit von extremen Belastungen sehr schnell zu regenerieren und eine leidenschaftliche Reiselust entwickelten sich parallel dazu. Mittlerweile war ich Zeitsoldat bei den Fallschirmjägern der Bundeswehr. Ein fünfjähriger bezahlter Abenteuerurlaub, der letztendlich den Einstieg zum Ausstieg aus dem normalen bürgerlichen Leben bedeutete. Schon damals schwamm ich gegen den Strom. Die freien Wochenenden wurden nicht –wie das bei den übrigen Kameraden der Fall war- für Heimfahrten verschwendet, sondern es ging zum Bergsteigen in die nahegelegenen Alpen (ich war in Schongau/Oberbayern stationiert), zum Fallschirmspringen oder Wettrennen über alle Distanzen und Disziplinen. Daneben nahm ich alles mit, was dienstlich irgendwie möglich war: Einzelkämpfer-, Freifallspringer-, Absetzer-, Unteroffizierslehrgang, Militärwettkämpfe in den USA etc. Zur gleichen Zeit entstanden die ersten Triathlonwettbewerbe in der Bundesrepublik. Damals noch Abenteuer pur, wild, verrückt, unkommerziell und noch nicht reguliert von Verbänden, Geschäftemachern und Bürokraten. Ein Zug auf den ich sofort Aufspringen mußte. Eine erste Anmeldung zum Ironman Hawaii 1984 konnte wegen einem Bergunfall nicht wahrgenommen werden. Die Realisierung erfolgte dann 1985, womit ich einer der ersten Deutschen bei diesen damals von der Boulevardpresse noch als „Grenzbereich des Wahnsinns“ titulierten exotischen Exzessen auf der anderen Seite des Erdballs war. Durch die harten Winter in Oberbayern entwickelte sich eine weitere Leidenschaft: Eisbaden! Überwindung, Abhärtung und eine riesen Gaudi sind die Elemente dieses intensiven Kreislauftrainings. Ein Spaß, dem ich wohl bis an mein Lebensende frönen werde.

Dennoch, mit all diesen „verrückten“ Aktivitäten, die auch in der Lokalpresse immer mehr Aufmerksamkeit erregten, war ich den Vorgesetzten ziemlich suspekt. So war man dann auch froh, als man mich nach 5 Jahren und erfolglosen Bewerbungen bei der Bundeswehr-Sportgruppe und den Kampfschwimmern wieder loswurde. Mittlerweile hatte ich ein Stadium erreicht wo mir klar wurde, daß ich mit einem normalen Leben eigentlich abgeschlossen hatte. Ja, ich verabscheute es sogar, mit dem Strom zu schwimmen oder gesellschaftlichen Zwängen und Vorgaben zu unterwerfen. Mir wurde bewußt, daß ich für einen normalen Platz in der bürgerlichen Gesellschaft nicht geschaffen war. Beruf, Karriere, Familie, Eigenheim, Auto, soziale Absicherung und Wohlstandsbauch hatten fortan keine Bedeutung mehr für mich. Also, nutzte ich die „wieder gewonnene Freiheit“ um mich erst einmal auszuleben. Sozusagen am laufenden Band folgten Fallschirmabsprünge, Wüstendurchquerungen, Marathons, Bergbesteigungen, Kurzstreckenrennen, Triathlons, Multisport- und Abenteuerwettkämpfe, Ultralangstreckenläufe, Mehrfach-Ironmans, Gewaltmärsche, Multi-Day-Rennen usw. Die Welt wurde zu meinem Spielball. Quantität und Vielfalt ging vor Qualität. Zudem bin ich ein Ultragenießer. Ein 100-Meter-Lauf ist in 13 Sekunden vorbei, ein 100-Kilometer–Lauf bedeutet 10-12 Stunden intensiver Genuß. Der Kosten/Nutzen-Effekt ist dabei erheblich höher! Zugute kam mir die Fähigkeit, schnell zu regenerieren und die Tatsache, daß ich zwar Grenzen überschritt, aber spielerisch damit umzugehen wußte. Ich verstand es, das Unvernünftige vernünftig zu betreiben, die Leistungsgrenze zwar anzuschneiden, aber nie zu überschreiten. Viele Jahre hatte ich gar den Spleen, im Ziel eines jeden Wettkampfes noch 50 Liegestützen zu machen, um mir selbst zu beweisen, daß ich nicht an die Grenzen gegangen bin und letztendlich auch etwas für den Oberkörper zu tun, nachdem man stundenlang die Beine vergewaltigt hat… Der Spaß und eine gewisse Lockerheit standen immer im Vordergrund. Dazu ein unbändiger Lustfaktor. Abenteuerlust, Reiselust, modernes Nomadentum, Lust extreme Herausforderungen zu bewältigen und nicht zuletzt auch ein gewisser Forschungsdrang in Grenzbereiche vorzustoßen, die den meisten Menschen verborgen bleiben und einer gewissen Elite der geistigen Härte anzugehören.

Erfolge, Siege, Rekorde, vor allem in meiner Hauptdisziplin dem Ultralangstreckenlauf, blieben nicht aus. Und so konnte ich nach und nach viele kleine Sponsoren und –als ich schon fast pleite war- endlich auch einen Hauptsponsor rekrutieren. Von da an hatte ich ein Jahresbudget zur Verfügung, mit dem ich wirtschaften konnte. Aus dem sportlichen Almosenempfänger wurde der „freiberufliche Abenteurer“. Eine Ich-AG, die Sportler, Manager, Trainer und Sekretär in einer Person repräsentierte. Dennoch wären all diese Aktivitäten über die Jahre nicht möglich gewesen, wenn ich in meinen Ansprüchen nicht Minimalist geblieben wäre, ein überwiegend positives Umfeld und die Unterstützung meiner Familie gehabt hätte. Modeschnickschnack, Materialfetischismus, Discos, Partys, Haschen, Rauchen und Saufen konnte ich nie etwas abgewinnen. Alleine die Tatsache, daß ich niemals ein Auto besessen habe, hat mir mindestens 4 Weltreisen finanziert….

Sport und Bewegung mit Reisen zu verbinden, vor allem die Kombination aus Abenteuerreisen und Extremsport, bedeutet für mich höchste Lebensqualität. Von den großen Distanzrennen, Länder- und Kontinentaldurchquerungen und dem damit verbundenen Nomaden- und Zigeunerleben, dem Entdecken fremder Kulturen, Länder und Menschen geht eine besondere Faszination aus. Es ist ein Lauf nach Außen, das eine Rückbesinnung auf das wesentliche und die Harmonie mit der Natur bewirkt. Das Gegenteil sind Läufe auf vermessenen Rundkursen, wie das bei 24-Stunden-, 6-Tage-, 1000-Meilen-Rennen oder Extremtriathlons der Fall ist. Das ist ein Lauf nach Innen. Es ist Leben in einem Mikrokosmos, in dem man den Wechsel des Lichts, der Temperatur, der Luftfeuchtigkeit, der Tageszeit und den eigenen Körper intensiv erleben kann. Multi-Day-Rennen sind ein Thriller, mit unglaublicher Spannung und Dramatik. Ständiges Krisenmanagement ist erforderlich, um auf Verletzungen, Wetterkapriolen, Verkehrs-, Versorgungs-, Navigations- und Ausrüstungsprobleme rechtzeitig zu reagieren. Man muß seinen Körper genau kennen, um Signale richtig zu orten. Kopf und Körper stehen dabei in einem ständigen Dialog. Ultraläufer haben ein anderes Verhältnis zu ihrem Körper und zu Schmerzen, als die breite Masse derer, die schon Schwitzen als Krankheit empfindet. Bei extremen Distanzen geht es immer um die Grenze des Vorstellbaren. Und die gibt der Kopf vor, nicht der Körper. Ein Ultramarathon wird zu 70-80% im Kopf gelaufen. Die Psyche muß dabei ständig überlistet werden. Man lebt Abschnittsweise, stündlich, täglich oder auch von Pause zu Pause, vermeidet aber, sich die gesamte Distanz vorzustellen.

Ende der 80er entwickelte sich mein Talent zum Schreiben, entdeckt und gefördert durch meinen Mentor Werner Sonntag, einer Legende im Laufsportjournalismus. Dadurch wurde ich in zweifacher Hinsicht ein Pionier in der deutschen Ultraszene. Denn bei vielen Namhaften Events (Badwater-Race, Western States Endurance Run, 1000-Meilen-Lauf New York, Tough Guy, Grand Raid de la Reunion – um nur einige zu nennen) war ich nicht nur der erste deutsche Teilnehmer, sondern machte diese durch meine Publikationen erst bekannt. In über drei Jahrzehnten Extremsport, Weltreisen und Nomadentum sind verdammt lange Distanzen zu Fuß, per Mountainbike, Rennrad, schwimmend, marschierend, im Auto, Flugzeug, Bahn, Buschtaxi, Dromedar, Schiff, Kajak, auf Inlinern und am Fallschirm zusammen gekommen. 492 Ultras, 192 Marathons, über 1800 Wettkämpfe in 91 Ländern, 250 bestiegene Berge, mehr als 200 besuchte Inseln, 120 bereiste Länder, 496 Fallschirmabsprünge und…. – mein Leben ist ein Zahlenwerk!

Ein endloser Endorphintrip? Nein, einfach nur pure Lebensfreude, 35 Jahre Dauerorgasmus und ein irres Leben im Grenzbereich!! Bewegung ist kein Luxus, Bewegung gehört zur Körperpflege. Und Bewegung bedeutet mehr Lebensqualität. Seit 54 Jahren kann ich Essen was ich will, wann ich will und wieviel ich will. Ich versuche die paar Jahrzehnte auf dieser Welt zu einer ultralangen Party auszudehnen. Sicher, es ist ein Privileg so zu leben und es gehört auch viel Glück dazu. Die meisten Menschen träumen ihr Leben, ich lebe meine Träume. Es ist nicht wichtig, dem Leben Jahre zu geben, sondern viel wichtiger, den Jahren Leben zu geben!

Halleluja!

(SS) Stefan Schlett

 

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