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Willy Brandt | Zum 100. Geburtstag

29 Januar 2014 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

232653_original_R_by_her-life.com_pixelio.deWilly Brandt – Zum 100. Geburtstag des großen deutschen Bundeskanzlers

Nach den in letzter Zeit wenig überzeugenden politischen Ereignissen, insbesondere die vorhandenen  Konflikte international und national in einigermaßen überzeugender Weise zu lösen – beispielhaft sei etwa nur erwähnt die noch immer schwelende Finanzkrise der EG oder der Syrienkonflikt und in nationaler Hinsicht die beleidigte Reaktion der deutschen Kanzlerin auf das Ausspionieren  ihres alten Handys durch den amerikanischen Geheimdienst, ist es geradezu eine Wohltat zurückzublicken auf einen deutschen Politiker, der als Friedensnobelpreisträger vor aller Welt ein überragendes Renommee erworben hat, der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt, der vor kurzem seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte.  Eine sehr zutreffende Hommage über den großen Mentor der Sozialdemokratie hat kürzlich der ehemalige Ministerpräsident und Kanzlerkandidat der SPD Björn Engholm im Tagesspiegel publiziert, auf dessen Veröffentlichung sich nachfolgend unser hier herausgegebene Artikel im Wesentlichen bezieht.

Sein Kniefall zu Warschau als Symbol der Versöhnung
Als unverwechselbar und einmalig ist wohl Willy Brandts Geste, sein historischen Kniefall in Warschau anlässlich des Warschauer Vertrages zu betrachten, als er vor aller Welt das Zeichen für Entspannung mit der Sowjetunion und dem Warschauer Pakt setzte und damit gleichzeitig ein bewegendes Bild der Aussöhnung von historischer Dimension  abgab, das später zu dem eigentlichen Durchbruch zu Frieden, Verständigung und Versöhnung auf dem ganzen europäischen Kontinent führte.
Trotz heftigster Anfeindungen im Zuge seiner 1969 angetretenen Kanzlerschaft setzte er mit größter Beharrlichkeit den eingeschlagenen Weg der Entspannungspolitik fort. Diese Politik, von der Idee des Wandels durch Annäherung geprägt, wurde später dann letztlich zur Vorbedingung für die Wiedervereinigung Deutschlands und zum krönenden Abschluss seiner Politik.

Früher Weg ins Exil und in den Widerstand
Auch sein Lebensweg war von Anfang an voller äußerer Widerstände. Denn er wuchs in Lübeck  als uneheliches Kind unter äußerst kargen Verhältnissen auf und erlebte in seiner Jugend unmittelbar die soziale Distanz zwischen Arbeiterschaft und einem wohlhabenden Bürgertum. Als überzeugter Sozialist leidet er zudem unter dem mangelnden Willen an Entschlossenheit unter seinen Gefolgsleuten und seiner eigenen späteren Partei gegenüber dem sich allmählich etablierenden Ungeist des Nationalsozialismus. Er lehnt sich dagegen auf und engagiert sich politisch bereits mit 18 Jahren und wird schon früh zu einer respektierten politischen Persönlichkeit, der die Überwindung sozialer Ausgrenzung, das Mitempfinden mit den Schwachen durch eigene Erfahrungen ans Herz gewachsen ist, und dem zugleich die Republik und Demokratie das einzig denkbare System zum Schutz der Würde des Menschen und seiner Entfaltung ist.
Für diese seine Überzeugung verfolgt, geht er ins Exil nach Norwegen, um später den Widerstand gegen die Diktatur in seinem Heimatland mit zu organisieren. Für ein besseres Deutschland wollte er sich wie viele andere Weggenossen einsetzen, was später dann zum Anlass für viele Herabsetzungen während seiner Kanzlerschaft wurde.

Sein Aufstieg zum Staatsmann
Sein späterer Aufstieg zum Staatsmann vollzieht sich zunächst in Berlin, wo er als Nachfolger von Ernst Reuter Bürgermeister wird. In dieser Zeit ereignen sich drei schwere Krisen, der Ungarn-Aufstand, der den Deutschen und den Berlinern insbesondere die Macht des Sowjetimperiums drastisch vor Augen führt, hinzu kam das Ultimatum Chruschtschows, den freien Zugang nach Berlin aufzuheben und schließlich der Mauerbau, der die staatliche Einheit der Deutschen geradezu unmöglich machte. Als Bürgermeister seiner bedrohten Stadt hält Brandt die Berliner zusammen, verhindert Ausschreitungen und organisiert den Widerstand der Westalliierten .Mit seiner Zusicherung „Berlin bleibt frei“, die weltweit gehört wird, und dem demonstrierten Willen der Berliner auf Selbstbestimmung, setzt er politische Maßstäbe.
Seine überragende Rolle in Berlin und seine international gewachsene Reputation führen ihn schnell ins Zentrum der deutschen Politik. Er wird Kanzlerkandidat; nach zwei Niederlagen gegen Adenauer und Erhard, wird er zum Außenminister der großen Koalition und schafft 1969 den Durchbruch zur Kanzlerschaft. Auf diesem Weg ist er dann mit unvorstellbaren Demütigungen und Verunglimpfungen konfrontiert, die ihm selbst Konrad Adenauer wegen seiner unehelichen Herkunft nicht erspart.
Hinzu kommt, dass seine politischen Gegner seine Entspannungspolitik zum Verrat deutscher Interessen und seinen Widerstand im Exil zum Kampf gegen das eigene Land hochstilisieren. Dies verletzt Brandt mit seiner Grundeinstellung für Demokratie und Würde des Menschen zutiefst und ist darüber hinaus als eines der unrühmlichsten Kapitel der Nachkriegsgeschichte zu konstatieren.
Aber allen Anfechtungen zum Trotz setzt er seine Entspannungspolitik fort, denn, so sagt er: „Wer es mit den Menschenrechten und dem Frieden ernst nimmt und diese nicht nur zur Propaganda im Mund führt, der kann nicht gegen Entspannung sein.“
Es kommt in kurzer Folge zum Gewaltverzichtsabkommen, zum Moskauer Vertrag, zum Warschauer Vertrag. Es kommt zum Viermächteabkommen über Berlin, zum Grundlagenvertrag mit der DDR, und das alles führt dann weiter bis hin zur Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit.

Das Motto seiner Regierungszeit: „Mehr Demokratie wagen“
Auch in der Innenpolitik setzt Brandt Schwerpunkte, insbesondere durch seine Reformideen, die aus der Erstarrung der Republik Deutschland in die Moderne führten. „Mehr Demokratie wagen“ war sein alle überzeugendes Motto und zugleich Motivation für die junge Studentenschaft für mehr Mitbestimmung, mehr Beteiligung an jeglicher Willensbildung, nicht nur in der Politik, auch in der Wirtschaft, der Bildung, der Universitäten, der Verbände. Öffnung des Bildungswesens für alle Unterprivilegierten, die sonst keine Chance hätten.
Bafög einführen, damit finanzielle Absicherung des Bildungsaufstiegs möglich wird. Hinzu kommen eine Reihe von Entscheidungen zur Absicherung der arbeitenden Bevölkerung gegen die Risiken der industriellen Arbeitswelt und eine Fülle von Restrukturierungen eines überkommenen Rechtssystems.

Hoffnungsträger und Visionär für die ganze Welt
Auch nach seiner Kanzlerschaft bleibt Brandt ein Politiker von Weltrang. 1977 übernimmt er den Vorsitz der Nordsüdkommission und legt zwei Berichte vor: „Das Überleben sichern“ und „Hilfe in der Weltkrise“.
Diese gipfeln in dem Vorschlag zur Schaffung einer neuen Weltwirtschaftsordnung. Auch wenn diese Konzepte nicht den ganz großen Durchbruch brachten ,vermochten sie erstmals die eklatanten Widersprüche von Ausbeutung der Schwachen in der Dritten Welt durch die Reichen der Ersten Welt öffentlich zu machen und bis auf den heutigen Tag zu thematisieren.

Abschließend soll noch Björn Engholm, als sein junger Wegbegleiter zu Wort kommen und präsentiert uns seine letzten Gedanken:
„Was letztlich seine Faszination ausmachte? Er war ein Hoffender. Vielleicht sollte man sagen, ein Visionär, dem die Welt ebenso wenig fremd, wie er zu verändern sie unbeirrt gewillt war. Er vermochte uns eine Zukunft zu beschreiben, in der alle Menschen, gleich welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe, welcher Herkunft, welcher Glaubensüberzeugung, zwar nicht paradiesisch, aber doch mit Anstand solidarisch miteinander verbunden sein können. Eine Welt, in der die Würde keines Menschen missachtet wird, in der alle Zugang zu Bildung und zum kulturellen Erbe der Geschichte haben, in der Krieg, Hass, Gewalt, Ausbeutung geächtet sind, in der Staaten Regeln setzen, jedoch ohne zu bevormunden und privates Engagement und Kreativität zu verhindern, in der Politik gestaltet, aber nicht bloß Herrschaft unter sich verwaltet.
Einer solchen Welt ein Stück näherzukommen war seine Hoffnung, wie Oskar Wilde – das Zitat kannte Willy Brandt – es auf den Punkt brachte: „Eine Weltkarte, auf der das Land Utopia gar nicht verzeichnet ist, ist es nicht wert, einen Blick darauf zu werfen, denn es fehlt das einzige Land, nach dem die Menschen sich sehnen.“
Indem Willy Brandt uns immer wieder die Möglichkeit einer solchen Welt näherbrachte, weckte er Hoffnungen, nährte er Sehnsüchte, riss er mit, gewann er Menschen, weit über den Rand der SPD hinaus. Brandt wusste, die Mühen eines langen Weges nimmt nur auf sich, wer Wegmarken und ferne Ziele vor sich sieht, Ziele, die jede Anstrengung lohnen, sogar die Anstrengung eines Sisyphos. Weil Willy Brandt diesen langen Weg selbst beschritten hat, weil er somit glaubhaft, authentisch war, sind wir ihm auf diesem langen Weg über lange Strecken gefolgt, und wir haben es überzeugt getan.“

(wz)

Quelle: tagesspiegel.de/politik/zum-100-geburtstag
Bildquelle: her-life.com|pixelio.de

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