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VIS-À-VIS

18 Februar 2014 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

o_st_presse_visavis_Kollwitz VIS-À-VIS. BILDNISSE IN DER GRAPHISCHEN SAMMLUNG
20. FEBRUAR BIS 11. MAI 2014

Mit etwa 100 Exponaten aus dem Bestand seiner Graphischen Sammlung präsentiert mdas Städel Museum in der Ausstellung „Vis-à-vis. Bildnisse in der Graphischen Sammlung“ vom 19. Februar bis 11. Mai 2014 ausgewählte Porträts und Selbstbildnisse von Künstlern der Moderne. Das aus Zeichnungen, druckgrafischen Arbeiten und Fotografien zusammengestellte Werkensemble wird weitgehend chronologisch präsentiert. Die Auswahl reicht von einem radierten Selbstbildnis des Malers Francisco de Goya (1746–1828) aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert bis zu einem Porträt des US-amerikanischen Komponisten Philip Glass, das sein Freund Chuck Close (*1940) im Jahr 1995 radierte. Gezeigt werden ausgewählte Arbeiten bekannter, aber auch  unbekannterer Künstler wie Jean-Auguste-Dominique Ingres, Edouard Manet, Vincent van Gogh, Edvard Munch, Käthe Kollwitz, Hans am Ende, Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Albert Müller, Otto Pankok, Olaf Gulbransson, David Hockney, und Christian Boltanski, die sich in spannender und teilweise völlig unterschiedlicher Art und Weise mit der kunsthistorisch  bedeutsamen Gattung des Porträts auseinandersetzen.

„Das Vis-à-vis, das Spiegelbild des eigenen Antlitzes oder das Gegenüber des Anderen, fordert Künstler seit Jahrhunderten heraus. Wir freuen uns sehr darüber, im Rahmen dieser Ausstellung nun eine künstlerisch äußerst reizvolle Auswahl von
Werken dieses Bildtypus aus dem über 100.000 Werke umfassenden Bestand der Graphischen Sammlung des Städel präsentieren zu können“, sagt Städel-Direktor Max Hollein.

„Vor allem En-face-Bildnisse fordern in ihrer strengen Frontalität zum Zwiegespräch von Angesicht zu Angesicht auf. Und so verweisen sie ihre Betrachter auch auf das ursprüngliche Vis-à-vis, eine Situation, in der ein Künstler die Dargestellten
konzentriert angeschaut und festgehalten hat. Diese grundlegende Konstellation begleitet in der Ausstellung jedes Fragen nach einem „Wer hat wen warum und wie dargestellt?“, so die Kuratorin und Leiterin der Graphischen Sammlung ab 1750, Dr.
Jutta Schütt.
Anhand der vielfältigen Exponate aus rund 200 Jahren erinnert die Ausstellung im Besonderen auch daran, wie das Genre des gezeichneten oder gedruckten Bildnisses im 19. Jahrhundert durch das Aufkommen der Fotografie einen Umbruch erfuhr und bildende Künstler wiederum als Reaktion darauf eigenständige äquivalente künstlerische Ausdrucksformen entwickelten. So gewährt die Präsentation Einblick in diese Entwicklung etwa anhand von Porträtzeichnungen Jean-Auguste-Dominique Ingres’ (1780–1867), der sich noch 1816 in Rom damit ein Zubrot verdiente, oder dem Plan für ein Gruppenbildnis der deutschen Künstler im Café Greco (1818) von Carl Philipp Fohr (1795–1818). Schon bald verdrängte das neue Medium den Wunsch und Bedarf nach dem gezeichneten Bildnis. Für viele Künstler wurde die Fotografie zum dienenden Hilfsmittel, für manche zum Ansporn, im druckgrafischen Bereich neue Wege zu gehen. Beispielhaft für die Kunst aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt die Präsentation neben Nadars (1820–1910) Fotografie der George Sand (1864) zwei unterschiedliche Lithografien von Edouard Manet (1832–1883) mit dem Titel Bildnis der Berthe Morisot (1872). Dabei ist Berthe Morisot, die Schwägerin des Künstlers, einmal in Schwarz dargestellt, ein zweites Mal zeichnen Umrisslinien ihre Konturen nach. Auch die Wiederbelebung der Technik der Radierung in Paris ist im Zusammenhang mit der Erfindung der Fotografie zu verstehen. Das Bildnis von James Abbott McNeill Whistler (1834–1903), Becquet – The Fiddler (1859), demonstriert diese Entwicklung ebenso wie die malerisch und bewegt radierten Bildnisse von Anders Zorn (1860–1920). Das ebenfalls in der Ausstellung „Vis-à-vis. Bildnisse in der Graphischen Sammlung“ gezeigte Werk L’homme à la pipe (1890) von Vincent van Gogh (1853–1890), die einzige Radierung im OEuvre des Niederländers, einmal in Rotbraun und einmal in Schwarz gedruckt, erinnert an sein weltweit bekanntes Gemälde Dr. Gachet (1890), das 1937 im Frankfurter Städel Museum beschlagnahmt wurde.
Durch die Gegenüberstellung der verschiedenartigen Bildnisse entstehen in der Ausstellung auf den ersten Blick kurios erscheinende Verbindungen: So begegnen sich hier der Frankfurter Stadtgärtner Sebastian Rinz, der fotografierte Karl Marx
(1875) und der radierte amerikanische Präsident William Howard Taft (1911). Mit humorvollem Blick schaut Lovis Corinth (1858–1925) auf seinen Sohn Thomas und unterstreicht in der Darstellungsweise von Kleidung und Körperhaltung dessen
Gesichtsausdruck. Mit gleicher Intention setzen auch Olaf Gulbransson (1873–1958) und David Hockney (*1937) Pose und Kleidung in ihren Bildnissen ein. Für die Dauer der Ausstellung werden sie zu Nachbarn. Auch zwei sehr unterschiedliche Bildnisse des Schriftstellers Thomas Mann laden zum Vergleich ein: die exzentrische Interpretation des Österreichers Max Oppenheimer (1885–1954) und ein offizielles Bildnis, das Max Liebermann (1847–1935) im Auftrag des S. Fischer Verlages 1925
lieferte. Der umfassende Sammlungsbestand des Städel erlaubt es, zwei besondere Bildnisse nebeneinanderzustellen, die über die Porträtierten hinaus im Gedenkjahr seines Beginns an den Ersten Weltkrieg erinnern: der Holzschnitt von Ernst Ludwig
Kirchner (1880–1938) für den gefallenen Gefährten Hugo Biallowons, und Max Beckmanns (1884–1950) Gedenkblatt für seinen Schwager Martin Tube.

Neben Bildnissen eines Gegenübers zeigt die Präsentation auch Selbstporträts, etwa von Käthe Kollwitz (1867–1945), die seit den 1890er-Jahren ihr eigenes Antlitz in Holzschnitt, Radierung und Lithografie stets aufs Neue festhält und überprüft.
Insbesondere das Nebeneinander von Selbstbildnissen lässt überraschende Parallelen in den Arbeiten verschiedener Künstler sichtbar werden. So macht die Präsentation das mit Bleistift gezeichnete Mienenspiel von Lovis Corinth vergleichbar mit den jüngeren Beispielen eines singenden Horst Janssen (1929–1995) und eines grimassierenden Bruce Nauman (*1941). Von Ernst Ludwig Kirchner ist ein Bildnis zu sehen, radiert von seinem Freund und Schüler Albert Müller (1897–1926). Der ausgestellte Abzug des ersten Zustandes versah Kirchner persönlich mit vehementen Korrekturen. Kirchners in Holz geschnittenes Selbstbildnis Melancholie der Berge (1929) ist exemplarisch für das Spätwerk des Künstlers. Der für Frankfurt und die Städelsche Sammlung ebenso wichtige Zeitgenosse Max Beckmann ist durch das herausragende Selbstbildnis mit steifem Hut (1921) vertreten, das in zwei Fassungen gezeigt wird. Ein Spiel der Selbstbefragung und Selbstverwandlung demonstriert der Schweizer Urs Lüthi (*1947) mit seiner für die Selbstbildnisse der 1970er-Jahre typischen Serie von Offsetdrucken nach Schwarz-Weiß-Fotografien.
Unter den Bildnissen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts präsentiert die Ausstellung die Zeichnung Portrait de Diego (1950) von Alberto Giacometti (1901–1966), die in eingehender Weise das unvergleichliche Suchen und Ringen des Künstlers vorführt. Dem Sammlungsbereich der Druckgrafik entstammt der überwältigend großformatige Farbholzschnitt von Roy Lichtenstein (1923–1997) aus der Folge Expressionist Woodcuts (1980). Vor dem Hintergrund des bedeutenden Bestandes an expressionischer Grafik im Städel erhält diese aus der Pop-Art geborene Verarbeitung einer deutschen Kunstrichtung innerhalb der Städelschen Sammlung zusätzliches Gewicht.
Das einzelne ausgestellte Bildnis, erzählt in der Begegnung des Betrachters und des Dargestellten seine individuelle Geschichte. Doch in dem Zusammentreffen der Bildnisse, aus rund 200 Jahren lässt „Vis-á-vis. Bildnisse in der Graphischen Sammlung“ Vergleiche zu und zeigt Parallelen auf, die stilistisch und zeitlich übergreifend sind.

Künstlerübersicht:
Max Beckmann, Christian Boltanski, Julia Margaret Cameron, Chuck Close,Lovis Corinth, Otto Dix, Johannes Kaspar  Eissenhardt, Hans am Ende, Hugo Erfurth, Louis Eysen, Conrad Felixmüller, Karl Philipp Fohr, Alberto Giacometti, Vincent van Gogh, Francisco Goya, Ludwig Emil Grimm, Juan Gris, Olaf Gulbransson, David Hockney, Jean-Auguste-Dominique Ingres, Horst Janssen, Ernst Ludwig Kirchner, Käthe Kollwitz, Carl Larsson, Roy Lichtenstein, Max Liebermann, Urs Lüthi, Edouard Manet, Henri Matisse, John Mayall, Albert Müller, Edvard Munch, Nadar (Gaspard-Félix Tournachon), Bruce Nauman, Mopp
(Max Oppenheimer), Emil Orlik, Johann Friedrich Overbeck, Otto Pankok, Odilon Redon, Karl Schmidt-Rottluff, Moritz von Schwind, Henri de Toulouse-Lautrec, Anton Josef Trčka, James Abott McNeill Whistler, Anders Zorn.

 

Weitere Informationen:
Städel Museum:
Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main, http://www.staedelmuseum.de/

Öffnungszeiten der Ausstellung:
Dienstag, Mittwoch, Samstag und Sonntag 10.00–18.00 Uhr; Donnerstag und Freitag 10.00–21.00 Uhr

 

Quelle | Bildquelle: Städel Museum

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