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Ein französisches Paradox

3 Juni 2015 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Ein Nachruf auf den Regisseur Claude Chabrol

Claude Chabrol, der Filme mit Botschaft „zum Kotzen oder zum Lachen“ fand, war ein französisches Paradox – ein erklärter Maoist und Zyniker „schimpfte Rainer Werner Fassbinder“, der liebevoll seine bürgerlichen Marotten pflegte.

Der französische Regisseur ist vor kurzem im Alter von 80 Jahren verstorben. Mit mehr als 60 Kinofilmen gehörte Chabrol zu den bedeutendsten Filmemachern der Welt und hat maßgeblich die französische Nouvelle Vague mitgeprägt, eine Bewegung gegen das etablierte Kino. Er galt als der Regisseur, der schonungslos hinter die Fassade der bürgerlichen Gesellschaft blickte und in seinen sozialkritischen Filmen ebenso böse wie heiter die Abgründe der kleinbürgerlichen Seele aufdeckte. Er thematisierte darin sittliche Verwahrlosungen, Obsessionen, Scheinheiligkeit, Betrug und andere kleine Sünden. Seine Figuren hatten fast immer eine Leiche im Keller und zeigten verdrängte Wahrheiten. Oftmals inszenierte er Dreiecksgeschichten, aus denen Mörder und Ehebrecher hervorgingen.

Er verurteilte zwar als kühler Beobachter in seinen Filmen gern die Dekadenz der Bourgeoisie, konnte aber seine eigene Nähe zu ihr nicht leugnen.

Chabrol wurde am 24. Juni 1930 in eine gutbetuchte Familie hineingeboren, studierte Literatur und Pharmazie und sollte ursprünglich die Apotheke seines Vaters übernehmen. Doch es zog ihn zum Film: Er arbeitete zunächst als Kritiker und machte die Pressearbeit für einen US-Filmverleih und drehte erst seinen ersten Film, als er durch eine Erbschaft ausreichende Mittel zur Verfügung hatte.

Seine erste Regiearbeit, „Die Enttäuschten“, stellte Chabrol 1958 auf dem Filmfestival von Locarno vor – und erhielt sofort einen Preis. Seitdem galt er als Mitbegründer der Stilrichtung Nouvelle Vague, die sich gegen das herkömmliche etablierte Kino wandte.

Chabrol lernte sein Handwerk direkt am Set, ohne je eine Filmschule besucht zu haben. Auf die Schwarz-Weiß-Produktion „Die Enttäuschten“ folgte 1959 „Schrei, wenn du kannst“, mit dem er den Goldenen Bären der Berlinale gewann. Mit der düsteren Geschichte von zwei ungleichen Cousins, die Jura studieren und sich auf das Examen vorbereiten, gelang ihm der internationale Durchbruch.

Es folgten zahlreiche Psychogramme, Satiren, Kriminalfilme und Literaturverfilmungen. Der bekennende Maoist verfilmte im Gegensatz zu den anderen Vertretern der Nouvelle-Vague, wie Jean-Luc Godard oder Francois Truffaut, auch fremde Drehbücher und machte Auftragsproduktionen für das Fernsehen, wobei nicht alles auf die Gunst der Filmkritiker stieß.

Die Kritik feierte jedoch Filme wie „Schritte ohne Spur“ (1959), „Der Schlachter“ (1970), „Hühnchen in Essig“ (1985), „Biester„ (1995), „Süßes Gift“ (2000) und viele mehr. Mehrfach wurden seine Produktionen durch Preise wie den Goldenen Löwen der Internationalen Filmfestspiele von Venedig, die Goldene Palme der Internationalen Filmfestspiele von Cannes oder den César nominiert. 2003 wurde Chabrol mit dem Europäischen Filmpreis für sein Lebenswerk geehrt und 2009 bekam er die Berlinale-Kamera.

Bemerkenswert war an dem Altmeister des französischen Kinos vor allem seine unermüdliche Schaffenskraft.

(wz)

 

http://www.youtube.com/v/ImsAaCwoG0g

http://www.youtube.com/v/H5mr1WBx9eg

http://www.youtube.com/v/X1swqKtkm5w

Quelle: Welt/alsolikelife.com

 

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