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Tajik Rallye – Die Adventure-Rallye

6 April 2014 Ein Kommentar PDF Drucken Drucken

El Mundo-144Tajik Rallye 2013 – Ostournauten feat. androgon

Mit dem Cabrio an die afghanische Grenze

Der Mann, der vorne weg geht, blickt finster drein. Er trägt Flecktarn und führt die Gruppe zu unserem Auto. Ob das Paramilitärs sind? Tragen die Waffen? Was haben die vor? Mir stockt das Blut in den Adern. Keiner im Team weiß, was jetzt zu tun ist.

Hier in Berg-Badachschan ist Vorsicht geboten. Erst 2012 kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem tadschikischen Militär und lokalen Milizionären. Berg-Badachschan ist eine autonome Provinz im Osten von Tadschikistan, die an Afghanistan, China und Kirgisistan grenzt. Kein typisches Urlaubsland. Wir wussten von der Gefahr, und dennoch haben wir uns auf dieses Abenteuer eingelassen.

Wir sind als kleine Gruppe von Freunden hier auf der Durchreise gewesen. Genaugenommen ist sogar genau hier der Höhepunkt unserer Reise gewesen: Der Pamir Highway, diese gewaltige Gebirgsstraße, die die Hauptstadt von Tadschikistan, Duschanbe, mit dem kirgisischen Osh verbindet. Eine Verkehrsader, auf der man viele Pässe überwindet, die oberhalb von 4000 Metern gelegen sind. Ein Ausflugsziel für Abenteurer.

Reiseroute – Ein weiter Weg im Peugeot

So lange hatten wir auf diesen Moment warten müssen. So steinig, bzw. sandig war der Weg hierhin gewesen. Wir, das ist das Team Ostournauten. 8 abenteuerlustige Kumpels, die sich auf die Tajik Rallye begeben haben (androgon berichtete: http://www.androgon.com/19124/vorschau/tajik-rally-2013 ). Unsere KFZ-Spezialisten hatten unsere Boliden auf Vordermann gebracht: Peugeot 205 haben wir ausgewählt, 4 Stück, die Wunderwaffe des Rallyesports. Wer wird die Siege von Ari Vatanen bei der Rallye Dakar in den 1980er Jahren je vergessen können.

Einen weiten Weg haben wir dann auf uns genommen. Gestartet in München, ging es über Österreich und Ungarn nach Rumänien. Schon in den Karpaten lagen wir hinter der Zeitplanung zurück. Für ein Team, welches sich noch nicht lange kennt eine große Herausforderung. Die Republik Moldau danach: Die ersten Panzersperren. Auch hier gibt es eine abtrünnige Provinz: Transnistrien. Wir nehmen Umwege in Kauf. An der ukrainischen Grenze wird unser KO Spray entdeckt. Nach langen Diskussionen zahlen wir Schmiergeld. Die Erklärung, wir würden damit nur Hunde abwehren wollen weißt der Grenzer scharf zurück und zeigt mir seinen zähnefletschenden Spürhund.

Es ist eine Fahrt wie im Rausch, im Rausch des schnellen Reisens. Wir passieren Odessa, die Städte ziehen nur so an uns vorbei. Die Krim liegt vor uns. Die Krim Krise, diese größte Herausforderung Europas in diesem noch jungen Jahrtausend, sie ist im Sommer 2013 noch weit weg. Doch Russland ist auch damals schon ganz nah. Man spürt das, die Russen urlauben hier, wie die Deutschen auf Malle.

Bald erreichen wir Kerch. Wir sind noch einen Steinwurf von der russischen Grenze entfernt. Ein ziemlich langer Steinwurf aber. Man muss die Fähre nehmen. Die Schlange ist endlos, viele zahlen für einen, der sich „anstellt“. Wir übernachten in den Autos und fahren alle 20 Minuten 20 Meter weiter bis wir nach 10 Stunden endlich einschiffen können.

Das Cabrio, welches wir mitgebracht haben, es ist nicht ganz dicht. Beim heftigen Regen läuft das Wasser hinein. Welch ein Glück, dass wir diesen Regen nur einmal erleben. „99% oben ohne“, das war unser Slogan. Der kurze Regenschauer ist das meiste, was von Russland bleibt, dieses riesige Land ist hier im Süden schmal.

Bald erreichen wir Kasachstan. Es ist wie eine andere Welt. Mir erscheint es, als wäre das ein Punkt, an dem die Reise sich verändert. Wir sind zunächst mal langsamer unterwegs, genießen die unendliche Weite der Landschaft. Die Straßen sind in einem miserablen Zustand, der es nahezu unmöglich, ja gar gefährlich macht, nachts zu fahren. Die Situation ist interessant: Wegen dem Zustand der Hauptstraße und dem trotzdem andauernden LKW Verkehr bilden sich rechts und links daneben Sandpisten heraus, bis zu 7 Spuren. Wenn eine unbefahrbar wird, dann nimmt man halt die nächste.

Zudem gibt es wenig Sprit. Wie naiv waren wir doch, als wir dachten, dass in jedem Ort eine Tankstelle wäre. Es gibt sie, ja, nur Benzin, das haben sie nicht vorrätig. Jedenfalls nicht an diesen Tagen im August ´13. Verzweifelt halten wir ohne Erfolg Tanklaster an. Nur Diesel führen diese mit. Nun fahren wir doch in die Nacht hinein. Mit dieser Ungewissheit möchte keiner ins Bett gehen. Wir haben ein Team aus der Schweiz getroffen, welches genauso wie wir Benzin braucht. Mir kommt das jetzt vor wie eine Expedition. Langsam tasten wir uns voran. Mit 5 Autos fahren wir Kolonne. Die Straße, welche wir zuletzt gemieden haben, weil die Sandpiste daneben besser war, ist jetzt der rettende Pfad. Bei 10 Km/h schwindet die Gefahr des Achsbruchs in den riesigen Schlaglöchern. Die Straße ist wie eine Mondlandschaft, die wir mit unseren Scheinwerfern hell ausleuchten. Als wir einen Ortsrand mit Tankstelle erreichen, ist der Jubel verhalten. Erst als sich wirklich bestätigt, dass wir tanken können, löst sich die Stimmung. Wir suchen einen Schlafplatz in der Steppe und genießen den Abend.

Erst am Aralsee kommen wir nun wirklich nicht mehr weiter. Die Ufer des immer kleiner werdenden Sees sind stark versandet. Wir bleiben stecken und müssen hier auf einen größeren, wackeligen Truck der Dorfbewohner umsatteln, der uns zum Baden bringt.

Es ist auch eine Reise der Gegensätze. Kasachstan grenzt an Kirgisistan, unendliche Sandsteppe an bunte, steile Berglandschaft. Kirgisistan empfängt uns freundlich. Die Touristen wissen entweder nicht, was sie hier verpassen, oder sie haben sich durch die Warnungen des Auswärtigen Amtes vor den diversen Scharmützeln im Land abhalten lassen. Es ist eine Landschaft, wie gemalt, die dazu einlädt, das Mountainbike zu besteigen oder Seil und Steigeisen einzupacken. Die bunte mannigfaltige Vegetation ist das, was für mich die Berge hier unterscheidet von dem was uns nun erwartet: Das karge Pamir Gebirge ab dem Grenzstreifen.

Der Pamir Highway – eine königliche und gefährliche Strecke

Wegen einer eingestürzten Brücke müssen wir einen Umweg von 600 km in Kauf nehmen. Diese Extrakilometer sollten es in sich haben.

Wir verlassen Kirgisistan etwas südlich der Stadt Sary-Taşh. Zunächst sind wir damit im Niemandsland, der Grenzstreifen zwischen Krigisistan und Tadschikistan ist 30 Km breit und zieht sich bis auf den 4280 Meter hohen Kyzyl-Art-Grenzpass hinauf. Wir wussten, dass die Grenze dort oben um 16 Uhr schließt und wir waren verflucht knapp dran. Zudem mussten wir die ersten Pionierarbeiten bereits kurz nach dem letzten Grenzposten verrichten: kleinere Gletscherbäche fließen hier direkt über die Straße. Für Geländewagen kein Problem, aber die Bodenfreiheit unserer Peugeots beträgt nur wenige Zentimeter und so müssen wir erst einmal ein paar Steine aus dem Boden hebeln, um den Fluss durchqueren zu können. Weil dies vergeblich war, mussten wir ordentlich Gas geben, um mit Schwung im unwegsamen Gelände neben den Steinen vorbeizukommen. Wir kommen noch rechtzeitig an.

Um die Formalitäten an der Grenze zu erledigen, die aus einigen Baracken bzw. Containern besteht, folge ich dem univil gekleideten Grenzposten in eine Art Teestube, an deren Eingang sich dieser seiner Schuhe entledigte. Besser, so dachten wir alle, tat man es ihm wohl nach, und so durften immer 3 Personen mit eintreten. Er unterhielt sich dann mit zwei Russen, die wir im Auto mit über die Grenze genommen hatten, über Talibanski und Amerikanski und winkte unser Anliegen schließlich durch. Und dies obwohl ich dabei noch kräftig ins Fettnäpfchen trat, indem ich ihm sagte, dass wir uns freuen jetzt in Tadschikistan zu sein. So gut hielt er es aber mit den Tadschiken gar nicht und macht mir das auch deutlich. Er ist vom Volk der Pamir, die sich in der Vergangenheit immer wieder Scharmützel mit der tadschikischen Regierung geliefert hatten.

Nach nur wenigen Kilometern Fahrt müssen wir reparieren. Es ist eine dieser unzähligen Pannen, die noch dazu mit einer großen Ungewissheit einhergeht. Wenn das Auto hier komplett liegen bleibt, wohin sollen wir es abschleppen? Oder sollen wir es zurücklassen? Unser Heimflug aus Duschanbe geht schon übermorgen und der nächste erst wieder eine Woche später. Das Gelände neben der Straße ist dem Auswärtigen Amt zufolge teilweise vermint. Wir genießen dennoch den grandiosen Blick auf den Karakul See und die umliegenden gewaltigen Gebirgsflanken. Und plötzlich sind sie da. Eine Gruppe univil gekleideter Männer hält in ihrem Jeep neben unseren Autos und wir befürchten das Schlimmste.

Es ist völlig unspektakulär. So grimmig sie aussehen, so harmlos ist der Grund, weshalb sie sich am Karakul See aufhalten: Es sind Geologen. Wir können also ungestört weiterfahren und uns einen Schlafplatz suchen. Nicht ausreichend akklimatisiert auf über 4000 m spüren wir die Strapazen der Reise.

Der Pamir Highway hier in der Provinz Berg Badachschan ist sehr wechselhaft. Sehr einfach befahrbare Straßenabschnitte wechseln sich mit erbarmungslosen Schlaglochpisten ab. Zudem ist die Höhenluft eine enorme Belastung für die Motoren. Das merken wir besonders, als wir den Ak-Baital Pass überqueren, mit seinen monumentalen 4655 m der höchste Pass des Pamir Highways.

An der Grenze zu Afghanistan

Wir sind kurz vor Chorugh, der Hauptstadt von Berg-Badachschan, als wir unser nächstes Nachtlager errichten. Jedem ist klar, dass wir jetzt in 2 Tagen die Hauptstadt erreichen müssen und der gefährlichste Teil der Reise vor uns liegt. Wir haben fast die afghanische Grenze erreicht.

Der Drogenschmuggel aus Afghanistan floriert weiterhin, und die Route, die den Schmugglern den Zugang nach Russland und Europa öffnet, führt genau durch dieses Fleckchen Erde. Bis 2005 wurde die Sicherung der tadschikisch-afghanische Grenze durch russische Truppen unterstützt. Seit deren Abzug hat der Drogenschmuggel massiv zugenommen und Experten gehen davon aus, dass Terroristen wiederholt über die Grenze nach Tadschikistan eingesickert sind. Das zerklüftete, spärlich besiedelte Pamir Gebirge bietet ihnen hier einen idealen Rückzugsraum. Zudem ist in den letzten Jahren der Einfluss der tadschikischen Regierung in dieser Region zurückgegangen. Die Gegend an der afghanischen Grenze ist hier teilweise vermint.

Unser Ziel aufgrund dieser Verhältnisse, war die schnelle Durchreise und natürlich kam es anders. Wir kamen in die Nacht hinein und die Verhältnisse der „Straße“ verschlechterten sich zudem massiv. Dies hatte zwar den Vorteil, dass wir eine Brücke aus wagemutig gestapelten Metallplatten passiert haben, über die wir uns tagsüber wohl nicht gewagt hätten, wenn wir alles gesehen hätten. Aber mit zunehmenden Reparaturen und völlig verloren im Gewirr aus Baustellen, Sackgassen und steilen Sandpisten, bei denen der aufgewirbelte Sand minutenlang das Licht der Scheinwerfer reflektiert, wurden wir zum Aufgeben gezwungen. Hier also nächtigen?

Wir hatten kaum die Augen geschlossen, da fuhr ein Jeep vorbei und unsere Gebete wurden nicht erhört, er steuerte direkt auf unseren Lagerplatz zu. Unmissverständlich wurden wir von zwei zivil gekleideten Männern aufgefordert, die Gegend zu verlassen, weil wir an der afghanischen Grenze seien. Mit Händen und Füßen haben wir den beiden erklärt, dass es nicht möglich ist und ich hätte niemals gedacht, dass sie das schlucken. Schließlich haben sie uns aber gewähren lassen und mehr als deutlich gemacht, dass es nicht gut für uns wäre, wenn wir am Morgen noch da wären, wenn sie wieder vorbeikommen. Wir haben uns daran gehalten.

Mir kommt es im Nachhinein so vor, als sei an dieser Stelle unser Erfolg besiegelt worden. Am nächsten Tag hatten wir nur noch eine gerissene Benzinleitung, eine übersteile Bergfahrt auf einer Sand- und Felsenpiste, drei verlorene Auspuffe und versagende Bremsen bei der Abfahrt vom Berg, aber sonst haben wir Duschanbe nach 9938 km in 19 Tagen gut erreicht.

Tajik Rallye 2013 – War doch alles ganz easy

Wir möchten uns an dieser Stelle vielmals bei Heiko Lackstetter von Oat King bedanken. Mit seinen leckeren und vor Energie nur so strotzenden Riegeln versorgt, haben wir die Autos aus dem Sand oder auf den Berg geschoben, haben Felsen von der Straße gehebelt, die raue Höhenluft des Pamir überstanden und jeden Tag von neuem die Power gehabt, die so ein Abenteuer braucht. Wir hatten bei Oat King um Unterstützung angefragt, weil es die mit Abstand leckersten Energie-Riegel sind, die wir kennen. Hier eine kleine Hommage.

Der junge Filmemacher Alexander Kodisch, der mit im Team war, hat das spannende, ereignisreiche und bildgewaltige Rallyeabenteuer zu einem 80-minütigen Dokumentarfilm zusammen geschnitten.
Die Kinopremiere ist am 30. April 2014 in der Schauburg in Bremen (Tickets unter 0421 / 79 25 50).
Am Sonntag, den 13.4. um 20:30 Uhr findet eine Vorpremiere im Neuen Rottmann Kino in München statt. Tickets gibt es ab Dienstag auf deren Homepage: http://web.neuesrottmann.de/
Weitere Infos und Kinotermine sowie einen Trailer gibt es auf
www.OSTOURNAUTEN.de
 
(SP)
 

 
 
 

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