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Kuscheln vs Dolby Stereo

6 Mai 2015 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Autokino

Manche Jubiläen und Feiertage streifen vorbei ohne wahrgenommen zu werden. Beispiele gibt es genug, da wäre der Geburtstag von Alice Schwarzer, der Tag der Lohngleichheit. Manche Jubiläen werden zu Unrecht vergessen, unser Beispiel: Das Autokino.

Das Autokino wird 2015 55 Jahre alt. Zumindest in Deutschland. Was in den 30er Jahren in den USA begann, fand vor 55 Jahren den Weg nach Westdeutschland. Genau genommen nach Gravenbruch bei Neu-Isenburg. Noch genauer auf 540qm Leinwand. Auf eine Fläche von ca. 3 Reihenhäusern nebst Garten wurden die Filme projiziert, die man ansonsten nur im Kleinstbildschirm sehen und erleben konnte, umringt von Oma, Opa, falls er die russische Kriegsgefangenschaft überlebt hatte, Mama, Papa usw. In diesem illustren Familienkreis wurde Fernsehen zelebriert. Schön sicherlich, die gemeinschaftliche Atmosphäre in schwarz/weiß – ohne Streit, denn es gab ja nur drei Programme – unschön sicherlich, wenn die Geschlechtsreife deutlich eingetreten war. Ein Film in der projizierten Größe war ein Erlebnis, jedoch das Beisammensein eines entsprechenden Partners in unmittelbarer Nähe sicherlich das bessere Erlebnis. Frech und klug zugleich, wenn der Film ein Horrorfilm war, die Riesenameise, Tarantula oder gar Jack Arnolds – der Schrecken des Amazonas. Ohne Oma, Opa, falls er die russische Kriegsgefangenschaft überlebt hatte, Mama, Papa usw. konnte man heldenhaft Schutz bieten und zugleich aus Versehen dort hin gelangen, wo man schon immer hinwollte, obwohl man nicht wusste wo genau. Egal ob BMW Isetta oder Opel Kapitän. Aber auch da hatten es unsere transatlantischen Freunde mit der durchgezogenen Sitzbank besser. Sicherlich ein Grund, daß hierzulande die Autokinos nie so richtig frequentiert wurden.

“The American way of life” änderte sich. Falls der Kinobesuch nicht zu teuer ist, man bedenke die Preise für Getränke, die 5-Kilo-Trommel Popcorn, die wunderbaren Nachos mit grünlicher Käsesoße, gibt es heute Partnerbänke, quasi stationäre-durchgezogene Sitzbänke ganz weit hinten. So wird alles ein Erlebnis, auch wenn man heute zielgerichteter die Quellen im Dunkeln ertastet plus dem unvergleichlichen analogen Lichttonformat, wo vier Kanäle in einem zweispurigen Lichtton matriziert, die beim Abspielen von einem Kinoprozessor wieder in vier Kanäle dematriziert werden. Irgendwie doch schade, wo sind sie nur geblieben…?

(sb)

 

Weitere Informationen: http://de.wikipedia.org/wiki/Autokino

Bildquelle: Wikimedia Commons

 

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