Home » Musik, POP

Nicht artgerechte Haltung

16 Mai 2010 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Wie stellen vor: Das neue Album von Roger Cicero : “ Nicht Artgerecht“

Mitunter wurde in der Vergangenheit gern an Roger Cicero herumgemäkelt – Stichwort Texte oder Hutmode. Allzu verbiesterte Kritiker stießen sich an einem vorgeblich antiquiertem Rollenbild der Dinge zwischen Mann und Frau.

Wer unbedingt weiterhin Erbsen zählen will, wird auch auf „Artgerecht“ fündig. Diesen Vorwürfen begegnet Cicero auf dem aktuellen Albumcover allerdings mit Humor: Im Arm hält er einen prachtvoll eitlen Gockel, und beide geben offenbar ein gut eingespieltes Team ab.Allerdings spielt Cicero vielmehr auf die heutigen Beziehungen zwischen Mann und Frau an, dieses mit einer gehörigen Portion Humor…wer es sich bieten lässt…

Cicero erweitert sein Spektrum nun mit lebendigem Sixties-Retro-Pop samt einer ordentlichen Dosis Funk und Soul, Motown-Zitate inklusive. So wandelt „Ich Bin Dabei“ (mit schöner Textpointe im Refrain) auf klassischen Black Music-Balladenpfaden, während wummernder Groove „Spontis Zeugen Banker“ dominiert. Allerfeinste Sechziger-Beats finden sich in „Wenn Ich Dich Los Wär“ und „Boutique“.

Gerade bei den Lyrics zum Shopping-Song können wieder die Rollenspiel-Messer gewetzt werden – aber weshalb eigentlich? „Wie komm‘ ich raus aus der Boutique / ohne Krieg? Wie komm ich raus aus diesem Laden / ohne Schaden?“ Mann und Frau setzen eben unterschiedliche Einkaufsprioritäten.

Texter Frank Ramond beweist erneut ein gutes Händchen für die Umsetzung auf den Punkt gebrachter Themen. Etwa mit „Auch Sonst So“, das die Begegnung mit einer lang nicht mehr gesehenen Jugendliebe behandelt. Man sieht sich wieder und fragt sich, warum nur damals das Herz sich verzehrte: „Doch dann kommt die Zeit / räumt hinter einem auf / verwischt alle Spuren / legt ihre Schleier darauf.“ Die Zeit verändert unwiderruflich den Blickwinkel.

Der Song „Seine Ruhe“ weckt dann angenehme Assoziationen an vergangene Tom Jones-Großtaten aus den sechziger Jahren. Cicero nimmt besonders gerne auch allerlei Stationen im Liebesleben ins Visier: Da ist etwa die gar nicht so beglückende Sache mit der auffallend schönen Freundin, wegen der einen alle beneiden. Denn: sie war „Zu Schön Um Nett Zu Sein.“

Das Thema virtuelle Dates inklusive ihrer oft wahrhaftig fetten Lügen erhält mit der „Internet Single Börse“ eine amüsante Abhandlung. „Tabu“ beschäftigt sich mit einem absoluten No-Go: Seitensprung mit der Frau des besten Freundes.

Cicero bietet eine durchweg kurzweilige und musikalisch dank der hervorragenden Band auf hohem Niveau stehende Adult Pop-Revue. Witz, Schwung und Drive wetteifern um die Aufmerksamkeit des Hörers. Auch stimmlich tobt sich der ohnehin sehr flexible Sänger aus: Neben smartem Croonen und Gespür für beseelten Soul kommt auch mal eine Prince’sche Kopfstimme zum Einsatz.

Im jazzenden Überholtempo begeistert er, von messerscharfen Bläsern, atemlosen Drum-Stakkatos und einem schmutzigen Hinterhof-Saxophon eskortiert, im energiegeladenen „Das Ist Nicht Das, Wonach Es Aussieht“. Stil, Klasse und jede Menge Abwechslung: Mit „Artgerecht“ hat Roger Cicero seine künstlerische Messlatte erneut weiter nach oben gelegt.

Quelle: public

http://www.rogercicero.de/

(vz)

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (No Ratings Yet)
Loading...