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Wegbereiter des zivilen Ungehorsams

4 Dezember 2014 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Der Schriftsteller und Philosoph „Henry David Thoreau“

Wer den Vogel hört

Im Sommer des Jahres 1998 erholte sich Bill Clinton bei einem Waldspaziergang in der Nähe der Stadt Concord von den Strapazen der Washingtoner Amtsgeschäfte und den Nachstellungen des Sonderermittlers Kenneth Starr. Anlass der Präsidentenreise nach Concord war die Eröffnung des „Thoreau-Instituts“. Dieter Schulz vom Anglistischen Seminar schildert das ungewöhnliche Leben des amerikanischen Schriftstellers Henry David Thoreau und seinen Einfluss auf den amerikanischen Transzendentalismus – eine Utopie mit bis heute anhaltender Virulenz.

Am 4. Juli 1845 bezieht der Schriftsteller Henry David Thoreau eine Holzhütte unter den Bäumen des Walden-Sees, etwa drei Kilometer von seiner Heimatstadt Concord (Massachusetts) entfernt. Ingesamt zwei Jahre und zwei Monate wird er dort verbringen – bis auf eine Nacht. Während eines seiner zahlreichen Besuche in Concord greift man ihn auf und sperrt ihn ins Gefängnis. Der Grund: Aus Protest gegen den Krieg mit Mexiko (1846 – 1848), den die Vereinigten Staaten nicht zuletzt zur Unterstützung der Sklavenhalter führen, weigert sich Thoreau, Steuern zu zahlen.

Sein Leben im Wald und die Nacht im Gefängnis verarbeitet Thoreau in Werken, die heute als Klassiker gelten: Walden, or Life in the Woods (1854) und Civil Disobedience (1849). Seinerzeit wurden die Schriften nicht nur von den Nachbarn in Concord, sondern auch von einflussreichen Intellektuellen als Zumutung empfunden. Walden beschreibt das Experiment eines einfachen, naturnahen Lebens abseits gesellschaftlicher Zwänge und ökonomischer Entfremdungsmechanismen. Civil Disobedience begründet die Pflicht zum Ungehorsam gegenüber einem Staat, der sich zum Handlanger unmoralischer Interessen macht und seine Bürger zwingt, ihr Gewissen außer Kraft zu setzen.

Anderthalb Jahrhunderte später, im Juni 1998: Der amerikanische Präsident und Mrs. Clinton erholen sich bei einem Waldspaziergang in Concord von den Strapazen der Washingtoner Amtsgeschäfte und den Nachstellungen des Sonderermittlers Kenneth Starr. Anlass ist die Eröffnung des Thoreau Institute, einer Einrichtung, die das Leben und Werk Henry David Thoreaus erforscht. Flankiert von einer Urenkelin Mahatma Gandhis, einem Weggefährten Martin Luther Kings sowie zwei Senatoren, die sich um die Umwelt verdient gemacht haben (darunter Edward Kennedy), erinnert Bill Clinton in seiner Eröffnungsrede an Thoreaus Zivilcourage sowie sein Experiment, ein Leben im Einklang mit der Natur zu führen. Beides stellt er in die Nachfolge des Scharmützels von Concord im April 1775, des Vorspiels zum amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Über den amerikanischen Patriotismus hinaus betont Clinton in seiner Rede das Welthistorische, indem er die Bedeutung Thoreau’scher Gedanken für Gandhi, King und Nelson Mandela hervorhebt.

Ein großer Amerikaner, zugleich ein Inspirator gewaltloser Befreiungsbewegungen in aller Welt: Den meisten Zeitgenossen – und vermutlich auch Thoreau selbst – würden die Haare zu Berge stehen angesichts des Kults, der Concord und den benachbarten Walden-See zu einer Wallfahrtsstätte für zig-Tausend Touristen pro Jahr hat werden lassen. Seinen Zeitgenossen galt Thoreau als Sonderling mit seiner langen Nase, der eher komischen Figur und seinem ungehobelten, schroffen Umgang. Missmutig notiert Ralph Waldo Emerson, der Mentor und Freund: Thoreau beim Arm zu nehmen wäre gerade so, als griffe man nach einem Ast. Zweifellos war Thoreau, ein Harvard-Absolvent, hochgebildet – aber Schliff hatte er keinen. Überhaupt, schreibt Emerson in seinem Nachruf (1862), sei der Freund weit hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben. Von einem Mann dieses Kalibers hätte man erwarten können, dass er etwas für Amerika bewege, statt Bohnen anzubauen, sich in den Wäldern herumzutreiben und Heidelbeeren zu sammeln.

Andere drückten sich noch deutlicher aus. Der scharfsinnige James Russell Lowell sah in Thoreaus Schriften wenig mehr als die romantisch-narzisstische Selbststilisierung eines Aussteigers, eine eskapistische, regressive Geste, die darum nicht überzeugender erschien, dass sie von ihrem Autor in eine heroische umgemünzt wurde.

Die spätere Rezeption ist über diese Art von Kritik hinweggegangen. Sie hat Civil Disobedience zur Bibel gewaltfreier Widerstandsbewegungen und Walden zu einem Grundbuch des Individualismus ebenso wie der radikalen ökologischen Bewegung (deep ecology) gemacht. Dabei hatte Lowell einen wichtigen Aspekt Thoreau’schen Denkens richtig erfasst: Im Zentrum steht der Einzelne mit seinem Gewissen und seinen Bedürfnissen. Emerson nennt das die „Unendlichkeit des privaten Individuums“. Eine Hauptschwierigkeit für den damaligen wie den heutigen Leser liegt nun darin zu begreifen, wie dieser entschiedene Individualismus und diese scheinbare Regression in den Schoß der Natur zugleich gesellschaftlich und politisch wirksam werden können. Denn nichts weniger beansprucht Thoreau. Wann immer wir einen Vogel hören, notiert er im Tagebuch, sind wir jung, und es ist Frühling; wo wir auf ihn lauschen, ist eine neue Welt, ein freies Land, und die Pforten des Himmels stehen uns offen.

Sentimental-romantischer Schwulst? Thoreau war ein Schüler von Ralph Waldo Emerson, dem führenden Kopf der so genannten Transzendentalisten, einer Gruppe von Intellektuellen, die in den 1840er Jahren die Kleinstadt Concord in der Nähe von Boston zu einer Art Weimar der Vereinigten Staaten machte. Die Transzendentalisten besaßen weder eine feste Organisation noch ein klar formuliertes Programm. Es handelte sich um eine hochgradig eklektizistische Bewegung, die ihre Anregungen aus dem deutschen Idealismus, der englischen Romantik, der klassischen Antike und orientalischen Quellen bezog. Ihre Hauszeitschrift, The Dial, verfolgte literarische, theologische, philosophische, kulturpolitische und soziale Interessen. Persönlichkeiten wie Theodore Parker, Orestes Brownson, Amos Bronson Alcott, Frederic Henry Hedge und Margaret Fuller scharten sich um Emerson. Was sie dazu veranlasst haben mag, lässt sich am besten mit Begriffen umreißen, die der „Weise von Concord“ als Titel seiner zentralen Essays wählte: 1836 veröffentlicht er mit Nature eine Abhandlung, die als Manifest des Transzendentalismus gilt; im Jahr darauf folgt The American Scholar, eine Rede, die im Rückblick als intellektuelle Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten apostrophiert wurde; sein erster Essay-Zyklus (1841) enthält mit Self-Reliance die wohl prägnanteste Formulierung des amerikanischen Individualismus.

Die Natur, so Emerson, ist das ursprüngliche Heim des Menschen. In dem Maße, wie wir uns durch Konventionen und Ideologien von ihr entfernen, verlieren wir uns selbst. Denn die Natur ist das Gewand des Göttlichen, das zugleich in uns und außerhalb von uns wirkt. Selbstvertrauen, das entschiedene Bestehen auf dem Vorrang des eigenen Ich, ist nicht zu verwechseln mit engherzigem Egoismus, mit dem Postulat der self-reliance ist vielmehr die Freisetzung dessen gefordert, was als göttliches Prinzip in uns hineinragt und uns zugleich übersteigt. Amerika als neue Nation könnte dem Einzelnen die große Chance eines in der Geschichte nie gekannten Entfaltungsraums bieten. Die Tragik der amerikanischen Zivilisation liegt darin, dass sie diese Chance nicht nutzt. Statt sich auf ihr eigenes Potenzial zu besinnen, äfft sie europäische Vorbilder nach oder schafft neue Mechanismen, die das Individuum sich selbst, Gott und der Natur entfremden. Der amerikanische Intellektuelle (scholar) hat die Aufgabe, das Bewusstsein für die Schere zu schärfen, die sich zwischen der Verheißung Amerikas und dem Status quo geöffnet hat. Er hat Amerika als Utopie gegen die schlechten Verhältnisse ins Feld zu führen.

Aus diesem Impuls gewinnt der Transzendentalismus eine starke politisch-soziale Dynamik. In den 1830er und 1840er Jahren wimmelt es in den Vereinigten Staaten von Reformern und Sozialutopisten. Da gibt es kaum einen Gebildeten – schreibt Emerson 1840 in einem Brief an Carlyle -, der nicht mit dem Entwurf einer neuen Gesellschaft in der Westentasche herumliefe. Vielerorts werden Kommunen gegründet, von denen einige – insbesondere Fruitlands und Brook Farm – dem Transzendentalismus verpflichtet sind.

Thoreaus Hütte am Walden Pond fügt sich in dieses Bild. Es ist der Versuch einer Ein-Mann-Kommune. Der zeitweilige Rückzug in die Wälder hat nichts mit Weltflucht zu tun. Vielmehr geht es darum, eine Position zu gewinnen, von der aus die Gesellschaft kritisch analysiert und belehrt werden kann. Schon die geringe Distanz zur Stadt, die stets in Hör- und Reichweite ist, signalisiert Verbundenheit. Mit dem nur scheinbar zufälligen Einzug in die Hütte am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten, stellt Thoreau sich und sein Experiment in die Nachfolge derer, die mit der Emanzipation der Kolonien von englischer Herrschaft einen welthistorischen Befreiungsakt ins Werk setzten.

Die Bilanz des „Lebens im Wald“ ist komplex. Den Glücksmomenten in der Natur steht die über weite Strecken vernichtende Diagnose einer Zivilisation gegenüber, deren vermeintliche Errungenschaften sich als zerstörerisch erweisen. Technologie, Industrialisierung, Eigentum, Konsum und Markt haben uns von der Natur und von unseren wahren Bedürfnissen abgeschnitten. Witzig und böse nimmt Thoreau all das aufs Korn, was marxistische Theorie auf den Begriff der sekundären Bedürfnisse bringt. Weder die Eisenbahn noch der Telegraph noch die Fabriken, weder das einst von Jefferson und Franklin propagierte Junktim von Eigentum und Glück noch der von der Nationalökonomie à la Adam Smith gepriesene Markt haben uns weitergebracht, rastlos und im Grunde verzweifelt jagen wir Konsumgütern und Statussymbolen nach, die uns eine erfolgs- und fortschrittsgläubige Ideologie als notwendig oder zumindest erstrebenswert vorgaukelt.

Im Bau der Hütte, in Wanderungen und Naturbeobachtungen, in der Anlage eines Bohnenfelds zeichnen sich die Umrisse einer alternativen Ökonomik ab, die das Ich zurücknimmt zu Gunsten einer bescheiden-demütigen Einstellung zur Natur. Im Sinne Emersons, allerdings gegenüber dem zur abstrakten Reflexion neigenden Meister mit ausgesprochen praktischen Akzenten, veranschaulicht Thoreau das Wechselspiel von Selbstvertrauen und Selbstrücknahme: Wir sind ganz wir selbst, wenn wir nicht an uns denken, sondern uns mit allen Sinnen dem Wunder der Schöpfung öffnen, das sich in uns und um uns herum ereignet.

Stilistisch glänzend, mit einer großen Variationsbreite von sarkastischer Publikumsbeschimpfung, burlesker Selbstheroisierung, quasi-wissenschaftlichem Traktat, berückender Naturschilderung und Meditation, beanspruchen die 18 locker am Zyklus der Jahreszeiten orientierten Essays von Walden nicht, irgendein Problem zu lösen. Wie bei Emerson ist die Wahl des Genres (Essay = Versuch) programmatisch insofern, als in erster Linie Fragen aufgeworfen und Antworten höchstens vorläufig offeriert werden. Selbst das Walden-Experiment wird nicht als Patentrezept zur Nachahmung empfohlen; schließlich brach Thoreau es nach gut zwei Jahren ab, vielleicht weil er, wie er gegen Ende des Buches trocken und flapsig bemerkt, noch einige weitere Leben vor sich hatte. Die Fragen aber haben es in sich, sie wirken mit großer Kraft nach auf Gebieten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben.

Naturapostel und grüner Heiliger?

Die Versöhnung von Mensch und Natur steht im Mittelpunkt der heutigen Suche nach einer Vermittlung von Ökonomie und Ökologie. Die bisweilen degoutante Verherrlichung Thoreaus als Naturapostel und grüner Heiliger sollte nicht den Blick für seine im besten Sinne radikale Vision eines menschlichen Subjekts verstellen, das sich, statt die Natur auszubeuten und zu kontrollieren, ihr nachbarschaftlich zugesellt und sich mit allen Sinnen dem Reichtum ihrer Einflüsse öffnet. Diese Vision hat neben der ökonomischen eine ästhetische Seite. Thoreau meint, die Welt um uns herum sei schon ohne unser Zutun ein Kunstwerk. Das Geräusch beispielsweise der Blätter und Vögel, aber auch der Telegrafendrähte im Wind könne bereits als Musik wahrgenommen werden – ein Gedanke, der mit äußerster Konsequenz in der avantgardistischen Ästhetik des Thoreau-Fans John Cage umgesetzt wird: Nicht darauf kommt es an, Gedanken in Töne zu setzen, das musikalische „Werk“ sollte uns vielmehr die Sinne schärfen für die Musik, die ohnehin ständig um uns klingt.

Die politisch-sozialen Konsequenzen von Thoreaus Individualismus wurden bereits angedeutet, zu unterstreichen ist indes der innere Zusammenhang von Naturverständnis und Politik. Thoreau gehörte wie die meisten Transzendentalisten zu den Abolitionisten, den entschiedenen Gegnern der Sklaverei. Seine Steuerverweigerung reiht sich ein in eine Kette von Aktivitäten zu Gunsten entlaufener Sklaven und gegen die Sympathisanten der Sklaverei in den Nordstaaten (deren Industrie von den billigen Rohstoffen der Südstaaten-Plantagen profitierte). Das Gewissen als Richtschnur des Handelns macht nicht nur ein Sklavenhalter-System, es macht im Idealfall jeden Staat überflüssig, sind wir doch durch die Stimme in uns und die Wahrnehmung der Natur um uns in einem göttlichen Prinzip verankert. Wer den Vogel hört, braucht und erträgt keine institutionalisierte Herrschaft.

In solchen Überlegungen zeigt sich der utopische Zug eines Denkens, das bei aller lebenspraktischen Ausrichtung immer wieder das Risiko von Luftschlössern eingeht. Wendell Berry, der führende Apologet einer ökologisch ausgerichteten „sanften“ Landwirtschaft, hat Thoreaus Bohnenfeld ins Reich der Träume verwiesen. Bill Clinton folgt ihm, wenn er in seiner Festansprache fragt, welche Relevanz dieses Experiment für eine Bevölkerung von 260 Millionen Menschen habe, die es allein in den Vereinigten Staaten zu versorgen gelte. Das antinomische, alle sozialen Normen und Konventionen aus den Angeln hebende Plädoyer für das Gewissen als oberste moralische Instanz setzt eine metaphysische Einheit oder zumindest Harmonie am Grunde alles Lebendigen voraus, die sich nicht überprüfen lässt. Folgte nicht auch der Attentäter von Oklahoma City seiner inneren Stimme? Kann er sich – wie seinerzeit Der Spiegel (25/1995) fragte – mit seinem Ressentiment gegen die Regierung gar auf Thoreau berufen? Immerhin gehörte Gewaltlosigkeit nicht zu dessen obersten Prinzipien; einen militanten Abolitionisten wie John Brown feierte er als Märtyrer.

Schwer zu sagen, wie Thoreau auf solche Fragen reagieren würde. Wie der Rummel, der alljährlich in Concord veranstaltet wird, belegen sie die anhaltende Virulenz seiner Gedanken. Über ein hiesiges Zeugnis dieser Wirkung hätte er sich mit Sicherheit gefreut: Im Juni 1999 sendete SWR 1 in der Reihe „Leute“ ein Interview mit einer Lehrerin, die sich in der Nähe von Biberach in einem Holzhaus ohne Strom und fast ohne Möbel eingerichtet hat, ihre Kleidung und Schuhe nach Möglichkeit selbst herstellt, im Garten eigenes Gemüse zieht – alles in dem Bestreben, ihr Leben zu vereinfachen, Arbeit auf das unabdingbare Mindestmaß zu reduzieren, den Leerläufen von Leistungsstress und überflüssigem Konsum zu entgehen und dafür Freiräume für das zu gewinnen, was ihr Spaß macht.

Thoreau hatte davor gewarnt, es ihm gleichzutun; buchstäbliche Nachahmung war ihm wie Emerson gleichbedeutend mit innerer Sklaverei, dem Tod der Seele. Hier aber wird das Walden-Experiment ohne Dogmatismus und Pedanterie aufgegriffen. Das Haus ist nicht selbst gebaut, es steht mitten im Dorf. Die Errungenschaften der Zivilisation, zum Beispiel die Eisenbahn als Alternative zum Auto, werden in Anspruch genommen, wo immer ihr Nutzen auf der Hand liegt – wie ja auch Thoreau für den Bau seiner Hütte eine Axt lieh und das Material einer anderen Hütte kaufte. Es geht nicht darum, die Zivilisation abzuschaffen, sondern sie auf ihren eigentlichen Zweck – unser Leben zu erleichtern – zurückzuführen. Was da im Oberschwäbischen versucht wird, geschieht in der Tat, wie die Lehrerin beiläufig bemerkt, „im Thoreau’schen Sinne“.

(wz)

 

Quelle: Prof. Dr. Dieter Schulz

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