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Satiriker der Weimarer Republik

21 Dezember 2015 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Kurt Tucholsky- Zum 80.Todestag

Heute vor 80 Jahren starb mit Kurt Tucholsky einer der bedeutendsten Gesellschaftskritiker und Satiriker der Weimarer Republik im schwedischen Exil an einer Überdosis von Tabletten. Mit seiner scharfzüngigen und vielfach ironisch-humorvollen Kritik war er in der Geschichte der Deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts ohne Konkurrenz und der erfolgreichste Unterhaltungskünstler des Deutschen Journalismus.

Kurt Tucholsky wurde am 9. Januar 1890 in Berlin-Moabit als ältester Sohn eines reichen Bankkaufmanns geboren, der bereits 1905 verstarb und seiner Familie ein beträchtliches Vermögen hinterließ. Nach seinem Abitur im Jahre 1909 studierte er Jura in Berlin, war jedoch vor allem an Journalismus und Literatur interessiert. Er beendete sein Studium mit der Promotion und diente noch im Ersten Weltkrieg an der Ostfront. Bereits während seines Studiums hatte Tucholsky für den „Vorwärts“ zu schreiben begonnen und 1911 Wahlkampf für die SPD betrieben. Nach Kriegsende wurde er Mitarbeiter des Theaterjournals „Die Schaubühne“, die sich ab 1918 als „Die Weltbühne“ zu einer Zeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft wandelte und bei der er für ein Jahr lang auch Chefredakteur war.

Mit zunehmender Publizität legte er sich verschiedene Synonyme zu, da er sich auf Grund seiner Enttäuschung an den vorherrschenden politischen Verhältnissen immer mehr Widersacher zuzog, insbesondere durch seine harschen Attacken gegen Justiz und Militär.

Tucholsky war daneben auch ein glänzender Beobachter des Menschlich- Allzumenschlichen. So war er u.a. auch Mitschöpfer des literarischen Chansons in Deutschland („Mutterns Hände“, „Fang nie was mit Verwandtschaft an“). Mit liebevollem Zorn beschrieb er die Schwächen seiner Mitmenschen, besonders der ständig mit irgendetwas beschäftigten Berliner. „Ich liebe diese Stadt nicht, der ich mein Bestes verdanke, wir grüßen uns kaum“, schrieb der Mann, der jahrelang gerne in Paris gelebt hatte, über das „Radauzentrum Berlin“. Doch verband ihn trotz allem mit Berlin und Deutschland eine lebenslange Hassliebe, sodass er 1929 in dem zusammen mit dem Politgrafiker Heartfield veröffentlichten Band deklamierte: „Deutschland, Deutschland über alles“ seine Heimat: „…nun wollen wir auch einmal Ja sagen, Ja – zu der Landschaft und dem Land Deutschland.“

In seinen letzten Lebensjahren resignierte er und hörte auf zu publizieren. „Gegen einen Ozean pfeift man nicht an“, schrieb er. Schweden lehnte seinen Antrag auf Einbürgerung ab. „Er ging leise aus dem Leben fort, wie einer, der eine langweilige Filmvorführung verlässt, vorsichtig, um die anderen nicht zu stören“, notierte Tucholsky in seinem „Sudelbuch“.

Zum 75. Todestag zeigt das Tucholsky-Museum in Rheinsberg nahe Berlin eine Ausstellung über Tucholskys erste Ehefrau Else Weil, die in der Erzählung „Rheinsberg“ (1912) als Claire zur literarischen Gestalt geworden ist. Diese Geschichte für Verliebte schrieb ein Mann mit leichter Hand, der sein Leben lang ein zwiespältiges Verhältnis zu Frauen hatte – nicht zuletzt, weil er sich wie viele Künstler weigerte, „erwachsen“ zu werden. Den frühen „Rheinsberg“-Erfolg konnte Tucholsky 1931 mit der Sommergeschichte einer Liebe zu dritt in „Schloss Gripsholm“ noch einmal wiederholen.

 

Der verspielte Mann
Man sagt immer, Frauen seien so unlogisch. Das ist gar nicht wahr. Die einzig wirklich logischen Wesen, die es gibt, sind die Frauen – sie sind so ernst. Sie haben freilich eine ihnen eigene Logik – aber sie nehmen alles ernst, sogar den Mann. Wenn der ganz dumm ist, tut er das auch; der Rest ist verschämt verspielt. Er traut sich nur nicht damit heraus.

Es gibt wohl keinen verständigen Herrn, der nicht ganz und gar unverständige Riten hätte: wenn er sich rasiert; wenn er die Pfeife stopft; wenn er Manschettenknöpfe ins Hemd zieht … vom Bad zu schweigen. Es ist wie eine ausgleichende Ausspannung – je ernster und aufreibender der Tageslauf, desto verspielter die kleinen Riten seiner Alltagsgebräuche.

Der männlichen Riten gibt es mehrere Arten – man muß sie nicht ›Angewohnheiten‹ nennen, dazu ist die Sache zu ernst …

Man lese die Werke Lévy-Bruhls über die Seele der Primitiven, und man versteht diese Riten mühelos: jene, die den Menschen und die Dinge in ein absonderliches, mit der rationalen Vernunft nicht zu fassendes Verhältnis setzen. Streichholzschachteln müssen längs auf dem Nachttisch stehen – quer dürfen sie das nicht, dann gibt es … wie? Ein Unglück? Nein, ein Unglück eigentlich nicht; mit ›Aberglauben‹ soll man dem Herrn Mann nicht kommen. Er ist nicht abergläubisch. Aber die Streichholzschachteln müssen längs stehen. Weil sie immer längs gestanden haben. Oder doch in jenem glücklichen Jahr, als die Abschlüsse so gut waren. Hier verheddern sich die Gedanken … und nun stehen die Schachteln längs. Das muß so sein.

Beim Rasieren muß erst der Pinsel abgewaschen werden, und dann darf der Apparat gesäubert werden. Kehrt man diese Reihenfolge um, dann … man kann sie nicht umkehren. Man darf sie nicht umkehren. Das ist unmöglich. Sehr gut ist es auch, wenn man mit dem Rasierapparat einmal kurz an die Schachtel klopft, in der er wohnt. Das weckt den Geist, der … nein, natürlich wohnt da kein Geist, was sind denn das für Dummheiten! Aber gut ist es doch, auf alle Fälle.

Und was manche Männer treiben, wenn sie sich anziehen … ich habe mir von Damen, die es wissen müssen, sagen lassen: das wäre unbeschreiblich. Daher kann ichs nicht beschreiben. Das soll ja ganz toll sein. Warum ist das alles so –?

Weil sie uns nicht lange genug mit unserer Eisenbahn haben spielen lassen.

Da haben wir Griechisch lernen müssen (leider nicht genug) und Geschichtszahlen (leider zu viele) – und die Eisenbahn stand in der großen Pappschachtel und langweilte sich, und nun tragen wir zeit unseres Lebens die Sehnsucht mit uns herum, uns einmal richtig auszuspielen – und nun müssen wir uns mit Grammophonen trösten, mit Radiobasteln, mit den Brückenbaukästen unserer Neffen und, wenn wir Glück haben, mit der Organisation einer Kommunalbehörde. Es ist ein Jammer.

»Im Manne ist ein Kind versteckt, das will spielen … «, sagte Nietzsche. »Kinder hab ich alleine«, sagte Lottchen, als ich ihr das Zitat vorhielt.

Männer können auch ein Spiel spielen: ›Ernst des Lebens‹ heißt das. Das muß man gesehen haben! Haben Sie das mal gesehen?

Im Kriege regierten mich einst zwei Hauptleute; beide waren im Zivilberuf, den sie halb vergessen hatten, Baumeister, aber nun waren sie Hauptleute, und was für welche! Sie machten sich die Kompetenzen strittig, sie zankten sich den lieben langen Tag miteinander, und eines Tages schlossen sie Frieden, und ich war dabei. Sie gingen aufeinander zu wie zwei große Berberlöwen, hoch aufgerichtet, feierlich brummend, sie schüttelten die Mähnen, und es war ein schier majestätischer Anblick. Hätte ihnen in diesem Augenblick einer gesagt: »Aber meine Herren … so wichtig ist euer Kram ja gar nicht … «, sie hätten ihm das Gesicht zerkratzt, etwa wie ein kleiner Junge, dem ein böses Dienstmädchen plötzlich sagt: »Dein Helm ist ja aus Papier!« Und an diese beiden löwischen Hauptleute muß ich oft denken, wenn ich ernste Männer in ernster Berufsarbeit ernst spielen sehe. Aber ich sags ihnen nicht, denn ich mag mir nicht das Gesicht zerkratzen lassen.

Wieviel Spiel ist im männlichen Ernst! wieviel Pose! wieviel Spiegel! So ernst aber wie eine Frau zum Beispiel ihre Arbeit nimmt – so ernst können wir Männer sie gar nicht nehmen. Das ist schade.

Und alles das darf man gar nicht sagen – es macht furchtbar suspekt. Man muß dran glauben. Man darf nicht spielen. Man muß den Ernst des Lebens hochhalten … bei Brille und Bart! Mancher lernts nie. Mensch, lach nicht – es gibt so wenig Leute, die dein Lachen ernst nehmen! Sie wollen etwas Ernstes haben, etwas, woran sie sich festhalten können. Und nicht mal dieser Artikel scheint ernst zu sein … Und so beschließe ich ihn denn mit den fingierten ›letzten Worten‹ des sechzigjährigen Franz Blei, die er sich notiert hat, um sie bei seinem Tode zu notieren:

»Ich nehme alles zurück.«

(Peter Panter)
Vossische Zeitung, 19.02.1931, Nr. 84.

 

(wz)

Quelle: Handelsblatt | berlinerliteraturkritik.de

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