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Der Festsaal der ehrenhaft Gefallenen

20 April 2015 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Walhalla Rising – Die Apokalypse als Bühne des Dramas

In der kargen Weite des vorchristlichen Nordens steht ein Käfig. Hinter den hölzernen Stäben ruht ein Mann (Mads Mikkelsen), wie zur Statue erstarrt. Niemand konnte ihn je im Zweikampf bezwingen, diesen einäugigen Fremden, der nie ein Wort spricht. Und niemand weiß von seinen unheilvollen Visionen, die sich stets bewahrheiten. Eine davon raunt vom Ausbruch. „One-Eye“ sprengt seine Ketten, seine Wärter bleiben im kalten Schlamm zurück. Der einzige Überlebende, der kleine Blondschopf Are, folgt ihm. Kurz darauf passieren die beiden ein Lager christianisierter Nordmänner. Eine Verständigung scheint nur über die rätselhaften Einwürfe des Jungen möglich zu sein. Dennoch glauben die Christen, mit „One-Eye“ das Rückgrat ihrer heiligen Mission gefunden zu haben – der Rückeroberung des himmlischen Jerusalem, jenseits des Ozeans.

Später auf See

Als die Odyssee nahezu verloren scheint, schält sich eine fremdartige Küste aus dem allesverschlingenden Nebel. Und im Kapitän reift die fürchterliche Ahnung heran, dass „One-Eye“ längst die Führung übernommen hat. Dass das Ziel der Reise nicht Jerusalem sein wird – sondern der bodenlose Abgrund und das Dunkel der eigenen Seele.

Mann – Natur – Leben – Tod

Selten durfte man als Zuschauer schon ab der ersten Minute so eine dichte Atmosphäre erleben; der Wind pfeift durch die Täler, Wolken bedecken den Himmel und färben ihn grau und rot. Nebel liegt über den Hügeln und kein Wort wird gesprochen. Die Bilder strotzen nur so vor Gewalt und Ehrlichkeit – die kalte und bedrückende Atmosphäre, wie auch die charakterliche Tiefe – vor allem die des Hauptdarstellers Mads Mikkelsen. Dadurch erweckt der Film schon am Anfang den Eindruck, ein Meisterwerk zu sein. Der Regisseur setzt sich von dem täglichen Einheitsbrei der amerikanischen Filmindustrie ab und taucht abseits des Mainstreams über das Mittelmaß weit hinaus. Nicolas Winding Refn hat eine für den Zuschauer bisher selten da gewesene, greifbare und ehrlich-reine Atmosphäre kreiert.

Walhalla

In der skandinavischen Mythologie heisst es, dass Walhalla (der Festsaal der ehrenhaft Gefallenen) sich erheben und um das Schicksal der untergehenden Welt streiten wird. An der Heeresspitze: Der einäugige Gott Odin. Mit One-Eye lässt Refn diese Erzählung auf die christliche Apokalypse prallen. Dass die Wallfahrer später den Leibhaftigen in ihm zu erkennen glauben, ist nur folgerichtig. Der Avatar eines heidnischen Gottes wird sie gewiss nicht nach Jerusalem führen. Dass er sie überhaupt führt, ist dabei bloß ihre Interpretation – ebenso wie die Annahme, der kleine Blondschopf Are sei sein Sprachrohr. Tatsächlich gleicht er mehr einem Fährmann, der die Krieger in die herbeigesehnte Apokalypse geleitet. Seine Visionen weisen den Weg; diese blutroten Traumbilder, die gleichermaßen Produkt und Spiegel des kollektiven Endzeit-Deliriums der Wallfahrer sind.

Die Auflösung der vertrauten Welt

Die eingefangenen Panoramen sind wild und lebensfeindlich, kennen keine Gebäude, keine fixierbaren Stätten der Gesellschaft – als ob jegliche Zivilisation hier längst gewichen wäre. Jenseits der Küsten versinkt die Welt im Nebel und wird für die Wallfahrer endgültig unsichtbar. Refn greift Werner Herzogs Konzept innerer Landschaften auf. An der Naturkulisse wird das Verebben der Welt aus der Perspektive der Figuren sichtbar. Dabei gelingen lange Einstellungen von kontemplativer Schönheit, die dem Topos Apokalypse eine selten gesehene Ästhetik verleihen. Daß Refn sein Konzept als brutale Wikinger-Mär inszeniert, macht den Film nicht zugänglicher. „Walhalla Rising“ ist kein unterhaltsamer Historien-Schwert- und Säbeltanzfilm, sondern elegisches Arthouse-Kino im Rhythmus eines Werner Herzogs „Aguirre, der Zorn Gottes“ – hypnotisierend und herausfordernd.

„Walhalla Rising“ ist kein Film direkter Emotionalität, unmittelbarer Spannung oder erzählerischer Klarheit, er ist ein philosophischer Film über das maskuline Sein – immer wieder sehenswert! (rz)

FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: SUNFILM Entertainment
Erscheinungstermin: 5. November 2010
Produktionsjahr: 2009
ASIN: B003UMGOJG

http://www.valhallarising.dk/

  Quelle: androgon.com; Jan Hamm

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