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Engadin Skimarathon

25 März 2015 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Engadin Skimarathon_2015Team-androgon beim Engadin Skimarathon

Ein Marathon ist für viele eine Herausforderung, die einmal im Leben bewältigt werden muß. Hat man jedoch einmal das Gefühl eines Zieleinlaufes nach 42,195 Kilometern erlebt, hat man die Flut an Endorphinen einmal verarbeitet, so will man dieses Gefühl immer wieder erleben. So plant man die Frühjahrs- und Herbstmarathonveranstaltungen und zwingt sich in der kalten und nassen Jahreszeit das ein ums andere Mal in die Laufschuhe auf glatte, matschige und windige Laufstrecken. Wieder im Warmen angekommen wird man vor dem Fernseher auf andere Extremsportler aufmerksam. Dort bewältigen Frauen 30 Kilometer und Männer gar 50 Kilometer auf Langlaufbrettern als olympische Langdistanz. Uns packt beim Zuschauen der Reiz an etwas Neuem, etwas Extremen, etwas was den Körper in neue Grenzregionen bringt.

Sucht man unter den World Loppets (http://www.worldloppet.com/) nach Veranstaltungen für Freizeitsportler findet man legendäre Veranstaltungen wie den Vasaloppet in Schweden (30km/45km/90km), das  Transjurassienne in Frankreich (25km/50km/54km/76km) und auch in Deutschland den König-Ludwig-Lauf (23km/50km). In der Schweiz ist seit vielen Jahren der Engadin-Skimarathon (17km/21km/42km) Anfang März populär und gut organisiert. Die Distanz macht ihn für Läufer sympathisch, ist man sie doch von diversen Wettkämpfen bereits selbst gewohnt. Die Kondition wird also sicher reichen.

Mir passen 42 Kilometer auch sehr gut, eine Distanz von über 70 Kilometern auf Langlaufski erscheint bei einer Erstveranstaltung unter realistischer Betrachtung mindestens eine Nummer zu groß. Die Veranstaltung kann entweder im klassischen Stil (also in herkömmlichen Loipen) oder im Freistil (Skating) bewältigt werden. Da ich in meiner Hamburger Heimat sehr selten Skating-Strecken auf Schnee und Eis zu Gesicht bekomme und auch Wochenendausflüge in den Harz meist nur den klassischen Stil auf Loipen zulassen, entscheide ich mich auch für den klassischen Stil. Mir ist bewusst, dass dieser wohl länger dauert, jedoch lässt er sich auch im deutschen Mittelgebirge, notfalls auf selbst gezogenen Loipen, trainieren. Also wurde schon früh die Teilnahme gebucht, was bei Staffelpreisen und dem mittlerweile (viel zu) starken Schweizer Franken auch sinnvoll war. Der Veranstalter ermöglichte zwar bis zum Schluss einen vergünstigten Preis für Euro-Zahler an, um den unrealistischen Preisanstieg zu kompensieren, jedoch bleibt dem Nachmelder ein tiefer Griff ins Portemonnaie.

Ich reiste bereits am Mittwoch vor der Marathonveranstaltung in den Startort Sankt Moritz, was aufgrund einer Festwoche vor Ort auch zu empfehlen ist. Ein Marathondorf lädt zum Bummeln, zur letzten Präparation der Ski oder auch zum Testen neuer Ski (ganz komplikationslos für 30-45 Minuten bei einem der Skihersteller möglich) ein. Genau eine Woche vor dem Skimarathon ist bereits der Frauenlauf über 17 Kilometer, am Freitag vor der Veranstaltung ist ein Nachtlauf über eine Sprintdistanz. Die wunderschönen und für mich auch an anderen Orten noch nie zuvor so perfekt erlebten Loipen sind in der Zeit vor den Veranstaltungen für Jeden offen und werden entsprechend stark benutzt. Das schöne Wetter mit viel Sonne bringt auch mich schnell auf die Loipe und in eine ganz eigene Stimmung in der großen Menge der Langläufer. Ich überhole eine Gruppe Amerikaner, die eine leichte Abfahrt kaum bewältigen können und stelle fest, dass hier der typische amerikanische Übermut Menschen gleich von 0 auf 42 (Kilometer) bringt. Kopfschüttelnd fahre ich weiter, freue mich insgeheim aber, dass ich wohl sicher nicht der letzte Finisher werde. Auf der anderen Seite werde das ein oder andere Mal von Sportlern überholt, die wohl den ganzen Winter schon auf den Brettern stehen und sich durch eine schöne Technik auszeichnen. Die schweizer und auch die österreichische Nationalflagge küren dabei häufig die stolzen Sportler. Ich lege für mich fest, dass ich den Wettkampf am Sonntag genießen will, so schnell es geht, aber auch mit entsprechenden Pausen um auch die Landschaft und Stimmung zu genießen.

Der Wettkampftag des 47. Engadin Skimarathon kommt in großen Schritten näher und am Morgen der Veranstaltung führen die exzellent organisierten Schweizer die Teilnehmer aus allen umliegenden Dörfern mit Bussen in den Startbereich. Dort angekommen warten letzte Stände zum Wachsen der Ski, aber auch Verpflegungsstände, die Gepäckorganisation der Schweizer Streitkräfte und ein großes Festzelt zur Aufwärmung. Dies ist bei Temperaturen um -6 Grad Celsius und windigen Böen willkommen und so warte ich dort bei Aufwärmungsübungen auf meinen Start. Eine halbe Stunde vor dem Start bewege ich mich in meinen abgegrenzten Startblock für Erststarter (leider der letzte Startblock), bemerke, dass auch weitere 15 Minuten früher nicht verkehrt gewesen wären und warte inmitten einer großen Menschenmenge auf den Startschuss. Insgesamt werden an diesem Tag 13.331 Langläufer (dritthöchste Starterzahl in der Geschichte) auf der klassischen (ca. 20%) und in der Skatingtechnik (ca. 80%) die Strecke bewältigen. Dabei liegt die Frauenquote im Marathonlauf bei 25%, beim Halbmarathon allerdings ganz ausgewogen bei 50%.

Die Ski bleiben im Startblock in der Hand, nachdem das Startsignal erfolgt ist, bewegen sich alle aus dem Startblock in die quer zum Block verlaufende Startzone. Dort befinden sich 4 Loipen nebeneinander und ein weites Feld für die Skatingtechnik, so dass sich die Teilnehmer hier Ihre Ski anlegen können und sich das Feld schnell auf die Strecke bewegt. Eine Zeitmessung per Transponder (im Leibchen für die Startnummer) erlaubt in jedem Fall eine faire Zeitnahme. Die Sonne begleitet mich auf der Strecke und über einen überfrorenen See, welcher innerhalb der ersten 12 Kilometer überquert wird. Anschließend wird die Strecke anspruchsvoll, einige Anstiege (v.a. an der Olympiaschanze) und Abfahrten (Slalom im Statzerwald) sind zu bewältigen. Bei den Anstiegen musste ich häufig warten, der breite Aufstieg auf Langlaufski und die fehlende Kraft oder Technik einzelner Teilnehmer führte immer wieder zu Staus. Diese akzeptierte ich aber gerne, da auch ich so die tolle Landschaft inmitten von 3.000 bis 4.000 Meter hohen Bergen genießen kann. Die Sonne meint es trotz des Windes gut mit uns und die Sonnenbrille wird zum besten Freund der Augen. Auch die Abfahrten zeigen Ihre Schwierigkeiten, so ist gerade die Abfahrt durch den Statzerwald, bei der man zwischen Bäumen einen schmalen Abhang herunterfährt, sehr anspruchsvoll. Die Bäume sind mit Matten umwickelt und bei der Abfahrt sehe ich an anderen wackligen Sportlern, dass dies eine gute und notwendige Idee war. Im kleinen Örtchen Pontresina steigen die Halbmarathonläufer glücklich aus, während die Marathonläufer kurz verpflegen und anschließend weiterfahren. 5 gut organisierte und reichhaltige Verpflegungsstationen ließen auf der Strecke keine Wünsche offen und genügten vollends. Da die Verpflegungsstationen auch meist an interessanten und gut besuchten Stellen lagen, nahm ich mir hier jeweils viel Zeit um Atmosphäre und Stimmung aufzusaugen. Die zweite Hälfte wird nun relativ flach, eine kurze Abfahrt auf spiegelglatter Fläche und ein paar kleine Hügel sind die einzigen geografischen Herausforderungen. Viel strapaziöser sind die ansteigenden Temperaturen, welche im Laufe des Tages fast 10 Grad plus erreichen. Zudem merke ich bald, welche Muskelpartien ein Skilangläufer im Vergleich mit einem Marathonläufer mehr beansprucht. Gerade Arm- und Rückenmuskulatur melden sich schon bald intensiv, so dass einige Meter zu Quälerei werden. Allerdings passiert man nun die Dörfer Samedan, Bever Chamues-ch, Madulain und Zuoz in denen eine sensationelle Stimmung herrscht, die Zuschauer tragen durch Anfeuerungsrufe und musikalische Begleitung meinen geschundenen Körper förmlich im Sauseschritt weiter.

Im Zielort S-chanf (kein Schreibfehler) nach 4:14:37h angekommen, bin ich froh und glücklich. Sicherlich haben mich technisch wesentlich begabtere Sportler überholt, sicherlich hat die  klassische Technik mich zu langsameren Zeiten gezwungen, aber Platz 877 in der Altersklasse und Platz 7.422 in der Gesamtplatzierung genügen mir – eine schaffbare Zeit, die der geneigte Leser sicherlich erreichen kann.

Ihr seid herausgefordert! Der Zielschluss nach 6:30h erlaubt aber auch dem Genussläufer ein tolles Langlauferlebnis.

Ganz andere Zeiten erreichen sicherlich die Spitzensportler, dort wird in der Skatingtechnik um Zeiten zwischen 1:30h und 2:00h gekämpft. Sieger wurde Ilia Chernousov (Rußland, 1:34:50h) vor Robin Duvillard (Frankreich) und dem Lokalfavoriten Roman Furger (Schweiz). Bei den Frauen gewann Anouk Faivre Picon (Frankreich, 1:39:35h) vor Ritta-Liisa Roponen (Finnland) und Caitlin Gregg (USA).

Das Spitzensportler im Ausdauerbereich nicht an diese Zeiten herankommen, zeigte der beste Schweizer Marathonläufer Viktor Röthlin, der in guten 2:20:27h das Ziel erreichte. Auch hier war sicher nicht die Kondition, vielmehr die Technik entscheidend für den Zeitunterschied. Insgesamt ist die Veranstaltung sehr gut organisiert, ein Volksfest über 42 Kilometer in einer der schönsten Regionen der Schweiz. Die Distanz ist für den Volkssportler zu bewältigen, ambitionierte Sportler finden ideale Voraussetzungen durch sehr breite Loipen und Skatingbahnen vor. Die nicht

nur aktuell hohen Schweizer Preise verlangen eine aufmerksame Planung im Voraus, Angebote und freundliches Entgegenkommen der Schweizer ermöglichen aber ein angemessenes Preis-
Leistungsverhältnis. Der nächste Winter kommt bestimmt – warum verkürzt Du ihn nicht auch einmal auf Langlaufski beim Engadin-Skimarathon?

(SK) Sebastian Kurch

Bildquelle: www.androgon.com, Sebastian Kurch

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