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Tough Guy 2015 – The Original

8 Juli 2015 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Tough Mudder_012Pain is temporary, glory is forever

Team-androgon war auf dem Schlachtfeld dabei…

32 Januar 2015 – South Perton Farm, Jenny Walkers Lane, Old Perton, South Staffordshire, Wolverhampton, WV6 7HB. 2 Grad über Null, eiskalter starker Wind.

Tough Guy – The Original since 1987. Bekannt als der härteste und gefährlichste Hindernislauf der Welt, der Jahr für Jahr ein weltweites Medieninteresse auf sich zieht. Das Rennen wurde von Billy Wilson (aka Mr. Mouse) entwickelt, der früher bei den königlichen Grenadier Guards Trainingscamps für Elitetruppen entwarf.

Beginnen wir mit den „hard facts“. Nach einer im Internet veröffentlichten Ergebnisliste von Neptron Timing haben sich in diesem Jahr insgesamt 4170 Personen für den „Tough Guy 2015“  angemeldet. Davon 4032 Teilnehmer für die 15 km und 138 Teilnehmer für die 12 km – Distanz. Das Rennen wurde in drei Wertungsklassen unterteilt. „Finished“, „Did not finish“ und „Not started“.

Über die Königsdistanz von 15 km gab es 2864 Finisher. Der Schnellste war der in Norwegen lebende Brite Jonathan Albon in 1:36:47 Std., die letzte aufgenommene Wertung erfolgte nach 4:38:52 Std. Es schließen sich an: 1168 Abbrecher. Dies sind knapp 29 % der gemeldeten Teilnehmer über die 15 km-Distanz. Darunter auch der deutsche Vorjahressieger Charles Franzke, der nach einem Blackout aus dem Rennen genommen wurde. Über die 12 km schafften es von 138 gemeldeten Teilnehmern 86 Läufer ins Ziel. Der Schnellste nach 1:42:15 Std., die letzte Wertung erfolgte nach 4:01:57 Std.

Ich kam bei meiner ersten Teilnahme nach diversen Problemen im Rennverlauf nach 2:41 Std. und damit zumindest noch unter die besten 25 % aller Läufer sowie unter die Top 100 der besten deutschen Teilnehmer in der 15 km – Kategorie ins Ziel.

Doch in der Platzierung lag diesmal nicht der Focus meiner Teilnahme und wohl auch nicht der meisten Teilnehmer. Die Herausforderung bestand darin, überhaupt das Ziel der Mutter aller Hindernisläufe und dies möglichst unverletzt zu erreichen. Denn die Gefahr das Ziel durch schwere Verletzungen, Ohnmacht oder totale Erschöpfung nicht zu erreichen, war über das gesamte Rennen omnipräsent.

Wer in dem Tough Guy Race einen durch die Kostümierung der Teilnehmer vermittelten Eindruck eines Spaßlaufes gewinnt, irrt und das gewaltig. Die Grenzerfahrung des Tough Guy Race wird auch nicht durch die vergleichsweise kürzere Distanz von 15 km zu anderen längeren Extremhindernisläufen gemindert.

Das Rennen sollte um Punkt 11:00 Uhr Ortszeit mit einem Kanonenschlag für das erste Teilnehmerfeld starten. Doch der Veranstalter lies sich Zeit und die mit den Füßen scharrende Menge warten. Nicht wie bei anderen Extremhindernisläufen, bei denen die Möglichkeit besteht sich von Anfang an unter die vordersten Teilnehmer zu mischen, wird bei dem Tough Guy Race die Startreihenfolge durch den Veranstalter nach den Einteilungen Front Squad, Tough Guys, Tough Guy Teams, Wetnecks, Wobble Whizzers, Queen Teams, Wobblemuckers, Dickheads, Late Buggers und Bollocks bestimmt. Ich fand mich aufgrund meiner Erstteilnahme in der mit Bauzäunen abgesperrten Box der „Wobblemuckers“ und somit gezwungenermaßen auch hinter den ersten 3000 Läufern wieder. Mit weitreichenden Folgen wie sich im Laufe des Rennens zeigte.

Nachdem weitere Kanonenschläge den Lauf für die vor mir startenden Teilnehmerfelder eröffneten, wurde um 11:14 Uhr Ortszeit auch das Starterfeld der „Wobblemuckers“ für das Rennen freigegeben. Und dieses ging über 5 Kilometer zunächst mit Vollgas vorbei an den ersten etwa 2000 Teilnehmern. Bis zu den „Rabbit Hills“, wo sich zum ersten Mal die Spreu vom Weizen trennte. Wie Harken schlagende Hasen müssen die Läufer hier zehnmal einen steil abfallenden Hügel auf- und ablaufen, bevor es in Richtung der berüchtigten „Killing Fields“ ging.

Im Vergleich zu anderen Extremhindernisläufen zerrt das Tough Guy Race besonders durch die  konstante Verteilung und weit überdurchschnittlich hohen Anteil von Wasserhindernissen an den psychischen und körperlichen Grenzen der Läufer. Zudem werden die Teilnehmer im regelmäßigen Wechsel gezwungen die Hindernisse im Sprung, auf allen Vieren oder durch den Sumpf gleitend  beziehungsweise schon durch leichte Schwimmbewegungen durch den Matsch zu bewältigen. Erinnerungen an die eigene Grundausbildung werden wieder gegenwärtig. Nicht selten kommt es vor, dass man gezwungen ist in Sümpfe zu springen und sich bis zur Hüfte versunken nur noch mit enormen Kraftaufwand aus dem Morast wieder befreien kann. Aber auch technisch extrem anspruchsvolle Hindernisse wie die Überwindung doppelter Seilstege verlangen von den Teilnehmern versierte Vorgehensweisen. Andernfalls drohen auch hier weitere meterhohe Abstürze ins eiskalte Wasser.

Eine große Gefahr stellt regelmäßig die überdurchschnittlich hohe Verletzungsgefahr dar. Nicht wie bei anderen zum Beispiel in Deutschland stattfindenden Extremhindernisläufen, bei denen einzelne Hindernisse nur temporär aufgebaut und auf ihren Qualitätszustand mehrfach geprüft werden sowie Normen entsprechen müssen, stößt man in der eigenen Welt des Tough Guy Race auf Hindernisse, die teilweise seit über 25 Jahre ganzjährig auf einer sonst von Tieren genutzten Farm den typisch britischen Witterungen ausgesetzt sind. So musste ich bei meinem Sprung in den letzten Tümpel vor dem Ziel erleben, dass ein morscher Steg unter mir einfach wegbrach. Stacheldrähte, Holzbrücken, Baumhürden, Seilstege, Kletternetze, Flöße, Tümpel, Tunnelsysteme und Klettergerüste in 15 Meter Höhe sind naturbelassen und lassen keine Form von Phobien zu.

Unterkühlungen durch die Teilnehmer reihenweise ausscheiden, gehören zu den regelmäßigen Vorkommnissen für die Marshals und Einsatzkräfte vor Ort. Herzstück sind auch hier die „Killing Fields“ bei denen man nach einem Sprung aus 5 Meter Höhe in einen eiskalten See knapp über dem Gefrierpunkt mehrere auf dem Wasser schwimmende Hindernisse untertauchen muss. Ein Gefühl das man nur so beschreiben kann, das einem jedes Mal der Kopf platzt. Im Jahr 2000 starb sogar einer der Läufer nach einem Herzinfarkt. Nicht umsonst müssen alle Teilnehmer vor dem Rennen ein „Todes-Urteil“ unterschreiben, das den Veranstalter von allen Haftungs-Ansprüchen befreit.

Die Atmosphäre während des Laufes war atemberaubend. Während Maschinengewehrsalven, brennende Strohballen und farbige Nebelkörper für eine Schlachtfeldatmosphäre sorgten, umjubelten entlang der gesamten Laufstrecke tausende Zuschauer die Läufer und unterstützten durch Zurufe und teilweise mit selbst mitgebrachten zuckerhaltigen Proviant, um die bedürftigen Athleten vor Unterzucker zu bewahren.

Ich hatte in diesem Rennen mit vielseitigen zusätzlichen Problemen zu kämpfen. Bereits in der Mitte des Rennens ist mir bei einem Sprung in einen Wassergraben der rechte Fuß ausgebrochen, wodurch ich mir den Knöchel verdreht habe und zweitweise unter Schmerzen weitergelaufen bin. Enorme Zeiteinbußen ergaben sich wohl auch zwangsläufig durch die Startreihenfolge in einem der hinteren Startfelder, die ich auch durch ein Vorbeilauf an den ersten Teilnehmerfeldern nicht ausgleichen konnte. Die Laufstrecke war bereits zu diesem Zeitpunkt durch vorlaufende Teilnehmer extrem matschig und kräftezerrend ausgetreten, da massiver Regen- und Schneefall in den Vortagen den Boden aufweichen ließ. Vor den Hindernissen der „Killing Fields“ stauten sich die Massen dann noch erheblich und zwangen zu längeren Wartezeiten teilweise bis zu 5 Minuten auf den hohen Klettergerüsten oder bis zum völligen Stillstand in den Tunnelsystemen unter der Erde. Dies führte wiederum zur weiteren Unterkühlung sowie dazu, dass ich selbst anderen mehr Unterstützung bei der Überwindung einzelner Hindernissen bieten konnte und zum Teil auch musste, um selbst den Lauf zügig fortsetzen zu können. Aus den Erfahrungen vorheriger Hindernisläufe unter extremsten Bedingungen war es für mich auch ungewöhnlich, dass meine Oberschenkel und Waden über die letzten 5 Kilometer des Rennens massiv zusetzten und mir ein Weiterlaufen nur humpelnd zuließ. Füße und Hände wurden zum Ende zunehmend taub. Dem konnten bei diesem Rennen auch nicht mehr wasserdichtes Equipment in Form von Mütze, Handschuhe und Socken von Sealskinz* abhelfen, die unter den Bedingungen des Tough Guy Race keine Funktion mehr erfüllten. Mehrere kurze Stopps, um einen Verlust von der mitgeführten GoPro zu verhindern, gingen zwar in die Zeitwertung ein, waren dagegen aber eher unerheblich.

Die Erlösung erlebt sicherlich jeder, der die gefühlte Hölle überlebt und das Ziel des Tough Guy Race – wenn auch mit zitternden Knochen und auf dem Zahnfleisch kriechend – erreicht hat. Einige berichten, dass sie durch die dort ertragenen Qualen wieder zu sich selbst finden und gemerkt haben, was es bedeutet zu leben. Für andere ist es vielleicht auch so etwas wie die persönliche Erfüllung. In jeden Fall aber hat jeder Finisher mit dem Willen die Vernunft besiegt und mit dem Kopf seinen Körper bezwungen. Nur wer es geschafft hat, darf die begehrte schwere Medallie in den Händen halten und sich nach einer lebensrettenden heißen Dusche, aber mit guten Gewissen durch die eigene Selbstaufopferung etwas für wohltätige Organisationen getan zu haben, stolz „Tough Guy“ nennen.

Mein abschließendes Fazit: Das Tough Guy Race ist die ultimative Grenzerfahrung, die weit über die normale psychische und körperliche Belastbarkeit und Leidensfähigkeit hinaus geht und durch seine atypischen Herausforderungen unberechenbar bleibt. Der Grund für eine Teilnahme bei dem Tough Guy Race ist für jeden wohl so individuell wie vielseitig. Erhalten bleibt nur ein gemeinsames Gefühl: Pain is temporary, glory is forever!

(ME)

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Weitere Informationen unter: www.toughguy.co.uk

www.helpforheroes.org.uk/
www.alwayswithasmile.com/

 

 

Bildquelle: androgon.com (ME)

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