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Laokoon – Das Ideal der Vaterfigur

23 Dezember 2014 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Laokoon – Das Ideal der Vaterfigur

Schon den kleinen Sextaner, der die Stufen des humanistischen Gymnasiums Katharineum zu Lübeck zum Kunst-Klassenzimmer emporstieg, prägte sich im Treppenflur die kolossale Mamorgruppe des Laokoon als Idealbild griechischer Kunst in seine spätere Betrachtung der Antike ein. Selbst Michelangelo, als er nach Ausgrabungen am Kolosseum zu Rom erstmals das Meisterwerk zu Ansicht bekam, konnte nur seiner Bewunderung Ausdruck verleihen mit der enthusiastischen Bemerkung: „Dies ist das größte Kunstwerk aller Zeiten“

Der Mythologie nach stellt die Skulptur den Priester Laokoon aus Troja mit seinen beiden Söhnen im Todeskampf gegen zwei Schlangen dar. Nach der Sage des römischen Dichters Vergil in der Aeneis warnte Laokoon seine Landsleute davor, das hölzerne Pferd, in dem sich die Griechen versteckt hielten, in ihre Stadt einzulassen. Weil durch seine Warnung der Plan der Götter Trojas Untergang herbeizuführen, vereitelt werden konnte, schickte Athene zur Strafe als den Griechen wohlgesinnte Göttin zwei Meeresungeheuer in der Gestalt von Schlangen aus, die Laokoon und seine Söhne erwürgen sollten.

Die von den drei Bildhauern Hagesandros, Polydoros und Athanodoros ca. 25 vor Christi auf Rhodos geschaffene Skulptur ist nur in einer späteren Marmorkopie erhalten. Man fand die Gruppe 1506 bei Ausgrabungen in den Thermen des Kaisers Titus nahe beim Kolosseum in Rom im Beisein von Michelangelo. Noch heute befindet sich die Skulptur in den vatikanischen Museen des Papstes in Rom.

In der späthellenistischen Skulptur wird in besonders eindringlicher Weise der Augenblick gebannt, in der Laokoon von einer der Schlangen in die Hüfte gebissen, sich im Todeskampf aufbäumt, während der jüngere Sohn sterbend in den Windungen der anderen Schlange hängt und der ältere sich aus den Schlingen der ersten zu befreien versucht ,wobei er voller Entsetzen den Tod von Vater und Bruder sich vergegenwärtigen muss.

Die Laokoon-Gruppe in ihrer außerordentlichen Dramatik hat seitdem immer wieder die Bewunderung der Nachwelt erregt. So wurde z. B. Lessing bei seinem Studium der Skulptur zu der Schrift:“ Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie“(1766) angeregt. Darin stellt er die Lehre vom furchtbaren Augenblick auf, d. h. dem Moment der höchsten Spannung, den der Bildhauer wählen muss, aber den der Dichter überschreiten darf. Auch Goethe und vor allem Winckelmann beschäftigten sich in besonders dezidierten Arbeiten mit der besonderen Ästhetik des großartigen Kunstwerks. Vor allem Winckelmann gilt seitdem als Begründer der Kunstgeschichte und Vater der deutschen Klassik. Seine besondere Leidenschaft für die Laokoon-Gruppe kommt in dem nachfolgenden Zitat zum Ausdruck:

“ Laokoon war den Künstlern im alten Rom ebendas, was er uns ist: des Polyklets Regel, eine vollkommene Regel der Kunst“ Das allgemein vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt und eine stille Größe, sowohl in der Stellung als im Ausdruck. So wie die Tiefe des Meeres alle Zeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeigt der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele. Diese Seele schildert sich in dem Gesichte des Laokoon . Der Schmerz, welcher sich in allen Muskeln und Sehnen des Körpers entdeckt, und den man ganz allein, ohne das Gesicht und andere Teile zu betrachten, an dem schmerzlich eingezogenen Unterleibe, beinahe selbst zu empfinden glaubt,äußert sich dennoch mit keiner Wut in dem Gesichte und in der ganzen Stellung.

Der Schmerz des Körpers und die Größe der Seele sind durch den ganzen Bau der Figur mit gleicher Stärke ausgeteilt und gleichsam abgewogen. Laokoon leidet, aber er leidet wie des Sophokles Philoktetes; sein Elend geht uns bis an die Seele, aber wir wünschen wie dieser große Mann das Elend ertragen zu können.“

Auf die heutige Zeit übertragen, in der vielfach das Fehlen einer echten Vaterfigur angemahnt wird, kann gerade ein Laokoon in seinem verzweifelten Todeskampf und heldenhaften Einsatz für seine beiden heranwachsenden Söhne als ein bewundernswertes väterliches Vorbild herausgestellt werden. Dies kann neben allen kunsthistorischen und ästhetischen Aspekten besonders hervorgehoben werden und diese außerodentlichen männlichen Tugenden von Mut und Entschlossenheit als beispielhaft gelten.

(wz)

 

 

 

Quelle: radiovaticana

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