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Der Klabautermann geht um

6 Februar 2011 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Der Klabautermann geht um

Als Marineoffizier treibt mir die gegenwärtige Situation ordentlich Wasser in die Augen. Ich frage mich, worum geht es eigentlich?

Nachdem das Heer auffällig wurde, ist nun auch mal die Marine an der Reihe? Als nächstes die Luftwaffe? Ist der Sparzwang soweit gediehen, dass die Gorch Fock zur Museumsphase „glast“?

Oder geht es um die Demontage des Verteidigungsministers, der in den Popularitätswerten wohl zu weit vorne liegt?

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Das Kopfschütteln kennt kein Ende. Fakt ist, wenn Verfehlungen seitens der Vorgesetzten begangen wurden, müssen diese disziplinarisch geahndet werden. Fakt ist aber auch, wenn Kadetten nicht in der Lage sind, die Härten der Offiziersausbildung zu bestehen, müssen sie abgelöst werden. Dies betrifft männliche ebenso wie weibliche Soldaten. Die übermäßige Betonung der „Schikanen“ und „Vorkommnisse“ weiblicher Kadetten unter dem Deckmäntelchen vermeintlicher Political-Correctness, sollte sich von dem Gedanken trennen, dass Gleichberechtigung so aussieht. Verunglückte männliche Kadetten gab es in der Vergangenheit und ich kann mich nicht an solche Diskussionen erinnern. Es erstaunt zudem der zeitliche Ablauf. Die beiden Unglücke geschahen im September 2008 und im November 2010. Nun tauchen diese Unfälle flächendeckend in den Medien auf.

Wie sieht der Tagesablauf auf einem Schiff der Marine aus?

Es stampft und kränkt auch nach 17:00 Uhr. Die Wachen ziehen in Übungsmarschroutine für vier Stunden, im Kriegsmarsch für sechs Stunden auf. Dazwischen Essen, Manöverlagen, Fahrübungen und Reinschiff. Das bei Tag und Nacht. Schlafentzug ist normal und Teil der Ausbildung, auch über Wochen und Monate hinweg. Der Sonntag ist der einzige Tag, der Abwechslung in den harten Alltag bringt.

Ach ja, und dann gab es noch die unsäglich entwürdigenden Taufen. Getauft wird jedes Schiff, welches den Äquator und den Polarkreis überfährt. Seit Jahrhunderten üblich auf Schiffen der Handels- und militärischen Marinen. Die Taufen, die ich mitgemacht habe, waren geprägt von einer Gaudi unter der Besatzung; improvisiert, mit viel Phantasie und ohne Verletzte.

Politik und Presse

Und von überall die Stimmen, gleich Sirenen; illustre Runden von Parlamentariern, die meist nicht in den Streitkräften gedient haben. Sie bedienen sich Argumente, die geradezu unbedarft wirken. Herr Arnold (SPD), immerhin im Verteidigungsausschuss, erstaunt mit seinen Äußerungen in einem Interview. Auf die Aussage, einige Kadetten hätten sich dem Befehl widersetzt, entgegnet er: „Die Soldaten haben von ihrem Recht als Staatsbürger in Uniform Gebrauch gemacht – und das sei gut und richtig!“. Die Definition über „Gehorsam“ kann man im Soldatengesetz § 11 nachlesen.

Auch die Äußerungen bezüglich der Sinnhaftigkeit einer Ausbildung auf einem Segelschiff durch die Opposition zeugen nicht gerade von Fachwissen. Ein Schlosserlehrling muss das Material kennen – aus diesem Grunde feilt er an Metall, obwohl er in seiner beruflichen Praxis nie mehr so feilen wird. Ein Seeoffizier muss wissen, wie Wind, Wetter und Wellen direkte Auswirkungen auf ein Schiff haben.

Und die Boulevardpresse demontiert in einer Art und Weise, die mehr als geschmacklos ist. Geht es Ihnen wirklich um Aufklärung? Oder geht es darum, mit immer neuen Schlagzeilen auf Kosten Anderer Umsatz zu generieren? Wo bleibt denn da der Ehrenkodex? Noch nie waren BILD und SPIEGEL sich so nah. Unser „intellektuelles Gewissen“, DER SPIEGEL, schrieb rasch über das portugiesische Schulschiff, ehemals Schwesterschiff der alten Gorch Fock: „ …bei Sturm hat man das Segel innerhalb Minuten geflickt. Der Kapitän sei voller Freude über seine Besatzung gewesen.“ – Ja, überall ist es besser. Die Gorch Fock, das letzte verbliebene Stück einer antiquierten Gesinnung. Aber stellen Sie sich bitte vor, die Marine hätte noch die Segelschiffe „Sagres“ und die „Eagle“. Die „Sagres“ fuhr als „Albert Leo Schlageter“ einem Freikorpssoldaten, die „Eagle“ als „Horst Wessel“, ein SA-Mann, in der Kriegsmarine. Der braune Klabautermann hätte wohl rasch für eine Ausmusterung der Schiffe gesorgt.

Die Zukunft

Der Bordbefehl zum Aufentern auf der Gorch Fock ist laut Dienstvorschrift freiwillig. Wer nicht in den Mast will, hat keine Nachteile zu fürchten. Man sollte sich aber fragen, ob ein zukünftiger Seeoffizier, der seine Angst nicht überwindet, weiter in der Ausbildung verbleibt. Oder liegt es gar an der Kasko-Mentalität einiger Aspiranten? Kreuzfahrt herrlich, mit eigener Kabine und bitte keine Hängematte. Der Rücken könnte ja leiden. Auch könnten die Hände blutig werden, wenn ein Tau durchläuft und Salzwasser brennt nun mal, dieses ist nicht zu verhindern.

Wir leben in einer Zeit, wo Traditionen immer mehr verblassen. Sie sinken wie ein Stein zum Grunde eines trüben Sees. Tradition ist gut. Tradition gibt Werte. Schafft man alles ab, aus Gründen einer übertrieben Vorsicht, werden schlussendlich „Traditionen“ entstehen, die hausgemacht sind und rein gar nichts mehr mit Werten und Haltungen zu tun haben. Für eine Armee ist das elementar. Das momentane Darüberstellen von Sicherheit über Härte zu sich selbst und die Unfähigkeit, sich unter ein gemeinschaftliches Ziel – das Schiff muss funktionieren – unterzuordnen, ist die Krux von heute. Für die Gorch Fock, die seit 1958 Ausbildungsschiff der Marine ist und schon unzählige Stürme gemeistert hat, kann dieser „Sturm“ allerdings zum Untergang führen.

(sb)

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