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Eugen Onegin im Nationaltheater Mannheim

6 Januar 2012 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

PREMIERE EUGEN ONEGIN Inszenierung von Regula Gerber, Tschaikowskys Eugen Onegin im Nationaltheater Mannheim 2011Tschaikowskys «Eugen Onegin» im Nationaltheater Mannheim 2011/2012

Eugen Onegin, ein junger Petersburger Müßiggänger, hat alle Genüsse des Großstadtlebens ausgekostet und empfindet nur noch ein Gefühl innerer Leere. Eine Erbschaft macht ihn unvermittelt zum Gutsbesitzer, worauf er die Stadt verlässt, um sich als Gutsbesitzer zu versuchen. Nach wenigen Tagen ekelt ihn das Landleben jedoch ebenso an. Sein ebenfalls noch junger Nachbar Lenskij, ein schwärmerischer Dichter, der in Göttingen studiert hat, führt ihn im Haus der Larins ein, mit deren jüngster Tochter Olga er sich im Laufe der Geschichte verlobt. Die Ältere, Tatjana, verliebt sich in Eugen und gesteht es ihm in einem Brief. Eugen weist sie brüsk ab und erklärt, dass er für die Ehe nicht geeignet sei. Er betont die Vergänglichkeit von Liebe, tut dies ab als Mädchenschwärmereien und warnt sie dazu vor vorschnellen Bindungen. An Tatjanas Namenstag tanzt er demonstrativ nur mit ihrer Schwester Olga. Lenskij ist darüber empört und schickt ihm aus Eifersucht eine Forderung zur Satisfaktion.Eugen tötet Lenskij im Duell und verlässt schwermütig geworden sein Landgut. Olga tröstet sich bald und heiratet einen Ulanenoffizier. Tatjana wird in Moskau mit einem General verheiratet. Zufällig trifft Eugen Tatjana in St. Petersburg auf einem Ball wieder und verliebt sich in sie. Er gesteht ihr nun in einem Brief seine Liebe, doch diesmal weist Tatjana ihn ab, obwohl auch sie ihn noch liebt.

Peter I. Tschaikowsky vertraute die Uraufführung den Studierenden des Konservatoriums an. Uraufgeführt wurde das Stück am 29. März 1879 im renommierten Moskauer Maly Theater.

Als Tschaikowsky sich 1877 entschloss, einige Szenen aus Puschkins Versroman Eugen Onegin zu vertonen, schlug er mit seinen „lyrischen Szenen” eine für die Inszenierung der Oper völlig neuen Weg ein. Er äußerte, er brauche für eine Oper weder Zaren, Zarinnen, Volksaufstände oder gar Schlachten. Eine bis dahin unbekannte revolutionäre Ansicht, denn das Genre der Grand Opéra wollte genau das. „Ich suche ein intimes, starkes Drama, das auf Konflikten beruht, die ich selber erfahren oder gesehen habe -die mich im Innersten berühren können“

Tschaikowskys Eugen Onegin im Nationaltheater Mannheim 2011

Wer die Musik von Tschaikowsky kennt, weiß um deren starke emotionale Wirkung, wie die Leidenschaft, die Liebe und der Tod so gekonnt verwoben wurden. In der ursprünglichen Fassung erleben wir ein typisch impressionistisches Stimmungsbild. Sommer -von der Feldarbeit zurückkehrende singende Bauern, die Vorstellung des Dandys und Hauptprotagonisten Eugen Onegin. Ganz anders bei der von Regula Gerber inszenierten Aufführung, sie verlegt das Geschehen optisch in die heutige Zeit, kühle Räume, schlammgraue Wände, geometrisch gestaffelte Wandöffnungen ohne jedes Ornament oder Accessoire (Bühne Sandra Meurer). Eine Wiederholung kann nicht im Kontext mit dem Jetzt gebracht werden. Doch stellt sich die Frage, ob es das denn muss? Und wenn ein „Ja“ als Antwort folgt, sollte eine aktuelle Inszenierung, die nüchtern in der Außenwirkung bleiben soll, eine umso stärkere Präsenz der Musik erfordern. Geht Idee, Bühne und Musik eine gar unverständliche Beziehung ein, führt dies zu einer Dissonanz, gleich einem Tinnitus. Nicht schmerzhaft, aber unangenehm. Auch wenn es Regula Gerber gelingt die Bühne als inneren Seelen-Raum darzustellen, werden keine Gefühle auf die Bühne getragen. Die Darsteller wirken allzu oft isoliert und alleine gelassen. Allein Lenskij transferiert Emotionen.  Zu wenig, gerade weil die Tschaikowsky Oper so geprägt ist von feinfühliger Musik.

Die sogenannte Briefszene -eine Schlüsselszene: „Sag, hat der Himmel Dich gesendet?“ macht Regula Gerber optisch zu einem wunderbar unvergesslichen Moment. Tatjanas Emotionen und Projektionen werden durch das geschriebene Wort, für alle sichtbar, in Großprojektion auf die Bühne geworfen, einzelne Buchstaben auf Stoff und Darsteller werden Fluchtpunkt von Tatjanas schwärmerischen Liebeshoffnungen. Fortan gilt die Perspektive Onegins.

Nun geht es lebhaft auf der Bühne zu. Die Gäste erscheinen an Tatjanas Namenstagsfest in beiger Uniform, die Frauen mit toupierten Haaren, der Vergleich an Neandertaler, tumb und formlos drängt sich einem geradezu auf. (Choreografie: Guido Markowitz).

Dann der Ruhepunkt, wie ein Gebet – vor der Duellszene. Ein Duell funktioniert nach klaren Ritualen. Zwei Freunde treffen sich im Angesicht des Todes. Es kann einfach nichts Dramatischeres geben. Nähe und Distanz, Leben und Tod. Der Scheitelpunkt des Daseins. Es gibt nichts Existenzielleres und verblüfft in eine Neudeutung mit einer unterdurchschnittlichen Personenregie. Die Duellszene verwässert und Onegin verwandelt sich nicht nur in einen gefühlskalten Protagonisten, sondern wird zu einer kaltblütigen männlichen Kampfmaschine degradiert.

EUGEN ONEGIN Nationaltheater Mannheim 2011 Tschaikowskys Eugen Onegin im Nationaltheater Mannheim 2011

Regula Gerber eröffnet hier ein neues Interpretationsfragment. Das Beziehungsdreieck Tatjana, Onegin und Lenskij ist für sie eine Andeutung auf die versteckte Homosexualität Tschaikowskys. Wir müssen töten was wir lieben. Es erinnert stark an Nietzsche und Dionysische Philosophie, aber an Tschaikowsky?

Mit Dan Ettinger steht ein charismatischer musikalischer Leiter vor dem Nationaltheaterorchester, der gleich in der Ouvertüre deutlich macht, wie viel an delikatem Innenleben er der Tschaikowsky-Partitur entlocken und wie sehr er dramatische Musikakzente transportieren möchte. Fast tadellos das junge Solistenensemble in Darstellung und Gesang. Empfindsam und jung Heike Wessels „Larina“, etwas überdreht in ihrer Heiterkeit aber stimmlich gefestigt die hübsche Niina Keitel „Olga“, diskret, aber intensiv präsent Emma Sarkisyan „Filipjewna“ ,erfrischend jung Benedikt Nawrath als „Monsieur Triquet“. Ira Bertman mit hoch aufschwingendem, jugendlich-dramatischem Sopran; ergreifend zart und verinnerlicht  mit eigenem Glanz und Schmelz macht Maximilian Schmitt die Arie des Lenskij zu einem Kabinettstück differenzierter Gestaltung. Nobel und voller Wärme Pavel Shmulevich Fürst Gremin, leider wird diese Arie, die so schön das Leben und die Liebe beschreibt vom Publikum stets überbewertet; zu großer Form und vokaler Ausdruckskraft fand auch das Sängerensemble und der exzellente Chor, einstudiert von Tilman Michael. Doch das Zentrum bildet die Titelfigur, Onegin zwischen eitler Lässigkeit und intensiver Verzweiflung. Zum Glück färbt das coole Erscheinungsbild, das ihm hier verpasst wird, nicht auf Lars Møller´s Stimme ab. Sie klingt satt und rund, elegant und geschmeidig, die auf der reichen Palette dieser Partie bereitliegt und einzusetzen vermag. Bravo!

(rz)

Musikalische Leitung: Dan Ettinger
Inszenierung: Regula Gerber
Bühne: Sandra Meurer
Kostüme: Sabine Blickenstorfer
Dramaturgie: Regine Elzenheimer
Chor: Tilman Michael
Mit: Edna Prochnik/Heike Wessels (Larina), Ira Bertman (Tatjana), Niina Keitel (Olga), Emma Sarkisyan (Filipjewna); Lars Møller (Eugen Onegin), Maximilian Schmitt (Lenski), Pavel Shmulevich (Fürst Gremin), Martin Busen/Johannes Wimmer (Saretzki), David Lee/Benedikt Nawrath (Triquet), Stephan Somburg/ Junchul Ye (Hauptmann)

Die nächsten Vorstellungen sind am:  19. Februar 2011, 27. Februar 2011, 02. März 2011 , 18. März 2011 , 25. März 2011 , 01. April 2011 , 19. Mai 2011 , 26. Mai 2011 , 08. Juni 2011

 26. Januar 2012 , 04. Februar 2012,  12. Februar 2012 , 04. März 2012

Kartentelefon: 0621- 16 80 150,  www.nationaltheater-mannheim.de

Bildquelle: Hans Jörg Michel/ Nationaltheater Mannheim

http://www.nationaltheater-mannheim.de/oper/stueck_details.php?SID=839

http://artmetropol.tv/mediadetails.php?key=9d068ae058cd9bb0930f&title=PREMIERE%3A+EUGEN+ONEGIN+in+der+Inszenierung+von+Regula+Gerber

Tschaikowskys Eugen Onegin im Nationaltheater Mannheim 2011

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

http://www.youtube.com/v/ayMO3qMXP7Q

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