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Verdun vs Klingelton

8 August 2010 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

 

Die neue Versus-Reihe

In den kommenden Ausgaben werden wir Ihnen Kurzkommentare vorstellen. Populäre Erscheinungen der Gegenwart werden in vergleichbarer, allegorischer Verbindung gebracht und generationsübergreifend begreifbar gemacht.

Verdun vs Klingelton

Tak, tak, tak! Ssst, sst. S-kramm! Irgendwo hinten. S-ch-s-ch, ganz auf uns und wurde schärfer. „Hinlegen!“ brüllte der Pionier und lag am Boden. Wir beide standen ohne Entschluß. Sch! Fuhr es herab. Map-kremm! Ein brauner Baum sauste auf, fünf Schritt vor uns. Hornung neigte den Oberkörper. Pu-pu-pu! fielen Lehmbatzen nieder. Ich bekam nassen Lehm in den offenen Kragen. Der Pionier stand auf: „Das war verflucht nah!“ Ein Abschuß gellte über uns weg. „Wir müssen in den Graben,“ sagte der Pionier!

So beschreibt Ludwig Renn in dem von ihm 1929 erschienenen Buch „Krieg“ seine Erlebnisse als Soldat in Frankreich.

So oder so ähnlich empfinde ich die Klingeltonabonnements in den zu empfangenen Musiksendern. Die Fortsetzung des Trommelfeuers mit anderen Mitteln. Sicher, diese Sender gehören nicht zu den populärsten, jedoch boten diese früher einfach ein cooles Gefühl. Liegestütze am Morgen, unterlegt mit „Money for Nothing“ ließen die gewünschten Muskeln einfach nach mehr aussehen. Heute atmet man halt nicht mehr aus und meist sind auch die Kolleginnen verschwunden, die den Mund lasziv öffneten, wenn man sich aus dem Jackett pellte – natürlich nur am casual Friday. Klar! Aber selbst die Nähe zum Wochenende hilft da nichts. Im Gegenteil – Ist man geneigt, sofern möglich, sich komplett zu entkleiden, vor dem Spiegel zu choreografieren, einfach sich selbst ein wenig geil zu finden, in Unterstützung von Musik, fern von Excel und PowerPoint

und, und…und…

In diesem Gefühl der jugendlichen Unbesiegbarkeit haut man auf die Fernbedienung, semmelt auf die noch nicht verblichenen Knöpfe so ist das Ergebnis doch eher als nüchtern zu empfinden.

„Sende die eins an…“ „Willst Du den fetten süßen Maulwurf“ „Schreibe eine sms“ „Wwwt, wwwt“ Cool,cool. Du, Dein, Dich, Wir ,Ihr, Sie. Zak, zak, zak. Padautz und schicke und sende und rumms.

Was bleibt ist der Gedanke an den Urgroßvater und das Ende einiger großer Ideen, die sich aus finanzieller Maßlosigkeit wohl selbst abwickeln werden. Map-kremm!

(sb)

 

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