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Die Kunst im Aufbruch II

31 Mai 2013 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Das Kino und der Krieg II

„Verdun, – das hätte niemand geahnt, das ist das Unglaubliche“.

Franz Marc, 27. Februar 1916. Der Maler, Freiwilliger einer Artillerieeinheit, stirbt sechs Tage später, 36-jährig durch Granatsplitter.

Am 21. Februar 1916 beginnt die Offensive der deutschen Truppen vor Verdun. Zu Beginn der Operation konnten endlich Geländegewinne erzielt werden. Am 25. Februar wurde Fort Douaumont genommen. In Folge des schlechten Wetters verzögerte sich der Angriff um neun Tage und führte dazu, dass der Überraschungseffekt teilweise verpuffte. Der französische Widerstand formierte sich schneller als erwartet, der Kampf weitete sich zu einer bis dahin ungeahnten Materialschlacht aus mit ebenso ungeahnten Verlusten an Menschen. Das französische Heer verlor weitaus weniger und das deutsche Heer weitaus mehr Kräfte, als der Oberkommandierende Erich von Falkenhayn erhofft hatte, so dass Ende März die gesamte Operation militärisch sinnlos geworden war. Dass die Schlacht um Verdun trotz siegender Kritik fortgeführt wurde und dadurch resultierend mit völlig überzogenen Angaben über französische Verluste argumentiert wurde, war sicherlich ein Zeichen der Hilflosigkeit, aber auch ein Ausdruck menschenverachtenden Prestigedenkens. Spätere Berechnungen ergaben, dass vor Verdun die Franzosen 317.000 Mann an Toten, Verwundeten und Vermissten verloren hatten, das deutsche Heer 282.000 Mann. Aus deutscher Sicht bedeutete dies bestenfalls einen „Netto-Gewinn“ von 10 Prozent; doch die Verluste konnten die Mittelmächte langfristig nicht mehr, die Entente aber durch amerikanische Truppen ausgleichen. Zugleich war unübersehbar, dass die Überlebenden auf französischer Seite in Folge kürzerer Einsatzzeiten an der Front physisch und psychisch weniger be- bzw. überlastet worden waren als die 47 auf deutscher Seite eingesetzten Infanteriedivisionen. Vor Verdun hatte die Kampfmoral der deutschen Truppen einen ersten Bruch erlitten. (1)

Diese 10-monatige „Knochenmühle“ in den Argonnen wird zum Symbol für das sinnlose Sterben im Schützengraben werden. Sie wird für zwei Nationen zum Trauma, dessen Schrecken Jahrzehnte nachwirkt.

Quelle: (1) aus: Gunther Mai: Das Ende des Kaiserreichs

Politik und Kriegsführung im Ersten Weltkrieg, S. 79 – 80; DTV-Verlag 1987

VERDUN (Frankreich 1928)

Originaltitel: Verdun, Visions d’histoire

Buch und Regie: Léon Poirier

ISBN: 978-3-89848-864-8

Verdun ist zu einem Synonym für das Sterben, das Leid und das Überleben geworden. Diese gewaltigen Erlebnisse, die die Soldaten haben durchstehen müssen, werden nun von einem neuen relativ jungen Medium bedient. Dem Film, besser gesagt dem Genre des Antikriegsfilms.

Nicht nur die, die in den Schützengräben standen, auch die Heimat wird mit den Erlebnissen der Frontsoldaten konfrontiert. Die Distanz zum Geschehenen wird aufgelöst und lässt teilhaben an einer Welt, die dem Mensch sein so fern war und unvorstellbar schien.

Wie auch in „Ikarus“, bzw. „Der Adler von Flandern“ werden Originalszenen verwoben. Hinzukommt, dass der Regisseur André Poitier an Originalschauplätzen hat drehen lassen. Der fast dokumentarische Handlungsstrang wird unterbrochen durch metaphysische Filmszenen. Diese Szenen berühren stark, da es den einfachen Kontrast Freund/Feind auflöst. Für die damalige Zeit etwas sehr Ungewöhnliches.

Eine Kritik, verfasst von Kurt Tucholsky vom 09.November 1928, gibt die Stimmung jener Zeit wieder.

Peter Panter alias Kurt Tucholsky schrieb im „Tempo“ anlässlich des Friedensaktes in der Pariser Oper zur Uraufführung des Verdun-Films am 09.11.1928 (deutsche Veteranen waren auch anwesend):

„Schlachtszenen in durchgehender Handlung. Der Deutsche darf zunächst anmerken: In keinem Falle wird der deutsche Soldat anders als mit höchstem Respekt dargestellt – hier gibt es keine Schiessbudenfiguren, keine Kinderfresser und Uhrenräuber…gezeigt werden Männer und junge Leute, die ihr Leben in gutem Glauben einsetzten. Fast alle Szenen sind echt dargestellt. Der Regisseur hat auch mit Deutschen gearbeitet: die Rolle eines jungen Soldaten wird von Hans Brausewetter gegeben.

Dass der Film von Franzosen gemacht worden ist, wird in Deutschland, das sich diese Kriegsvisionen hoffentlich nicht entgehen lassen wird, niemand an der Tendenz merken: sie ist nicht vorhanden, der Film ist aus einer sauberen und anständigen Gesinnung geboren. Der Deutsche wird den französischen Ursprung in den kleinen Einzelheiten merken, die für unser Auge nicht stimmen: deutsche Offiziere geben bei einer Besprechung im Stab kein Mienenspiel von sich, wenn ihnen der General etwas eröffnet. Dieser General (die einzig missglückte Figur auf deutscher Seite) ist eine Karikatur des Feldmarschalls Hülsen-Haeseler, der in Wahrheit nur noch ein ehrwürdiges Dekorationsstück gewesen ist. Er hat zwar ausgesehen wie eine alte Frau, ist aber ein Edelmann gewesen, und nicht wie hier, ein alter Schauspieler.

Was übrigens die Franzosen nur mit dem „Nietsche“ haben, dem sie nicht nur das „z“ amputiert haben, sondern den sie beharrlich mit dem deutschen Offizier in Verbindung bringen, das wissen die Götter. Sie können sich jene Kälte wohl sonst nicht erklären, die sie von diesem Lager her verspürt haben.

Filmszene: Tor der Ewigkeit

Die französischen Soldatengesichter sind gut – das etwas weiche Schauspielergesicht Brausewetters wird kein Frontsoldat mit der Wirklichkeit verbinden.

Im Übrigen hat dergleichen schon seinen Stil des offiziellen Salonpazifismus: unter gütiger Mitwirkung von Abendwolken – Stimmung … der Natur, Tierniedlichkeiten … Es ist alles da. Vieles ist malerisch … nichts filmisch – die Spielszenen sind mäßig. Auch fehlen nicht jene Allegorien, die gerade bei einem Maschinenkrieg so verlogen wirken – ach, es ist ganz etwas anderes über die Schlachtfelder geweht als gütige Frauenerscheinungen mit wehenden Gewändern…!

Die Kriegsszenen sind gestellt. Die grauenhaften Anstrengungen, das Leiden, die Not, die Pferdeschinderei, die tierische Existenz verkleideter Angestellter und Arbeiter, die Sinnlosigkeit dieses Lebens – das kommt einigermaßen heraus. Die Kämpfe um die Fort Vaux und Douaumont sind bestes Kollektivdrama. Der Augenblick, in dem die Franzosen das Fort Vaux verlassen, während die Deutschen vor den Tapferen das Gewehr präsentieren, ist von höchster dramatischer Spannung.

Auch der Kaiser ist zu sehen, ein alter Mann. Es blieb totenstill in dem riesigen Theater, als er erschien, totenstill auch, als die englischen Truppen gezeigt wurden. Keine Hand rührte sich. Bei den Bildern einiger französischer Generale gab es einige Pfiffe.

Wirkt nun solch ein Film, der in der Pariser Oper vor dem Präsidenten der französischen Republik und den Generalen und der ganzen Pariser Gesellschaft feierlich zum ersten Mal gezeigt wird, pazifistisch? Wir haben so viele Kriegsfilme gesehen … Ihre Wirkung hängt offenbar von den Zwischentiteln ab, weil ja die ärgsten Rohheiten des Krieges nicht auf dem Film zu sehen sind. Wenn nicht hinter jeder Schreckensszene zu lesen steht, wo dies alles stattgefunden hat, dann wirken diese Filme nicht pazifistisch. Dieser hat auf das Taktvollste vermieden, die Greuel in eine glorreiche Vaterlandsliebe münden zu lassen – dafür gebührt den Franzosen das höchste Lob. Der Film schließt nicht mit einer Parade der Sieger, er schließt mit dem Bild eines Mannes, der Samen auf seinen Acker streut, mit einem, der das zerstörte Leben aufbaut.

Er schließt aber auch nicht mit dem Ruf: „Nie wieder Krieg!“ – und das ist schade. Aber die aufgespeicherte Angst, die Anstrengung des Zuschauens, die schrecklichen Erinnerungen, die Wunden, die bei einem solchen Anblick wieder frisch zu bluten beginnen, all das entlädt sich zum Schluss befreit in einen unmissverständlichen Beifall. Das französische Publikum hat diesen Film und seine Idee ergriffen bejaht.“

Der Glaube an Deutschland (Deutschland 1934)

Buch: Hans Zöberlein

Regie: Ludwig Schmidt-Wildy, Hans Zöberlein; Film: Stosstrupp 1917; ISBN: 979-3-939504-64-1

Anders zu betrachten ist der Film „Stosstrupp 1917“. Die in München ansässige Filmproduktion „Arya“ brachte 1934 den Spielfilm in die Kinos. Dieser Film ist nicht unumstritten, da er zum einen zu den populärsten Kriegsfilmen des Dritten Reiches avancierte und zum anderen, da Hans Zöberlein (Co-Regisseur) die Vorlage, nämlich den Roman „Der Glaube an Deutschland“ schrieb. Hans Zöberlein, selbst Soldat an der Westfront, schloss sich nach dem Kriege dem Freikorps Epp an und trat schon 1921 der NSDAP bei.

Eine ungeheure Bücherflut über die eigenen Erlebnisse wurde nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlicht. Sie sind nicht alle lesenswert, jedoch spiegeln sie in der Quantität die oft nicht bewältigten Erlebnisse des Frontalltags wieder. Dieser Film ist in der Öffentlichkeit seit fast 70 Jahren nicht mehr gezeigt worden. Das Bundesfilmarchiv sowie Bildmaterial von Sammlern ermöglichten die vollständige Bild- und Tonfassung.

Um was geht es dort? Dieser Film zeigt in sehr einfachen Bildern den harten Frontalltag des Ersten Weltkrieges. Es ist nichts anderes als eine Aneinanderreihung von Schlachtsituationen. Artillerieduelle, das Leben des einfachen Infanteristen, improvisiertes Leben. 118 Minuten Gefecht. Eine kleine Kampfeinheit irgendwo in Frankreich, vermutlich Cambrai. Das Leben ist stark gemeinschaftlich geprägt und man steht zusammen auch in ständiger Unruhe. Die Übermacht des Gegners steigert sich und findet ihr Finale in den Tankabwehrschlachten. Mensch gegen Maschine. Trotz der schieren Aussichtslosigkeit erfüllt man, was befohlen wird. Es fällt auf, dass Offiziere kaum anwesend sind. Diese bleiben Statisten, wirken dann distanziert und eher als im „Heldenkeller“ Ausharrende. Das Kämpfen und das Sterben bleibt im Kreise des einfachen Soldaten. Sicher eine Anspielung auf die Klassengesellschaft des Kaiserreichs. Hier liegt auch sicherlich die Botschaft, die diesen Film zum NS-Propagandafilm gemacht hat. Dies ist aber zu wenig. „Der Glaube an Deutschland“ trägt keinen „Hurrapatriotismus“ in sich. Auch findet keine Überhöhung des deutschen Soldaten statt. Er ist ein sehr einfaches Abbild einer Zeit. Einfach verständlich, mit Figuren besetzt, die jeder kennt, also eher eine gemeine Üblichkeit.Die FSK hat den Film ab 12 Jahren freigegeben, das gibt wohl meinem Ansatz recht.    (sb)

Filmszene

http://www.youtube.com/v/2SvwgO_3680

Es folgt:

Teil 3 der Rezension: Kino und Literatur

Im Westen nichts Neues (USA 1930)

Im Westen nichts Neues; Erich Maria Remarque (1929)

Heeresbericht; Edlef Köppen (1930)

 

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