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Fitnessbewegung auf dem Weg zur Ideologie ?

22 September 2016 Ein Kommentar PDF Drucken Drucken

rock-1573068_960_720Fitnessbewegung auf dem Weg zur Ideologie ?

Unser Männermagazin androgon.com, das sich in einer seiner wichtigsten Intentionen mit Fitness-Fragen, insbesondere mit der Leistungssteigerung durch intensives Training befasst, stellt in vielfältiger Form den Aspekt des körperbewussten  Lebens als wesentliches Kriterium von Männlichkeit  heraus. Auf problematische Entwicklungen im Zuge der momentanen Fitness-Bewegung weist in seinem vor kurzem erschienenen Buch: „Das Wellness Syndrom“ der schwedische Ökonom und Spezialist für Personalmanagement  Carl Cederström gemeinsam mit seinem britischen Kollegen Andre Spicer hin. Einige dieser Kritikpunkte werden nachfolgend von der Redaktion des androgon.com Männermagzines seinen Lesern vorgestellt und sollen Ihnen zur Anregung für die Diskussion  zu dieser Thematik dienen.

Die beiden Autoren stellen zunächst  einen Vergleich zwischen dem Gestern und Heute her und zitieren beispielhaft den Philosophen Jean Paul Sartre als Paradefigur des französischen Intellektuellen und Vordenkers des Existenzialismus des 20. Jahrhunderts. Dieser war wahrhaftig kein Vorbild gesunder Lebensweise. Sein Ernährungsplan bestand im Wesentlichen auf Zigaretten, Kaffee und Alkohol. Warum Gedanken verschwenden an vernünftiges Essen, warum regelmäßig Sport treiben? Es gab in der Welt von Gestern so viel Wichtigeres als den Zustand des eigenen Körpers.

Im Gegensatz dazu sind heute in den USA tausende Studenten mittlerweile dabei mit ihren Universitäten  sogen. Wellness Kontrakte abzuschließen. Die Hochschulen bieten ihnen solche Wellnessverträge an oder drängen sie dazu. Sie werden dazu verpflichtet, ein Alkohol- und drogenfreies Leben zu führen, die Teilnahme an Kursen zur Ernährungsberatung sind obligatorisch, hinzu kommen häufig Yoga, Meditations- und Fitness-Programme, teilweise müssen sie sogar genau darüber buchführen.

Diesem Trend sind auch viele Angestellt von Unternehmen ausgesetzt, die entsprechende Betriebsinterne Fitnessprogramme obligatorisch anbieten, wie z. B. der schwedische Wasserversorger Kalmar Vatten die Teilnahme an Fitnesskursen an 2 Stunden pro Woche. Auch Scania ,der schwedische Lastwagenproduzent, kümmert sich mittlerweile auch außerhalb der Arbeitszeit um seine Mitarbeiter, wobei sogar betriebsinterne Psychologen und Mediziner den Arbeitern in Gesundheitsgesprächen individuelle Gesundheitsprofile erstellen.

Fitness als moralische Überlegenheit
Fitness wird zum Ausdruck von Selbstdisziplin, Leidensfähigkeit und Engagement. Wer sich fit hält , der zeigt: Ich gebe mich nicht zufrieden mit dem momentanen Zustand, will mich ständig verbessern. Fitness wird damit zu einem Zeichen moralischer Überlegenheit, zu einem sozialen Bezugswert, an dem wir uns fortwährend messen, in allen Bereichen unseres Lebens. Auch das Essen wird zu einer nahezu paranoiden Aktivität, die Aufnahme gesunder Nahrungsmittel ein Nachweis unseres Gutseins. Wurst oder Salat – naiv ,wer das noch für eine Geschmacksfrage hält.

Der neue Lifestyle und seine Konsequenzen
In den 1970iger Jahren entstand eine neue Unternehmenskultur, die beeinflusst von der Studentenbewegung das Management dahingehend inspirierte Schlagwörter wie: Freiheit, Autonomie, Kreatives Arbeiten in die neue, schöne Arbeitswelt einfließen zu lassen. In die Hightech- und Kreativfirmen von heute findet dies ihre  Vollendung, in dem die Arbeitswelt sich als Teil der Subkultur darstellt: Die Firma wird scheinbar zur Spielweise mit Work-out-Studio und Coaching-Kursen, Yoga und Meditation. Dabei gehen die alten Visionen von der Verwirklichung eines besseren Lebens durch Engagement in die Politik, durch öffentlichen Diskurs, wie sie etwa Sartre und seine Kollegen entwarfen, verloren und werden durch Fragen des persönlichen Lifestyles und der individuellen Persönlichkeitsfindung  ersetzt. Das optimale Leben ist nicht mehr eine Frage der politischen und ökonomischen Situation, sondern eine Frage von Fitness, gesunder Lebensweise und positiven Denkens.

Leben in der Feedbackschleife
Durch die Wellnessindustrie werden immer neue Produkte narzisstischer Selbstfindung angeboten: Fitness-App, Tracker-Armband, Schlaf- und Vitalitätssensoren, wobei das Selftracking Selbsterkenntnis via Datenstrom erzeugt. Ziel ist das umfassend vermessene Ego. Nach Meinung der Autoren bereitet nicht so sehr die Obsessionen einer hyperindividualisierten Mittelschicht in Bezug auf Fitness, gesundes Essen oder neue Yoga-Techniken Sorge, viel mehr ,wenn Wellness zur Ideologie wird, gerat das Versagen auf dem Gebiet der Fitness zu einem Stigma. Jene, die nicht mehr folgen können, werden als faul geschmäht, kraftlos, willensschwach.

Gesund zu leben, bedeutet demnach ein guter Mensch zu sein; ungesund zu leben im Umkehrschluss ein schlechter Mensch zu sein. Die Raucher z. B. gefährden nicht mehr nur ihre eigene Gesundheit, sie gefährden auch die Gesellschaft. Damit offenbart der Wellness-Wahn zunehmend totalitäre Züge und führt zu einer Diskriminierung derjenigen, die sozial benachteiligt sind. Gesundheit ist damit eine Klassenfrage, eine politische Frage. Abschließend stellen die Autoren die Frage:“Wo verbleibt der Rest der Gesellschaft, der unter einem akuten Mangel nicht nur an organischen Smoothies, Diät-Apps und Jogatrainerinnen leidet?“

(wz)

 

Quelle: GEO 03/2016

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