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Die Kunst im Aufbruch III

6 Juni 2013 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Si sta come d`autunno sugli alberi le foglie, Guiseppe Ungaretti, 1918

Die Kunst im Aufbruch – Kino und Literatur

„Im Westen nichts Neues“

„Im Westen nichts Neues“ ist wohl der bekannteste Antikriegsfilm über den Ersten Weltkrieg. Gedreht in den USA, erhielt dieser Film zwei Oscars und wurde aufgrund seines ungeschönten Realismus in vielen Ländern zensiert oder gar verboten.

Der junge Paul Bäumer meldet sich gemeinsam mit den Klassenkameraden freiwillig für den Einsatz an der Westfront. Doch der Enthusiasmus weicht im Angesicht der Realität und des Schreckens. Schützengraben, die ersten toten Kameraden, das Töten eines französischen Soldaten im Granattrichter lässt Paul Bäumer immer mehr zweifeln. Der Heimaturlaub gerät zu einer weiteren Ernüchterung. Hurrapatriotismus, die Unwissenheit über die Situation in der Heimat führt zu einer Entfremdung und weiteren Hoffnungslosigkeit. Verbittert kehrt er an die Front zurück.

Nachdem fast alle seine Kameraden getötet wurden, fällt auch er. In einer Feuerpause versucht er nach einem Schmetterling zu greifen und wird durch einen Scharfschützen erschossen.

Ideal und Wirklichkeit

Der Plot greift typisierende Elemente auf. Das Massentöten durch industrielle Kriegsführung. Maschinengewehr, Maschine und Mensch. Waren die vorhergegangen Kriege definiert durch Ehrenhaftigkeit und Mann gegen Mann, so tritt hier die Zäsur ein. Der Mensch fällt tausendfach in wenigen Minuten. Die Entwertung menschlichen Daseins – so treiben Viele wie Verirrte in dunkler Nacht, ohne Ziel und Richtung. Der einzigen Halt geben die alten Kameraden, einfach, rau, aber geprägt von Ehrlichkeit und Fürsorge. Es treffen sich Milieus, welche sich unter anderen Umständen nie getroffen hätten. Diametral dagegen das Verhältnis zu den Bezugspersonen in der Heimat. Vater, Lehrer, männliche Vorbilder, die aus einer historisierenden, gar weltfremden Ansicht argumentierten. „Dulce et decorum est pro patria mori“. Die Verantwortung der Älteren verschiebt sich zu einem Konstrukt falscher Ideale und führt zu einer ungeheuren innerlichen Distanz.

DVD Cover Im Westen nichts Neues

Doch warum war der Roman von Erich Maria Remarque so polarisierend? Es gibt zwei Gründe. Erich Maria Remarque wurde 1916 nach einem Notexamen eingezogen und kam im Juni 1917 als Soldat an die Westfront wo er bereits Ende Juli durch mehrere Granatsplitter an Arm und Bein sowie einem Halsschuss verwundet wurde. Er kam in ein Armee-Hospital, wo er bis zum Ende des Krieges blieb. Sein Roman beruht auf Erzählungen verwundeter Soldaten, die er im Lazarett kennengelernt hatte. Dem Missverständnis, der Roman beruhe im Wesentlichen auf eigenen Erlebnissen des Verfassers traten Verlag und Autor nicht ernsthaft entgegen.

Ein weiterer Grund war die Definition vom Krieg in der Gesellschaft. Die unversöhnlichen Lager waren ebenso erstarrt wie die Stellungen im Schützengraben. Es gab die, die den Krieg als größtes Verbrechen definierten – andere sahen ihn vielmehr als Kampf um das Dasein als inneres Erlebnis. Befreiung – Zeitenwende – Neubeginn.

Paul Bäumer im Trichter

„Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque; 1929
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 9783462027310
ISBN-13: 978-3462027310
„Im Westen nichts Neues“ (USA 1930)
Originaltitel: „All Quit on the Western Front“
Regie: Lewis Milestone

DVD: Universal Pictures; OSCAR EDITION

 

„Heeresbericht“

Zur gleichen Zeit erschien ein bis heute unbekannteres Buch von einer außerordentlichen Qualität. „Heeresbericht“ von Edleff Köppen. Edleff Köppen studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte, bevor er als Kriegsfreiwilliger in das preußische Heer eintrat. Er nahm von Oktober 1914 bis Oktober 1918 am Ersten Weltkrieg teil bei Kriegsende war er Reserveoffizier.

Buch Heeresbericht

Der Roman schildert die Erlebnisse des Studenten Adolf Reisiger, der 1914 zu einem Feldartillerieregiment versetzt wird. Er bleibt bis zu seiner Verwundung in diesem Regiment und wird nach der Genesung einem Artillerieregiment an der Ostfront, als Offizierstellvertreter, zugeteilt. Nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk, wird Reisiger, nun Leutnant, erneut an die Westfront verlegt. Mitte Juli 1918 scheitert die letzte große Offensive. Im Verlauf der Romans wir Reisigers wachsender Zweifel offenbar. Seine anfängliche Begeisterung ist im Sommer 1918 völlig verschwunden. Er bricht zusammen, weigert sich an weiteren Kriegshandlungen teilzunehmen und wird in eine Heilanstalt eingeliefert.

Der Roman ist eine Kollage von eigenen Erlebnissen und eingearbeiteten Originaldokumenten. Es finden sich Zitate des Kaisers, Zensurstellen, Zeitungsartikel, Reklame. Diese Addition von verschieden Medien kommentieren die Wiedergabe der Kriegserlebnisse und dienen dazu die Erlebnisse Reisigers in größere Zusammenhänge einzuordnen. Die sprachliche Feinheit ist wunderbar und in bester expressionistischer Wortgestalt.

„ Die Batterie wird zur Maschine. Auf das Kommando „Schnellfeuer sechsundzwanzighundert“ stellen an sechs Geschützen sechs Mann sechs Geschosse mit den Zündern auf die Entfernung: sechsundzwanzighundert.

Auf das Kommando „Schnellfeuer“ richten an sechs Geschützen sechs Richtkanoniere auf die Entfernung: sechsundzwanzighundert.

Das Kommando „Schnellfeuer“ bewirkt, dass in einer Batterie von sechs Geschützen mit der Präzision von sechs Maschinenhebeln die Arme von sechs Kanonieren sechsmal in sechzig Sekunden die Verschlüsse aufreißen, dass sechs andere Kanoniere sechsmal sechs Geschosse in sechs Rohre stecken, dass zur gleichen Sekunde sechs Verschlüsse zugeworfen werden, dass sechs rechte Hände sechsmal die Detonation von sechs Schuss auf sechsundzwanzighundert vollziehen. Sechs Rohre schießen dann sechsmal in sechzig Sekunden nach rückwärts, dass die Geschütze wie geschlagene Tiere sich aufbäumen. Es wird geladen, es wird gerichtet, es wird abgeschossen.

„Schnellfeuer“, dass heißt: nach zehn Minuten ist der Pulsschlag verdoppelt. Das Herz schlägt nicht mehr in der Brust, sondern im Hals. Erst hat der Puls die Glieder zittern lassen, dann stemmen sie sich gegen sein Kommando, werden wie Eisen und werden Teil der großen Maschine: Sechs Geschütze: Eine Batterie.“

Heeresbericht, OA 1930, Kapitel 18, Seite 86-87

(sb)

Originalausgabe erschienen 1930 unter dem Titel „Heeresbericht“; 401 Seiten.
ISBN 978-3-548-60577-7
Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: List Taschenbuch; Auflage: 1., Aufl. (1. Dezember 2005)
ISBN-10: 9783548605777
ISBN-13: 978-3548605777

WK1 in Farbe: http://www.youtube.com/v/gG7Zptt_tCI

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