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Gewalt als Ausdruck

7 Juli 2017 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Shakespeares Bühnenstück „Titus Andronicus“ von 1589 - 1592 adaptiert im Film „Titus“ von J. Taymor Shakespeares Bühnenstück „Titus Andronicus“ von 1589 – 1592 adaptiert im Film „Titus“ von J. Taymor

Ein Klassiker…

Das Blut fließt in Strömen und das Morden – so scheint es – ist eine Lust

Titus Andronicus (Anthony Hopkins), einer von Roms großen Generälen, begräbt die Söhne, die er im Gothenkrieg verloren hat. Im Gegenzug befiehlt er, den ältesten Sohn seiner Gefangenen Tamora, der Königin der Gothen (Jessica Lange), zu foltern und zu töten. Dem erfolgreichen Feldherrn wird der Titel des römischen Kaisers angeboten, aber er lehnt zugunsten von Saturinus ab, welcher seinerseits Titus` schon verlobte Tochter begehrt. Tamora wiederum verführt den leicht zu umgarnenden neuen Kaiser und treibt ganz Rom in eine vernichtende Spirale von Rache, Wahnsinn und Tod.

Taymor, Theaterregisseurin aus den USA, bringt ihr ganzes Gespür für die Bühne ins Spiel. Die Armeen sind hervorragend choreografiert, Blut wird so schön vergossen, dass es kaum wahr zu sein scheint und die Charaktere sind in einer symbolischen Kombination aus altrömischen Gewändern und Kleidung aus dem 20. Jahrhundert kostümiert. Bei jeder Gelegenheit blitzt schwarzer Humor hervor, der selbst den schrecklichsten Momenten eine Art Karnevalsflair verleiht. Die herausragende schauspielerische Leistung von Hopkins und anderer Darsteller macht diesen endlosen Verrat nur noch glaubhafter.

Herausgekommen ist ein Stück atemberaubendes Kino, mutig und visionär in der Umsetzung, eine spektakuläre und blutrünstige Adaption, der es tatsächlich gelingt, Schönheit und Humor in diese düsteren Rache-Tragödie zu bringen.

Gewalt – Rache – Kunst

Gewalt und Rache, Egoismus und Konkurrenz bestimmen das menschliche Leben über die Jahrhunderte hinweg.

Taymor veranschaulicht mit ihrem Film Titus, dass der Shakespeare-Stoff  Titus Andronicus zeitlos ist. Hierzu verwebt sie verschiedene Epochen und Stilelemente im Film zu zeitlosen Bildern. Die von ihr ausgewählten Kostüme scheinen aus verschiedenen Jahrtausenden zu stammen, woraus sich jedoch kein chaotisches Stilgewirr ergibt. Vielmehr verbinden sich die Widersprüche zu einem eigenständigen Gesamteindruck, der die absichtlich gewählte Künstlichkeit des Films noch unterstützt.

Die Regisseurin inszeniert die Titus Andronicus Adaptation in einer Form, dass sich die Handlung nicht in einer bestimmten Zeitperiode ansiedelt. Im Film-Prolog beginnt bereits eine Vermischung von Gegenwart und Vergangenheit. Ein kleiner Junge in einem zeitgenössischen Setting inszeniert grausame Spiele mit seinen Spielfiguren und Soldaten. Bereits die Spielfiguren, moderne Superhelden und klassische Soldaten, stehen für die Zeitlosigkeit von Gewalt. Der Junge, der später die Rolle des jungen Lucius übernehmen wird, ist damit schon in der Gegenwart in Gewalt involviert, indem er ein Schlachtszenario mit seinen Spielfiguren kreiert. In der folgenden Szene findet er sich durch eine Art „Alice im Wunderland Zeitloch“ dann plötzlich in einem alten Kolosseum wieder, wo er seine Spielsoldaten in Titus’ Heer transformiert vorfindet. Die Szene im Kolosseum zeigt das Herr, das mit roboterähnlichen Bewegungen in Rom einmarschiert. Die Soldaten führen zwar einen archaischen Tanz im Kolosseum auf, tragen neben ihrer Rüstung aber auch moderne Schusswaffen.

Nach diesem Konzept der Verwebung der modernen und antiken Welt verfährt Taymor auch in den weiteren Passagen des Films. So befinden sich in Titus Elemente des alten Roms, wie zum Beispiel das Mausoleum zu Beginn des Filmes, wieder. In den dunklen, alten Mauern werden Titus` Söhne bestattet und es findet die Hinrichtung, Zerstückelung und Opferung des Kelten-Sohns statt. Das Gewölbe ist nur mit Fackeln beleuchtet, im Gegensatz zu anderen Szenen ist hier keine Technik und Elektrizität vorhanden. In der Szene nach der Hochzeitsfeier schaltet Saturninus auf Knopfdruck das Licht auf dem Vorplatz an. Saturninus ist im Film meist mit modernen Elementen verbunden, da er sich zumeist nicht an Traditionen hält, was einerseits an seiner fortschrittlichen Kleidung deutlich wird, sowie sich an der Heirat mit der gefangenen Gotenkönigin Tamora manifestiert. Die Kulisse des alten Roms wählt Taymor für die Bestattung der Söhne und die Opferung aus, da sich hier eine traditionelle Handlung vollzieht. Titus erscheint in archaischer Rüstung und römischen Gebäuden, da er sich fest an alten Traditionen wie der Opferung orientiert und diese trotz Tamoras Flehen um ihren Sohn durchführt. Neben den römischen Bauten und altertümlichen Rüstungen gibt es eine große Anzahl moderner Elemente, wie zum Beispiel Autos aus den 30er und 40er Jahren, moderne Gebäude, Panzer und moderne Waffen. Ein Mikrofon mit dem Schriftzug S.P.Q.R.- News verweist zum einen auf das Hoheitszeichen der Legion des antiken Roms und zum anderen mit dem englischen Wort „News“ auf die moderne Berichterstattung der Nachrichten. Den Einsatz von alten und modernen Elementen und Motiven im Film versucht Taymor wie folgt zu erklären: „Modern Rome built on the ruins of ancient Rome“.

Somit werden von Taymor in ihrem Film verschiedene Epochen zu einer einzigartigen zeitlosen und eher surrealen Einstellung verschmolzen. Die Kostüme, das Produktions-Design und andere visuelle Elemente kombinieren klassische und moderne westliche Ästhetik miteinander. Dies verleiht dem Film eine Form von Zeitlosigkeit, die gleichzeitig die universelle Gültigkeit des Stücks von Shakespeare unterstreicht und deutlich machen soll, dass das alte Rom hier lediglich als Schauplatz für ganz elementare Schwächen der Menschheit anzusehen ist. Der Mensch ist schlecht.

Die Zeitlosigkeit der Gewaltdarstellung

Titus Andronicus ist ohne Frage Shakespeares blutrünstiges Stück und gilt wohl auf Grund dieser Grausamkeit und seiner Brutalität als sein „extremstes“ Bühnenwerk. Daher wird angenommen, dass es sich hier um ein frühes Werk Shakespeares handelt. In der Gestalt des Titus schuf Shakespeare erstmals eine Figur eines „guten Menschen“ der durch seine pervertierte Moral- und Wertvorstellung schlimmeres Unheil verursacht als die gemeinhin schlechten Menschen. Auf Grund der Gewalthandlung war es lange Zeit eines der am seltensten gespielten Stücke Shakespeares. Titus Andronicus ist in der Tradition der Rachetragödie Senecas anzusiedeln. Außerdem sind im Stück verschiedene Anspielungen auf römische Geschichte, Mythen und Einrichtungen eingefügt. Hierbei sticht besonders der Philomela-Mythos aus Ovids Metamorphosen ins Auge. Inhaltlich lässt sich die Handlung noch einmal detailiert zusammenfassen:

Der römische Feldherr Titus Andronicus kehrt siegreich nach Rom zurück. Als Gefangene führt er Tamora, die Königin der Goten und ihre drei Söhne, sowie den Moor Aaron mit sich. Titus opfert den ältesten der drei Söhne zum Ruhm der gefallenen Römer. Tamora schwört als Mutter bittere Rache. Der neu gekürte Imperator Saturninus verlangt bei seinem Amtsantritt Titus‘ Tochter Lavinia zur Frau. Diese ist jedoch bereits mit Bassianus, seinem Bruder verlobt. Daher heiratet Saturninus die Gotenkönigin Tamora. Ihre Söhne Demetrius und Chiron und der Moor Aaron werden daraufhin freigelassen. Durch eine Intrige sorgt Aaron dafür, dass Saturninus die Söhne von Titus Quintus und Martius für die Mörder seines zuvor getöteten Bruders Bassianus hält. In Wirklichkeit aber töteten Demetrius und Chiron ihren Bruder. Die beiden vergewaltigen daraufhin, im Einverständnis mit ihrer Mutter, Lavinia und schneiden ihr anschließend die Zunge und beide Hände ab. Aaron wiederum weist Titus darauf hin, dass er seine zum Tode verurteilten Söhne retten kann, wenn er dem Imperator seine abgeschlagene Hand als Pfand für deren Leben zusendet. Trotz dieses blutigen Pfandes werden ihm die abgeschlagenen Köpfe seiner Söhne und seine Hand überbracht. Nach dieser weiteren Demütigung schwört Titus Rache: Er lockt den Imperator und die Gotenkönigin Tamora zu einem angeblichen Versöhnungsmahl, bei dem er seinen Gästen eine Pastete aus Blut und Knochenmehl der beiden zuvor getöteten Gotensöhne vorsetzt. Während die Gäste davon essen, führt er Lavinia herein, und beschuldigt Demetrius und Chiron, sie geschändet und verstümmelt zu haben und bricht ihr anschließend das Genick, um sie von ihren Leiden zu erlösen. Dann erklärt Titus der Tafelrunde, dass die beiden Söhne Tamoras bereits in Form der zum Mahl vorgesetzten Pastete anwesend seien. Hasserfüllt rammt er Tamora einen Dolch in den Hals, Saturninus stürzt sich auf Titus und ersticht diesen, wird aber im nächsten Augenblick von Lucius, dem noch verbleibenden Sohn des Feldherrn, getötet.

Shakespeares Tragödie erzählt von den finsteren, wilden und grausamen Abgründen des Menschen, von seiner wölfischen Natur, die sich unter einer Oberfläche von Sitten und Anstand verbergen. Der Rachedurst führt zu einem Automatismus von Gewalt und Vergeltung ohne jegliches Erbarmen. Bereits vor Beginn der Haupthandlung bestimmt ein latentes Klima der verbalen und faktischen Gewalt das Geschehen. Dieses Verhaltensschema umfasst nahezu das gesamte Personal des Stücks, wobei die Unterschiede zwischen politischen, religiösen und sozialen Beweggründen als sekundär erscheinen. Immer deutlicher indes manifestiert sich eine Tendenz zu sadistischen Verhaltensweisen, die sich durch den Einsatz von Praktiken physischer und psychischer Folter kundtun. Die grausamen Verhaltensweisen der Figuren verweisen auf eine entwertete Gesellschaft.

Die dargestellte Thematik der Grausamkeit und Gewalt in Shakespeares Stück zieht sich durch alle Menschheitsepochen und daher ist das Stück aus der Sicht von Taymor durchaus zeitgenössisch und gesellschaftskritisch. Und genau die Zeitlosigkeit von Gewalt spielt in dieser Inszenierung eine zentrale Rolle. Sie zeigt, in wie weit der von Shakespeare verdichtete gewalttätige Stoff immer noch aktuell ist und mit welchen Mitteln der Film die Zeitlosigkeit von Gewalt vermittelt kann. Hinzu kommt die grundlegende Diskussion des Gewaltphänomens als eine im Menschen sich immer wieder artikulierende Entartung seines Charakters mit gleichzeitiger Ästhetisierung von Gewalt. Es stellt sich die Frage, in wie weit in der darstellenden Kunst, hier in der filmischen Bearbeitung des Shakespeare-Stoffs, Gewalt als reine Kunst zu betrachten ist.

(vz)

TITUS DVD
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Rough Trade Distribution GmbH
Erscheinungstermin: 28. Januar 2003
Produktionsjahr: 1999
Spieldauer: 162 Minuten
ASIN: B00007LLAW

Quelle/Bildquelle: Rough Trade Distribution GmbH/Fox Searchlight Pictures

 

 

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