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Taipei 101 Run Up

17 Januar 2017 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Vertikales Happening im fernöstlichen Taiwan

Ein Land in dem unablässig die Erde bebt und im Schnitt einem halben Dutzend Wirbelstürmen pro Jahr trotzen muss, ist der denkbar ungünstigste Platz für einen Megatower. Und doch: wie ein gigantischer Bambus ragt der „Taipei 101“ aus der Betonsilhouette der von Farnbewachsenen Vulkanhügeln eingerahmten taiwanischen Hauptstadt und ist eines der tollkühnsten Projekte der Architekturgeschichte. Sämtliche umliegenden Gebäude sind mindestens 250 m niedriger! Dem Topmanager Hong-Ming Lin gelang es 1997 als oberstem Bauherrn des Taipei 101 die Finanzierungssumme von 1,5 Milliarden Euro in Rekordzeit von 48 Stunden aufzubringen! Als der 508 m hohe Büroturm, in dem auf 200.000 Quadratmetern Bürofläche 10.000 Menschen arbeiten, nach siebenjähriger Bauzeit an Silvester 2004 eingeweiht wurde, war es das höchste Gebäude der Welt. Ein jadegrün verglaster, bambusförmiger Turm, benannt nach seinem Standort und der Anzahl seiner Stockwerke. Zwischen dem 88. und 92. Stockwerk befindet sich eine 660 Tonnen schwere Stahlkugel mit einem Durchmesser von 5.5 m, die mit ölhydraulischen Dämpfungselementen den Schwankungen des Gebäudes entgegenwirkt. Das an 12 cm dicken Stahltrossen aufgehängte Pendel gilt als der weltgrößte passive Schwingungsdämpfer.

Heute liegt der Taipei 101 im Ranking der Supertürme noch auf dem 5. Platz, dafür findet hier seit 2005 mit dem „Taipei 101 Run Up“ einer der größten Treppenläufe weltweit statt. Immer am ersten Sonntag im Mai erstürmen über 4000 Treppenathleten die 91 Stockwerke mit ihren 2046 Stufen und 390 Höhenmetern bis zur Außenplattform. Bereits bei der Premiere wurden die heute noch gültigen „Treppenrekorde“ aufgestellt: Der Australier Paul Crake eroberte das Monster aus 107.000 Tonnen Stahl und 242.852 Kubikmeter Beton in 10 Minuten und 29 Sekunden. Andrea Mayr aus Österreich setzte ihre Duftmarke bei 12:38 Minuten. Thomas Dold, Deutschlands erfolgreichster Treppenläufer, siegte hier 2008, 2009 und 2011. Als am 1. April 2016 die Meldeplattform für die maximal 4500 Teilnehmer eröffnet wurde, war das Event innerhalb von einer Stunde ausgebucht! Während der 1. Mai weltweit mit Aufmärschen und schwungvollen Reden gefeiert wurde, zelebrierten in der taiwanischen Hauptstadt Tausende von Ausdauersportlern aus 32 Ländern ihren ganz speziellen „Tag der Arbeit“.

Die Elite wurde im Abstand von 30 Sekunden in die Monotonie des Treppenhauses entlassen, das restliche Feld folgte in Zwei-Sekunden-Intervallen. Neben den Einzelläufern gab es noch ein Staffelrennen, bei dem sich 20 Treppenläufer die gesamte Strecke teilten. Im Jahre 2012 hüpfte ein einbeiniger Athlet ohne Krücken (!) und unter zu Hilfenahme seiner Arme in 40 ½ Minuten die Treppe hoch. Noch spektakulärer war das Ergebnis eines 97-jährigen ehemaligen taiwanesischen Soldaten vor 2 Jahren. Nachdem ihm die Organisation zuerst keine Startgenehmigung erteilte, setzte er sich hartnäckig durch und erstürmte, begleitet von einem Arzt der eine Sauerstoffflasche Mittrug, den Tower in einer Stunde und 23 Minuten. Die Presse drehte fast durch und machte dieses Ereignis zur Topstory des Monats! Seit letztem Jahr ist nun in den Anmelderegularien ein Höchstalter von 69 Jahren festgeschrieben. Gestartet werden darf übrigens ab 15 Jahren, mit Unterschrift der Eltern. Beim einchecken vor dem Eingang des Taipei 101 muss jeder Teilnehmer einen Medizinischen Test bestehen, der unter anderem auch eine Gleichgewichtsübung beinhaltet.

Treppenläufe, die sich weltweit steigender Beliebtheit erfreuen, sind das ultimative urbane Abenteuer in der Vertikalen. Und nicht nur für Sportler gedacht, denen ebenerdig nicht mehr genug ist oder bei denen es geradeaus nicht so gut läuft. Treppenrennen sind die effektivste Trainingsmethode. In kurzer Zeit ist der Puls auf Anschlag, ohne das der Bewegungsapparat orthopädisch stark belastet wird. Sozusagen ein Herz- Kreislauftraining erster Klasse. Allerdings auch ein nicht enden wollender, anaerober Exzess mit dem in geschlossenen Gebäuden typischen Sauerstoffmangel und anschließenden Laktatwerten im Rekordbereich. Einzige Abwechslung in der äußerst sterilen Welt der Treppenhäuser, die außerhalb solcher Rennen nicht zugänglich und somit quasi Terra Incognita sind, ist eine Wasserstation nach jeweils 10 Etagen. Hier freuten sich junge taiwanische Helferinnen mit ihrem reizenden Lächeln auf jedes Lebenszeichen der oftmals halb im Delirium und mit Schnappatmung vorbei hechelnden Treppenathleten.

Wind, Nebel und Nieselregen erwarteten die Finisher auf der Außenplattform im 91. Stock. Genau das richtige Klima, um den heiß gelaufenen Motor wieder abzukühlen. Leider blieb dadurch das herrliche Panorama über die 2,6 Millionen Einwohner Stadt verborgen, die von 1000 Meter hohen Bergen umgeben ist, die, gespickt mit Wanderwegen und Pfaden, ein Mekka für Trailläufer sind. Nur zwei Kilometer vom Taipei 101 gibt es auf dem 171 m hohen Xiangshan (Elefantenberg) bereits Dutzende von Trails, mit gigantischen Ausblicken auf die Stadt und das Objekt der Begierde. Der Turm ist aus dieser Perspektive nicht nur ein architektonisches Meisterwerk, sondern ein ästhetischer Orgasmus…

Die diesjährigen Treppenkönige kamen aus Kolumbien (Frank Carreno – 11:47,24 Minuten) und Australien (Alice McNamara – 14:23,91 Minuten), die für ihren Kampfeinsatz jeweils 38.000 Taiwan-Dollar (rund 1000 Euro) erhielten. Medienstar war der Bürgermeister von Taipei, Ko Wen-je, der mit 38:41 Minuten seine Vorjahreszeit (45:54 Min.) deutlich unterbot. Auch der Manager des Taipei 101, Joseph Te-yu Chou, lies sich nicht lumpen und erstürmte „seinen“ Tower in 27:42 Minuten. Hinter dem Italiener Emanuele Manzi (11:56,12 Min.) erreichte der deutsche Treppenlauf-Profi Heimann Görge mit 13:00,61 Minuten den dritten Platz. Der Kölner erzielte erst im Februar diesen Jahres einen 5. Platz beim Empire State Building Run Up in New York, der Mutter aller Treppenläufe.

Nur wenige werden den 12-stündigen Flug nach Taiwan alleine wegen eines Treppenlaufes antreten. Von daher lohnt sich ein Besuch der benachbarten Penghu-Inseln wo zur gleichen Zeit, alljährlich von April bis Juni das Penghu-Fireworks-Festival mit prächtigen Großfeuerwerken stattfindet, die von Feuerwerkern aus der ganzen Welt gestaltet werden. Die Penghu-Inseln sind ein Agglomerat von 64 überwiegend flachen Korallen- und Basaltinseln, die 50 km vor der Westküste in der Taiwan-Straße liegen und vom Domestic-Airport in Taipeh in weniger als einer Stunde zu erreichen sind. Die Region mit dem geringsten Niederschlag im ganzen Land ist das Mallorca der Taiwaner, allerdings ohne Ballermann und überfüllten Stränden. Ein Paradies für Naturliebhaber! Eine exzellente Infrastruktur auf und zwischen den Inseln, zahlreiche Sehenswürdigkeiten, Traumstrände, sowie alle Arten von Wassersport –sogar Wattwanderungen zu Nachbarinseln sind möglich- bieten einen außergewöhnlichen Inselurlaub in Fernost. Sogar die Eisenmänner haben hier schon Fuß gefasst. Im Oktober gibt es einen Triathlon über die Ironmandistanz, mit Olympischem Triathlon im Rahmenprogramm am Vortag. Informationen dazu auf der offiziellen Website der Ironman Corporation (www.ironman.com). Auch ein Marathon hat sich schon lange auf den Inseln etabliert: Der Penghu FAT Marathon findet jedes Jahr Mitte November statt (www.taipeimarathon.org.tw).

Mehr Infos zum Taipei 101 Run Up gibt es auf www.taipei-101.com.tw/en/event.aspx

Informationen zu den weltweit mehr als 200 Treppenläufen finden sich auf der Website der Towerrunning World Association: www.towerrunning.com

(SS) Stefan Schlett

Quelle/Bildquelle: Stefan Schlett, Sam Fang, Cecilia Chen, Cam McLean und Taiwan Tourisme

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