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Das Schweigen der Philosophen

26 Juni 2018 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Das Schweigen der Philosophen zur heutigen politischen Krisensituation

In einem in der Süddeutschen Zeitung erschienenen Essay beklagt der Autor Christoph Behrens die momentane Zurückhaltung der meisten Philosophen zu der derzeitigen politischen Krisensituation. „Momentan würde die Aufklärung teilweise rückwärts laufen, in Großbritannien haben sich die Bürger gegen die Europäische Situation entschieden, in Osteuropa werden Politiker für Hetze gegen Flüchtlinge gefeiert und dafür, dass sie wieder Zäune aufstellen. Der neue US-Präsident heißt Donald Trump“. Er ist der Vertreter der wichtigsten aufgeklärten Nation, der seinen Aufstieg zu einem nicht unwesentlichen Teil Lügen, Halbwahrheiten und geschickt platzierten Fake-News  verdankt. Damit wird selbst im digitalen Zeitalter die Wahrheit zur Disposition gestellt, was politisch eine äußert gefährliche Entwicklung darstellt. Die Philosophie, die über Jahrtausende lang als gesichertes Wissen eine Kernkompetenz des Denkens behauptete und diesen Zustand tadeln müsste, entzieht sich z. Zeit jeder klaren Positionierung.

In dem vor kurzem erschienenen Buch „Socrates tenured: The Institutions of 21st Century Philosphy“,  erfolgt eher eine vernichtende Abrechnung mit der eigenen Disziplin von den Autoren R. Frodemann und A. Briggle, 2 Philosophie- Professoren aus den USA. Sie beklagen, dass die einstige philosophische Praxis, wie sie von Sokrates einst verstanden wurde, die Leute anzusprechen und sie zum Denken zu bewegen, nicht mehr existiert. Statt dessen würden an der Universität angestellte Philosophen zumeist abstrakte Texte produzieren, die nur die eigene Klientel verstünden. Sie plädieren dafür, sich mit vollem Mut zum Risiko in die Öffentlichkeit zu begeben und wieder aus ihrer Defensive herauszutreten. Denn die Themen würden förmlich auf der Straße liegen –  ob es um autonome Roboter gehe, die Privatsphäre im digitalen Zeitalter, dem Klimawandel oder die Weiterentwicklung des Menschen mit Hilfe der Biotechnologie.

In ähnlicher Weise betont auch der Chefredakteuer der Philosophe-Zeitschrift „Hohe Luft“, Thomas  Vaseck, in dem von ihm kürzlich publizierten „philosophischen Manifest“: Die Denker sollten wieder Vorbilder sein, nicht mehr wie eine abgehobene Elite daherkommen und endlich die Digitalisierung erst nehmen. Ebenso argumentieren auch die zuvor erwähnten US-Autoren, die sich für eine „Philosophy on the Fly“ aussprechen: Das heißt eine Ad-Hoc Philosophie an konkreten Problemen, wie dieses bereits in einem Netzwerk geschieht, in dem sich Geschäftsleute, Wissenschaftler, Ingenieure und Futuristen zusammengefunden haben, die eher in Forschungseinrichtungen von Google oder Apple anstatt an Universitäten arbeiten.

Auch von Seiten der androgon Redaktion wird in Anbetracht des sich zunehmend unkontollierbar entwickelnden Weltgeschehens ein Denken gefordert, das im Sinne von Emanuel Kant wieder das  Rationale und pragmatisch Machbare in den Mittelpunkt alles Handelns stellt.

(wz)

Quelle: Süddeutsche Zeitung
http://www.sueddeutsche.de/wissen/philosophie-denker-in-der-krise-1.3338164

Bildquelle:
https://www.amazon.de/Socrates-Tenured-Institutions-21st-Century-Philosophy-ebook/dp/B01MDLIFCO/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1485864051&sr=1-1&keywords=Socrates-tenured

 

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